Die Kreuzerhöhung

Das Fest der Kreuzerhöhung lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Kreuz Christi. Die Darstellung des Kreuzes erscheint in der Kirche schon sehr früh, bereits im zweiten Jahrhundert begannen die Christen, sich mit dem Kreuzzeichen zu segnen. Die Darstellung der Kreuzigung Jesu Christi kam etwa im IV. Jahrhundert auf. Das Kreuz, das in vorchristlicher Zeit ein Zeichen für einen schmachvollen und furchtbaren Tod war, wurde für die gläubigen Christen zum Zeichen des Sieges über den Tod, den Satan und alle seine Macht. Die besondere Verehrung des Kreuzes Christi wurde im IV. Jahrhundert unter dem apostelgleichen Kaiser Konstantin dem Großen und seiner Mutter Helena eingeführt. Das Kreuz des Herrn erschien ihm dreimal im Leben. Das erste Mal sah er das Zeichen des Kreuzes während des Krieges mit dem ruchlosen Maxentius, dem Herrscher von Rom, der viel menschliches Blut bei der Wahrsagerei vergoss und den Dämonen eine große Zahl von Kindern, Mädchen und schwangeren Frauen zum Opfer brachte, um nen trügerischen Göttern zu gefallen. Maxentius führte ein zügelloses und abscheuliches Leben und war in ganz Rom verhasst. Als Konstantin gegen Maxentius zog, setzte er seine ganze Hoffnung auf Gott. Konitin hatte nur 25.000 Soldaten, Maxentius ungefähr 200.000. Da er wusste, dass an mit seiner Macht auf der Seite des Maxentius stand, begann Konstantin zu dem tn Gott zu beten, der im Himmel und auf Erden herrscht und den alle Christen verehren. Er bat Gott um ein Zeichen dafür, dass der Krieg gegen den ruchlosen Maxentius Igreich sein werde. Als er inständig betete, erschien zu Mittag am Himmel ein aus Sternen bestehendes Kreuz des Herrn, das heller schien als die Sonne. Zusammen mit Kreuz war eine Schrift am Himmel zu sehen: „In diesem Zeichen wirst du siegen“, „Durch das Kreuz wirst du siegen.“ Diese wundersame Erscheinung sahen alle Soldaten. Alle waren sehr erstaunt und erschrocken. Viele Soldaten waren Heiden, und für die Heiden war das Kreuz ein Zeichen für Unglück und Tod, weil zu jener Zeit auf Kreuz Verbrecher und Missetäter starben. Die Krieger fürchteten, dass die Erscheinung des Kreuzes Unglück bedeute. Konstantin selbst war sehr verwirrt. In der Nacht erschien ihm Christus selbst und wies wieder auf das Kreuz und sagte: „Fertige so ein Kreuz an und lass es vor deinen Kriegern einhertragen, dann wirst du nicht nur Maxentius besiegen, sondern auch alle deine Feinde.“

Der Kaiser erzählte seinen Vertrauten von diesem Traum und befahl den Goldschmieden ein Kreuz herzustellen, so wie es vor allen am Himmel erschienen war. Das Kreuz wurde aus Gold gemacht und mit Perlen und Edelsteinen geschmückt. Allen Soldaten befahl er, ein solches Kreuz auf die Waffen, Helme und Schilder zu malen.

Trotz seiner Übermacht wurde Maxentius besiegt. Nachdem Konstantin in Rom eingezogen war, dankte er Gott für den errungenen Sieg und befahl, zum Gedächtnis daran in der Mitte der Stadt auf einer hohen steinernen Säule ein Kreuz aufzustellen. Auf dem frequentiertesten Platz der Stadt wurde für Konstantin ein Denkmal mit einem Kreuz in seiner rechten Hand errichtet. Konstantin ließ auf ihm eine Inschrift in lateinischer Sprache anbringen: „Durch dieses erlösende Zeichen, den wahren Erweis von Mut, errettete und befreite ich eure Stadt vom Joch des Tyrannen und gab nach ihrer Befreiung dem römischen Senat und dem Volk ihren früheren Glanz und ihr Ansehen zurück.“

Das zweite Mal sah Konstantin das Kreuz am Himmel, als er die kleine Stadt Byzanz, das spätere Konstantinopel, belagerte, das dritte Mal, als er gegen die Skythen kämpfte. Alle diese großen und siegbringenden Erscheinungen überzeugten Konstantin später, dem Beispiel seiner Mutter, der Kaiserin Helena, zu folgen und sich taufen zu lassen. Die fromme Kaiserin Helena beschloss, sich mit einer großen Geldsumme nach Jerusalem zu begeben, um dort nach dem Kreuz des Herrn zu suchen. Unterwegs besuchte Helena viele heilige Orte, reinigte sie von der Entweihung durch Götzenbilder und entdeckte die Reliquien vieler Heiliger. Der damalige Patriarch von Jerusalem, Makarius, empfing die Kaiserin mit gebührenden Ehren. Die selige Helena rief bei der Suche nach dem Kreuz des Herrn Juden zu sich und befragte sie, wo das Kreuz versteckt sei. Alle winkten ab und sagten, dass sie es nicht wüssten. Schließlich zeigte man ihr einen alten Mann namens Judas, den Sohn eines geachteten Propheten, und meinte, er müsse wissen, wo sich das Kreuz befinde. Judas weigerte sich ebenfalls lange, den Ort zu zeigen. Aber schließlich entschloss er sich dazu und brachte alle zu einem großen Hügel aus Erde und Steinen, auf dem der römische Kaiser Hadrian schon vor jener Zeit einen Tempel für die Göttin Venus errichtet hatte. Judas gab an, dass sich genau unter diesem Tempel das Kreuz befinde.

Helena befahl sogleich, den Tempel abzureißen, die Steine wegzuräumen und die Erde aufzugraben. Der Patriarch Makarios verrichtete an dieser Stelle ein Gebet, und in der Luft verbreitete sich ein Wohlgeruch. An dieser Stelle, ein wenig weiter östlich dieses Tempels, wurden das Grab Christi, die Schädelstätte Golgota, drei Kreuze und auch die Kreuzigungsnägel gefunden. Alle waren fassungslos, da sie nicht wussten, welches der drei Kreuze das Kreuz Christi war. Es geschah, dass man zu jener Zeit einen Toten zum Begräbnis vorbeitrug. Der Patriarch Makarios befahl den Trägern stehen zu bleiben, und die Kreuze wurden der Reihe nach auf den Toten gelegt. Als das Kreuz Christi auf ihn gelegt wurde, erwachte der Tote; er wurde durch die Kraft des göttlichen Kreuzes zum Leben erweckt. Die Kaiserin Helena ergriff das ehrwürdige Kreuz mit Freude, küsste es und verneigte sich vor ihm. Dasselbe taten auch alle Kriegsherren und Würdenträger, Krieger und Bürger. Da aber rings herum viele Leute standen, die das Kreuz des Herrn sehen wollten, befahl die Kaiserin Helena, es allen zu zeigen. Der Patriarch Makarios stellte sich auf den höchsten Platz, erhob das Kreuz und zeigte es allen.

Alle Versammelten riefen dabei: „Herr, erbarme Dich!“ Seit jener Zeit, dem 14. September 335, wird das Fest der Kreuzerhöhung gefeiert. Helena nahm einen Teil des Kreuzes und die Nägel an sich, das Kreuz selbst legte sie in eine silberne Truhe und übergab sie dem Patriarchen Makarios, damit er das Kreuz für die kommenden Generationen aufbewahre. Judas, welcher der Kaiserin Helena den Ort des Kreuzes des Herrn gezeigt hatte, und viele Menschen mit ihm bekehrten sich zum Glauben an Christus. Er ließ sich taufen und nahm den Namen Kyriakos an, d. h. dem Herrn angehörend. Später wurde Kyriakos Patriarch von Jerusalem und erlitt unter der Herrschaft Julians des Apostaten den Märtyrertod.

Die heilige Helena befahl, an den heiligen Stätten in Jerusalem Kirchen zu bauen. Vor allen anderen wurde die Kirche der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus an der Stelle gebaut, wo das Grab Christi und Sein ehrwürdiges Kreuz gefunden worden waren. Sie befahl auch, eine Kirche in Getsemani zu bauen, wo sich das Grab der Gottesmutter befand. Die Kirche wurde zu Ehren ihrer Entschlafung geweiht. Danach ließ die fromme Helena noch achtzehn Kirchen bauen, schmückte sie reich aus, beschenkte sie mit allem für die Verrichtung der Gottesdienste notwendigen Gerät und kehrte erst dann nach Byzanz zurück. Sie nahm einen Teil des Kreuzes und die Nägel mit sich, mit denen die Hände und Füße des Herrn durchbohrt worden waren.

Es muss noch erwähnt werden, wie das Kreuz des Herrn am Beginn des VII. Jahrhunderts durch die Perser geraubt und später zur Freude der Gläubigen wieder nach Jerusalem zurückgegeben wurde.

In Persien herrschte zu jener Zeit Chosrau. Er war sehr kriegerisch und in seinen Schlachten erfolgreich. Chosrau unterwarf Ägypten, Afrika, Palästina und nahm Jerusalem ein, wobei er viele Christen tötete. Die Krieger Chosraus plünderten Jerusalem und entwendeten die kirchlichen Schätze und Geräte. Es wurde auch die Truhe mit dem Kreuz Christi geraubt. Die byzantinischen Herrscher bemühten sich, Chosrau zu besiegen, erlitten dabei aber mehrere Niederlagen. Der Kaiser Herakleios bat Chosrau um Frieden, dieser jedoch lehnte hochmütig ab. Herakleios wurde sehr betrübt und begann, Gott um Seinen Schutz zu bitten. Er befahl allen Gläubigen zu beten, zu fasten und zu wachen, damit sie der Herr vom Feind befreie, der sich stolz damit rühmte, alle Christen zu vernichten, und den Namen Gottes lästerte. Alle beteten darum, dass die Heiden verstünden, dass es nur einen Gott gibt, und nicht sagen könnten: „Wir und unsere Götter sind stark.“ Die Heiden sollten verstehen, dass niemand der Macht unseres Gottes widerstehen kann. Der Kaiser Herakleios betete selbst unter Tränen und fastete. Dann sammelte er alle Soldaten und zog mit Zuversicht auf Gottes Hilfe gegen die Perser in den Krieg. Herakleios besiegte Chosrau, schlug ihn in die Flucht und siegte im Laufe von sieben Jahren immer wieder über die zahlreichen Reste seines Heeres, die sich weiter zur Wehr setzten. Bald darauf wurde Chosrau von seinem eigenen Sohn ermordet, der selbst Herrscher werden wollte und sogleich einen Boten zu Herakleios schickte, um bei ihm um Frieden zu bitten. Der Friede wurde geschlossen, der Kaiser Herakleios kehrte als Sieger heim und brachte die Teile des Kreuzes Christi wieder zurück, die vorher von den Persern geraubt worden waren. Das Kreuz hatte sich etwa vierzehn Jahre bei ihnen befunden. Der Kaiser Herakleios freute sich und pries Gott für Seine Hilfe.

Nachdem er nach Jerusalem gekommen war, legte er die Teile des Kreuzes auf seine Schultern, um sie an ihren früheren Ort zu bringen; er trug das Kreuz, selbst in kostbare, mit Gold und Edelsteinen geschmückte Purpurgewänder gekleidet. Auf seinem Haupt trug er die Kaiserkrone. Als die Prozession zum Tor gekommen war, das auf die Schädelstätte Golgota führte, fühlte Herakleios zu seinem Erstaunen, dass er keinen Schritt weitergehen konnte. Den Kaiser begleitete auch der Patriarch von Jerusalem, Zacharias. Er war mit den Bewohnern der Stadt mit Zweigen von Feigenpalmen der Prozession entgegengekommen und hatte sich ihr angeschlossen. Der Patriarch sah plötzlich einen Engel des Herrn, der im Tor stand und den Kaiser am Weitergehen hinderte.

Der Engel sprach zum Patriarchen: „Nicht so hat unser Schöpfer das Kreuz hierher getragen, wie ihr es jetzt tragt.“ Der Patriarch war über diese Worte sehr erschrocken und sagte zu Herakleios: „Wisse, dem, der reich gekleidet und mit kaiserlichem Prunk geschmückt ist, ist es unmöglich, dieses heilige Kreuz zu tragen, das Christus getragen hat, der unseretwegen arm und erniedrigt war. Wenn du das Kreuz tragen willst, so tue es wie der Erlöser.“

Der fromme Kaiser legte sein kaiserliches Gewand ab, legte ein einfaches armseliges Gewand an und durchschritt nun ungehindert das Tor mit dem Kreuz und trug es in die Kirche, von wo es von den Persern geraubt worden war, und stellte es auf seinem früheren Platz wieder auf. Während der Nachtwache des Festes Kreuzerhöhung wird ein Kreuz aus dem Altarraum in die Mitte der Kirche zur Verehrung getragen, genauso wie auch am Sonntag der Kreuzverehrung (siehe „Die Große Fastenzeit“). Anders als am Sonntag der Kreuzverehrung wird das Pult, auf dem das Kreuz liegt, reich mit Blumen geschmückt, oft wird auch das Kreuz selbst mit Blumen verziert.

(Orthodoxes Glaubensbuch)


Comments are off for this post

Comments are closed.