Die Ikone vom deutschen Konsulat

Diese Ikone der ‹Gottesmutter von Kasan› mit der seltsamen halb verwaschenen Aufschrift in lateinischer Schrift auf der Rückseite «Eta ikona budet hranit was wsu schizn» schmückt die Skorbjashchensky Kirche in Sankt Petersburg. Eine gläubige Frau hat uns ihre merkwürdige Geschichte erzählt.
Einmal kam zu unserer Kirche eine alte Frau; als sie die Ikone der ‹Gottesmutter von Kasan› bemerkte, schlug sie überrascht ihre Hände über dem Kopf zusammen.
«Wie ist diese Ikone zu Ihnen gekommen? Ich habe sie einem deutschen Soldaten geschenkt», wunderte sie sich. «Ich erkenne sie an den charakteristischen Kratzern auf dem Rahmen.»
Ich erklärte, dass die Ikone vom deutschen Konsulat, das sich in unserer Stadt befindet, vor einigen Jahren der Kirche übergeben wurde. Die Frau fing an zu weinen und als sie sich etwas beruhigte, nannte sie uns ihren Namen, sie hieß Vera. Sie erzählte, wie die heilige Ikone, die aus ihrer Familie stammte, einst in Deutschland ihre Wirkung entfacht hat.

«Es war im Zweiten Weltkrieg. Ich flüchtete aus meinem Heimatsdorf, das sich im Zentrum der Kämpfe befand. Ich sollte mit meiner Schwester und ihren drei Kindern weit weg fliehen, aber die Mutter war zu krank um den Strapazen des Wegs zu standzuhalten. ‹Ich werde später nachkommen›, versprach ich der Schwester, und schickte sie mit den Kindern nach Rjasan, wo in einer Kolchossiedlung unsere Tante lebte. Nach einem Monat starb unsere Mutter und kurz vor ihrem Tod segnete sie mich mit der Familienikone der ‹Gottesmutter von Kasan›. Mit dieser Ikone hatte ihr Vater meine Mutter vor ihrer Hochzeit gesegnet, und vor 15 Jahren die Mutter mich und meinen Mann Alexander, obwohl er ein Komsomolze war. Jetzt lag die Ikone in meinem dürftig gefüllten Flüchtlings-Rucksack. Ich saß unter dem Dach eines der Stationspackhäuser auf einer Bank und betrachtete den wahnsinnigen Tanz der Flocken im Schneesturm. Kälte und Hunger waren alles, was ich noch wahrnahm. Klare Gedanken konnte ich schon nicht mehr fassen und versuchte nur, die Hände tiefer in die engen Ärmel des dünnen Übergangsmantels zu stoßen. Da rollte donnernd ein Zug heran, die Türen der Wagen sprangen auf und die deutschen Soldaten, fingen, in zwei Reihen aufgestellt, an, einander langen Kisten zu übergeben.  ‹Bestimmt Waffen›, kam mir ein gleichgültiger Gedanke, und gleich schmerzhaft ein weiterer: ‹An die Front! Dorthin, wo mein Alexander kämpft! Mit diesen Maschinengewehren werden sie auf ihn und andere russischen Soldaten schießen, diese Verfluchten! ›
Merkwürdiger Weise achteten die deutschen Streifen nicht auf mich einsame und vom Hunger ausgezehrte Frau. Ich war so schwach, ich erinnerte mich nicht einmal mehr, wann ich zum letzten Mal etwas gegessen hatte: die Uhren, den Trauring, Mutters Ohrringe hatte ich schon vor langem gegen Essen eingetauscht. Ich berührte unter dem von Reif bedeckten Stoff des Sackes die Ikone. ‹Beschützerin, Allheilige Gottesmutter! ›, flüsterte ich mit kalten Lippen, ‹rette und beschütze meine Kinderchen und meine Schwester Nadja. Bewahre und errette meinen Mann, den Gottesknecht und Soldat Alexander.›
‹Что? Плёхо?› (Was? Schlecht? übers.), erklang plötzlich eine Stimme. Ich hob den Kopf: neben der Bank stand ein deutscher Soldat. In seiner Stimme war Mitleid und ich antwortete ihm: ‹Schlecht (Плохо).›
Der Deutsche setzte sich neben mich, stellte seinen großen Ranzen auf die Erde und suchte einige Zeit etwas darin.  Dann streckte er die Hand aus:
‹Nimm!›
Er hielt mir eine quadratische Schnitte Brot, auf dem rosige Speckstreifen lagen, hin.  Ich nahm das Geschenk an und biss sofort hinein. Der Deutsche holte aus dem Ranzen eine Thermosflasche  und goss in den Deckel dampfenden Tee:
‹Heiß! Gut!›
Wahrscheinlich hatte er an der Station Wachdienst. Dem Aussehen nach war er etwa zwanzig Jahre, blauäugig. Einfaches Gesicht. Die Haare sicher blond, wie bei meinem älteren Sohn Andrejka, aber seine Mütze verdeckte sie.
Der Deutsche wies mit der Hand zur Dampflokomotive, zeigte dann auf mich und – eine lustige Grimasse auf dem Gesicht, offenbar versuchte er, ein passendes Wort zu finden – fragte er schließlich:
‹Тальеко?› (Weit?)
‹Ja sehr weit! Es ist für mich nicht mehr zu schaffen! ›
Ich erzählte ihm, dass ich hoffte, bis zur Tante zu gelangen und wie ich hier allein zurückgeblieben war. Ich endete:
‹Meine Kinder sind dort. Kinder. Verstehst du? ›
Ich machte mit der Hand eine Stufe in die Luft – einer ist klein und der andere noch kleiner. Der Bursche nickte:
‹O ja, Kinder!›
‹Aber ich kann nicht hinfahren. Zu Fuß schaffe ich es nicht. Ich werde einfach hier erfrieren.›
Ich merkte nicht, dass ich weinte. Der Deutsche griff wieder in den Ranzen und zog ein großes  Paket heraus:
‹Nimm!›
Er öffnete das Paket, steckte den Finger hinein und leckte ihn ab.
‹Gut!›
Im Paket war Salz. Salz, das im Krieg wertvoller war als Gold. Für Salz bekam man Brot, Milch, ja einfach alles … Im Paket waren nicht weniger als drei Kilogramm. Und er hat es mir, einer ganz unbekannten russischen Frau, einfach gegeben. Als er mein erschüttertes Gesicht sah, lächelte der Bursche und sagte etwas. Ich verstand ihn nicht. Dann stand er auf, schraubte die Thermosflasche zu, steckte sie in den Rücksack, winkte mit der Hand und ist fort gegangen.
‹Постойте! (Warten Sie!)›, stürze ich dem Soldaten nach. ‹Nehmen Sie, bitte! ›
Ich streckte ihm die Ikone hin.
‹Was ist das? ›
‹Eta ikona budet hranit was wsu schizn.› (Diese Ikone wird Sie lebenslang bewahren -übers.)
sagte ich betonend. Er verstand mich nicht. Ich wiederholte:  ‹Eta ikona budet hranit was wsu schizn.›
Der Soldat nahm aus der Tasche einen Füller, machte ihn im Mund nass, drehte die Ikone um und bat mich, noch einmal zu wiederholen. Und so, wie ich es ihm langsam vorsagte, Silbe für Silbe, schrieb er auf das Holz der Ikonenrückseite mit lateinischen Buchstaben:
‹Eta ikona budet hranit was wsu schizn.›
Wir haben uns niemals wieder gesehen …
Ich habe das Salz gegen warme Kleidung, Filzstiefel und Brot eingetauscht und schaffte es bis nach Rjasan zu gelangen. Im Jahr 1945 kehrte mein Mann Alexander zurück.»

Nachdem die aufgeregte Frau ihre Erzählung beendet hatte, berichtete ich ihr voller Freude, was wir von den Vertretern der deutschen Botschaft, die die Ikone unserer Kirche übergeben hatten, erfahren haben. Der deutsche Soldat hat den Krieg unverletzt überstanden. Er sah viele Genossen neben sich fallen. Einmal explodierte der Lastkraftwagen, mit dem er unterwegs war, aber einen Augenblick vor der Explosion war er herausgesprungen. Alle anderen kamen um. Am Ende des Krieges schlug ein Geschoss in den Unterstand ein, den er nur einen Augenblick zuvor verlassen hatte. Die unsichtbare Kraft der Ikone bewahrte ihn vor Schaden. Das alles lehrte ihn vieles zu verstehen und gab seinem Leben eine Wende, seine Seele öffnete sich für das Gebet. Er kehrte heim, heiratete und zeugte Kinder. Die Ikone stellte er in einer schönen Kiot (Ikone-Rahmen) auf den Ehrenplatz und betete bis an sein Lebensende vor ihr. Als er alt wurde, bat er seinen ältesten Sohn, die Gabe der russischen Frau nach seinem Tod ins russische Konsulat zu bringen: «Diese Ikone lebte in Russland und dorthin soll sie zurückkehren. Sie soll nach Leningrad, in die Stadt, die der Blockade standhielt, sterbend vor Kälte und Hunger, aber sich nicht ergeben hat ».
So gelangte Mitte der neunziger Jahre die kleine Ikone der ‹Gottesmutter von Kasan› mit der seltsamen lateinischen Aufschrift auf der Rückseite in eine wiedereröffnete Kirche Sankt Petersburgs, wo als Pfarrer Alexander Chistjakov tätig war.
(Ikona „Gottesmutter Kasanskaja“, Text: Irina Blinova; Übers. Georg Buß)


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