Ehrw. Varsonofij von Optina

Erfahrungen mit dem Jesusgebet
Varsanofij von OptinaDas Jesusgebet hat eine enorme Bedeutung für das Le­ben des Christen. Es ist der kürzeste Weg zum Himmel­reich. Gewiß ist er nicht leicht, und hat man ihn einmal betreten, sollten wir bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Zweifellos haben auch andere Gebete ihren Wert. Wer sich mit dem Jesusgebet befaßt, hört zugleich in der Kirche die liturgischen Gebete und Hymnen und übt sich in der Gebetsordnung seiner Zelle. Das Jesus­gebet jedoch verhilft rascher als andere zu einer bußfer­tigen Haltung und zeigt dem Menschen seine Schwä­chen, d.h. bringt ihn in die Nähe Gottes. Man beginnt sich als den größten Sünder überhaupt zu empfinden. Dies aber ist die Voraussetzung für Gottes Gnade und Eingreifen.
Der Feind wird auf alle erdenkliche Weise uns von die­sem Gebet abbringen wollen, denn er fürchtet es mehr als alles, ja haßt es. Tatsächlich bewahrt die Kraft Got­tes den Menschen, der dieses Gebet verrichtet, immer vor den Fangnetzen des Bösen. Sobald der Beter völlig durchdrungen ist von diesem Gebet, öffnen sich ihm die Pforten des Paradieses, und selbst wenn er hier auf der Erde keine besonderen Gnadengaben empfangen hätte, wird seine Seele zu dem Ruf ermutigt: „Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit…“ (Ps 118,19).
Deswegen erfindet der Feind verschiedene Behauptun­gen zur Verwirrung der Unwissenden, indem er sagt, das Gebet verlange Konzentration und tiefe Erschütte­rung, so daß dort, wo diese fehlen, Gott nur erzürnt würde. Etliche haben darauf gehört und das Gebet zur Freude des Feindes aufgegeben.
Wer mit dem Jesusgebet beginnt, ist mit einem Gymna­siasten der ersten Klasse zu vergleichen, der nun schon die Schulkleidung trägt. Man erwartet, daß er alle Klas­sen des Gymnasiums durchläuft und schließlich sogar auf die Universität gehen wird. Doch bereits in der er­sten Stunde, wo ihm die Versuchungen kommen, z.B. die Arithmetik unverständlich bleibt und er denkt: „Schon in der ersten Stunde habe ich nichts begriffen, wie viel weniger in der zweiten; schließlich werde ich erleben, daß man mich von der Schule weist. Da bleibe ich besser krank zu Hause.“ Kommt der Schüler aus be­gütertem Hause, werden die Versuchungen noch stär­ker und die verführerische Stimme sagt zu ihm: „Groß­vater und Onkel sind reiche Leute, was mühst du dich mit dem Lernen ab, sie haben Vermögen.“ Hört der Gymnasiast auf diese Stimme und verzichtet er auf das Gymnasium, verliert er kostbare Zeit und wächst nach einigen Jahren zu einem untauglichen Tölpel heran. Die Zeit des Lernens ist vertan, er ist des Gymnasiums ver­wiesen worden.
So kann es auch mit dem Gebet geschehen. Man sollte nicht auf die Gedanken des Versuchers hereinfallen, sondern sie weit von sich werfen und, ohne zu zögern, die Arbeit des Gebetes fortsetzen. Mögen die Früchte dieser Arbeit auch spät reifen, mag der Mensch geistli­chen Trost und Begeisterung nicht verspüren, so wird das Gebet dennoch nicht unwirksam bleiben. Lautlos geschieht sein Werk.
Zur Zeit des bekannten Starzen Lev von Optina resi­gnierte ein Mönch, der 22 Jahre hindurch das Jesusgebet gesprochen hatte, weil er keinerlei Ergebnisse erkennen konnte. Er suchte den Starzen auf und sprach von sei­nem Kummer.
„Seht Vater, 22 Jahre bete ich nun schon das Jesusgebet und sehe keinerlei Sinn darin.“
„Und welchen Sinn willst du sehen?“ erwiderte der Starze.
„Nun, Väterchen, ich habe gelesen, daß viele unter die­sem Gebet geistliche Läuterung erfahren haben, wun­derbare Visionen sahen und in die völlige Leidenschafts­losigkeit eingetreten sind.“
„Ich Verdammter aber bekenne aufrichtig, daß ich der größte Sünder bin; vor mir steht meine ganze Unrein­heit, und wenn ich in solchen Gedanken vom Kloster in .meine Mönchsklause gehe, fürchte ich häufig, die Erde könnte sich plötzlich auftun und mich Ruchlosen ver­schlingen.“
„Hast du schon mal eine Mutter beobachtet, wie sie ihre Kinder in den Armen hält?“
„Gewiß habe ich das gesehen, Väterchen, aber was hat das mit mir zu tun?“
„Nun sieh, wenn sie das Kind zum Feuer zieht und die­ses deswegen in Tränen ausbricht, wird es die Mutter doch davor behüten, daß es sich verbrennt. Sie wird es vom Feuer wegtragen. Wenn abends Frauen mit ihren Kindern noch ein wenig spazieren gehen, kann ein Klein­kind vom Mond angezogen werden und weinen: ,Gib mir ihn zum Spielen.‘ Was wird die Mutter tun, um das Kind zu trösten? Den Mond kann sie ihm nicht geben. So geht sie nach Hause, gibt ihm den Schnuller und singt sich hin und her wiegend ,Niskni, niskni molci (Schlaf, Kindchen, schlaf)!‘ So handelt auch der Herr an uns, mein Kind, mein Lieber! Er ist gütig und barmherzig und könnte natürlich einem Menschen alles geben, was er will. Tut er es aber nicht, dann geschieht es nur zu unserem Nutzen. Das Gefühl der Buße ist immer nütz­lich; große Gnadengaben aber können in der Hand des Unerfahrenen nicht nur schaden, sondern sogar ihn ver­derben. Der Mensch kann stolz werden, und Stolz ist immer schlimmer als jedes andere Laster. Dem Stolzen widersteht Gott. Jede Gabe will ertragen werden. Wenn freilich der König in seiner Großzügigkeit einfach so beschenkt, dann darf man es ihm natürlich nicht vor die Füße werfen, sondern soll es mit Dankbarkeit emp­fangen und sich im nützlichen Gebrauch üben. Es ist vorgekommen, daß große Gottesmänner, nachdem sie besondere Gaben empfangen hatten, hochnäsig auf an­dere herabsahen, denen solche Gaben verwehrt blieben, und dadurch in die Tiefe des Verderbens stürzten.“
„Aber dennoch möchte ich von Gott ein kleines Ge­schenk haben,“ fuhr der Mönch fort, „dann würde ich auch ruhiger und fröhlicher mein Werk treiben.“
„Meinst du denn, es sei keine Gnade Gottes, daß du dich als Sünder erkennst und in der Heiligung stehst, indem du das Jesusgebet verrichtest? Bleibe daran, und wenn es dem Herrn wohlgefällt, wird er dir das Her­zensgebet geben!“
Ein paar Tage später geschah auf Grund der Gebete Vater Levs ein Wunder. An einem Sonntag war jener Mönch an der Reihe, das Essen für die Bruderschaft auszuteilen und sagte, sobald er die Schüssel auf den Tisch gestellt hatte: „Erlaubt, Brüder, diesen Dienst von mir Armen.“ Da spürte er in seinem Herzen etwas Ei­genartiges, als ob ein Gnadenlicht plötzlich entzündet sei. Vor Aufregung und Zittern verfärbte er sich und schwankte. Die Brüder liefen herzu und fragten Anteil nehmend: „Was ist mit dir, Bruder?“
„Ach nichts, der Kopf tut mir weh.“
„Hast du dich etwa verbrannt?“
„Ja, ich habe mich wohl verbrannt. Steht mir um des Herrn willen bei und bringt mich in meine Zelle.“
Sie begleiteten ihn, er legte sich auf seine Pritsche, ver­gaß das Essen und die Welt um sich und spürte nur, daß sein Herz in Liebe zu Gott und dem Nächsten entbrannt war. Seliger Zustand! Seither betete er nicht mehr mit dem Mund wie bisher, sondern im Geist und Herzen wie es in der Heiligen Schrift heißt: „Ich schlafe, aber mein Herz wacht…“ (Hld 5,2).
Übrigens gewährt der Herr nicht immer das Herzens­gebet; etliche beten ihr Leben lang mit dem Mund. Sie sterben darüber, ohne die Glückseligkeit des Herzens­gebetes erlebt zu haben. Doch das braucht nicht traurig zu stimmen. Für sie beginnen die geistlichen Entzückun­gen im künftigen Leben und werden dort kein Ende fin­den, sondern von Augenblick zu Augenblick sich noch steigern und so der göttlichen Vollkommenheit immer näher kommen, indem sie rufen: „Heilig, heilig, heilig!“
Varsonofij von OptinaAus der Vita des ehrwürdigen Pimen des Großen ist bekannt, daß seine Mutter aus dem fernen Afrika kam und ihn besuchen wollte. Als man ihm davon berichte­te, antwortete der Ehrwürdige: „Ich habe keine Mut­ter.“ „Wieso hast du keine Mutter, da sie doch gerade angekommen ist und überzeugend sagt, daß sie deine Mutter sei?“ „Ich habe keine Mutter,“ antwortete der Heilige abermals. „Immerhin könnt ihr meine Mutter fragen, ob sie mich wirklich sehen will.“ „Was ist das für eine seltsame Frage, Väterchen, wollte sie es nicht, hätte sie keine so lange Reise auf sich genommen.“ „Nein, fragt sie, wo sie mich sehen will: in diesem Le­ben oder in jenem.“
Als die Mutter des heiligen Pimen das erfuhr, begriff sie sofort und antwortete: „Ich will meinen Sohn im künftigen Leben wiedersehen.“ Sprach’s, drehte sich um und ging weg.
Dieser Vorfall ist sehr lehrreich. Vielleicht hätte die Mutter, wenn sie ihren Sohn unbedingt sehen wollte, ihn im ewigen Leben nicht angetroffen. Als ihr bedeu­tender Sohn ihr ein Wiedersehen im künftigen Leben versprach, hat er von ihrer ewigen Rettung gesprochen. Daraus kann man schlußfolgern: Wenn wir unter dem Jesusgebet keine heiligen Impulse und Aufbrüche in die­sem Leben erfahren, werden wir sie im Reich Gottes in vollem Maße empfinden.
Das Jesusgebet läßt sich in drei oder sogar vier Stufen einteilen. Die erste Stufe ist das mündlich gesprochene  Gebet, wo die Gedanken häufig hin und her laufen und man sich sehr konzentrieren muß. Deswegen wird die­ses Gebet auch das mühevolle genannt, aber es vermit­telt dem Menschen eine bußfertige Gesinnung.
Die zweite Stufe ist das Gebet des Geistes und des Her­zens, wo Geist und Herz, Verstand und Gefühl eins wer­den. Hier ereignet sich das unablässige Beten. Was auch immer der Mensch tut: essen, trinken, ausruhen, das Gebet geschieht fortwährend!
Die dritte Stufe ist das schöpferische Gebet, das mit ei­nem Wort des Glaubens selbst Berge versetzen kann. Beispielsweise der ehrwürdige Wüstenmönch Mark der Thraker hatte die Kraft dieses Betens. Einmal erhoffte ein Mönch bei ihm Ermutigung. Im Gespräch fragte Mark: „Habt ihr bei euch jetzt Beter, die Berge verset­zen können?“ Als er das aussprach, begann der Berg, auf dem sie standen, zu beben. Der heilige Mark sagte zu ihm wie zu einem Lebenden: „Bleibe ruhig, ich spre­che nicht von dir.“
Die vierte Stufe meint schließlich jenes vollmächtige Be­ten, das lediglich die Engel haben und vielleicht nur ei­nem Einzigen in der gesamten Menschheit gegeben wird.
Der verstorbene Vater Amvrosij hatte das Geist- und Herzensgebet. Zuweilen setzte es bei ihm die Naturge­setze außer Kraft. Er schwebte beim Beten über der Erde. Seine Zellendiener wurden dieser Erscheinung ge­würdigt. Zuletzt erkrankte das Väterchen und lag halb aufgerichtet im Bett, so daß er nicht in die Kirche gehen konnte. Alle Andachten außer der Liturgie wurden bei ihm in der Zelle gehalten. Während einer Nachtwache verfolgte er wieder halb aufgerichtet den Gottesdienst. Ein Zellendiener stand an der Ikone und las, der andere aber befand sich hinter ihm. Plötzlich sah er, wie Vater Amvrosij sich auf das Bett setzte, etwa einen halben Meter abhob und in der Luft betete. Der Diener fuhr erschrocken zusammen, verhielt sich aber schweigend. Als er mit dem Lesen an die Reihe kam und der andere seinen Platz eingenommen hatte, wurde er das Gleiche zu sehen gewürdigt. Nach dem Gottesdienst kehrten die Diener in ihre Unterkünfte zurück, und einer sagte zum anderen: „Hast du es gesehen?“ „Ja.“ „Was hast du ge­sehen?“ „Ich sah, wie sich das Väterchen vom Bett ab­hob und in der Luft betete.“ „Also stimmt es doch, ich dachte nämlich, daß es mir nur so schien.“
Sie wollten eigentlich Vater Amvrosij danach fragen, fürchteten sich aber. Der Starze liebte es nicht, wenn er auf seine Heiligkeit angesprochen wurde. Er nahm dann gewöhnlich den Stock, stieß den Neugierigen an und sagte: „Du Tor, warum fragst du das den sündigen Amvrosij?“
Dabei blieb es.
Gegenwärtig steht Vater Ilarion in den kaukasischen Bergen in der Heiligung. Zuerst hatte er auf dem Athos in einem Gemeinschaftskloster gelebt, jetzt aber alle ver­lassen und dient nun Gott als Eremit. Zu ihm kam ein noch junger (30-jähriger) Mönch: Vater Benedikt. Ihn beauftragte der Starze mit etlichen Nachforschungen. Unter anderem sollte er feststellen, wie in den Klöstern das Jesusgebet gehalten wird. Er pilgerte zu vielen Mönchs- und Nonnen-Klöstern und kam zu der trauri­gen Erkenntnis, daß man dieses so notwendige Gebet fast überall vergessen hatte:, zumal in den Frauenklö­stern. Die es aber noch übten, brannten langsam wie Kerzen nieder.
Ursprünglich war das Jesusgebet nicht nur für Mönche verpflichtend, sondern auch für Laien. Eine in der Öf­fentlichkeit bekannte Persönlichkeit, Michail M. Speranskij (1772-1839) verantwortete unter Kaiser Aleksandr I. die Kodifizierung der Gesetze im Russi­schen Reich. Privat übte er sich immer wieder im Jesus­gebet. Im Gegensatz dazu stehen jetzt selbst Mönche abwartend diesem Gebet gegenüber. So kann es vor­kommen, daß einer dem anderen sagt: „Hast du schon gehört?“ „Was?“ „Vater Peter hat mit dem Jesusgebet begonnen.“ „Ist das wahr? Nun dann ist er wohl um den Verstand gekommen!“
„Es gibt ein Sprichwort: Ohne Feuer kein Rauch. Sind denn tatsächlich Menschen deswegen um den Verstand gekommen?“
„Ja, sie haben sich ohne Unterweisung auf das Gebet gestürzt und wollten ohne Erlaubnis ihrer Oberen Hei­lige werden. Sie stürmten den Himmel, wie es so heißt, aber sie wurden zu Schanden.“
varsonofiy_optinskiyVater Benedikt war unlängst in Optina und fuhr nach der Verklärung des Herrn wieder ab. Mit Vater Varsonofij führte er lange Gespräche und erhielt auf die Frage nach dem Jesusgebet die Antwort: „Alle Knechte Gottes, im Kloster wie im Skit, verrichten das Jesusgebet als das mühsame, das ist die erste Stufe.“
Übrigens gibt es auf dieser Ebene zahlreiche Zwi­schenstufen, auf denen die Beter emporsteigen. Dem ein­zelnen fällt es schwer, auszumachen, auf welcher Ebene er angekommen ist. Die eigenen Tugenden zu verbu­chen, grenzt an pharisäischen Hochmut. Man muß sich für geringer als die anderen halten und von dem Herrn jene Gaben erwarten, die zweifellos das Jesusgebet mit sich bringt; nämlich Bußbereitschaft, Geduld und Demut.

(erstersch. Stimme der Orthodoxie 1999)


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