Hl.Nikodemos vom Berg Athos

„Der unsichtbare Krieg“  (Auszuge aus dem Buch)

Wie wir unseren Verstand trainieren sollen, um ihn vor Ignoranz oder Unkenntnis zu bewahren.

Wie notwendig auch das Mißtrauen gegen uns selbst und das Vertrauen auf Gott in diesem geistlichen Kampfe sein mögen, so würden wir dennoch, wenn diese zwei Dinge allein wären, nicht nur keinen Sieg über uns selbst erringen, sondern auch in viele Übel stürzen. Aus diesem Grund wird auch die Übung benötigt, die das dritte Mittel ist, wie wir das eingangs ausgeführt haben. Diese Übungen müssen mit dem Verstand und mit dem Willen durchgeführt werden. Was den Verstand anbelangt, so muß er vor zwei Übeln, die sein Licht verdunkeln, behütet werden. Das eine ist die Unwissenheit, die ihn dadurch verdunkelt, daß sie die Erkenntnis des Wahren, was seine eigentliche Aufgabe ist, verhin­dert. Durch beständige Übung soll der Verstand erhellt und aufgeklärt werden, damit er das sehe und wohl unterscheide, was wir brauchen, um unsere Seele von den Leidenschaften zu reinigen und sie mit den Tugen­den zu schmücken.
Dieses Licht und die Reinheit des Verstandes kann man auf zweifache Weise erlangen: Das erste und notwendigere Hilfsmittel ist das Gebet, durch das wir den Heiligen Geist darum bitten, sich herabzulassen, um unsere Herzen mit seinem göttlichen Licht zu erfüllen. Er wird das tun, unter der Voraussetzung, daß wir in Wahrheit allein Gott darum bitten, daß wir allein seinen heiligen Willen ausführen und daß wir jede Ange­legenheit der Ansicht und dem Rat unserer erfahrenen geistlichen Väter unterwerfen.
Das zweite Hilfsmittel ist die immerwährende Übung des tiefen Über­denkens und der Betrachtung der Dinge, damit wir erkennen, welche Dinge gut sind und welche schlecht. Nicht so, wie die Sinne und die Welt die Dinge falsch sehen, sondern so, wie die richtige Vernunft und der Heilige Geist, das heißt die Wahrheit der von Gott inspirierten Schriften und der geisttragenden Väter und die Lehren unserer Kirche, sie beurteilen.
Diese Betrachtung läßt uns, wenn sie gehörig angestellt ist, klar erken­nen, daß alle jene Dinge, welche die blinde und korrupte Welt liebt und anstrebt und auf verschiedene Weise und durch verschiedene Mittel sich zu verschaffen sucht, nur als Eitelkeit und Trug anzusehen sind; daß die Ehren und Vergnügen der Welt wie ein Traum vorübergehen und nur Geistesplage zurücklassen; daß die Beschimpfungen und Schmähungen, mit welchen die Welt uns verfolgt, wahren Ruhm und die Drangsale, welche wir zu erdulden haben, wahre Zufriedenheit bringen; daß es nichts gibt, was uns mehr veredelt und Gott ähnlicher macht, als den Feinden zu verzeihen und ihnen Gutes zu erweisen; daß es edelmütiger ist, dem geringsten Geschöpfe freiwillig aus Liebe zu gehorchen als große Könige zu unterwerfen und zu befehlen; daß die demütige Selbster­kenntnis höher geschätzt zu werden verdient als die Weisheit aller Wissenschaften, daß es lobenswerter ist, die geringsten seiner eigenen Begierden zu überwinden und abzutöten, als viele Burgen zu erobern und große Armeen zu besiegen, ja sogar Wunder zu wirken und selbst Tote zu erwecken.

Über die Frage, warum wir die Dinge nicht richtig unterscheiden und auf welche Art und Weise wir sie richtig erkennen können.

Der Grund, warum wir über die angeführten Dinge und über viele andere nicht richtig urteilen, liegt darin, daß wir nicht tief genug darüber nachsinnen, um sie gründlich zu erkennen, so wie sie wirklich sind, sondern wir lieben sie oder wir hassen sie aufgrund ihrer äußer­lichen Form, je nachdem sie unseren natürlichen Neigungen entweder entsprechen oder entgegengesetzt sind.
Auf diese Weise wird der Verstand durch die Liebe oder den Haß zu den Dingen verdunkelt und urteilt nicht richtig über deren wirklichen Wert. (Aus diesem Grund sagt Gregorios der Theologe, daß die Wahrheit von der Liebe oder vom Haß gestohlen zu werden pflegt. Nichts ist dem Menschen so süß und so angenehm, als die Worte der anderen zu reden, vor allem wenn sie von der Vorliebe oder von dem Haß angezogen werden, und von diesen Dingen wird die Wahrheit gestohlen („Apologetische Rede“).)

Also, mein Bruder, wenn du nicht willst, daß eine solche Täuschung in dir stattfindet, sei vorsichtig! Halte den Willen immer so rein als möglich und frei von jeder Anhänglichkeit an irgendwelche Sachen. Wenn du irgendeinen Gegenstand siehst, so betrachte ihn mit dem Verstand, übe Selbstbeherrschung! Achte auf deinen Willen, so gut du kannst, und erlaube ihm nicht, Liebe oder Haß dem Gegenstand gegenüber zu entwickeln. Auf diese Weise wird der Verstand nicht von Leidenschaft umgarnt; er bleibt frei und rein und kann die Wahrheit erkennen und in die Tiefe der Sache eindringen, dorthin, wo das Böse sich unter einer falschen Vergnügung versteckt oder wo sich das Gute unter der Ober­fläche des Schlechten verbirgt.
Hat dagegen dein Wille vorgegriffen und sich entschieden die Sache zu lieben oder zu verabscheuen, dann ist es zu spät. Der Ver­stand vermag nicht mehr diese Sache gut und gründlich zu erken­nen, denn diese Zu- oder Abneigung oder vielmehr diese Leiden­schaft befindet sich dazwischen wie eine Mauer und verdunkelt den Verstand derart, daß er einen ganz anderen Eindruck von der Sache hat, als sie in Wirklichkeit ist, und er vermittelt diesen Eindruck dem Willen. Je mehr der Wille in den Vordergrund rückt, desto mehr wird der Verstand verdunkelt. Und in diesem verdunkelten Zustand veranlaßt der Verstand den Willen, jene Sache noch mehr zu lieben oder zu hassen als je zuvor.
Wenn man sich daher nicht an diese Regel hält, die ich erwähnt habe (die überhaupt unerläßlich ist für die ganze Übung), das heißt, den Willen davor zu bewahren, eine Sache zu lieben oder zu hassen, dann gehen diese zwei Kräfte der Seele, der Verstand und der Wille, in einem Teufels­kreis von einer Finsternis in eine noch größere Finsternis und fallen von einem Fehler in einen noch größeren Fehler. Also, lieber Bruder, hüte dich mit aller Wachsamkeit vor jeder leidenschaftlichen Liebe oder jedem Haß einer Sache gegenüber, die du nicht vorher gründlich mit dem Licht des Verstandes und der guten Vernunft rationalen Denkens, mit dem Licht der göttlichen Schriften, mit dem Licht der Gnade und des Gebets und mit dem Urteil deines geistlichen Vaters untersucht hast, damit du keinen Fehler begehst und das wahrlich Gute als schlecht und das wahrhaft Schlechte als gut beurteilst. Da dies mit gewissen Werken oder Taten immer wieder der Fall ist, die an und für sich den Anschein haben, daß sie gut und heilig sind, aber unter gewissen Umständen vollbracht werden oder am falschen Ort und zur falschen Zeit oder über ein gewisses Maß hinausgehen, richten sie einen nicht zu unterschätzen­den Schaden bei denjenigen an, die unaufmerksam handeln. Tatsächlich kennen wir viele, die sich gerade wegen solcher Werke in Gefahr begeben haben.

Auf welche Art und Weise der Soldat Christi bei Tagesanbruch ins Schlachtfeld ziehen sollte, um Krieg zu führen.
Nachdem du aufgestanden bist und einige Zeit gebetet hast: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“, ist das erste, woran du zu denken hast, folgendes: Du sollst dich selbst an einen Ort oder in eine Arena versetzt sehen, die nichts anderes ist als dein eige­nes Herz und der ganze innere Mensch. Und du sollst daran denken, daß derjenige, der dort nicht kämpft, den Kampfplatz nicht lebend verläßt.
Stelle dir vor, als sähest du vor dir auf der einen Seite jenen Feind, jene böse Neigung an dir, die du dich entschlossen hast zu bekämpfen, bewaffnet und bereit, um dich zu schlagen und zu töten; und auf der rechten Seite deinen siegreichen Heerführer, Jesus Christus, mit seiner Allerheiligsten Mutter, mit vielen Scharen von Engeln und Heiligen, vor allem mit dem Erzengel Michael, und auf der linken Seite den höllischen Teufel mit seinen Dämonen, die diese Leidenschaft und diese schlechte Begierde gegen dich loslassen und dich bewegen möchten, diesen Krieg aufzugeben und dich ihnen zu unterwerfen. Stelle dir weiter vor, als hörest du eine Stimme wie von deinem Schutzengel, der dir sagt: „Du hast heute gegen die Leidenschaft und gegen deine anderen Feinde zu kämpfen. Dein Herz soll nicht erschrecken und den Mut nicht ver­lieren, du darfst diesen Krieg nicht aufgeben aus Angst oder irgend­einer anderen Rücksicht, denn unser Herr und dein Heerführer steht auf deiner Seite mit allen seinen glorreichen Scharen: er wird gegen alle deine Feinde kämpfen, und nicht zulassen, daß sie die Oberhand bekommen oder dich überlisten“ (gemäß Exodus 14,14). („Der Herr kämpft für euch“ (Ex 14,14).)
So bleib standhaft, bezwinge dich selbst, und ertrage das Leid, das du zuweilen empfindest, um dich selbst zu überwinden. Rufe oft aus dem Innersten deines Herzens (gemäß Psalm 25,17-21): „Befreie mein Herz von der Angst, führe mich hinaus aus der Bedrängnis! Sieh meine Not und Plage an, und vergib mir all meine Sünden! Sieh doch, wie zahlreich meine Feinde sind, mit welch tödlichem Haß sie mich hassen! Erhalte mein Leben und rette mich, laß mich nicht scheitern!
Denn ich nehme zu dir meine Zuflucht. Unschuld und Redlichkeit mögen mich schützen, denn ich hoffe auf dich, o Herr. – Übergib mich nicht denjenigen, die Drangsal über mich bringen.“ Rufe um Hilfe zu deinem Herrn, zur Jungfrau und zu allen Heiligen, und du wirst sicherlich siegen, denn es heißt: „Ich schreibe euch, ihr Kinder, daß ich den Vater er­kannt habe. Ich schreibe euch, ihr Väter, daß ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch, ihr jungen Männer, daß ihr stark seid, daß das Wort Gottes in euch bleibt und daß ihr den Bösen besiegt habt“ (1 Joh 2,14). Auch wenn du schwach bist und deine Feinde mächtig und zahlreich sind, ist die Hilfe desjenigen, der dich erschaffen und erlöst hat, unvergleichlich stärker. Genauso wie ge­schrieben steht: „Der Herr ist mächtig im Kampf‘ (Ps 24,8) – und er hat eine größere Sehnsucht, dich zu retten, als der Feind sie hat, um dich zu verderben. So kämpfe und bemühe dich, denn aus der Mühe, aus der Gewalt, die du gegen die bösen Neigungen gebrauchst, aus dem Leid, das du deiner bösen Gewohnheiten wegen empfindest, wird der Sieg geboren und der große Schatz dir geschenkt, durch welchen das Himmelreich erkauft wird und wodurch sich die Seele auf immer mit Gott vereinigt.
Fang also an, im Namen Gottes zu kämpfen – mit den Waffen der Selbstaufopferung (des Mißtrauens gegen dich selbst) und der ganzen Hoffnung und des Vertrauens auf Gott, mit dem Gebet und der Übung. Besonders mit der Waffe des Herzensgebets und des geistigen Gebets, mit dem göttlichen Namen „Herr Jesus Christus“, der ein so furchtgebietender Name ist, daß er wie ein zweischneidiges Schwert in unserem Herzen kreist und die Dämonen und die Leidenschaften geißelt und vernichtet. Aus diesem Grund sagt Johannes Kimakos, daß er mit dem Namen Jesus die Feinde geißelt. Darüber werden wir im 45. Kapitel ausführlich schreiben. Kämpfe gegen diesen Feind, gegen diese Leidenschaften, gegen die schlechten Begierden, die gegen dich Krieg führen, und sei entschlossen, sie nach der angegebenen Ordnung zu besiegen, die ich dir im 13. Kapitel dargelegt habe. Das heißt, daß du ihnen bald durch Widerstand, bald durch Verabscheuung, bald durch Handlungen der entgegengesetzten Tugend tödliche Schläge versetzt. Auf diese Weise wirst du eine Tat vollbringen, die deinem Gott wohlgefällig ist und er wird mit seiner gesamten Kirche im Himmel triumphieren.
Dieser Krieg darf dir nicht schwerfallen, da wir alle die Verpflichtung haben, Gott zu dienen und zu gefallen. Andererseits ist es unerläßlich, Krieg zu führen. Denn wenn wir aus diesem Krieg flüchten, werden wir getötet werden. Auch wenn du von diesem gottgemäßen Krieg Abstand nimmst und wie ein Abtrünniger dich der Welt und den Vergnügungen des Fleisches übergeben wolltest, wirst du letztendlich wieder diesen Krieg führen müssen, und dann mit unzähligen Widerwärtigkeiten, mit schweißbedeckter Stirn bei Todesangst und Herzbeklemmungen. Wann? – In der Zeit des Alters und des Todes, wenn die Dämonen und all deine Leidenschaften dich umzingeln werden.
Und das auf so eine Art und Weise, daß du nicht weißt, wen du zuerst bekämpfen mußt. Sei also nicht töricht, mein Geliebter, sondern wie ein verständiger Mensch. Ertrage jetzt die Mühe des Krieges, damit du die Oberhand gewinnst und gekrönt wirst und dich mit Gott sowohl hier als auch dort im Himmelreich vereinst (Prd 12,1).

In welcher Abfolge wir gegen unsere lasterhaften Leidenschaften kämpfen sollen.

Die bösen Leidenschaften überwindest und ihnen durch Akte mit den entgegengesetzten Tugenden widerstehst, die ich im 13. Kapitel schon erwähnt habe. Ich habe dir die Möglichkeiten zur Beherrschung der Sinne erklärt, damit du weißt, wie du dich beherrschen sollst, wenn es notwendig sein sollte. Denn viele alte und neue Asketen sind durch ihre Vorstellungen irregeführt und durch den bösen Feind ins Ver­derben gestürzt worden. Dieser pflegt sich in einen Engel des Lichts zu verwandeln, um den Menschen irrezuführen (2 Kor 11,14).
Du sollst auch wissen, daß genauso wie die Vorstellungskraft durch die Wahrnehmungen der Sinne entsteht, genauso auch das Gegenteil zutrifft, daß nämlich die Sinneswahrnehmung durch die Phantasie hervorgebracht werden kann, das heißt, daß die Vorstellungskraft mancher Menschen so groß wird, daß sie das gleiche bewirken kann wie die Wahrnehmung. Aus diesem Grund leben viele Hypochonder in ewiger Angst, denn die Wirkung ihrer Phantasie ist so ähnlich, als würden sie diese Dinge, vor denen sie sich fürchten, tatsächlich wahr­nehmen. Viele werden sogar in den Tod getrieben durch die Personen und Gegenstände, die in ihrer Vorstellungskraft so lebendig sind, als wären sie buchstäblich gegenwärtig. Wer kann also nicht erkennen, daß die Phan­tasie eine schlechte Sache ist, und um wieviel mehr müssen wir sie daher meiden.

Wie wir unsere Zunge beherrschen können.

Es ist höchst notwendig, die Zunge zu beherrschen und sie zu zügeln, denn jeder von uns neigt sehr dazu, seiner Zunge freien Lauf zu lassen oder über Dinge zu sprechen, die unseren Sinnen schmeicheln. Das zuviel Reden ist meistens auf den Stolz zurückzuführen. Wegen dieses Stolzes bilden wir uns ein, daß wir viel wissen und finden an unserer Meinung Gefallen, sodaß wir durch die Wiederholung unserer Worte die Herzen anderer zu beeinflussen trachten und wir ihnen wie Lehrer erscheinen, als hätten sie es notwendig, von uns zu lernen. Diese Art des Stolzes bekunden wir besonders, wenn wir sie belehren wollen, ohne daß sie uns vorher darum ersucht haben.
Die schlechten Folgen des zu vielen Redens kann ich nicht mit wenigen Worten beschreiben. Die Redseligkeit ist die Mutter der Sorg­losigkeit, sie führt zur Torheit. Sie öffnet die Türe für die üble Nachrede. Sie dient der Lüge und dem Erkalten der Gottergebenheit. Viele Worte bestärken die lasterhaften Leidenschaften, und von diesen wird wiederum die Zunge bewegt, um leichter im unbesonnenen Reden fortzufahren. Aus diesem Grund wollte auch der Apostel Jakobus zeigen, wie schwer es ist, daß man nicht mit Worten sündigt, und er sagte, daß das zu einem vollkommenen Mann gehöre: „Wer sich in seinen Worten nicht verfehlt, ist ein vollkommener Mann und kann auch seinen Körper völlig im Zaume halten“ (Jak 3,2). Denn wenn die Zunge anfängt zu reden, läuft sie wie ein ungezügeltes Pferd, und sie redet nicht nur die guten und angebrachten Dinge, sondern auch die schlechten Dinge. Aus diesem Grund wird sie vom gleichen Apostel als „ein großes Übel voller tod­bringenden Giftes“ bezeichnet.
Auch Salomon sagt übereinstimmend: „Bei vielem Reden bleibt die Sünde nicht aus, wer seine Lippen zügelt, ist klug“ (Spr 10,19). Und damit wir es allgemeiner ausdrücken: Derjenige, der viel redet, zeigt, daß er unwissend ist. „Der Törichte vermehrt seine Worte“ (gemäß Pred 10,14).
Du sollst dich nicht mit demjenigen in ein langes Gespräch einlassen, der dir unwillig zuhört, damit du ihn nicht dazu veranlaßt, dich zu verabscheuen, wie es geschrieben steht: „Wer viele Worte macht, den verab­scheut man“ (Sir 20,8).
Vermeide es mit Nachdruck und lauter Stimme zu reden, denn beides ist ein Zeichen von Eitelkeit und Eigendünkel. Sprich nie von dir und deinen Taten oder von deinen Verwandten, außer wenn es unbedingt notwendig ist, und da möglichst kurz und bündig. Scheint es dir, daß jemand anderer übermäßig von sich selbst spricht, so bemühe dich, einen guten Gedanken für dich daraus zu ziehen, aber ahme ihn nicht nach, auch wenn es scheint, daß seine Worte Demütigung und Anklage seiner selbst bezwecken. Sprich so wenig wie möglich vom Nächsten und seinen Angelegenheiten, wenn und wo es nötig ist, nur zu seinem Wohl.
( Beim Reden sollst du daran denken, das Gebot des hl. Thalassios zu halten, der sagte: „Von den fünf Möglichkeiten wähle drei aus. Bei der vierten sollst du nicht oft verweilen, und die fünfte sollst du meiden“ (Philokalia S. 460).
Die drei Möglichkeiten gemäß Nikolaos Kataskepenos sind das JA, das NEIN und die Klarheit. Die vierte Möglichkeit ist der Ziveifel. Die fünfte ist das Unbekannte und Unklare. Das heißt, du sollst über Dinge reden, von denen du weißt, daß sie wahr oder falsch oder klar sind. Über zweifelhafte oder äußerst unklare Dinge darfst du nicht reden. Oder nach anderer Auffassung, gemäß Blemides, sind es fünf Redearten.
Es gibt fünf Redearten oder Modi: den vokativen Modus, mit dem wir jemanden rufen (Anrede); den interrogativen Modus, mit dem wir jemanden fragen; den Optati­ven, mit dem wir wünschen; den indikativen, mit dem wir mit Gewißheit über eine Sache reden, und den imperativen Modus, mit dem wir in der Art eines Fürsten be­fehlen. Du sollst in deiner Rede nur die drei ersten Modi benützen. Den Indikativ und den Imperativ benütze nicht.)
Sprich gern von Gott und besonders von seiner Liebe und Güte. Aber du sollst bedenken, daß du auch darin einen Fehler machen kannst. Aus diesem Grund ist es besser, aufzupassen, wenn andere über ihn reden und bewahre ihre Worte im Innersten deines Herzens. Von anderen Reden soll bloß der Schall der Stimme an dein Ohr dringen, dein Geist aber soll zu dem Herrn erhoben sein.
Aber auch wenn es notwendig sein sollte, demjenigen, der spricht, zuzuhören, damit du verstehst, worum es geht und du ihm eine Antwort geben kannst, sollst du von Zeit zu Zeit im Geiste einen Blick zum Himmel werfen, wo dein Gott wohnt und betrachte seine Erhabenheit, gleich wie er stets auf deine Armseligkeit blickt.
Prüfe die Dinge, welche aus deinem Herzen kommen, bevor sie in deine Zunge übergehen; denn von vielen Dingen wirst du bemerken, daß es besser ist, wenn du sie nicht hervorbringst. Ja selbst von jenen Dingen, welche du zu sagen für gut befindest, tätest du gut daran mehreres davon im Stillschweigen zu begraben. Dies wirst du selbst erkennen, wenn du nach dem Gespräch darüber nachdenkst.
Das Schweigen ist die starke Festung im unsichtbaren Krieg und eine sichere Hoffnung auf den Sieg. Das Schweigen ist demjenigen gut Freund, der nicht auf sich selbst, sondern auf Gott vertraut. Es bewahrt den Geist des Gebetes und ist eine wunderbare Hilfe zur Übung der Tugenden. Es ist außerdem ein Zeichen der Weisheit. ( Aus diesem Grund sagt auch Vater Isaak (3. Rede, S. 9), daß das Schweigen zu allen guten Dingen beiträgt und daß es alle Werke betrifft (34. Rede, S. 220). Es ist ein Mysterium der kommenden Welt (3. Brief, S. 538); und der große Barsanoüfios sagt, daß das Schweigen in Erkenntnis höher als die Theologie zu bewerten ist.

Wenn jemand schweigt, kann es auch sein, daß er nichts zu sagen hat, er schweigt, denn er weiß keine Antwort (Sir 20,6). Ein anderer wiederum schweigt, weil er die passende Gelegenheit abwartet, um zu sprechen und aus anderen Gründen. ( Vater Isaak sagt, daß man aus drei Gründen schweigt: wegen der Meinung der Menschen, wegen des Eifers der Tugend oder weil man ein geheimes Gespräch mit Gott in sich selbst hat und aus diesem Grund sich der Sinn diesem völlig widmet (26. Rede, S. 171).) Im allgemeinen aber zeigt derjenige, der schweigt, daß er verständig und weise ist.
Um dich an das Schweigen zu gewöhnen, denke oft an die Schäden und Gefahren des vielen Redens, an den großen Nutzen der Schweigsamkeit und an die drei Möglichkeiten, die ich vorher erwähnt habe. Das heißt, daß man sich von den wahrnehmbaren Dingen zu der Betrachtung Gottes emporhebt, zu der Betrachtung des fleischgewordenen Logos, dem Vorbild der Tugenden, dem jeder nachfolgen kann, der Erkenntnis, Unter­scheidungsvermögen und Kraft in seinen Gedanken hat, um seine Sinne zu korrigieren. Aber diejenigen, die keine solche Erkenntnis haben und keine solche Kraft, können auf eine andere Art und Weise ihre Sinne korrigieren, nämlich dadurch, daß sie mit ihrer ganzen Kraft sich von den wahrnehmbaren Dingen abwenden, die ihrer Seele schaden könnten.
Also mein Bruder, du sollst folgendes tun: (Ergänzung durch den hl. Nikodemos, einschließlich des 25. Kapitels.)
Erstens: Du sollst mit großer Wachsamkeit auf die schlechten und schnellen Dinge achten, das heißt auf deine Augen. Du darfst ihnen nicht erlauben, daß sie mit Neugierde in die Gesichter der Frauen sehen, sowohl in die schönen als auch in die häßlichen oder in die Angesichter der Männer, besonders in die Gesichter der jungen, bartlosen, daß sie weder die Enthüllung fremder Körper noch des eigenen Körpers beobachten. Denn durch eine solche Neugierde leidenschaftlicher Betrachtung empfindet das Herz den Genuß und die Begierde der Hurerei und der Homosexualität, genauso wie der Herr sagte, daß derjenige, der eine Frau anschaut, um sie zu begehren, bereits Ehebruch in seinem Herzen began­gen hat (Mt 5,28). Und ein weiser Mann hat gesagt: „Aus dem Sehen wird die Begierde geboren.“ ( Das wird offenkundig durch die Beispiele in der Heiligen Schrift. Denn die Söhne Gottes, das heißt die Söhne von Set und Enosch, sahen die Töchter der Menschen, das heißt die Töchter der Nachkommen Kains. Sie sahen, daß sie schön waren, und sie nahmen sie als Frauen, verdarben sie, und aus diesem Grund erfolgte jene weltweite Sintflut (Gen 5-6). Sichern sah Dina, die Tochter Jakobs, verliebte sich in sie, verdarb sie, und aus diesem Grund kam es zur Vernichtung der Bewohner von Sichern (Gen 34). Auch Samson traf Frauen, verliebte sich in sie, schlief mit ihnen (Ri 14-16). Auch König David sah Batseba, während sie badete, verliebte sich in sie und beging Ehebruch (2 Sam 11,2). Und jene zwei Presbyter und Richter des Volkes sahen Susanna und begehrten sie, und es gäbe tausend weitere Beispiele.) Aus diesem Grund gebietet auch Salomon: „Begehre nicht in deinem Herzen ihre Schönheit, laß dich nicht fangen durch ihre Wimpern!“ (Spr 6,25).
Zusätzlich sollst du darauf achten, nicht mit Neugierde auf die schönen Speisen und Getränke zu schauen. Erinnere dich an unsere Urmutter Eva, welche die Frucht des verbotenen Baumes im Paradies sah, sie begehrte, nahm, sie aß und deswegen starb. Du sollst weder die schönen Kleider oder das Geld mit Genuß betrachten noch die glänzenden Herrlichkeiten der Welt, damit nicht die Leidenschaft des Ehrgeizes und der Geldliebe durch deine Augen in deine Seele übergehen. Wende deine Augen davon ab, um nicht die Nichtigkeit zu sehen. Anders ausgedrückt, nimm dich im allgemeinen in acht, Tänze, Spiele, Feste, Streitigkeiten, Ringkämpfe, Handgreiflichkeiten zu beobachten sowie alle anderen unordentlichen und unanständigen Dinge, wie sie der Törichte der Welt liebt und wie sie das Gesetz Gottes verbietet. Fliehe vor diesen Dingen, verschließe deine Augen davor, damit du nicht dein Herz und deine Phantasie mit schänd­lichen Bildern und Leidenschaften erfüllst, damit du nicht einen neuen Kampf heraufbeschwörst, den du gegen deine alten Leidenschaften führen mußt. Du sollst Zuneigung gewinnen zu den Gotteshäusern, den heiligen Ikonen, den heiligen Büchern, Friedhöfen und Gräbern, und du sollst alles, was anständig und heilig ist, beobachten, denn die Betrach­tung solcher Dinge ist dir von Nutzen.
Zweitens: Du mußt deine Ohren schützen, damit du nicht die schänd­lichen erotischen Texte der Lieder und ihre Melodien hörst, durch die deine Seele Genuß empfindet und dein Herz sich in fleischlicher Begier­de entzündet.
Denn es steht geschrieben: „Sei weise, mein Sohn, und erfreue mein Herz, damit ich dem, der mich höhnt, eine Antwort geben kann“ (Spr 27,11). Du sollst deine Ohren verschließen, damit du nicht die Witze und die lächerlichen Worte hörst, die Fabeleien und die verschiedenen Lügen der Welt und vielleicht Geschmack daran findest und dich darüber freust. Denn dem Christen ziemt es nicht, solche Dinge mit Genuß zu hören, das ist vielmehr eine Eigenschaft der verdorbenen Menschen, über welche Paulus sagte: „Und sie werden ihre Ohren von der Wahrheit abwenden: Denn es wird eine Zeit geben, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern sich nach ihren eigenen Begierden Lehrer aufhäufen werden, um sich die Ohren kitzeln zu lassen; und sie werden ihre Ohren von der Wahrheit abwenden und sich dagegen unwahren Geschichten zuwenden“ (2 Tim 4,3-4).
Damit du nicht mit Genugtuung Verurteilungen und die üblen Nachre­den hörst, mit denen die anderen ihren Nächsten richten, sollst du sie unterbinden, wenn du kannst. Sonst aber sollst du nicht einmal innehal­ten, um ihnen zuzuhören. Denn Basilios der Große betrachtet als exkom­munikationswürdig nicht nur diejenigen, die schlecht über andere reden, sondern auch diejenigen, die ihnen Aufmerksamkeit schenken. Er sagt: „Wenn jemand gegen einen anderen redet oder wenn jemand einen ande­ren gegen einen Dritten reden hört und ihn nicht rügt, dann sollen beide exkommuniziert werden“ (Zitat aus den Rügen ohne Titel).
Du sollst dich auch davor in acht nehmen, an den nichtigen Worten und dem müßigen Gerede Gefallen zu finden, worin die meisten Men­schen aufgehen, denn es steht geschrieben, daß du nicht auf nichtige Dinge hören sollst (Ex 23,1). Auch Matthäus sagte: „Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tag des Gerichts Rechen­schaft ablegen müssen“ (Mt 12,36).
Um es kurz auszudrücken: Mensch, hüte dich, alle diese Worte zu hören, die imstande sind, deiner Seele zu schaden. Es sind hauptsächlich die schmeichelnden Worte, über welche Jesaja sagte: „Mein Volk, deine Führer führen dich in die Irre, sie bringen dich ab vom richtigen Weg“ (Jes 3,12). Höre mit Vorliebe die göttlichen Worte, die heiligen Melodien und Psalmen und alles, was heilig und weise ist und der Seele nützt. Vor allem sollst du alle Unehre und Beschimpfungen, die du von anderen erleidest, für Gott mit Geduld ertragen.
Schütze drittens deinen Geruchssinn vor den Düften, Parfüms und anderen aromatischen Gerüchen. Du sollst sie nicht für dich verwenden und nicht einmal an ihrem Geruch Gefallen finden. Denn alle diese Dinge schwächen die Tapferkeit der Seele und fördern die Begierden und Leidenschaften. Sie bewirken, daß sich bei denjenigen, die diese verwenden, die folgenden prophetischen Worte erfüllen: „… daß es statt Balsamöl nur Modergeruch geben wird“ (Jes 3,24).
Du sollst viertens deinen Geschmacksinn und deinen Magen schützen, damit sie nicht der Sklaverei der üppigen, leckeren Speisen und der guten Getränke verfallen. Denn diese luxuriösen Tafelfreuden haben dich bereits vor dem Genuß zu schmeichelnden Worten, Lügen und zu vielen anderen Leidenschaften verführt und werden dich danach in die Grube der fleischlichen Lust und der tierischen Begierden werfen und die prophetischen Flüche von Arnos auf dich herabbeschwören: „(Wehe euch) … Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern. Zum Essen holt ihr euch Lämmer aus der Herde und Mastkälber aus dem Stall“ (Am 6,4).
Unterlasse fünftens körperliche Berührungen, wenn sie nicht absolut notwendig sind. Denn obwohl der Tastsinn primitiver als die anderen Sinne ist, bewegt er doch die Leidenschaft des Fleisches umso sinnlicher und lebendiger und stürzt den Menschen bis an den Rand der Sünde. Die anderen Sinne dienen dem Tastsinn und arbeiten aus der Ferne für die Sünde. Denn sobald man zu dem Punkt gelangt, wo man anfängt zu berühren, ist es schwer, Selbstbeherrschung zu üben und keine Sünde zu begehen.
In den Bereich des Tastsinns gehört auch der Schmuck des Kopfes, des Körpers und der Füße. Aus diesem Grund nimm dich davor in acht, deinen Körper mit weichen, bunten und glänzenden Kleidern einzu­hüllen oder mit äußerst teuren Kopfbedeckungen oder mit wertvollen Schuhen zu schmücken. Denn diese Dinge fördern den Stolz und die Eitelkeit.
Du sollst bescheiden und demütig nur das tragen, was gegen die Kälte des Winters und die Hitze des Sommers zur Erhaltung des Körpers notwendig ist, damit du nicht auch das hörst: „Du hast deine guten Sachen in deinem Leben zu Genüge genossen“ (gemäß Lk 16,25) und über dich der Fluch kommt, von dem Ezechiel sagt: „Die Kronen werden von ihren Köpfen entfernt werden, ihre glänzenden Kleider werden sie abstreifen“ (gemäß Ez 26,16).
Mit dem Tastsinn haben auch alle Bequemlichkeiten des Körpers zu tun, wie die aufwendigen Frisuren und die Pflege des Bartes oder die schönen teuren Wohnungen, die weichen Betten und Sessel. Du sollst dich vor allen diesen Dingen hüten, denn sie schaden deinem Verstand und erwecken die Leidenschaften (Am 6,4).
Alle diese Dinge, die ich bis jetzt angeführt habe, beziehen sich auf das Irdische und zwar auf die Erde, wo der böse Feind im Sinnbild der Schlange zum Fressen verurteilt wurde. Diese Dinge sind die Materie, die Nahrung, mit der sich alle fleischlichen Leidenschaften ernähren. Wenn du sie nicht unterschätzt, als wären sie harmlos für dich, sondern vielmehr tapfer kämpfst und ihnen nicht erlaubst, über deine Sinne in die Seele und das Herz einzudringen, dann darf ich dir versichern, daß du den bösen Feind leicht besiegen wirst, daß du den Sieg über die Leiden­schaften erringen wirst und binnen kurzer Zeit als großer Sieger aus diesem unsichtbaren Krieg hervorgehen wirst. Denn es steht geschrieben, daß der böse Feind verschwand, weil er keine Nahrung mehr fand (Hiob 4,11). ( Der Mönch Iobios sagt gemäß Myriobiblos Fotios, daß hier der böse Feind den Namen Ameisenlöwe trägt, weil er am Anfang den Menschen zu kleinen Sünden verführt, um ihn nachher in große Sünden zu stürzen. Am Anfang scheint er schwach und klein zu sein wie eine Ameise, aber nachher springt er wie ein großer Löwe auf den Sünder.)

Was wir zu tun haben, wenn wir im Kampfe verwundet worden sind.

Wenn du verwundet daliegst, weil du wegen deiner Schwäche, manchmal auch mit Überlegung und aus Bosheit irgendeinen Fehler begangen hast, so beunruhige dich deshalb nicht, sondern wende dich sofort zu Gott und sprich zu ihm: „Sieh her, mein Herr, ich habe gehandelt, so wie ich bin, man könnte von mir, der ich so böse und schwach bin, auch nichts anderes erwarten außer den Fall und die Niederlage.“
Verweile ein wenig bei diesen Gedanken, indem du dich in deinen eige­nen Augen erniedrigst und die Beleidigung bereust. Und ohne daß du beunruhigt oder verwirrt wirst, bekunde Entsetzen über deine schlech­ten Eigenschaften und besonders über jene Leidenschaft, welche den Fall verursacht hat, und sprich weiter: „0 Herr, meine Leidenschaft hätte selbst hier nicht innegehalten, wenn du mich nicht in deiner Güte daran gehindert hättest.“
Danke ihm und liebe ihn mehr denn je, indem du seine große Barm­herzigkeit bewunderst. Denn obwohl er von dir Schaden erlitten, bietet er dir seine rechte Hand an und hilft dir, damit du nicht wieder in Sünden verfällst. Schließlich sage mit großem Mut und mit Vertrauen auf seine unendliche Barmherzigkeit: „Du, mein Herr, veranlasse als derjenige, der du bist, daß mir vergeben wird, und laß nicht zu, daß ich von nun an getrennt von dir lebe, laß nicht zu, daß ich mich von dir entferne und daß ich dir weiteren Schaden zufüge.“
Hast du diese Gefühle erweckt, so denke nicht weiter nach, ob Gott dir verziehen habe oder nicht; denn dies ist nichts anderes als Stolz, Unruhe des Sinnes, Zeitverlust und List des bösen Feindes, der dich mit verschie­denen Vorwänden täuscht. Überlaß dich daher der liebevollen Hand Gott­es und setze deine Übung fort, wie wenn du nicht gefallen wärest, auch wenn du öfters am Tag wegen deiner Schwäche sündigst. ( Die Kapitel 26 und 27 des 2. Teiles des Buches zeigen uns deutlicher, daß die Sünden, die in diesem Kapitel behandelt werden, keine Todsünde n sind, daß jenigen, die solche Sünden begehen, nicht solche Menschen sind, die gleichgültig dahinleben und immer wieder Todsünden begehen. Denn diejenigen, die Todsünden begehen, müssen geplagt werden, müssen mit großen Schmerzen von Herzen weinen und immer wieder ihr Gewissen untersuchen und beichten. Sie sollen auch die entsprechende Traurigkeit bekunden, aber nicht durch übertriebene Traurigkeit in Verzweiflung geraten. Hier sind in erster Linie diejenigen angesprochen, die ein geisti­ges Leben führen und die in der Tugend kämpfen. Wenn sie solche Übertretungen begehen, dann sollen sie nach dem Rat dieses Kapitels handeln. Dieser Abschnitt aber nützt jedem Menschen, der irgendwie sündigt. Welche Übertretungen unter den Begriff tödliche Sünden fallen und welche nicht, das wird am Anfang des 2. Kapitels im 2. Teil behandelt.)
Solltest du wegen deiner Schwäche öfter am Tag Niederlagen erleiden und mehrere Wunden erhalten, dann handle so, wie ich es dir erklärt habe, jedesmal mit der gleichen Hoffnung auf Gott. Verachte immer mehr dich selbst, hasse immer mehr die Sünde und bemühe dich, be­hutsamer zu sein.
Diese Übung mißfällt dem bösen Feind sehr, denn er sieht, daß sie Gott sehr gefällt, derweil er selbst dadurch beschämt wird, von demjenigen besiegt zu werden, den er vorher als ihm unterlegen betrachtet hat. Deshalb wendet er vielfältige trügerische Mittel an, um uns daran zu hindern, diese Übung auszuführen. Oft erreicht er sein Ziel wegen unserer Nachlässigkeit und weil wir selbst nicht aufpassen. Aus diesem Grund mußt du dich um so mehr zusammennehmen, wenn dir der Feind Schwierigkeiten bereitet, und beeile dich, diese Übung öfter durchzuführen, auch wenn du nur ein einziges Mal ge­fallen bist. Und wenn du nach dem Fall in Unruhe, Verwirrung und Verzweiflung gerätst, so sei bestrebt, durch dieses Mittel den Frieden, die Ruhe des Herzens und sogleich das Vertrauen wieder zu ge­winnen. Mit diesen Waffen ausgerüstet, wende dich zum Herrn; denn die Unruhe, welche du wegen der Sünde empfindest, kommt nicht aus der Angst, daß du Gott schädigst, sondern rührt von der Angst her, daß du verurteilt wirst.
Die Methode, urn den Frieden wieder zu erlangen, ist, deinen Fall und deine Sünden gänzlich zu vergessen. ( Hier ist die Geschichte aus dem „Gerontikon“ passend, worin ein Mönch in Gedanken der Unzucht verfiel. Da belästigten ihn innerlich die Gedanken der Verzweiflung derart, daß er seine Seele verlor und es keine Rettung mehr gab. Da sagte dieser erfahrene Kämpfer des unsichtbaren Krieges in seinen Gedanken: „Ich habe nicht gesündigt, ich habe nicht gesündigt“, bis er sich in seine Zelle ein­geschlossen hatte. Nachdem sein Herz den Frieden gefunden hatte, bekundete er die entsprechende Reue für seine Sünde. Deshalb erklärte ein anderer Geron, der die Gabe des Unterscheidungsvermögens besaß, daß dieser Mensch zwar fiel, aber wieder aufstand und siegte.) Du sollst nicht darin aufgeben, über die unsagbare Güte Gottes nachzudenken und daß er bereit ist und sich sehr wünscht, jede Sünde zu vergeben, ungeachtet, wie schwer sie sein mag. Er lädt den Sünder auf vielerlei Wege ein, zu ihm zu kommen, damit er sich in diesem Leben durch seine Gnade mit ihm ver­einigt und im anderen Leben ihn durch seine Herrlichkeit heiligt und ihn ewig selig macht. Nachdem du mit solchen Gedanken deinen Sinn befriedest, wende dich dann deinem Fall zu und handle so, wie ich es dir vorher beschrieben habe. Dann zur Zeit der Beichte, die du oft able­gen sollst, erinnere dich an all deine Sünden, an die Schmerzen und die Traurigkeit wegen des Schadens, den du Gott angerichtet hast und fasse den Entschluß, ihm nicht weiterhin zu schaden. Offenbare deinem Geist­lichen alle deine Sünden und verrichte bereitwillig die Buße, die er dir auferlegt.

Über das Gebet.
Obwohl in diesem Krieg das Mißtrauen gegen uns selbst, das Vertrauen auf Gott und die Übung so unerläßlich sind, wie wir bereits erwähnt haben, so ist es noch viel mehr das Gebet. Das Gebet ist die vierte der Waffen, die wir im 1. Kapitel angeführt haben. Durch das Gebet können wir von unserem Herrn nicht nur jene vortrefflichen Dinge empfangen, die wir vorher erwähnt haben, sondern auch jedes andere Gute. Denn das Gebet ist das Mittel und das Instrument, um alle die Gnaden zu empfangen, die uns von diesem Quell der Liebe und der Güte, nämlich von Gott selbst, überfließen. Mit dem Gebet legst du das Schwert in Gottes Hand, damit er für dich kämpft und für dich siegt. Damit du dieses Gebet richtig durchführst, ist es notwendig, es immer und ge­wohnheitsmäßig zu sprechen, und du mußt dich bemühen, die folgenden Dinge zu beachten:
Du sollst in dir immer ein lebendiges Verlangen haben, Gott in allem und auf die Art, wie es ihm am besten gefällt, zu dienen. Um dieses Verlangen in dir anzuregen, bedenke wohl, daß Gott wegen seiner über alle Maßen wunderbaren Vorzüge, seiner Güte, Größe, Weisheit, Schön­heit und aller seiner unzähligen Vollkommenheiten, es mehr als verdient, von dir einen Dienst zu empfangen und geehrt zu werden. Denn um dir zu dienen, wurde er gequält und hat sich 33 Jahre abgemüht. Er heilte deine stinkenden Wunden, die durch die Bosheit der Sünde vergiftet waren, nicht mit Wein, Öl und Pflaster, sondern mit seinem kostbaren Blut, das aus seinen heiligen Adern und seinem reinen Fleisch geflossen ist, das durch die Geißelungen, die Dornen und die Nägel aufgerissen wurde.
Weiters denke darüber nach, wieviel Vorteil und Nutzen uns dieser Opfergang Jesu bringt. Denn wir wurden befreit, wir wurden dadurch zu Herren über uns selbst, zu Bewältigern des bösen Feindes und zu freien Kindern Gottes.
Du sollst überdies in dir einen lebendigen Glauben und das feste Vertrauen haben, daß dir Gott all das geben will, dessen du zu seinem Dienst und zu deinem Heile bedarfst.
Dieser heilige Glaube und dieses Vertrauen sind das Gefäß, welches die göttliche Barmherzigkeit mit den Schätzen ihrer Gnaden füllt, und je größer und geräumiger dieses Gefäß ist, desto mehr Reichtümer leitet das Gebet in unseren Schoß. Wie wäre es möglich, daß der unwandelbare allmächtige Gott es verfehlt, uns zu Teilhabern seiner Gnaden zu machen, wenn er uns selbst geboten hat, ihn um die Gnaden zu ersuchen? Und er hat sogar versprochen, uns seinen Geist zu geben, wenn wir ihn mit Vertrauen und Ausdauer darum bitten. Denn er sagt: „… wieviel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten“ (Lk 11,1). Und gemäß Matthäus: „Und alles, was ihr im Gebet erbittet, werdet ihr erhalten, wenn ihr glaubt“ (Mt 21,22).
Du sollst dich dem Gebet mit der geistigen Einstellung nähern, daß du nur seinen göttlichen Willen und nicht deinen eigenen wünschst. Das soll sowohl beim Ersuchen als auch beim Empfangen geschehen. Das heißt, daß du zum Beten bewegt wirst, weil Gott es so will und daß du wünschst, daß er dein Gebet erhört, weil er es so wünscht. Kurz gesagt, es soll deine Einstellung sein, deinen Willen mit dem Willen Gottes zu vereinigen und nicht den Willen Gottes deinem eigenen Willen zu unterwerfen.
Und warum das? Weil dein Wille durch die Selbstsucht verunreinigt ist, oft Fehler begeht und nicht erkennt, worum er bittet. Der Wille Gottes aber ist immer mit unaussprechbarer Güte verbunden, und es ist unmöglich, daß er je einen Fehler begeht. Aus diesem Grund ist Gottes Wille der Kanon und der König über jeden anderen Willen, und alle vernunftbegabten Geschöpfe müssen ihm folgen und gehorchen.
Aus diesem Grund strebe immer nach den Dingen, die Gott wohlgefäl­lig sind, und wenn du im Zweifel bist, daß doch etwas von diesen Dingen ihm nicht gefallen könnte, dann sollst du darum bitten, indem du sagst, daß du es nur dann haben möchtest, wenn auch Gott es so will. Jene Dinge aber, die ihm wohlgefällig sind (wie zum Beispiel die Tugenden), diese sollst du lediglich erbitten, um ihm in erster Linie zu gefallen und ihm zu dienen und zu keinem anderen Zweck, auch wenn es ein geisti­ger sein sollte.
Du sollst mit Werken geschmückt zum Gebet gehen, die deinen Bitten entsprechen. Und nach dem Gebet sollst du mehr denn je bemüht sein, für die Gnaden und Tugenden, die du begehrst, Raum zu schaffen. Denn die Übung des Gebetes soll so mit der Übung der Selbstüberwindung verbunden sein, sodaß die eine der anderen wie im Kreislauf nachfolgt. Denn es hieße Gott versuchen, wenn man eine Tugend begehrte, sich aber keine Mühe gäbe, um dieselbe zu erwerben. Aus diesem Grund sagt auch der göttliche Jakobus: „Viel vermag das inständige Gebet eines Gerech­ten“ (Jak 5,16). ( Denn das wirksame Gebet ist nach dem hl. Maximos jenes Gebet, das durch entsprechende Werke begleitet wird, sowohl von jener Person, die betet, als auch seitens der anderen Person, zugunsten derer jemand betet.)
In diesem Gebet mußt du jene vier Punkte beachten, worüber der hl. Basilios der Große schreibt: Erstens sollst du Gott verherrlichen und lobpreisen. Zweitens sollst du ihm für die Wohltaten danken, die er dir gegenüber gewirkt hat. Drittens sollst du ihm das Bekenntnis ablegen, daß du ein Sünder bist und ein Übertreter seiner Gebote. Viertens sollst du darum bitten, daß es zu deiner Rettung gereicht. Zum Beispiel kannst du in folgender Weise beten: „0 Herr, der du mich aus Güte erschaffen und erlöst und so unzählige Male, daß ich es selbst nicht weiß, aus den Händen meiner Feinde befreit hast, komm mir jetzt zu Hilfe und versage mir das nicht, worum ich dich bitte, nämlich um die Rettung meiner Seele, obgleich ich mich so oft gegen dich empört und undankbar gegen dich gezeigt habe.“ Ist es eine besondere Tugend, welche du begehrst, und es steht dir eine Widerwärtigkeit zur Hand, um dich darin zu üben, so vergiß nicht, ihm für die Gelegenheit zu danken, welche er dir gegeben, denn auch dies ist keine geringe Wohltat.
Damit unser Gebet Kraft bekommt und damit Gott bewogen wird, unsere Wünsche zu erfüllen, sowohl in seiner natürlichen Güte und Barmherzigkeit als auch wegen der Verdienste des Lebens und des Leidens seines einzigen Sohnes und wegen der Verheißung, die er uns gab, unsere Gebete zu erhören, wirst du dein Gebet mit folgenden Worten beenden: „Gewähre mir diese Gnade, o Herr, um deiner unendlichen Barmherzigkeit willen. Mögen die Verdienste deines Sohnes mir das, was ich begehre, erwirken. Mein Gott, gedenke der Verheißungen, die du uns gegeben hast, daß du unser Gebet erhören wirst, als du sagtest: Wenn du rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: „Hier bin ich‘.“ (Jes 58,9).
Ein anderes Mal wirst du um Gnade bitten wegen der Verdienste der immerwährenden Jungfrau Maria und der anderen Heiligen, die über große Kraft verfügen und die von ihm sehr geehrt werden, weil auch jene in ihrem Leben seiner göttlichen Majestät die ihr gebührende Ehre erwiesen haben.
Weiter ist es notwendig, daß du fortwährend im Gebete verharrst; denn die demütige Beharrlichkeit überwindet alles, bewegt auch Gott zur Barmherzigkeit. Denk daran, wie im Evangelium die Beharrlichkeit der Witwe den Richter für ihre Bitte zugänglich machte, obwohl er voller Ungerechtigkeit und Bosheit war, gemäß dem Gleichnis des Herrn, das er deshalb erzählt hat, damit wir nicht aufgeben, sondern damit wir im Gebet ausharren (gemäß Lk 18,1). Er erzählte ihnen dieses Gleichnis, um ihnen zu sagen, daß sie allezeit beten und nicht müde werden sollten. Wenn dieser böswillige Richter für die Bitten der Witwe zugänglich wurde, wie sollte sich Gott, dem die Fülle der Güte innewohnt, unserem Gebete nicht zuwenden?
Wenn Gott zögern sollte, dein Gebet zu erhören oder wenn er dir gegenteilige Zeichen gibt, daß er dich nicht erhört, setze dein Gebet fort, indem du die Hoffnung, daß er dir helfen wird, lebendig bewahrst. Denn bei ihm gibt es keinen Mangel, sondern einen unendlichen Überfluss von allem, was ihn dazu bewegt, den anderen Gnade zu erweisen.
Aus diesem Grund sollst du, wenn der Mangel und die Ursache nicht auf dich zurückzuführen sind, sicher sein, daß du empfangen wirst, worum du bittest. Wenn du es nicht empfängst, weil es nicht zu deinem
Vorteil ist, dann wisse, daß du auch dann empfangen hast, weil du aus diesem Fehlschlag einen größeren Nutzen ziehen wirst. Je mehr du nicht erhört wirst, desto mehr demütige dich vor den Augen Gottes, und in dem Bewußtsein deiner Unwürdigkeit stütze dich auf die Barmherzig­keit Gottes und wachse weiter im Glauben und Vertrauen. Denn dieses Vertrauen wird, wenn es sich lebendig und kräftig erhält, Gott umso mehr gefallen, je mehr es bekämpft wird. Schließlich höre nicht auf, Gott stets zu danken, und erkenne seine Güte, Weisheit und Liebe ebenso an, wenn dir etwas abgeschlagen wird, wie wenn es dir gestattet worden wäre, indem du, was immer geschehen mag, dich mit unwandelbarer Zufrie­denheit seiner göttlichen Vorsehung demütig unterwirfst. ( Der hl. Chrysostomos sagt: „Das Gebet ist ein großes Gut, wenn es mit einem frohen Sinn verrichtet wird.“ Wir müssen uns selbst dazu erziehen, Gott zu danken, nicht nur, wenn wir empfangen haben, sondern auch, wenn wir nicht empfangen, weil er manchmal gibt und manchmal nicht gibt. Aber beides ist zu unse­rem Nutzen, soivohl, wenn du empfängst, als auch, wenn du nicht empfängst. Du hast empfangen, auch wenn du nicht empfangen hast, weil dann das Nichtempfangen das Nützlichere war. Genauso hattest du Erfolg, wenn du nicht Erfolg hattest.)


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