Das Betreten seiner Zelle

Es war kurz vor dem Ende seiner Klausur, dass der Starez das Betreten seiner Zelle wieder erlaubte. Eines Tages kam nach Sarow auch ein Gutsbesitzer mit Namen Michail Manturow. Bereits seit mehreren Jahren litt er an einer schweren und sehr schmerzhaften Fußlähmung, die ihm das Gehen unmöglich machte. Die Ärzte gaben ihm keine Hoffnung auf Genesung und lehnten es ab, ihn weiter zu behandeln. Auf den Rat seiner Verwandten entschloss sich Maturow, zu Vater Serafim nach Sarow zu fahren. Als er von seinem Diener in die Zelle gebracht wurde, fragte der
Starez voll Teilnahme: „Warum suchst du den armen Serafim auf?“
Manturow ließ sich zu Boden gleiten und bat unter Tränen um Heilung von seinem schweren Leiden.
„Glaubst du an Gott?“ – fragte der Starez.
Der Kranke bejahte mit Nachdruck, dass er glaube.
„Du meine Freude, wenn du so glaubst, dann glaubst du doch auch, dass der Gläubige alles von Gott zu erhalten vermag. Glaube daran, dass der Herr dich heilen wird, und ich armer Serafim werde für dich beten.“
Damit trat der Starez in einen nebenanliegenden Raum. Nach einer Weile kehrte er wieder zurück, forderte Manturow auf, seine kranken Füße zu entblößen und salbte sie mit einem Öl, das er mitgebracht hatte. „Durch die mir vom Herrn erteilte Gnade heile ich dich als ersten!“ Dann zog er über die gesalbten Füße Strümpfe aus weißer, ungewaschener Leinwand und gebot Manturow, zu gehen. Dieser versuchte es, und mit Staunen und unbeschreiblicher Freude merkte er, dass er fest und sicher auf dem Boden stand und sich wieder bewegen konnte. Dankbar und überglücklich fiel er vor dem Starez nieder und wollte seine Füße küssen. Doch der hob ihn auf und sagte streng:
„Hat denn Serafim die Macht, tot oder lebendig zu machen, in die Hölle hinab zubringen oder wieder aus ihr zu führen? Was denkst du, Väterchen? Das ist allein das Werk des Herrn, der den Willen derer, die ihn fürchten, ausführt und ihr Gebet erhört. Bringe deinen Dank dem allmächtigen Herrgott und seiner Allerreinsten Mutter dar!“ Die Zeit ging dahin, und Manturow wusste nicht, wie er seinen Dank darbringen sollte. Voll Furcht ging er wieder zum Starez. „Du meine Freude“ – sagte Serafim zu dem Eintretenden -, „wir haben doch dem Herrn zu danken versprochen dafür, daß er uns das Leben zurückgab!“
Manturow erwiderte: „Was befehlt Ihr mir?“ und wunderte sich im stillen, woher der Starez das alles wusste.
„Also, meine Freude, gib alles, was du hast, dem Herrn und nimm die freiwillige Armut auf dich!“
Der Gutsbesitzer kam in Verwirrung, denn er hatte eine solche Weisung nicht erwartet. Da fiel ihm der Jüngling aus dem Evangelium ein, zu dem der Heiland sprach: „Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen“… Aber er dachte auch daran, daß er zu Hause eine junge Frau hatte und wovon er leben sollte, wenn er sein Gut als Geschenk dahingehe. „Lass alles und sorge dich nicht um das, woran du jetzt denkst“, – sagte der Starez. „Der Herr wird dich weder in diesem noch im zukünftigen Leben verlassen; du wirst nicht reich sein, aber das tägliche Brot wirst du haben.“
Nach dem Segen des Heiligen verkaufte Manturow sein Gut, befreite seine Bauern und erwarb ein kleines Stück Land in der Nähe von Sarow. Das Geld für den Verkauf bewahrte er fürs erste bei sich und gab es später für das von Serafim gestiftete Jungfrauenkloster. Auch das kleine Stück fiel nach seinem Tode, wie er bestimmt hatte, an das Kloster.
Einmal – es war am 14. September 1824 – besuchte die Fürstin Kolontschakow den heiligen Starez, um seinen Segen zu empfangen. Sie hatte aber einen Bruder, der um diese Zeit an einem Feldzug weit unten im Kaukasus teilnahm, und da sie schon seit längerer Zeit ohne jede Nachricht von ihm war, kam sie zugleich in der Absicht, den Starez über ihn zu fragen. Noch ehe sie ihr Anliegen vorbringen konnte, begegnete ihr Serafim mit den Worten: „Du darfst nicht traurig sein, in jeder Familie gibt es Trauer!“ Drei Monate später erhielt die Fürstin von dem Regimentschef die Mitteilung, dass ihr Bruder in einem Gefecht gefallen sei.
Zwei Schwestern kamen nach Sarow. Während die eine ein paar kleine Geschenke mitbrachte, hatte die andere darauf vergessen. Sie bat ihre Schwester, ihr etwas davon abzugeben, und so gingen sie beide mit ihren Gaben zum Starez. Als die zweite ihm ein Fläschchen mit Öl für das ewige Licht überreichte, sagte Serafim: „Wenn du mir später wieder einmal etwas bringen willst, dann bringe mir von deinem eigenen“, und als er die Verwirrung der Frau bemerkte, fuhr er fort: „Du hast doch auf deinem Gut viele Bienenstöcke, vielleicht lässt du mir aus dem Wachs eine Kerze machen und bringst sie mir dann als Gabe!“
Auf dem Hofe des Bauern Worotilow erkrankte die Frau schwer. Worotilow war schon öfters in Sarow gewesen, und der Vater Serafim kannte ihn als einen gläubigen Menschen. Eines Abends verschlimmerte sich der Zustand der Frau zusehends. In seiner Not machte der Mann sich auf den Weg nach Sarow und kam gegen Mitternacht zur Hütte des Starez. Zu seiner Verwunderung sah er den Vater Serafim auf der Schwelle sitzen, als ob er jemand erwarte. „Nun, du meine Freude, was kommst du zu so später Stunde zum armen Serafim?“ Der Bauer erzählte ihm, dass seine Frau im Sterben liege, und bat um Hilfe für die Kranke. Der Starez erwiderte ihm aber, dass sie sterben müsse. Da brach Worotilow in Tränen aus und flehte ihn an, er möge doch seine Frau gesund machen. Serafim schloss die Augen und versank im Gebet. Nach einer Weile öffnete er sie wieder, hob den zu seinen Füßen Liegenden auf und sagte: „Sieh, du meine Freude, der Herr wird deiner Frau das Leben schenken. Geh nun in Frieden nach Hause!“ Bei seiner Ankunft auf dem Hof erfuhr Worotilow, dass gerade um Mitternacht seine Frau eine plötzliche Erleichterung verspürt hatte, die eine Wendung in der Krankheit brachte, und kurze Zeit darauf war sie wieder genesen.
Im Diweew-Jungfrauenkloster wurde am 8. September 1830 die neue Kirche, die von dem Gelde des Gutsbesitzers Manturow erbaut worden war, im Namen der Geburt der Mutter Gottes geweiht.
„ Nach der Weihe“ – erzählte der Priester dieser Kirche, Vater Wasilij Sadowskij -, „gingen wir, der Archimandrit Ioakim, der die Weihehandlung vollzogen hatte, Herr Manturow und ich zum Väterchen Serafim nach Sarow. Er war in seiner kleinen Hütte auf der Waldlichtung. Voll Freude begrüßte uns der heilige Starez und sagte dann zu dem Vater Archimandrit: „Väterchen, womit kann ich euch bewirten? Es geht doch nicht, dass ich euch nicht etwas vorsetze. Nun, ich habe für euch, weil doch heute ein so festlicher Tag ist, eine ganz besondere Labung bereit!“ Damit führte er mich zu einem Himbeerstrauch, wie ich zuvor nie einen gesehen hatte – denn noch war früher kein Strauch dieser Art auf der Lichtung gewachsen -, zeigte mir drei große und ganz reife Beeren und sagte: ,Nimm und gib sie unsern Gästen!‘ Betroffen stand ich da, und ohne es fassen zu können, nahm ich die Früchte ab. Lächelnd sagte der Heilige: „Kostet doch, kostet doch nur, damit der arme Serafim sich freut, weil er euch bewirten kann… Es war doch die Himmelskönigin, die euch bewirtet hat, mein Väterchen!“
Noch niemals habe ich Himbeeren von solcher Süßigkeit und zumal im September gegessen“ – schließt der Priester Sadowskij seine Erzählung.
Zur Zeit des polnischen Aufstandes (1831) marschierte einmal eine Kompanie am Sarow-Kloster vorbei. Der Kompaniechef, der ein sehr gläubiger Mann war, ließ seine Soldaten halten, um den Segen entgegenzunehmen. Der Starez erfüllte die Bitte, und plötzlich verkündete er, dass keiner von der Mannschaft sterben werde. Die Kompanie machte den ganzen polnischen Feldzug mit, nahm auch an dem Sturm auf Warschau teil, und wirklich kehrten alle Soldaten gesund in ihre Garnison zurück.
Eine Frau erzählte folgendes: „Ich war noch ein junges Mädchen von ungefähr zwölf Jahren, als ich einmal mit meiner Mutter den Vater Serafim besuchen ging. Unterwegs begegneten wir einem armen Mann, der sehr arm und bedürftig aussah. Und in großem Mitleid gab ich ihm einen halben Rubel – alles, was ich bei mir hatte. Als wir in die Zelle eintraten, segnete mich der Starez und sagte: „Das ist gut, Exzellenz, dass du dem Armen einen halben Rubel gabst.“ Meine Mutter war damals höchst verwundert über diese Worte und ganz besonders über die Anrede, deren Bedeutung ihr erst viele Jahre später klar wurde, als ich einen General heiratete.“
Manturows Frau war eine Deutsche aus Estland, die er dort zur Zeit seines Militärdienstes geheiratet hatte. Sie konnte nicht russisch lesen und es sehr wenig sprechen. Sie besuchte auch den Starez, den sie sehr tief verehrte. Dieser sagte ihr oft: „Mütterchen, du musst die Lebensbeschreibung der heiligen Matrona lesen und ihr nachfolgen“
„Väterchen Serafim, aber ich kann doch nicht kirchenslawisch lesen!“ (Die Vita war kirchenslawisch gedruckt.)
„Du musst sie lesen, du mußt sie lesen“, wiederholte er immer wieder.
„Merkwürdig“ – erzählte später Frau Manturow -, „dass ich, eine Deutsche, die nicht russisch lesen konnte, das Buch zur Hand nahm und ganz leicht die kirchenslawische Schrift aufnahm.“
Einmal brachte man dem Starez einen Kranken in seine Zelle. Serafim wandte sich zu ihm und sagte:
„Du meine Freude, bete, und ich werde auch für dich beten, aber sieh zu, dass du still liegst und dich nicht umwendest.“
Nach einer Weile, da die Ungeduld und die Neugierde des Kranken immer stärker werden, dreht sich dieser um und sieht: der Heilige steht in der Luft! Bei dem unerwarteten Anblick stößt er einen Laut der Überraschung aus. Nachdem er sein Gebet beendet hatte, trat der Starez zu ihm.
„Nun wirst du wohl allen erzählen, dass Serafim ein Heiliger ist: betet in der Luft!… Gott behüte dich … Und du, halte Schweigen und sprich von dem, was du eben gesehen hast, zu niemand, bis zu meinem Tod; sonst kehrt dein Leiden wieder.“
Nach dem Tode Serafims erzählte der Geheilte, was er gesehen hatte.
Ebenso beobachteten drei Nonnen aus dem Diweew-Kloster, als sie an einem Tage durch den Wald gingen, wie Vater Serafim durch die Luft schritt, in geringer Höhe über eine Blumenwiese hinweg nicht weit von seiner Hütte. Das war ein Jahr vor seinem Tod.
Im September 1831 kam nach Sarow der Richter Nikolaj Motowilow. Dieser fromme Mann besaß die ganz besondere Liebe des Starez. Drei Jahre lag er schwerkrank mit gelähmten Gliedern und vielen Wunden am Körper. In seinen nachgelassenen Aufzeichnungen schreibt er:
Am 5. September 1831 wurde ich nach Sarow gebracht. Am 7. und 8. September, dem Tag der Geburt der Mutter Gottes, würdigte mich der Starez Serafim zweimal, sich mit mir zu unterhalten, vor- und nachmittags in seiner Klosterzelle. Am 9. September wurde ich von fünf Menschen nach der Waldlichtung zur Hütte getragen. Der Starez unterhielt sich gerade mit vielen Leuten. Ich wurde unter einer großen Fichte, die heute noch steht, auf den Boden gelegt. Auf meine Bitte, mir zu helfen, sagte der Vater Serafim:
„Ich bin kein Arzt; wer sich von irgendeiner Krankheit heilen lassen will, muss sich an einen Arzt wenden.“
Ich erzählte ihm ausführlich, dass ich bei den besten Ärzten von Kazan in Behandlung gewesen sei, dann bei dem Schüler des bekannten Homöopathen Hahnemann, dass mir aber keiner habe helfen können. Und ich fühle, dass mir Sünder nur Gott helfen könne.
„Glaubet Ihr an den Herrn Jesus Christus, dass er ein Gottmensch ist und an seine Allerheiligste Mutter, dass sie eine Allerreinste Jungfrau ist?
Ich antwortete: Ja, ich glaube.‘
„Und glaubet Ihr, dass der Herr, wie er früher in einem Augenblick und mit einem einzigen Wort oder durch eine Berührung alle Leiden heilte, auch heute genau so leicht und in einem Augenblick den, der seine Hilfe erbittet, heilen kann, und dass durch sein Wort und den Beistand der Mutter Gottes es uns möglich ist, auch jetzt in einem Augenblick und mit einem Wort zu heilen?“
Ich antwortete: „Ich glaube wahrhaftig aus ganzem Herzen und ganzer Seele, und wenn ich nicht glaubte, hätte ich doch nicht befohlen, mich zu Euch zu bringen.“
„Wenn ihr so glaubt, dann seid Ihr schon gesund.“
„Wie denn gesund“ – sagte ich -, wenn Ihr und die Leute mich mit den Armen stützen müssen!“
„Nein, Ihr seid am ganzen Körper genesen, und Ihr seid vollkommen gesund.“
Und der Starez gebot den Leuten, die mich hielten, beiseite zu gehen, er selbst aber nahm mich bei den Schultern, hob mich vom Boden auf, stellte mich auf die Füße und sagte:
„Nun steht fest! Stellt die Füße nur fest auf den Boden … So, so, habt keine Angst, Ihr seid jetzt vollkommen gesund“, und dann sagte er: „Also, seht Ihr, wie gut Ihr schon stehen könnt!“
Ich antwortete: Ja, darum, weil Ihr mich so gut führt.‘
„Nein, Ihr könnt jetzt schon ohne mich gehen, und Ihr werdet immer gehen. Die Mutter Gottes selbst hat den Herrn gebeten, und er hat Euch vollkommen geheilt. Geht doch nur!‘
Und als ob ich eine ganz besondere Kraft in den Füßen fühlte, ging ich einige Schritte hin und her; aber der heilige Starez hielt mich an und sagte:
„Genug für heute! Die drei Leidensjahre haben Euch sehr geschwächt, fangt ganz langsam zu gehen an und schont Eure Gesundheit, die jetzt eine kostbare Gabe des Herrn geworden ist. Der Herr hat die Schlechtigkeiten von Euch weggenommen und Euch von Sünde gereinigt. Seht doch, welches Wunder der Herr an Euch vollbracht hat und glaubt nun alle Zeit ohne Zweifel an seine Gewogenheit.“
Nach dem Segen des Starez ging ich vorsichtig mit Hilfe eines Dieners in Gegenwart vieler Leute zu meinem Wagen zurück …
Ich habe dann später oft den heiligen Starez besucht und lange und ernste Gespräche mit ihm geführt. Der letzten Unterweisung des heiligen Vaters Serafim wurde ich im November 1831 gewürdigt, als ich das Glück hatte, ihn im gnadenvollen Zustand zu schauen und seinen Worten auf der Waldlichtung zu lauschen. Er hat mir auch noch viele Geheimnisse über das künftige Schicksal Rußlands vorausgesagt.“

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