Das Leben des Hl.Nil Sorskij

Nil ist der Sproß einer adligen Familie (geb. 1433) aus der Gegend von Moskau. Sein Asketenleben begann er in den Beloozero-Urwäldern im Kyrillo-Belozerskij-Kloster, das der heilige Kyrill Belozerskij (11427) gegründet hatte, ein Mönch aus dem Kloster des heiligen Sergij von Radonesch. Dort empfing Nil die Mönchsweihe und teilte sein Leben zwischen Gebet, Fasten und Klosterarbeit, die, wie die Zeitgenossen berichten, besonders schwer war. Hier konnte aber seine reich befähigte und mystisch veranlagte Natur keine volle Befriedigung finden. So pilgerte er mit einem andern unermüdlichen Streiter, namens Innokentij, nach dem Athos, um dort nach neuen Möglichkeiten und Anregungen zu suchen.
Nil besuchte viele Klöster auf dem Heiligen Berg. In den Zellen und Höhlen der Starzen-Hagioriten verbrachte er mehrere Jahre. Unter ihrer Führung erhielt er die notwendigen Aufschlüsse über das Wesen des asketischen Lebens, über die „Praxis“ und „Theoria“, über das „Geistige Gebet“, die „Bewahrung des Herzens“ und „das Nüchternsein des Verstandes“. Er studierte den ganzen Reichtum asketischer Überlieferung, „den blumenreichen Garten christlichen Lebens und christlicher Weisheit“, wie „eine Biene von einer schönen Blume zur schöneren fliegend“, um „seine erstarrte Seele zu beleben und zur Rettung bereit zu machen“, und erweiterte und vertiefte seine mystischen Neigungen und Anschauungen. Hier erlebte er zum erstenmal die Schönheit des Versunkenseins in Gott, die geistliche Freude am „paradiesischen Festmahl“, deren die Streiter der Abgeschiedenheit durch die göttliche Gnade gewürdigt werden.
Nil schöpfte sein Wissen, wie wir aus seinen Schriften feststellen können, hauptsächlich aus den Werken der großen christlichen Väter. Der heilige Antonius der Große, Basilius der Große, Ephram der Syrer, Makarius der Ägypter, Isaak der Syrer, Johannes Climacus, Abt Dorotheus, Maxi-mos Confessor, Symeon der Neue Theologe, Nil von Sinai, Gregor der Sinait u. a. waren seine Lehrer. Es sind die Väter, die immer bestrebt waren, die ganze klösterliche Askese auf eine mystische Grundlage zu stellen. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn Nil seine Gedanken sehr oft durch Stellen aus Gregor dem Sinaiten bekräftigt. Auf dem Athos war die Erinnerung an dessen Wirksamkeit noch sehr lebendig, und gar mancher Starez, den Nil aufsuchte, mag ein treuer Hüter von Gregors asketisch mystischen Anschauungen gewesen sein. In der geistigen Führung konnte Nil Hand und Willen des großen Lehrers überall noch feststellen.
In hohem Maße erfüllt und getragen von den starken Eindrücken seines Aufenthaltes, kehrte Nil in die Heimat zurück. Jetzt suchte er, zusammen mit Innokentij, ein neues Leben in der Abgeschiedenheit zu beginnen und sich von der Welt völlig loszulösen. Im Dickicht der Urwälder an dem kleinen Flüßchen Sora, in einiger Entfernung vom Kyrillo-Belozerskij-Kloster, siedelten sich die beiden an.
Nils geistige Widersacher, der heilige Josif von Woloko-lamsk [t 1515J57 und der Metropolit Daniii [t 1547]58, die ihre religiös-asketischen und kirchlichen Anschauungen auf den Begriff von „Moskau, dem Dritten Rom“ gründeten und das Siegel von Byzanz der Kirche des Moskauer Reichs aufdrückten, brachten es zuwege, daß seine Auffassung längere Zeit in Vergessenheit geriet. Erst im 18. Jahrhundert griff der Starez Paisij Welitschkowskij wieder auf sie zurück, indem er die Schriften Nils ans Tageslicht hob und sie zum Ausgangspunkt für sein eigenes Schaffen zum Zwecke der Erneuerung des Starzentums nahm.
Nil und seine Schüler waren bestrebt, ein streng geregel¬tes Leben in den Klöstern und Einsiedeleien einzuführen und die Klostergüter an den Staat zurückzugeben. Man nannte sie deswegen „die Uneigennützigen“. Sie kündigten eine Klosterreform an, die von weittragender Bedeutung für das gesamte kirchliche Leben hätte werden können, wenn ihr nicht der Erfolg versagt geblieben wäre.
Nach dem Misslingen seiner Pläne zog sich Nil wieder in seinen Skit zurück, um fortan nur noch sich und seinen Schülern zu leben und über das Heil ihrer Seele zu wachen. Die Vita des „großen Starez und Gründers des Skitiebens in Rußland“ – diesen Namen hat nur er in der Geschichte des alten Klosterwesens erhalten – ist uns leider verlorengegangen. Nur auf Grund seiner und seiner Schüler Schriften können wir seinen Lebenslauf ungefähr verfolgen. Dass uns über seine äußeren Lebensumstände so wenig überkommen ist, das ist vielleicht das schönste Lob für den christlichen Asketen, der dem irdischen Dasein erstorben ist und nur im Schauen der Überwelt lebt.
Merkwürdig bleibt, dass sich nicht feststellen lässt, wann der Starez heiliggesprochen wurde. Die alten Aufzeichnungen der russischen Kirche widersprechen hierin einander. Man kann aber als Zeitpunkt etwa das Ende des 18. oder den Anfang des 19. Jahrhunderts annehmen, obwohl das russische Volk ihn schon längst als einen Heiligen verehrte.
Auf dem Sterbebett, „keine Ehre der irdischen Welt wün-schend“, befahl der Starez seinen Schülern, seinen Leib in die Einöde zu werfen, damit die Tiere und Raubvögel ihn zerreißen sollten, weil er vor Gott viel gesündigt habe und nicht würdig sei, begraben zu werden. Er starb am 7. Mai 1508. Ein halbes Jahrhundert später befahl Zar Iwan der Schreckliche, der die Verdienste Nils um das Klosterleben zu schätzen wußte, daß man eine Kapelle aus Stein über seinem Grab errichte. Aber ein Sturm zerstörte sie bald darauf bis auf den Grund. So hatten die himmlischen Mächte dem Wunsch des Heiligen Gehör geschenkt.
In vollständiger Abgeschiedenheit lebten Nil und sein Mitstreiter Innokentij in ihren Hütten am Ufer der Sora. Im Laufe mehrerer Jahre hatte sich eine kleine Schar von Brüdern angesammelt, denn im alten Rußland gab es überall und zu allen Zeiten Leute, die den Wunsch hatten, in den „engelgleichen Stand“ der Mönche einzutreten. Innokentij zog sich bald weiter nach Osten in die Waldgebiete von Wologda zurück. Nil behielt die Führung seiner immer zahlreicher werdenden Schüler, der „Uneigennützigen“, die seine asketischen Anschauungen in die Klöster und Einsiedeleien Nordrußlands weitertrugen.
In seiner Einsiedelei ordnete Nil an, daß die strenge asketische Regel durchgeführt wurde. Die Brüder lebten allein oder zu zweien in kleinen Zellen, die im Wald verstreut in geringer Entfernung voneinander standen,- nur zum Gottesdienst kamen sie zusammen. Es war der erste Versuch, in den einsamen Tannenwäldern des Nordens ein Leben nach dem Muster der ägyptischen oder sketischen Einsiedler zu führen. Darum nannte man diese kleinen Einsiedeleien in Rußland „die Skity“, von „Skit“ = Sket.
Nil Sorskij hat einige sehr wertvolle Schriften und eine Anzahl von Briefen hinterlassen, die uns erhalten geblieben sind. Sie geben uns die Möglichkeit, in die Eigenart seiner Auffassung, die für die altrussische Askese immer merkwürdig und bedeutsam bleiben wird, wichtige Einblicke zu gewinnen.“ In einem Brief an Innokentij schreibt der Starez über seine Tätigkeit im Skit:
„Ich schreibe Dir, um Dir Bescheid über mich zu geben, da Deine Liebe im Namen Gottes mich bewegt und mich eilen lässt, Dir von mir zu berichten.
Du weißt selbst aus der Zeit, da wir noch zusammen im Kloster lebten, wie sehr ich mich vom Getriebe der Welt fernhalte und nach besten Kräften den göttlichen Schriften gemäß handle, die ich aber aus Trägheit und Unachtsamkeit nicht erfüllen kann.
So baute ich mir auch, als ich von meiner Wanderschaft ins Kloster zurückkehrte, eine Zelle außerhalb des Klosters, und so lebe ich nun hier so gut, wie ich es nach meinen Kräften vermag. Jetzt habe ich mich also nicht weit vom Kloster niedergelassen, weil mit Gottes Gnade dieser Ort mir wohl gefällt, den Weltmenschen aber nicht gar bequem liegt für ihre Besuche, wie du selbst weißt.
In der Hauptsache erforsche ich die göttlichen Schriften, an erster Stelle die Gebote des Herrn und ihre Auslegungen, sodann die Überlieferungen der Apostel. Dazu noch die Vitae und Lehren der heiligen Väter – und dieses alles mit großer Aufmerksamkeit; und so ich es verstehe, schreibe ich es dem Herrn zu Gefallen und zum Nutzen der Seele nach und erlerne es; hierinnen ist mein Leben und mein Atem.
Und wo fern es mir begegnet, dass ich etwas zu tun habe, was ich in den heiligen Schriften etwa nicht finde, lasse ich es beiseite, solange ich nichts gefunden habe: da ich doch nach meinem Willen und meiner Vernunft nichts tun darf. Und so jemand mit geistiger Liebe mir anhangt, so rate ich ihm in gleicher Weise zu tun, und im besonderen Dir, da Du doch von Anfang an von geistiger Liebe zu mir erfüllt warst. Also, wenn Du das nämliche willst, handle nach den heiligen Schriften und sei besorgt, in dem Maße, wie Du es verstehst, die Gebote Gottes und die Überlieferungen der heiligen Väter zu erfüllen.“

Hl.Nil Sorskij

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