Dieses ergänzende Dokument bietet eine detaillierte Analyse der Unterschiede und Beziehungen zwischen den orthodoxen, katholischen, protestantischen und altkatholischen Kirchen. Es beleuchtet die dogmatischen Grundlagen, die historischen Entwicklungen und die zeitgenössischen Herausforderungen dieser christlichen Konfessionen, insbesondere im Kontext der ökumenischen Bewegung und der kirchlichen Einheit.
Die gut verständliche Abhandlung stammt von dem an der Theologischen Akademie von St. Petersburg ausgebildeten Theologen Erzpriester Alexios von Malzew, der sich besonders mit westlichen Konfessionen befasste und sich im benachbarten Deutschland als Theologe, Übersetzer aller Gottesdienstbücher aus dem Altslavischen ins Deutsche, Kirchenbauer und karitativ tätiger Priester auszeichnete. Wenn man seine Artikel liest, fühlt man sich in die Atmosphäre der Theologischen Akademien versetzt, die vor allem durch die Verwendung der Glaubensbekenntnisse des 17. Jahrhunderts – der Confessio Orthodoxe des Metropoliten Petrus Moghila und der Confessio Dosithei – geprägt war. Diese Glaubensbekenntnisse fanden dann wesentlichen Eingang in die monumentalen Schriftwerke über dogmatische Theologie des Metropoliten Makarij Bulgakov (1816–1882), dem späteren Metropoliten von Moskau, und wurden teilweise ins Französische und Deutsche übersetzt. Aber damit nicht genug: Hier gibt sich Erzpriester Malzew als entschiedener Gegner des Altkatholizismus und des Anglikanismus zu erkennen und wandelt damit in den Fußstapfen von Julian Joseph Overbeck (1820–1905), insbesondere in seinem ausführlichen Beitrag über die sogenannten altkatholischen Unionskonferenzen von 1874/75, an denen er teilnahm.
Orthodoxie und Altkatholizismus. «Germania»
Wir bringen im Folgenden einige interessante Betrachtungen der «Germania» über «Orthodoxie und Altkatholizismus» zum Abdruck. Wir hatten Gelegenheit, von Privat Briefen Einsicht zu nehmen, in welchen sich der Autor der betreffenden Artikel in ähnlicher Weise über die dogmatische Stellung und Krisis des Altkatholizismus äußert. Es ist das unabhängige und selbständige Urteil von dieser Seite doppelt interessant.
Von einem angesehenen Mitgliede der russisch-orthodoxen Kirche geht uns eine ebenso interessante, wie zeitgemäße Abhandlung über die gegenwärtig im Fluss befindliche Bewegung zu Gunsten einer Vereinigung der altkatholischen Kirche mit der Orthodoxie zu. In Rücksicht auf die Bedeutung der Angelegenheit wollen wir den Verfasser, der aus gewichtigsten Gründen ein ausgesprochener Gegner dieser Bewegung ist, gerne zu Wort kommen lassen. Derselbe lässt sich wie folgt vernehmen: Von einigen Freunden des Altkatholizismus wird denjenigen Theologen, welche die Ansicht aussprechen, dass der Altkatholizismus vielfach zur Orthodoxie in Widerspruch stehe und mehr zum Protestantismus hinneige, zum Vorwurfe gemacht, dass sie ihr Urteil über den Altkatholizismus nicht auf Grund offizieller Äußerungen der altkatholischen «Kirche», sondern privater Quellen sich bilden. Aus Nachstehendem wird sich ergeben, dass ein solcher Vorwurf nichtzutreffend ist. Allerdings sprechen sich die Katechismen der Altkatholiken, sowie die amtlichen Erklärungen ihrer Bischöfe über ihre Lehren nicht so eingehend, klar, deutlich und detailliert aus, wie es zu wünschen wäre, damit man mit Leichtigkeit ihre Lehre erkennen kann. Betrachten wir z. B. den «Christkatholischen Katechismus» der Schweizer Altkatholiken, Bern 1887 (III. Auflage 1896) und den «Katholischen Katechismus» der deutschen Altkatholiken, herausgegeben im Auftrage der altkatholischen Synode, Bonn (ohne Jahresangabe)! In beiden Katechismen ist nichts enthalten über die Frage, was die Altkatholiken über die Einheit der Person und die Zweiheit der Naturen in Jesu Christo lehren. Es ist umso schwieriger, unter diesen Umständen die Lehre der Altkatholiken zu erkennen, als einer der Gründer des Altkatholizismus, der verstorbene Professor Langen zu Bonn, erklärte, dass die Entscheidungen der ökumenischen Konzilien über Trinität und Christologie nur die Autorität Zu beanspruchen haben, welche für sie in Bibel und Tradition gründet ist». Haben denn nun die Altkatholiken die behelfenden Entscheidungen der ökumenischen Konzilien nach “Schrift und Tradition» geprüft, und zu welchem Resultat sind sie gelangt ? Und wenn nun später andere Altkatholiken, wozu sie volles Recht haben, eine neue Prüfung vornehmen zu einem entgegengesetzten Resultat gelangen, was dann ? Altkatholiken und Protestanten huldigen in religiösen Dingen dem Prinzipe der «freien Forschung», d. h. einem funkenlosen Subjektivismus, und müssen daher mit der Zeit zu einem Nullpunkt der Übereinstimmung, zur völligen Dogmenlosigkeit gelangen. So stimmen denn auch die beiden obengenannten Katechismen in wesentlichen Punkten nicht einander überein, z. B. in Bezug auf das heilige Sakrament der Busse. Der Bonner Katechismus antwortet S.60 hat auf Frage 263: „Bei dem Empfange des Bußsakramentes hat man seine Sünden von Herzen zu bereuen und zu beichten.“ (Wem, dem Priester oder einem beliebigen Laien?
Darauf S. 61 auf Frage 267: «Nur die schweren Sünden ist man verpflichtet zu beichten; man kann aber auch lässliche Sünden beichten.» Der Berner Katechismus hingegen erkennt keine Verpflichtung zur Beichte der einzelnen schweren Sünden an; er lehrt S. 86 §§ 113 und 114: «Man kann seine Sünden bekennen auf zweifache Art: entweder durch Teilnahme an einer Bussandacht der versammelten Gemeinde (ohne Einzelbekenntnis) oder dann durch geheime Selbstanklage vor einem Priester. Es ist rätlich (also niemals Pflicht), sich vor dem Priester besonders anzuklagen, wenn man von dem Priester besondere Ermahnung, Belehrung oder Beruhigung wünscht.» Ferner § 124: «Die Worte des Heilandes: «Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen» . . . beziehen sich auf die Sündennachlassung, welche die von Christus ausgesandten Jünger durch die Predigt des Evangeliums und die heilige Taufe den Menschen zuwenden sollten.» Hierdurch ist in der Tat die Verpflichtung zur Beichte der einzelnen Sünden vor dem Priester aufgehoben und besteht eine Differenz zwischen der Lehre der Katechismen der deutschen und Schweizer Altkatholiken. Einer der Gründer des Altkatholizismus, Dr. Joh. Friedr, von Schulte, sagt in seinem Werke: «Der Altkatholizismus» S. 621: «Somit ist das pästliche (mit dem 4. orthodoxen Kirchengebote conf. Orth. 1 § 90 übereinstimmende) Gebot, dass jeder Mündige alljährlich (wenigstens) einmal beichten muss . . . aufgehoben und damit die Anschauung beseitigt, dass der Katholik nur durch den Priester sein Heil wirken könne.» Wenn Schulte mit dieser Behauptung Recht hätte, dann wären die Priester, als zum Heil nicht I erforderlich, überflüssig, und die Protestanten hätten dann | Recht getan, das Priestertum abzuschaften. Hieraus ergibt sich, dass man schon aus den amtlichen Dokumenten ersehen kann, wie tief einschneidend der Unterschied zwischen Orthodoxie und Altkatholizismus ist, dass man aber trotzdem zur genaueren Erkenntnis der Prinzipien des Altkatholismus auch auf die Stimme seiner Gründer und bedeutendsten Theologen kommen muss. Um jeden Zweifel zu vermeiden, wäre es vielleicht ratsam, die altkatholischen Bischöfe zu einer offiziellen Erklärung darüber zu veranlassen, ob sie die einzelnen von der Orthodoxie abweichenden Lehren und Aussprüche ihrer namhaftesten Theologen und berufenen Religionslehrer billigen oder verwerfen. Allerdings hat es für die Altkatholiken, welche den Dogmen sehr frei gegenüberstehen, keine große Bedeutung, wenn unter ihnen Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Lehre bestehen. Sie legen den Dogmen keinen allzugrossen Wert bei. Joseph Ferk, Pfarrvikar der altkatholischen Gemeinden in Steiermark, sagt in seiner Schrift: Was ist altkatholisch ? (Graz 1901.) S. 7: «Dogmatische Erörterungen lassen doch das Herz kalt und sind für das Christentum der Tat von geringem Nutzen. Christus wollte doch wohl auch nicht das Gedächtnis mit Dogmen bereichern, sondern das Gemüt veredeln, den sittlichen Menschen heben.» — Die orthodoxe Kirche hat im Gegensätze zu dieser Meinung Ferks bei vollständiger Auf- rechterhaltung der sittlichen Forderungen bestimmte, festumgrenzte Dogmen, von denen jedes einzelne für die Zugehörigkeit zu ihr eine conditio sina qua non ist. Latitudinarismus und Indifferentismus in dogmatischer Hinsicht ist in der orthodoxen orientalischen Kirche unmöglich. Denn die orthodoxe Kirche beansprucht mehr zu sein als eine Lehranstalt für Ethik und Humanität.
Der im August 1902 zu Bonn stattgehabte V. Internationale Altkatholikenkongress, in Verbindung mit der in Nr. 31 des Zerkowny Westnik vom 1. August 1902 veröffentlichten Antwort der altkatholischen Kommission zu Rotterdam vom 19. November 1898 auf das Gutachten der Kommission zu Petersburg vom 11. (23.) August 1897, legt es besonders nahe, die Beziehungen zwischen Altkatholizismus und Orthodoxie einer allgemeinen vergleichenden Betrachtung zu unter- werfen. Im Interesse der Sache wäre es allerdings wünschenswert gewesen, dass die Publikation dieses wichtigen Dokumentes des Bischofs Weber im Namen der altkatholischen Kommission nicht so spät, nämlich erst vier Jahre nach seiner Abfassung erschienen wäre. Ungeachtet dieser Verspätung ist die Publikation auch jetzt zur Beurteilung des Altkatholizismus willkommen und zwar umso mehr, als in diesem wichtigen offiziellen Schriftstück der bisherige von der Orthodoxie abweichende Standpunkt der Altkatholiken gegenüber den Minimalforderungen der Petersburger Kommission mit eingehender Motivierung vollkommen festgehalten wird. Die bisher in russischen, den Altkatholiken befreundeten Kreisen gehegte Erwartung, dass die Altkatholiken Schritte zu einer Annäherung an die orthodoxe orientalische Dogmatik tun würden, hat sich nicht erfüllt. Sie konnte nicht in Erfüllung gehen, weil die Altkatholiken sich dann auch der römisch- katholischen Dogmatik wieder hätten nähern müssen, von welcher sie doch in der Richtung zum Protestantismus hin sich entfernt hatten. Ungeachtet ihrer fortwährend wiederholt in feierlichen Versicherungen, dass sie auf dem Boden der ungeteilten Kirche der ersten acht Jahrhunderte stehen und die Beschlüsse der sieben ökumenischen Konzilien für sich als verbindlich erachten, treten sie mehr und mehr in schroffen Widerspruch zu denselben. Besonders tritt dieser Widerspruch hervor bezüglich der Beschlüsse des siebenten ökumenischen Konzils zu Nizäa, welche sie geradezu verwerfen.
Schon Döllinger schlug auf der Bonner Konferenz 1874 eine Thesis vor, nach welcher die Anrufung der Heiligen im Gebete und ihre Verehrung, sowie auch die Verehrung der heiligen Bilder, kein für jeden Christen obligatorisches Dogma sei. Dieselbe Idee tritt uns überall in den Schriften der bedeutendsten und gelehrtesten altkatholischen Theologen entgegen. Es genüge hier, beispielsweise auf die Behauptung des verstorbenen altkatholischen Professors Laugen hinzuweisen, nach welcher das VII. ökumenische Konzil sogar Fälschungen und Unterschiebungen behufs Rechtfertigung der Bilderverehrung begangen haben.» Einer der Mitgründer des Altkatholizismus, der verstorbene Dr. E. Zirngiebl, seinerzeit Redakteur des «Deutschen Merkur», nannte die in der russischen Kirche übliche Bilderverehrung einen Rückfall in das reine Heidentum.’ Wie kann man mit heidnischem Götzendienst vergleichen die Verehrung der heiligen Bilder, um welche so viele Heilige das Martyrium erduldeten, und welche von dem VII. ökumenischen Konzil klar und deutlich als kirchliches Dogma erklärt wurde In dem Artikel : «Kurzer Abriss über das Wesen des Altkatholizismus»’ wird erklärt : «Die Bilder- und Reliquienverehrung ist abgeschafft.» Und in der Tat, wir würden vergeblich in den liturgischen Büchern der Altkatholiken eine Andacht zu Ehren eines Heiligen suchen; die heiligen Bilder sind last gänzlich aus den altkatholischen Kirchen verschwunden.
Was die Verehrung der Höchsten unter den Heiligen, der Mutter Gottes, anbetrifft, so ist ihre Anrufung als Mittlerin nach Angabe desselben Artikels ausgeschlossen, obwohl es in den Beschlüssen des VII. ökumenischen Konzils zu Nikäa heißt: Αν κάποιος δεν ζητήσει τη μεσολάβησή τους με θερμή πίστη Ανάθεμα! «Wenn jemand nicht mit eifrigem Glauben ihre Fürsprache erbittet Anathema»! Wir wollen uns nicht lange dabei aufhalten, die zahlreichen Ausdrücke in den kirchlichen Liedern, die in die Tiefe der Jahrhunderte zurückreichen, aufzuzählen, in denen die Gottesmutter als «Mittlerin» bezeichnet wird, und weisen nur hin auf das Kondakion im kleinen Bittkanon zur Mutter Gottes : Προστασία των χριστιανών που δεν θα ντροπιαστούν, ανυπέρβλητη διαμεσολάβηση με τον Δημιουργό. «Schutz der Christen, der nicht zu Schanden werden lässt, unüberwindliche Vermittlung bei dem Schöpfer.» In einem bekannten Liede der orthodoxen Kirche zur Mutter Gottes heißt es: «O Gebieterin der Welt, sei Mittlerin !» Schließlich sei noch erwähnt der Schluss des Artikels: «Unionsgedanken» in No. 21 des «Deutschen Merkur» von 1902 Seite 84: «Trotz der Unionskonferenzen ist die russisch-orthodoxe Kirche kein Schritt von ihrem früheren Standpunkt abgewichen, den sie seit Johanes von Damaskus innehat»
(Früher behaupteten bekanntlich die Altkatholiken, selbst auf dem Standpunkte der ersten Jahrhunderte zu stehen.) Wenn die Russen warten, bis unsere Entwickelung abgeschlossen ist, dann wird es nie zu einer Einigung kommen; denn das können sich die Russen nie verhehlen, dass Russland von jeher und auch heute noch mindestens um ein halbes Jahrhundert hinter der westlichen Kultur zurück war, und das die russische Kirche noch viel weiter hinter unsere ist, dass sie infolge ihres krampfhaften und starren Verharrens im verknöcherten Orthodoxismus auch noch keinen einzigen Schritt in kraftvoller Lebensentwickelung in christlichem Geiste getan hat. Will man einen Einblick gewinnen in das eigentliche freilich befremdene System des russischen Staatskirchentums, so muss man das Buch des kurzverstorbene[2] Ober Prokurators des hl. Synod, Pobedonoszew „Recueil de Moscou“ lesen, in dem als Ideal einer christlichen Kirche, wie es sich der Verfasser denkt, eine Kirche hingestellt wird, die nicht unähnlich ist der mittelalterliche Papstkirche.“
Somit steht hiernach fest, dass nach Ansicht der Altkatholiken in der orthodox-katholischen Kirche des Morgenlandes die wahre Kirche des Herrn nicht zu suchen ist.
Doch weshalb drängen sie denn so eilig nach einer Union mit dieser Kirche? Nur weil sie starke Bundesgenossen brauchen in ihrem «Kampfe gegen Rom». Denn das Wesen des Altkatholizismus besteht einzig und allein im Gegensatze gegen die römische Kirche, darum wird auch der Altkatholizismus, da er kein eigenes, positives Lebensprinzip in sich enthält, einer ähnlichen allmählichen Zersetzung verfallen, wie der Protestantismus, dessen gelehrteste Theologen fast, sämtlich ein Christentum ohne Dogmen, ohne den Gottmenschen Christus, verkündigen, sodass kürzlich ein jüdischer Rabbiner eine Schrift des berühmten protestantischen Theologieprofessors Harnack zu Berlin als die beste Apologie des Judentums[1] bezeichnen konnte. Der belebende Geist des Altkatholizismus ist wie im Protestantismus der Hass gegen das Papsttum. Wie sehr schon der Reformator Dr. Martin Luther von wütendem Hasse gegen das Papsttum erfüllt war, bezeugt er in seiner Schrift : «Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet», in welcher es heißt: «O, nun greife zu, Kaiser, König, Fürsten und Herren, und wer zugreifen kann, Gott gebe hie faulen Rinden kein Glück. Und erstlich nehme man den Papst Rom, Romandiol, Urbin, Bonona und alles, was er hat als ein Papst, denn er hats mit Lügen und Trügen, ach, was sage ich, Lügen und Trügen, er hats mit Gotteslästerung und Abgötterei dem Reiche schändlich gestohlen. Darnach sollte man ihn selbst, den Papst, Kardinäle und was seiner Abgötterei und päpstlichen Heiligkeit Gesindel ist, nehmen und ihnen als Gotteslästerern die Zungen hinten zum Plaise herausreißen und an den Galgen annageln an der Reihe her.» (Sämtliche Werke 26, 155). Soll ich sagen: «Geheiligt werde dein Name», so schreibt Luther bei einer anderen Gelegenheit, »so muss ich sagen: verflucht, verdammt, geschändet müsse werden der Papisten Namen. Soll ich sagen: Dein Reich komme, so muss ich dabei sagen: verflucht, verdammt, zerstört müsse werden das Papsttum!« (25, 108). Das ist nicht das Evangelium der Liebe, sondern des Hasses. Die Altkatholiken sind von ähnlichem Hasse beseelt. Deshalb freuen sie sich über die gegenwärtig in Österreich grassierende «Los von Rom-Bewegung», obwohl durch diese Bewegung das leicht zu täuschende Volk von Gott losgerissen wird, indem man ihm anstatt des echten, von den heiligen Aposteln überlieferten und von den heiligen Vätern zu Nikäa als ein von Gott inspiriert erklärten Evangeliums das von der Kritik der liberalen Theologie angezweifelte, zersetzte und zerfetzte Evangelium des modernen Protestantismus bringt, nach welchem das Bekenntnis der Gottheit Jesu nicht mehr unbedingtes Erfordernis für die Zugehörigkeit zur Kirche ist. Der Altkatholizismus kann nur so lange leben, als er die katholische Kirche bekämpfen und negieren kann; hat er nicht anderes mehr zu negieren, so muss er sich selbst negieren. Das wahre Evangelium Christi ist aber nicht vom Geiste der Negation beherrscht, sondern es ist eine Kraft Gottes, selig zu machen alle, die daran glauben. Deshalb hat auch die heilige orthodoxe orientalische Kirche alle Versuche der Reformatoren, sich mit ihr zu verbinden, energisch zurückgewiesen, und in der Confessio Orthodoxa und der Confessio Dosithei, die auf der Synode zu Jerusalem 1672 promulgiert wurde, ein Lehrsystem aufgestellt, welches sich in den meisten Stücken fast wörtlich und buchstäblich mit der Dogmatik des Tridentinums deckt. Wenn wir nach dem Grundsatz des Vincentius von Lerinum verfahren: «Quod semper, quod ubique, quod ab omnibus crediting hoc est catholicum», dann müssen wir uns für die übereinstimmende Tradition der orthodox-katholischen und sämtlicher übrigen orientalischen Kirchen, sowie auch der römischen Kirche entscheiden, gegenüber den völlig neuen Lehren des Protestantismus und Altkatholizismus. Von sämtlichen orientalischen Kirchen sind Teile mit der römischen uniert, ohne, von Wenigem abgesehen, in Dogmatik und Kultus sich irgendeiner bedeutenden Änderung unterzogen zu haben. Das ist ein Beweis dafür, dass diese Kirchen im Wesentlichen miteinander übereinstimmen, und dass sie allen Grund haben, sich zuvor untereinander zu verbinden, ehe ihrerseits nur entfernt daran gedacht werden kann, eine Verbindung mit den modern skeptischen Altkatholiken und Anglikanern einzugehen.
Wie sehr die Tradition der alten Kirchen des Orients und Occidents ganz unabhängig voneinander auch in solchen Lehren übereinstimmt, die noch nicht Gegenstand der Erörterungen eines ökumenischen Konzils waren, aber nach dem Grundsätze des Vincentius von Lerin, als vom Orient und Occident geglaubt, als Lehre der gesamten Kirche betrachtet werden müssen, zeigt sich auch bei der Lehre von der körperlichen Aufnahme der Mutter Gottes in den Himmel, welche von den Altkatholiken lächerlicher und unwissender Weise als die neueste Erfindung der Jesuiten bezeichnet wird; denn diese Tradition wird im Orient erwähnt um mehr als ein Jahrtausend früher, als im Occident der erste Jesuit geboren wurde, lieber die körperliche Hinübernähme der Mutter Gottes schrieb bereits im 11. Jahrhundert Melito, Bischof von Sardes, im IV. Epiphanias von Kypresund im V. Juvenalis, Patriarch von Jerusalem, in seinem Briefe an die Kaiserin Pulcheria, sowie im Abendlande Gregor,’ Bischof von Tours (j 594) in seiner Schritt: De gloria mart. I, 4. Der heilige Johannes von Damaskus bezeichnet in seiner zweiten Homilie am Feste der Entschlafung der Mutter Gottes die Lehre von der körperlichen Aufnahme der Mutter Gottes als eine «alte und völlig wahre Überlieferung» (Migne, Patr. gr. tom. 96 pp. 747—752). Ausführlich schreibt über die ‘Himmelfahrt der Mutter Gottes Nikiphoros Katixtus im XIV. Jahrhundert (lib. II, cap. 21—23, X, 14). Auch im Gottesdienste der orthodoxen orientalischen Kirche wird diese Lehre auf das Bestimmteste ausgesprochen, z. B. beim Abendgottesdienst des Festes Mariä Himmelfahrt wird die Mutter Gottes in folgenden Worten gepriesen : «Die höchsten Kräfte der Himmel, mit ihrem Gebieter herbeigekommen, geleiten deinen wohlgefälligen und unversehrten Leib von Furcht erfasst: überweltlich aber eilten sie voraus und schrien unsichtbar den oberen Heerscharen zu: Siehe, die Allkönigin, die Gottesmaid naht!» Zum Andenken an die körperliche Himmelfahrt der hochheiligen Mutter Gottes hat die orthodoxe orientalische Kirche seit der apostolischen Zeit einen besonderen Ritus, die Panagia, eingeführt, welcher in den Klöstern täglich vollzogen wird.[2] Auch die heterodoxen orientalischen Kirchen feiern das Fest der Himmelfahrt der hochheiligen Mutter Gottes und heben, gleich der orthodoxen und römischen Kirche, die Bedeutung dieses Festes durch vorgängiges Fasten hervor. Die äthiopische Kirche feiert das Hinscheiden der heiligen Mutter Gottes am 21. Januar, die Auferweckung ihres Leibes und ihre körperliche Himmelfahrt aber am 16. August.[3] Die koptische Kirche begeht am 16. August das Fest der Aufnahme des Körpers der Mutter Gottes in den Himmel, und am 21. Jan. die «Ruhe der jungfräulichen Gottesgebärerin Maria, der Herrin der Weiber, und die Aufnahme ihres Körpers in den Himmel!« Also nicht nur die römische, sondern auch die heterodoxen orientalischen Kirchen stimmen mit der orthodox-katholischen orientalischen Kirche überein in der Lehre von der körperlichen Himmelfahrt der heil. Mutter Gottes. Quod semper quod ubique quod ad omnibus creditur hoc est catholicum. Wenn die Altkatholiken die Lehre von der körperlichen Himmelfahrt der Mutter Gottes nicht annehmen, so machen sie gemeinschaftliche Sache mit den Protestanten.
Wenn die Altkatholiken sich die Befugnis zuschreiben, selbst zu entscheiden über das, was als Tradition zu gelten hat, und unter dem Vorwande, nur der Kirche der ersten acht Jahrhunderte Folge leisten zu wollen, sich der Autorität jeder der jetzt bestehenden Kirchen entziehen, so brechen sie hierdurch mit dem Traditionsprinzip, indem sie mit den ersten acht Jahrhunderten die Tradition plötzlich abbrechen, anstatt dieselbe ununterbrochen bis auf die Gegenwart fortzuführen. Anstatt einer lebendigen Kirche haben die Altkatholiken die Erinnerung an eine gestorbene Kirche. Der protestantische Theologieprofessor Dr. Kaftan zu Berlin sagt, dass das Traditionsprinzip der katholischen Kirche unausführbar ist ohne die autoritative Lehrgewalt der Kirche»[4], die Altkatholiken leugnen das unfehlbare Lehramt der Kirche; sie leugnen die unbedingte Unfehlbarkeit der ökumenischen Konzilien, sie erkennen die Tradition nicht an als Glaubensquelle neben der Heiligen Schrift, sondern nur als Mittel zur Erklärung derselben und leugnen sogar die absolute Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift selbst[5]. Die größte Differenz zwischen der orthodoxen orientalischen Kirche, deren Beseitigung auch die Petersburger Kommission von den Altkatholiken gefordert hat, aber nach der im Namen der Rotterdamer Kommission abgegebenen Erklärung des Bischofs Dr. Weber bei den Altkatholiken nicht durchzusetzen vermochte, betrifft die Lehre von der Transsubstantiation ; der gegenwärtig von den Altkatholiken gegen die Transsubstantiationslehre aufgenommene Kampf erinnert an das Verhalten der Juden gegen die Worte des Herrn im Johannesevangelium: Das Brot, das ich gebe, ist mein Fleisch, das ich gebe für das Leben der Welt! (VIII, 51.) Wie damals die Juden an dem Worte des Erlösers Anstoß nahmen und selbst mehrere seiner Jünger zurücktraten, indem sie sagten : das Wort ist hart, wer kann es hören ? (VIII, 60, 63), so nehmen auch jetzt die Altkatholiken an dem Worte «Transsubstantiation» Anstoß. Doch ihr Widerstreben gilt nicht dem Worte allein, sondern noch vielmehr dem Begriff, welcher seit der Einsetzung der Eucharistie in der Kirche herrschte, von den heiligen Vätern der ältesten Zeit gepredigt wurde, und in den Liturgien der alten Kirche zum Ausdruck kommt.
Wenn die moderne Lehre der Anglikaner und übrigen Protestanten, sowie der Altkatholiken, welche sämtlich in der Verwerfung der Transsubstantiation übereinstimmen richtig wäre, so wäre die Anbetung der konsekrierten Opfer- gaben in der orientalischen und römischen Kirche Götzendienst. Wie eine Bemerkung des altkatholischen Professors Michaud (Revue Internationale, Heft 39 von 1902, Seite 512), dass die Transsubstantiationslehre notwendiger Weise zum «Sterkoranismus» führt, erkennen lässt, verwechseln die Altkatholiken den Begriff der von der Kirche gelehrten Transsubstantiation Μετουσίωση mit der von keiner Kirche jemals gelehrten Transmaterialisation Μεταϋλοποίηση. Die Transsubstantiation wird vom Herrn Jesu gelehrt, der von dem Brote sprach : Das ist mein Leib, und von dem Weine: Das ist mein Blut! Selbstverständlich hat Brot die Substanz des Brotes, und der Wein die Substanz des Weines, ebenso Fleisch die Substanz des “Fleisches und Blut die Substanz des Blutes. Wenn nun das, was vorher Brot und Wein war d. h. also die Substanz des Brots und Weines hatte, durch die Konsekration gemäß den Worten des Herrn sein Leib und Blut geworden ist, das heißt also nunmehr die Substanz seines Leibes und Blutes angenommen hat, so muss doch unleugbar eine Umwandlung einer Substanz in eine andere, d. h. eine Transsubstantiation vorgegangen sein. Wer dies leugnet, der widerspricht den klaren und deutlichen Worten des Herrn. Der Leib und das Blut Christi sind untrennbar mit Seiner Seele und mit Seiner Gottheit zu einer Person verbunden; deshalb nennt der Herr auch anstatt Seines Leibes und Blutes sich Selbst, indem Er spricht: Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der bleibt in nur und ich in ihm. Wie mich gesandt hat der lebendige Vater, und ich lebe um des Vaters willen, also wer mich isset, derselbige wird auch leben um meinetwillen. (Joh. VI, 56—57). Der Herr stellt also die Worte: Wer mein Fleisch isset und wer mich isset als gleichbedeutend nebeneinander, deshalb sind wir auch diesem Allerheiligsten Sakramente göttliche Ehre und Anbetung schuldig. (Gonf. orth. I Antw. 56 und 107). Aus Vorstehendem ist klar ersichtlich, dass sich die Lehre von der Transsubstantiation und von der Conomitanz (von der Gegenwart des Leibes im Blute und des Blutes im Leibe und überhaupt der Gegenwart des ganzen Christus als Mensch und Gott in jedem kleinsten Teile der konsekrierten Gaben) aus den Worten Christi selbst ergibt. Diese Lehre ist auch von der hl. Kirche stets verkündet worden. Der heilige Johannes Chrysostomus sagt in seiner Schrift: Sechs Bücher vom Priestertime, von dem die Hostie berührenden Priester : « Wenn der Priester den Herrn des Himmels und der Erde berührt, welche Stellung wollen wir ihm anweisen?» Ganz in demselben Sinne betet der Priester in der syrischen Liturgie vor der Kommunion : «Ich halte Dich, der Du, die Enden des Erdkreises hältst; Dich halte ich in meinen Händen, der Du herrschest über die Tiefe; Dich, Gott, nehme ich in meinen Mund.» (Renautot Liturgiarum Orient, coll. II, 22-24). Es mögen hier einige Stellen aus den Schriften der heiligen Väter folgen, in welchen die Lehre von der Transsubstantiation klar ausgesprochen ist. Der hl. Kyrillos von Jerusalem sagt bereits im IV. Jahrhundert in einer 4. Katechese: «Wisse und glaube sicherlich, dass das Brot, welches wir vor Augen sehen, nicht Brot sei, sondern er Leib Christi, also auch, dass der Wein, ob er gleich dem Geschmack nach Wein ist, dennoch nicht Wein sei, sondern das Blut Christi !» Hier finden wir auch die Lehre ausgesprochen, dass nach erfolgter Verwandlung der Substanz die Accidenten blieben, also ganz die Lehre der gegenwärtigen orientalischen und römischen Kirche. Derselbe Bischof lehrt in seiner V. Katechese Nr. VII: «Wir rufen den menschenliebenden Gott an, den hl. Geist zu senden auf die vorliegenden Gaben, damit er das Brot mache zum Leibe Christi κάντε το ψωμί σώμα του Χριστού — und den Wein zum Blute Christi, den gänzlich ist, was der Heilige Geist berührt, geheiligt und verwandelt.
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1) Dr. Felix Perles, Rabbiner in Königsberg, in der Broschüre : « Was lehrt uns Harnack.» Der streng materialistisch gesinnte protestantische Pastor Kalthoff zu Bremen bat sich über die Auffassung der Person Jesu der gegenwärtigen liberalen protestantischen Theologie neuerdings in der Studie: »Das Christusproblem, Grundlinien zu einer Sozialtheologie» folgendermaßen geäußert: «Von dem Christus, mit dem der theologische Freisinn die Welt beschenkt, hat die ganze patristische Literatur, das ganze christliche Mittelalter, ja, noch das Zeitalter der Reformation nichts gewusst. Gegen diesen liberalen Christus, der im Grunde nichts ist, als ein rationalisierter Jude, bleibt selbst die Orthodoxie im Recht, wenn sie statt eines willkürlichen Excerptes aus den Evangelien den ganzen Christus der Evangelien haben und behalten will.» (S. 14.) Er fährt fort, die modern liberale Christusidee als unhaltbar zurückzuweisen: «Um aus ‘Um Menschen Jesus das Christentum abzuleiten, bleibt nur eine doppelte Möglichkeit: entweder hat dieser Jesus selbst ein Religionsstifter sein wollen, er hat sich für den Messias, den Begründer eines neuen Weltreiches und einer Wellreligion, eben des Christentums, gehalten. Dann ist er als Mensch ein Schwärmer gewesen, der höchstens noch ein pathologisches Interesse beanspruchen kann, aber sein Werk ist dann die katholische Kirche, nicht die protestantische. Oder dieser Jesus war wirklich der, als den die liberale Theologie ihn beschreibt (ein « rationalisierter Jude»), dann hat aber sein «Wesen» etwas lange Zeit gebraucht, um bekannt zu werden, fast neunzehn Jahrhunderte ! Achtzehn Jahrhunderte christlicher Kirchengeschichte wären verstrichen in dem Glauben, dass der Messianisinus wesentlich zum Christentum gehöre, bis endlich erkannt wäre, dass dieser Messianismus bei dem ersten Bekenner desselben entweder gar nicht vorhanden war oder nur eine unwesentliche Schale gewesen wäre, ja, dass die heutigen Theologen Jesus viel besser verständen, als Ihn seine Jünger verstanden, .» (S. 21).
2) Kevue Internationale. Heft XXIV S. 7’25.
3) Deutseher Merkur Nr. 25 von 1897, S. 195.
4) Der Ritus der Panagia ist mit deutscher Übersetzung enthalten in Maltzew Andachtsbuch der orthodox-katholischen Kirche des Morgenlandes, Berlin 1895. 8. 767.
5) Daniel, Cod. lit. Eccl. Orient. S. 251.
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p style=”text-align: right;”>Aus der «Germania».