Nach dem Werk von Seraphim Rose – Die Wurzel der Revolution
Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn sie die Wahrheit verliert? Was bleibt dem Menschen, wenn an die Stelle Gottes nur noch Ideologien, Fortschrittsglaube oder der Wille zur Macht treten?
In seinem Werk „Die Wurzel der Revolution: Nihilismus“ untersucht Pater Seraphim Rose den Nihilismus als geistige Krankheit der modernen Welt. Er zeigt, wie die Ablehnung der absoluten Wahrheit zur Zerstörung von Glauben, Kultur und schließlich des Menschen selbst führt. Dieses Werk gehört zu den bekanntesten Schriften von Pater Seraphim Rose und ist Teil einer Reihe seiner auf dieser Webseite veröffentlichten Texte. Es ist keine politische Abhandlung, sondern eine eindringliche Diagnose des modernen Menschen – und zugleich ein Aufruf, den verlorenen Sinn des Lebens und die Wahrheit neu zu suchen.
Vorwort
Anfang der 1960er Jahre saß Evgeny Rose, der spätere Pater Seraphim, in einem Kellerraum im Geschäftsviertel von San Francisco an einem Tisch, der mit Büchern und Papieren übersät war. Der Raum war äußerst dunkel, da kaum Licht durch das Fenster drang. Eugene war vor einigen Jahren hierhergezogen; in diesem Raum hatte sich einst ein Mord ereignet, und man munkelte, dass dort noch immer ein böser Geist hauste. Doch Eugene, als wolle er diesem dunklen Geist und dem unendlichen Dunkel der ihn umgebenden Stadt trotzen, hängte an einer der Wände Ikonen auf, vor denen eine rote Lampe flackerte.
In diesem Zimmer begann Evgenij, eine monumentale Chronik des Krieges des Menschen gegen Gott zu schreiben, die Versuche des Menschen, die alte Ordnung zu zerstören und eine neue zu schaffen, ohne Christus, seines Strebens, die Existenz des Reiches Gottes zu leugnen und es durch seine eigene irdische Utopie zu ersetzen. Dieses Buch sollte den Titel „Das Reich Gottes und das Reich der Menschen“ tragen.
Nur wenige Jahre zuvor hatte Evgenij selbst in der Falle des „Reiches“ der Menschen gequält und unglaublich gelitten; damals kämpfte auch er gegen Gott. Nachdem er das protestantische Christentum, mit dem er in seiner prägenden Zeit konfrontiert war, als schwach und unfruchtbar verworfen hatte, schloss er sich der Gegenkultur der Boheme der 1950er Jahre an und vertiefte sich in das Studium östlicher Religionen und Philosophien, die besagen, dass Gott absolut unpersönlich sei. Ähnlich wie die absurden Künstler und Schriftsteller seiner Zeit experimentierte er mit dem Wahnsinn, indem er die Prozesse des logischen Denkens unterbrach, um „auf die andere Seite durchzubrechen“. Er vertiefte sich eifrig in die Worte des wahnsinnigen „Propheten“ des Nihilismus, Friedrich Nietzsche, bis diese Worte in seiner Seele mit erschreckender, höllischer Kraft widerhallten. Mit all diesen Mitteln versuchte er, die Wahrheit oder die Realität in seinem Bewusstsein zu erlangen; doch alle seine Versuche scheiterten.
Er geriet in solche Verzweiflung, dass er, als man ihn später bat, seinen Zustand zu beschreiben, nur sagen konnte: „Ich war in der Hölle.“ Er trank und begann, mit Gott zu ringen, von dem er behauptete, dass es Ihn nicht gäbe: Er schlug sich auf den Boden und schrie zu Gott, Er solle ihn in Ruhe lassen. Einmal schrieb er in einem Rausch: „Ich bin krank, so wie jeder krank ist, der außerhalb der Liebe Gottes weilt.“ „Atheismus“, schrieb Eugen später, „echter, existentieller Atheismus, der vor Hass auf einen angeblich ungerechten und unbarmherzigen Gott brennt, ist ein geistiger Zustand, ein realer Versuch, gegen den wahren Gott zu kämpfen, dessen Wege selbst für gläubige Menschen unergründlich sind, und ein solcher Kampf hat nicht selten zu jener blendenden Vorstellung von Gott geführt, die der wahre Atheist in Wirklichkeit sucht. Gerade in solchen Seelen wirkt Christus. Der Antichrist hingegen findet sich nicht nur in den Seelen der großen Verleugner, sondern auch in den Seelen jener kleinen Mitläufer, bei denen der Name Christi nur auf den Lippen liegt. Nietzsche, der sich selbst als Antichrist bezeichnete, bewies damit seinen unstillbaren Durst nach Christus…“
In einem solchen Zustand unstillbaren Verlangens befand sich auch Evgenij Ende der 1950er Jahre. Und dann, wie durch einen plötzlichen Windstoß, trat eine Realität in sein Leben, die er zuvor nicht einmal ahnen konnte. Am Ende seines Lebens erinnerte er sich: „Viele Jahre lang begnügte ich mich damit, über den Traditionen zu stehen und ihnen in gewisser Weise treu zu bleiben… Ich ging in eine orthodoxe Kirche, um mir eine weitere ‚Tradition‘ anzusehen. Als ich jedoch dort eintrat – es war eine russische Kirche in San Francisco –, geschah etwas mit mir, was ich zuvor weder in einem Buddhistischen noch in irgendeinem anderen östlichen Tempel erlebt hatte; etwas in meinem Herzen sagte: Du bist zu Hause, die Suche ist beendet. Ich wusste nicht, was das bedeutete, der Gottesdienst war mir völlig fremd und fand in einer fremden Sprache statt. Ich begann, orthodoxe Gottesdienste zu besuchen und lernte nach und nach die Sprache und die Traditionen kennen… Als ich mich für die Orthodoxie und die Orthodoxen öffnete, begann ich zu begreifen, dass die Wahrheit nicht nur eine abstrakte Idee ist, die mit dem Verstand gesucht und erkannt wird, sondern etwas Persönliches, ja sogar mehr, eine gewisse Persönlichkeit, die das Herz sucht und liebt. So habe ich Christus begegnet.
Während er in seinem kleinen Kellerraum an „Das Reich Gottes und das Reich der Menschen“ arbeitete, befand sich Evgenij noch immer im Kampf und versuchte, das, was er gefunden hatte, zu begreifen. Er hatte die Wahrheit in dem unverfälschten Bild Christi gefunden, das in der orthodoxen Kirche bewahrt worden war, doch er sehnte sich leidenschaftlich danach, in das „Herz“ dieser Kirche einzutreten, in ihre mystische Dimension, und nicht in eine langweilige, weltliche Organisationsstruktur. Er sehnte sich nach Gott und sehnte sich nach Ihm von ganzem Herzen. Die Schriften jener Zeit waren für ihn eine Art Befreiung von der Unwahrheit, ein Ausbruch aus der Dunkelheit ins Licht. Obwohl sie weitaus mehr Philosophie enthielten als seine späteren Werke, waren diese frühen Schriften aus dem starken Leid geboren, das noch immer in seiner Seele lebte. Es ist ganz natürlich, dass er mehr über das menschliche Reich schrieb, in dem er sein ganzes Leben lang gelitten hatte, als über das Reich Gottes, dessen Schimmer ihn nur flüchtig berührte. Das Reich Gottes nahm er immer noch durch die Brille des menschlichen Reiches wahr.
Von den vierzehn Kapiteln, die nach Evgenijs Vorstellung in sein magnum opus aufgenommen werden sollten (siehe Plan am Ende), wurden nur sieben Kapitel vollständig gedruckt, die übrigen sind als Handschrift erhalten geblieben. Das siebte Kapitel, das wir hier wiedergeben, war der Philosophie des Nihilismus gewidmet.
Der Nihilismus, der Glaube daran, dass es keine absolute Wahrheit gibt, dass jede Wahrheit relativ ist, – so Evgenij – ist die grundlegende philosophische Doktrin des 20. Jahrhunderts. „Der Nihilismus ist in unserer Zeit so weit verbreitet, er ist so tief in die Köpfe und Herzen der heutigen Menschen eingedrungen, dass es keinen einzigen Bereich, keine einzige Front mehr gibt, an der man ihn bekämpfen könnte.“ Der Kern dieser Philosophie, schrieb er, sei am besten von Nietzsche und einem der Helden Dostojewskis zum Ausdruck gebracht worden: „Gott ist tot, deshalb ist der Mensch zum Gott geworden und alles ist erlaubt.“
Aus eigener Erfahrung wusste Evgenij, dass der moderne Mensch nicht endgültig zu Christus finden kann, solange er nicht erkennt, wie weit er und seine Gesellschaft von Christus entfernt sind, solange er nicht wird dem Nihilismus in sich selbst begegnen. „Der Nihilismus unserer Zeit ist allgegenwärtig“, schrieb er, „und diejenigen, die sich nicht mit Gottes Hilfe in die Reihen der Kämpfer im Namen der vollständigen Zugehörigkeit zum lebendigen Gott einreihen, sind bereits von ihm verschlungen. Wir stehen am Rande eines Abgrunds, der ‚Nichts‘ heißt, und ob wir nun seine Natur anerkennen oder nicht, werden wir in sie hineingezogen, ohne jede Hoffnung auf Rettung, aufgrund der Verwandtschaft mit dem ewig gegenwärtigen Nichts in uns selbst, wenn wir uns nicht an den vollwertigen Glauben an Christus klammern, ohne den wir in der Tat nichts sind.“
Evgenij spürte, dass es seine Pflicht als Schriftsteller sei, seine Zeitgenossen aus diesem Abgrund zu befreien. Er schrieb nicht nur um seines eigenen Strebens nach Gott willen, sondern auch um der anderen willen, die ebenfalls nach Ihm strebten, und sogar um derer willen, die, wie einst er selbst, Gott leugneten und gegen Ihn kämpften, weil sie in Wahrheit auch nach Ihm verlangten.
Aus dem Schmerz seines Herzens, aus der Dunkelheit seines vergangenen Lebens wendet sich Evgenij an die heutige Menschheit, die denselben Schmerz empfindet und in derselben Dunkelheit verharrt. Heute, drei Jahrzehnte später, da Nihilismus und Antichristentum noch tiefer in alle Fasern unserer Gesellschaft eingedrungen sind, sind seine Worte notwendiger denn je. Da er den Nihilismus in sich selbst erkannt und gegen ihn gekämpft hat, kann er auch uns helfen, diesem zerstörerischen Geist nicht nachzugeben und uns an Christus, die fleischgewordene ewige Wahrheit, zu halten.
– Hieromonch Damaskin (Christensen).
I. Einleitung. Die Frage nach der Wahrheit
Was ist Nihilismus, in dem wir die Wurzel der Revolutionskraft der heutigen Zeit erkannt haben? Wenn wir ohne zu zögern antworten, fallen uns sofort einige offensichtliche Beispiele für Nihilismus ein: Hitlers fantastisches Programm der Zerstörung, die bolschewistische Revolution, der dadaistische Angriff auf die Kunst. Der Nährboden, aus dem all diese Bewegungen hervorgingen, lässt sich durch einige „Besessene“ des vergangenen Jahrhunderts veranschaulichen: die Dichter Rimbaud und Baudelaire, die Revolutionäre Bakunin und Nechajew, falsche Propheten vom Typ Nietzsche. Und auf einer niedrigeren, „bürgerlichen“ Ebene ist heute unter unseren Zeitgenossen eine diffuse Unruhe zu spüren, die die einen dazu zwingt, magischen Figuren wie Hitler zu folgen, während andere Zuflucht in Drogen und Scheinreligionen suchen oder „sinnlose“ Verbrechen begehen, die unserer Zeit immer mehr eigen werden. All dies ist jedoch nur die auffällige Oberfläche des Problems des Nihilismus. Allerdings ist es auch nicht so einfach, damit fertig zu werden. In diesem Kapitel stellen wir uns jedoch eine noch umfassendere Aufgabe: Wir wollen versuchen, das Wesen dieser gesamten Bewegung als Ganzes zu verstehen, während die oben genannten Phänomene nur einzelne, besonders markante Beispiele dafür darstellen.
Jeder, der sich der offensichtlichen Unvollkommenheit und des Übels der modernen Zivilisation bewusst ist, die als Auslöser und Ursache für die nihilistische Reaktion dienten – wobei wir im Folgenden sehen werden, dass sie lediglich Früchte des Nihilismus selbst waren, wenn auch nur in seiner Keimform –, kann nicht umhin, zumindest einigen Vertretern dieser Reaktion Mitgefühl entgegenzubringen. Dieses Mitgefühl kann die Form von Mitleid mit demjenigen annehmen, der zum „Opfer“ jener Verhältnisse geworden ist, gegen die sich seine eigenen Bemühungen richteten, oder sich in der allgemein verbreiteten Meinung äußern, dass manche nihilistische Erscheinungen eine „positive“ Bedeutung hätten und eine bestimmte positive Rolle bei der Entwicklung der Menschheit oder einer neuen Etappe ihrer Geschichte spielen. Die letztgenannte Ansicht ist nichts anderes als das offensichtliche Ergebnis eben jenes Nihilismus, von dem hier die Rede ist.
Der ersten Sichtweise hingegen fehlt es zumindest teilweise nicht an Wahrheit oder Gerechtigkeit. Aber gerade deshalb sollte man ihre Bedeutung nicht überschätzen. Es ist heute in der Atmosphäre des intellektuellen Nebels, der die liberalen und humanistischen Kreise umhüllt, nur allzu leicht, aus Mitgefühl für einen unglücklichen Menschen dazu überzugehen, seine Ideen zu übernehmen. Der Nihilist ist natürlich in gewissem Sinne ein Kranker, und seine Krankheit zeugt von der Krankheit des Zeitalters, dessen beste, wie übrigens auch dessen schlechteste Vertreter sich dem Nihilismus zuwenden. Doch die Krankheit lässt sich weder heilen noch durch Mitgefühl diagnostizieren. Auf jeden Fall kann von einem „unschuldigen Opfer“ keine Rede sein, da der Nihilist selbst an allen Sünden der Menschheit teilhat, die das Böse unserer Zeit hervorbringt, – wie es alle Nihilisten tun – nicht nur gegen die bestehenden „Ungerechtigkeiten“ sozialer oder religiöser Art, sondern auch gegen diese Ordnung selbst und die Wahrheit, die dahinter steht, und hilft damit dem Teufel auf aktivste Weise, was sich keineswegs mit dem Mythos vom „unschuldigen Opfer“ vereinbaren lässt. Schließlich kann man dem Teufel nicht gegen seinen Willen dienen.
Doch so wenig wir den Nihilismus „rechtfertigen“ wollen, so wenig neigen wir dazu, ihn zu „verurteilen“. So ist es sinnlos, den Nationalsozialismus oder den Bolschewismus des „Vandalismus“, „Barbarismus“ oder „Anti-Intellektualität“ zu beschuldigen, und die künstlerische und literarische Avantgarde in „Pessimismus“ und „Selbstverliebtheit“ zu verurteilen, ebenso wie es sinnlos ist, „Demokratie“ im Namen der „Zivilisation“, des „Fortschritts“ oder „Humanismus“ oder zum Schutz des „privaten Eigentums“ und „sozialer Freiheiten“ zu verteidigen. Solche Argumente sind zwar teilweise berechtigt, verfehlen aber ihr Ziel, da der Nihilismus ein weitaus tieferes Phänomen ist und sein Programm so radikal ist, dass solche oberflächlichen Argumente ihm nichts entgegenzusetzen haben. Der Nihilismus ist in seinem Kern verdorben, und diese Verwerflichkeit kann nur durch die Wahrheit besiegt werden. Der Großteil der Kritik am Nihilismus richtet sich gar nicht gegen dessen Grundlagen, sondern der Grund liegt darin, dass – wie wir weiter sehen werden – der Nihilismus in unserer Zeit so weit verbreitet ist, dass er so tief in die Köpfe und Herzen der heutigen Menschen eingedrungen ist, dass es keinen einzigen Bereich mehr gibt, keine einzige Front mehr gibt, an der man ihn bekämpfen könnte, und wer glaubt, gegen den Nihilismus zu kämpfen, greift in Wirklichkeit oft zu dessen eigenen Waffen und wendet diese Waffen gegen sich selbst.
Manche Leser mögen uns entgegenhalten, dass wir die Aufgabe allzu global stellen: dass wir entweder das Ausmaß des Nihilismus überschätzen oder dass dieses Phänomen im Gegenteil so allumfassend ist, dass wir es nicht bewältigen können. Wir müssen zugeben, dass unsere Aufgabe in der Tat sehr ernst ist, besonders wenn man die ganze Unschärfe und Unbestimmtheit vieler nihilistischer Phänomene berücksichtigt; und würden wir versuchen, dieses Problem im Detail zu untersuchen und zu beschreiben, würde unsere Arbeit niemals zu Ende gehen.
Dennoch ist es möglich, wie man so sagt, „das Netz weit auszuwerfen“ und den Fisch zu fangen, denn wir brauchen, zumal es sich um einen sehr großen Fisch handelt. Es ist unmöglich, alle Erscheinungsformen des Nihilismus einzeln aufzuzählen, aber man kann das nihilistische Bewusstsein und seinen Einfluss auf den Verlauf der modernen Geschichte definieren.
Zunächst werden wir versuchen, dieses Bewusstsein zumindest in einigen seiner wichtigsten Erscheinungsformen zu beschreiben und seine historische Entwicklung schematisch darzustellen, um uns anschließend ausführlicher mit seiner Bedeutung und seinem historischen Programm zu befassen. Bevor wir jedoch mit dieser Aufgabe beginnen, müssen wir uns klarer darüber werden, worüber wir eigentlich sprechen wollen, das heißt, wir sollten mit einer Definition des Nihilismus beginnen.
Bei dieser Definition müssen wir nicht lange verweilen, da sie vom Begründer der nihilistischen Philosophie – Nietzsche – gegeben wurde: „Es gibt keine Wahrheit, kein Absolutes – keine ‚Dinge an sich‘. Das ist das Einzige, was Nihilismus im höchsten Sinne ist[1].“ „Es gibt keine Wahrheit“ – diesem Satz sind wir in diesem Buch bereits mehrmals begegnet, und er wird auch im weiteren Verlauf immer wieder auftauchen, denn die Frage nach dem Nihilismus ist im Wesentlichen eine Frage nach der Wahrheit oder, genauer gesagt, die Frage der Wahrheit.
Doch was ist die Wahrheit? Das ist zunächst eine Frage der Logik. Bevor wir über den Inhalt der Wahrheit sprechen, müssen wir die Möglichkeit der Wahrheit selbst und die Bedingungen ihrer Postulierung betrachten. Und unter Wahrheit verstehen wir zweifellos – wie aus Nietzsches Verneinung deutlich wird – die absolute Wahrheit, das heißt jene, die wir bereits als Anfang und Ende von allem definiert haben.
Für eine Generation, die mit Skepsis aufgewachsen ist und es nicht gewohnt ist, über irgendetwas ernsthaft nachzudenken, erscheint die Kombination „Absolute Wahrheit“ als eine Art Anachronismus. Die gängige Meinung beeilt sich zu behaupten, dass niemand so naiv sein kann, noch immer an die Absolute Wahrheit zu glauben. Jede Wahrheit ist in unserem aufgeklärten Zeitalter relativ. Dieser letzte Gedanke, so sei angemerkt, ist nichts anderes als eine vereinfachte Neuinterpretation von Nietzsches Worten: „Es gibt keine (absolute) Wahrheit“; und genau diese Doktrin dient als Grundlage sowohl für den Nihilismus der Massen als auch für den Nihilismus der intellektuellen Elite.
Die „relative Wahrheit“ wird in unserer Zeit vor allem durch wissenschaftliche Erkenntnisse repräsentiert, die von Beobachtungen ausgehen, durch Logik verallgemeinert werden und in geordneter Weise vom Bekannten zum Unbekannten übergehen. Sie ist stets logisch konsistent, bedingt, begrenzt, im Verhältnis zu etwas anderem ausgedrückt, niemals kategorisch, niemals absolut. Ein Wissenschaftler, der nicht zu Verallgemeinerungen neigt, verspürt kein Bedürfnis nach irgendeiner anderen Art von Wissen außer jenem engen Fachgebiet, mit dem er sich beschäftigt. Er hat möglicherweise weder noch Zeit, noch den Wunsch, „abstrakte“ Fragen, die an den Ursprüngen seines Fachgebiets liegen. Wenn er gezwungen ist, sie zu betrachten, oder ihnen in seinen Forschungen direkt begegnet, dann wird ihn höchstwahrscheinlich zufriedenstellen die einfachste Erklärung: Jede Wahrheit ist empirisch, jede Wahrheit ist relativ. Beide Aussagen widersprechen sich zweifellos. Die erste ist nicht empirischer, sondern metaphysischer Natur, während die zweite eine absolute Aussage darstellt. Und für den aufmerksamen Forscher aus solcher sich selbst widersprechenden Aussagen die Frage nach der absoluten Wahrheit auf. Und die erste logische Schlussfolgerung, zu der wir gelangen, ist, dass, wenn es überhaupt eine Wahrheit gibt, diese nicht „relativ“ sein kann. Die Grundprinzipien der modernen Wissenschaft sind, wie die jedes Wissen Systems, unveränderlich und absolut. Wäre dies nicht der Fall, könnte es überhaupt kein Wissen geben, nicht einmal „abstraktes“, denn dann gäbe es schlichtweg kein Kriterium dafür, was als Wissen zu betrachten ist oder was die Wahrheit ist.
Die Konsequenz dieser Axiome lautet: Das Absolute kann nicht durch das Relative erreicht werden. Das heißt, zu den Grundprinzipien eines jeden Wissen Systems kann man nicht durch dieses Wissen selbst gelangen, und daher müssen diese Prinzipien bereits im Voraus gegeben sein und sind nicht Gegenstand wissenschaftlicher Beweisführung, sondern des Glaubens.
Als wir oben über die Universalität des Glaubens sprachen, der jeder menschlichen Tätigkeit und jedem Wissen zugrunde liegt, haben wir festgestellt, dass der Glaube, wenn er nicht Opfer subjektiver Irrtümer werden will, zwangsläufig die Wahrheit als Grundlage haben muss. So stellt sich eine durchaus berechtigte, ja sogar unvermeidliche Frage: Haben die Grundprinzipien des wissenschaftlichen Glaubens – wie beispielsweise die Wechselbeziehung und Einheit der Natur, die Transsubjektivität menschlichen Wissens, die Fähigkeit des Verstandes, auf der Grundlage von Beobachtung Schlussfolgerungen zu ziehen – die Absolute Wahrheit als Grundlage? Wenn nicht, stellen sie nichts weiter als unwahrscheinliche Annahmen dar. Man kann die „pragmatische“ Haltung vieler Wissenschaftler, Natur- und Geisteswissenschaftler, die sich nicht mit „Philosophie“ beschäftigen wollen, nicht als zufriedenstellend ansehen, wenn sie behaupten, als ob diese Prinzipien nichts weiter als experimentelle Hypothesen seien, die die gesellschaftliche Erfahrung als zuverlässig erachtet habe. Eine solche Behauptung kann lediglich eine psychologische Begründung für den Glauben an diese Prinzipien liefern, hilft jedoch nicht festzustellen, ob dieser Glaube auf der Wahrheit beruht oder nicht; das bedeutet, dass das gesamte wissenschaftliche Gebäude auf schwankendem Sand steht, ungeschützt vor den irrationalen Winden, die es immer wieder erschüttern.
In Wirklichkeit jedoch – ob dies nun auf naive Einfachheit zurückzuführen ist oder im Gegenteil auf die Tiefe des Eindringens in den Kern des Problems, den die Wissenschaftler mit Hilfe von Argumenten einfach nicht zum Ausdruck bringen können – ist die Mehrheit von ihnen zweifellos der Ansicht, dass das, woran sie glauben, in unmittelbarem Zusammenhang mit der Wahrheit steht. Ob diese Meinung gerechtfertigt ist oder nicht, ist eine andere Frage, eine metaphysische Frage. Aber eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Diese Meinung lässt sich keineswegs durch die primitive Metaphysik der meisten Wissenschaftler rechtfertigen.
Wie wir bereits festgestellt haben, lebt jeder Mensch im Glauben, ebenso wie jeder Mensch – ob dies offensichtlich ist oder nicht, aber es ist so – ein Metaphysiker ist. Jedes Wissen – und niemand, der auf der Erde lebt, kann vollständig auf Wissen verzichten – setzt eine Theorie und ein Kriterium des Wissens voraus, sowie die Vorstellung davon, was letztendlich vollständig erkennbar und wahr ist. Dies ist die endgültige Wahrheit, ob sie nun als christlicher Gott oder als allgemeine Wechselbeziehung der Dinge verstanden wird, und sie ist das erste metaphysische Prinzip, die Absolute Wahrheit. Die Anerkennung dieses Prinzips, die logisch unvermeidlich ist, widerlegt die Theorie der „Relativität der Wahrheit“, die sich als ein in sich widersprüchliches Absolutum erweist.
Die Verkündung der „Relativität der Wahrheit“ kann somit als „negative Metaphysik“ bezeichnet werden, doch wie dem auch sei, es handelt sich dennoch um Metaphysik. Es gibt mehrere Haupttypen der „negativen Metaphysik“, und da jeder von ihnen sich auf eine von den anderen Typen leicht abweichende Weise selbst widerspricht und jeder an ein von den anderen etwas anderes Bewusstsein appelliert, halten wir es für notwendig, auf jeden einzelnen von ihnen gesondert einzugehen. Ihre lassen sich unterteilen in zwei Hauptkategorien Kategorien unterteilt werden: „Realismus“ und „Agnostizismus“, von denen jede ihrerseits wieder unterteilt in „naiv“ und „kritischen“.
Der „naive Realismus“ oder „Naturalismus“ leugnet zwar nicht im strengen Sinne des Wortes die Absolute Wahrheit, macht aber selbst gewisse unbewiesene absolute Aussagen. Indem er jegliches Ideal oder „geistiges Absolutum“ ablehnt, bekräftigt er gleichzeitig die absolute Wahrheit des „Materialismus“ und des „Determinismus“. Eine solche Philosophie ist in manchen Kreisen nach wie vor verbreitet – sie ist beispielsweise die offizielle marxistische Doktrin und wird auch von einigen nicht allzu scharfsinnigen Denkern des Westens vertreten. Der Hauptstrom des zeitgenössischen Denkens hat sie jedoch weit hinter sich gelassen. Sie erscheint als seltsames Relikt vergangener, einfacherer, aber längst vergangener Tage; der viktorianischen Ära, als der „Wissenschaft“ jene treue Ergebenheit entgegengebracht wurde, die einst der Religion gehörte. Es ist unmöglich, den Begriff „wissenschaftliche Metaphysik“ zu verwenden, da die Wissenschaft ihrem Wesen nach das Wissen um das Besondere ist, während die Metaphysik das Wissen um das ist, was hinter diesem Besonderen steht und von ihm vorausgesetzt wird.
Eine solche Philosophie ist auf Selbstzerstörung ausgerichtet, da der „Materialismus“ und „Determinismus“, die er postuliert, jede Philosophie entwerten. Indem sie auf der Bedingtheit der Philosophie (wie auch alles andere) bestehen, können ihre Anhänger nur behaupten, dass ihre Philosophie, da sie existiert, „unvermeidlich“ sei, was jedoch keineswegs bedeutet, dass sie wahr ist. In Wirklichkeit müssten die Vertreter dieser Philosophie, wenn sie konsequent bis zum Ende gingen, ganz auf die Kategorie der Wahrheit verzichten. Da sie jedoch nicht die geringste Vorstellung von Konsequenz und Tiefe haben, scheinen sie diesen fatalen Widerspruch gar nicht zu bemerken. Auf einer weniger abstrakten Ebene lässt sich dieser Widerspruch in der altruistischen und idealistischen Praxis der russischen Nihilisten des vergangenen Jahrhunderts erkennen, einer Praxis, die in eklatantem Widerspruch zu ihrer rein materialistischen und egoistischen Theorie stand. Vladimir Soloviev hat diesen Widerspruch treffend mit folgendem Syllogismus zum Ausdruck gebracht: „Der Mensch stammt vom Affen ab, also lasst uns einander lieben.“ Jede Philosophie setzt bis zu einem gewissen Grad die Autonomie der Ideen voraus. Somit ist die Philosophie des „Materialismus“ in gewisser Weise eine Variante des „Idealismus“. Sie stellt, wenn man so sagen darf, das Selbstbekenntnis derer dar, deren Ideen sich nicht über das Offensichtliche erheben, deren Wissensdurst so leicht durch die Wissenschaft gestillt wird, dass sie diese zum Absoluten erheben.
Der „kritische Realismus“ oder „Positivismus“ besteht in der direkten Ablehnung der metaphysischen Wahrheit. Ausgehend von denselben wissenschaftlichen Prämissen wie der naiver Naturalismus lehnt er das Absolute nicht so entschieden und nicht mit solcher Bereitschaft ab, beschränkt sich nur auf „empirische“ oder „relative“ Wahrheit. Wir haben bereits auf den offensichtlichen Widerspruch einer solchen Position hingewiesen: Die Leugnung der absoluten Wahrheit ist selbst eine „absolute Wahrheit“. Und wieder, wie im Falle des Naturalismus, erweist sich die Aufstellung des Grundprinzips des Positivismus als eine Leugnung dieses Prinzips.
„Agnostizismus“ lässt sich ebenso wie „Realismus“ in „naiven“ und „kritischen“ Agnostizismus unterteilen. Der „naive“ oder „doktrinäre“ Agnostizismus postuliert die absolute Unerkennbarkeit der Absoluten Wahrheit. Obwohl diese Behauptung bescheidener erscheint als die Position des Positivismus, beansprucht auch sie doch zu viel: Wenn der Agnostizismus tatsächlich weiß, dass das Absolute „unerkennbar“ ist, dann ist dies Wissen und ist „das Absolute“. Tatsächlich ist ein solcher Agnostizismus eine Variante des Positivismus, der vergeblich versucht, dessen Widersprüche zu beseitigen.
Erst im „kritischen“ oder „reinen“ Agnostizismus begegnen wir endlich einer mehr oder weniger „erfolgreichen“ Verneinung des Absoluten. Leider beinhaltet eine solche Verneinung die Verneinung von allem überhaupt, und wenn sie konsequent ist, muss sie in einem vollständigen Solipsismus enden. Ein solcher Agnostizismus ist die einfache Feststellung der Tatsache: Wir wissen nicht, ob Absolute Wahrheit existiert, und wenn es sie gibt, wie ihre Natur ist. Dann lassen Sie uns – als Schlussfolgerung – uns mit jener empirischen, relativen Wahrheit begnügen, die wir erkennen können. Was ist Wahrheit? Was ist Wissen? Wenn es kein absolutes Kriterium für ihre Bestimmung gibt, lassen sich diese Begriffe gar nicht erst herausarbeiten. Wenn ein Agnostiker diese Kritik jedoch als berechtigt anerkennt, wird er sich nicht um die Begründung seiner Position kümmern. Seine Position ist lediglich „Pragmatismus“, „Experimentalismus“ und „Instrumentalismus“.
Es gibt keine Wahrheit, aber der Mensch kann auch ohne sie überleben, in der Welt existieren. In unserem unintellektuellen Zeitalter wird diese Haltung von Menschen sowohl auf den untersten als auch auf den höchsten Ebenen vertreten. Es sei angemerkt, dass diese Haltung, gelinde gesagt, intellektuell unverantwortlich ist. Sie stellt eine bewusste Abkehr von der Wahrheit oder gar eine Abkehr von der Wahrheit zugunsten der Macht dar, unabhängig davon, ob diese Macht durch die Interessen einer Nation, einer Rasse, einer Klasse, durch die Liebe zu den Annehmlichkeiten des Lebens oder durch irgendetwas anderes repräsentiert wird, das jene Anstrengungen in Anspruch nimmt, die zuvor der Suche nach der Wahrheit gewidmet waren.
Ein „Pragmatiker“ oder „Agnostiker“ mag aufrichtig glauben, nur Gutes zu wollen, doch er täuscht sich selbst und andere, wenn er bei der Definition dessen, wonach er sucht, weiterhin das Wort „Wahrheit“ verwendet. Seine bloße Existenz ist bereits ein Zeichen dafür, dass die Suche nach der Wahrheit, die die europäische Zivilisation so lange inspiriert hat, zu Ende gegangen ist. Mehr als viereinhalb Jahrhunderte des modernen Denkens stellen ein eigentümliches Experiment dar, das die Möglichkeiten des Wissens demonstriert, das der Menschheit zugänglich ist, die glaubt, dass es keine in göttlicher Offenbarung gegebene Wahrheit gibt. Die Schlussfolgerung, die sich daraus ergibt und die Hume bereits erkannt hatte und vor der er sich hinter dem bequemen Vorwand des „gesunden Menschenverstands“ und der „Lebensumstände“ zu verstecken versuchte, ist heute für Millionen von Menschen offensichtlich, die keinen so „sicheren“ Zufluchtsort mehr haben. Sie besteht in einer vollständigen Verneinung: Wenn es keine Wahrheit gibt, die in der göttlichen Offenbarung gegeben ist, dann bedeutet dies, dass es überhaupt keine Wahrheit gibt.
Die Suche nach der Wahrheit außerhalb der Offenbarung ist in eine Sackgasse geraten. Der Wissenschaftler erkennt diese Schlussfolgerung an, beschränkt sich auf sein enges Fachgebiet und begnügt sich mit der relativen Vollständigkeit des engen Kreises der gesammelten Daten und quält sich nicht mehr mit der Frage nach der Existenz irgendeiner Wahrheit, sei sie groß oder klein. Und die Mehrheit der Menschheit, die diese Schlussfolgerung anerkennt, erwartet vom Wissenschaftler nicht mehr die Wahrheit, sondern die praktische Anwendung von Wissen, das ausschließlich utilitaristischen Wert hat, und sucht in anderen, irrationalen Quellen nach den universellen Werten, die die Menschheit einst in der Wahrheit zu finden hoffte.
Aus dem Vorstehenden ergibt sich folgende logische Schlussfolgerung: Die Leugnung oder das Zweifeln an der absoluten Wahrheit führt – wenn man nur ganz ehrlich und konsequent ist – in den Abgrund des Solipsismus und des Irrationalismus; die einzige Position, die es ermöglicht, logische Widersprüche zu vermeiden, besteht darin, dass es eine absolute Wahrheit gibt, die allen Teilwahrheiten zugrunde liegt und diese gewährleistet; und diese absolute Wahrheit lässt sich nicht mit relativen menschlichen Mitteln erreichen. Hier endet die Logik, und wenn wir unsere Überlegungen fortsetzen wollen, gelangen wir in einen ganz anderen Bereich. Es ist jedoch eine Sache, festzustellen, dass die Logik der Behauptung über die Existenz einer absoluten Wahrheit keine Barriere in den Weg stellt, und eine ganz andere Sache, dies tatsächlich zu behaupten. Eine solche Behauptung kann nur auf einer einzigen Quelle beruhen: Die Frage nach der Wahrheit läuft auf die Frage nach der göttlichen Offenbarung hinaus.
Hier beginnt der kritische Verstand zu schwanken. Lohnt es sich, von außen nach etwas zu suchen, das man aus eigener Kraft nicht erreichen kann? Das ist ein Schlag gegen den Stolz, vor allem gegen jenen Stolz, den man gemeinhin als „Demut“ des Gelehrten bezeichnet, der sich „angesichts der Tatsache wie ein kleines Kind fühlt“. Diese „Demut“ weigert sich jedoch, irgendein Urteil über diese Tatsache anzunehmen, außer dem, das vom stolzen menschlichen Verstand ausgeht. Am meisten empört die Rationalisten die göttliche Offenbarung, die Offenbarung Jesu Christi, was sich daraus zeigt, dass sie keine anderen Offenbarungen ablehnen.
Wenn man jedoch die Lehre von der Wahrheit, wie sie im Christentum gegeben ist, nicht bewusst und in ihrer ganzen Ganzheit annimmt, muss man sie in etwas anderem suchen. Das ist der Weg der modernen Philosophie; er führt zu Unklarheit und Verwirrung, denn diese Philosophie will sich keineswegs eingestehen, dass sie nicht in der Lage ist, sich selbst das zu verschaffen, was nur von außen gegeben werden kann. Die Blindheit und Unklarheit, die bei den zeitgenössischen Philosophen in der Frage nach den Grundprinzipien und der Bestimmung des Absoluten zu beobachten sind, sind eine direkte Folge ihres Grundaxioms: Es gibt keine göttliche Offenbarung. Dieses Axiom macht die Menschen blind im Sonnenlicht, verdunkelt alles, was zuvor in diesem Licht so klar zu sehen war.
Für den, der sich tastend durch die Dunkelheit bewegt, gibt es nur einen Ausweg – sofern er natürlich nicht aus seiner Blindheit herausfindet –, nämlich zu versuchen, das Licht inmitten dieser Dunkelheit selbst zu finden. Viele greifen dann auf die flackernde Flamme der Kerze des „gesunden Menschenverstands“ und der „Lebenskonventionen“ zurück und übernehmen – da sie irgendwie existieren müssen – die Meinungen und Normen jener sozialen und intellektuellen Kreise, denen sie angehören. Doch viele, die sich mit solch einem trüben Licht nicht zufriedengeben, folgen magischen Laternen, die alles in Trügerischen, verzerrten, bunten Farben zeigen und diejenigen, die ihnen nachfolgen, vom Weg abbringen; diese Menschen werden Anhänger der einen oder anderen politischen, religiösen oder künstlerischen Strömung, die vom Zeitgeist auf die Welle gehoben wurde.
Tatsächlich lebt jeder Mensch im Licht einer Offenbarung, sei sie wahr oder falsch, erhelle sie den Menschen oder verdunkle sie ihn. Wer nicht nach der christlichen Offenbarung lebt, lebt nach einer anderen, falschen Offenbarung, und alle falschen Offenbarungen führen in den Abgrund.
Wir haben unsere Untersuchung mit einer logischen Frage begonnen: Was ist die Wahrheit? Diese Frage muss getrennt werden von einer anderen, die nichts mit ihr zu tun hat. Pilatus stellt diese Frage skeptisch an die Wahrheit selbst. – „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6). „Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8,32). Die Wahrheit in diesem Sinne, die Wahrheit, die ewiges Leben und Freiheit schenkt, kann nicht mit menschlichen Mitteln erreicht werden; sie kann nur in der Offenbarung von oben durch denjenigen gegeben werden, der die Macht hat, sie zu geben.
Der Weg zu dieser Wahrheit ist schmal, und die meisten Menschen finden ihn nicht, da sie den „breiten“ Weg gehen. Es gibt jedoch keinen Menschen, der nicht nach der Wahrheit suchen würde, denn so hat ihn Gott geschaffen, der selbst die Wahrheit ist. In den folgenden Kapiteln werden wir viele der falschen Absolutheit, der Götzen, betrachten, die die Menschen in unserem Idol artigen Zeitalter erfunden haben, und wir werden feststellen, dass das Erstaunlichste an ihnen ist, dass keine von ihnen eine „neue Offenbarung“ darstellt, sondern eine verzerrte, verdrehte Parodie jener einzigen Wahrheit darstellt, an die sich der Mensch selbst in seinen Irrtümern, seinem Hochmut und seiner Lästerung unweigerlich wenden muss. Der Begriff der göttlichen Offenbarung ist für diejenigen, die dem Zeitgeist folgen, entwertet, doch auch sie können sich nicht von dem Durst nach der Wahrheit befreien, den Gott dem Menschen eingegeben hat, damit er ihn zu Ihm führe, und der nur gestillt werden kann, indem man Seine Offenbarung annimmt. Selbst jene, die sich für zu „kultiviert“ oder „aufrichtig“ oder auch „demütig“ halten, selbst sie werden müde von den unbefriedigenden „Leckereien“ der Pseudowahrheiten, von denen sie sich ernähren müssen, und sehnen sich nach etwas Wesentlicherem.
Doch die „feste Speise“ der christlichen Wahrheit ist nur dem Glauben zugänglich, und das größte Hindernis für diesen Glauben ist nicht die Logik, wie Zeitgenossen leichtfertig annehmen, sondern ein anderer, gegensätzlicher Glaube. Wir haben bereits festgestellt, dass die Logik die Absolute Wahrheit nicht leugnen kann, ohne sich dabei selbst zu leugnen. Die Logik, die sich gegen die göttliche Offenbarung auflehnt, dient nur einer anderen Offenbarung, einer falschen absoluten Wahrheit, genauer gesagt dem Nihilismus.
Auf den folgenden Seiten werden wir Menschen mit scheinbar unterschiedlichen Ansichten als Nihilisten bezeichnen: Humanisten, Skeptiker, Revolutionäre aller Richtungen, Künstler und Philosophen verschiedener Schulen, doch alle verbindet ein gemeinsames Ziel. Ob es sich nun um „positive“ Kritik an christlichen Wahrheiten und Lehren, um revolutionäre Gewalt gegen die alte Ordnung, um apokalyptische Visionen der allgemeinen Zerstörung und der Nähe des irdischen Paradieses oder um „objektive“ wissenschaftliche Werke handelt, deren Aufgabe die „Verbesserung des Lebens“ in dieser Welt ist – sie alle haben ein und dasselbe Ziel: die Ablehnung der göttlichen Offenbarung und die Vorbereitung einer neuen Ordnung, in der von den alten Vorstellungen keine Spur mehr übrig bleibt und in der der Mensch der einzige Gott sein wird.
II. Stufen der nihilistischen Dialektik
Das nihilistische Bewusstsein ist einheitlich aufgrund des dahinterstehenden gemeinsamen Ziels, doch manifestiert es sich in Formen, die ebenso vielfältig sind wie die Charaktere derer, die seine Positionen teilen. Somit hat die einheitliche nihilistische Ursache viele Facetten, weshalb ihre Gegner oft verwirrt sind und angesichts einer so wirkungsvollen Taktik den Überblick verlieren. Ein aufmerksamer Forscher wird jedoch in der Lage sein, die nihilistischen Erscheinungen auf drei bis vier Typen zu reduzieren, die im weiteren Verlauf als Stufen eines einheitlichen Prozesses betrachtet werden können, nennen wir ihn nihilistische Dialektik. Jede Stufe des Nihilismus stellt sich der anderen entgegen, jedoch nicht, um gegen sie zu kämpfen, sondern um, indem sie all ihre Fehler in sich aufnimmt, die Menschheit noch weiter auf den Weg des Nihilismus zu führen, dessen Ende der Abgrund ist. Auf jeder Stufe findet man eine sehr wirksame Kritik an einzelnen offensichtlichen Mängeln der vorangegangenen oder nachfolgenden Stufe, doch diese Kritik berührt niemals radikal die Irrtümer, die allen Stufen des Nihilismus eigen sind, und die Halbwahrheiten, die in allen Formen des Nihilismus zu finden sind, dienen letztlich nur als Mittel, die Menschheit in jene große Lüge zu verführen, die hinter ihnen allen steht.
Die Etappen, um die es auf den folgenden Seiten gehen wird, sollten nicht rein chronologisch betrachtet werden, obwohl sie im engeren Sinne tatsächlich die Entwicklung des nihilistischen Bewusstseins im Laufe der Zeit darstellen, beginnend mit dem Scheitern des nihilistischen Experiments der Französischen Revolution bis hin zum Aufstieg und schließlich zum Zusammenbruch dessen, ausgeprägtesten Erscheinungsform des Nihilismus – des Nationalsozialismus. So lassen sich die zwei Jahrzehnte vor und die zwei Jahrzehnte nach der Mitte des 19. Jahrhunderts als Blütezeit des Einflusses und des Ansehens des Liberalismus betrachten, und J. S. Mill als den typischsten dessen Vertreter angesehen werden. Die Periode des Realismus umfasst die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und lässt sich einerseits durch sozialistische Denker und andererseits durch Philosophen und Popularisatoren charakterisieren – man sollte sie eher als „Ausbeuter“ der Wissenschaft bezeichnen. Der Vitalismus in Form von Symbolismus, Okkultismus, künstlerischem Expressionismus und anderen evolutionären und mystischen Lehren ist seit 1875 die wichtigste Strömung eines halben Jahrhunderts. Der Nihilismus der Zerstörung reicht zwar mit seinen intellektuellen Wurzeln tief ins vergangene Jahrhundert zurück, kommt jedoch sowohl in der Gesellschaftsordnung als auch im privaten Bereich erst im Laufe von gut einem Jahrhundert voll zum Ausdruck, wobei die Phase der intensivsten Zerstörung auf die Jahre 1914–1945 fällt.
Es sei angemerkt, dass sich diese Perioden teilweise überschneiden, da der Nihilismus bei verschiedenen Völkern und einzelnen Vertretern mit unterschiedlicher Geschwindigkeit heranreift. Diese Überschneidung ist sogar weitaus wesentlicher, als es in unserem vereinfachten Schema zum Ausdruck kommt. Sie ist so wesentlich, dass Vertreter jeder Stufe in jedem anderen Zeitraum zu finden sind und sogar heute alle nebeneinander existieren. Was über die historischen Zeiträume gesagt wurde, gilt auch für einzelne Vertreter: Auf keiner Stufe begegnen wir einem „reinen“ Nihilisten, jeder Vertreter des Nihilismus vereint in sich mindestens zwei verschiedene Stufen.
Zweitens: Obwohl die mit der Französischen Revolution beginnende Periode als die erste gilt, in der der Nihilismus eine zentrale Rolle spielte, war jede seiner Stufen in der einen oder anderen Form auch in früheren Jahrhunderten vertreten. Der Liberalismus beispielsweise ist ein direkter Nachkomme des Humanismus der Renaissance, der Realismus war einer der wichtigsten Aspekte der Reformation und der französischen Aufklärung, eine Art Vitalismus zeigte sich bereits in der Renaissance und war auch dem Okkultismus der Aufklärung und später der Romantik eigen, und der Nihilismus der Zerstörung existierte, wenn auch nicht so ausgeprägt wie im letzten Jahrhundert, während der gesamten Moderne als eine Art Verlockung für extrem eingestellte Denker.
Mit diesen Vorbehalten lässt sich unser Schema dennoch zumindest als annähernd dem tatsächlichen historischen und psychologischen Prozess entsprechend annehmen. Beginnen wir also unsere Untersuchung der Etappen dieses Prozesses, d. h. der nihilistischen Dialektik, und versuchen wir, sie im klaren Licht der orthodoxen Wahrheit zu bewerten, jener Wahrheit, die sie, wie es uns scheint, mit aller Kraft zu verdunkeln und auszurotten suchen. In diesem Kapitel werden wir lediglich versuchen, diese Phasen zu beschreiben und unter Verwendung der oben angeführten Definition des Nihilismus aufzuzeigen, in welchem Sinne sie als nihilistisch betrachtet werden können.
Liberalismus
Zunächst sei angemerkt, dass der Liberalismus, von dem auf diesen Seiten die Rede sein wird, nicht dem offensichtlichen Nihilismus zugeordnet werden kann; es handelt sich vielmehr um einen passiven Nihilismus, eine Art neutraler „Nursery“, in der die nachfolgenden, dunkleren Phasen des Nihilismus herangewachsen sind. Wer unsere obigen Ausführungen über die Unmöglichkeit geistiger und intellektueller Neutralität aufmerksam gelesen hat, wird sofort verstehen, warum wir eine Sichtweise als nihilistisch einstufen, die zwar unmittelbar keinerlei markantes nihilistisches Phänomen hervorgebracht hat, aber eine notwendige Voraussetzung für deren Entstehung darstellte. Die ungeschickte Verteidigung des Erbes durch den Liberalismus, an das er nie ganz geglaubt hatte, war einer der Hauptgründe, die den offenen Nihilismus hervorbrachten.
Die liberal-demokratische Zivilisation, die in Westeuropa die letzte Form der alten Ordnung war, die durch den Ersten Weltkrieg und die Revolutionen des zweiten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts zerstört wurde, und die weiterhin existiert – wenn auch in einer subtileren, „demokratischen“ Form – bis heute in der sogenannten freien Welt fortbesteht, lässt sich anhand ihres Verhältnisses zur Wahrheit charakterisieren. Es handelt sich dabei nicht um eine Haltung offener Feindseligkeit oder absichtlicher Gleichgültigkeit, denn ihre aufrichtigen Verfechter interessieren sich zweifellos für das, was sie als Wahrheit betrachten. Es ist vielmehr eine Haltung, bei der die Wahrheit, trotz einiger äußerer Erscheinungsformen, nicht mehr im Mittelpunkt steht. Die Wahrheit, zu der sie sich bekennen – natürlich unabhängig von wissenschaftlichen Fakten –, ist keine geistige oder intellektuelle Notwendigkeit, sondern liegt wie eine Art totes Gewicht da, das ihnen aus dem vergangenen Jahrhundert geblieben ist. Der Liberale spricht weiterhin, zumindest in offiziellen Fällen, von „ewigen Werten“, „Glauben“, „menschlicher Würde“, der „hohen Berufung“ des Menschen oder seinem „unbeugsamen Geist“, ja sogar von der „christlichen Zivilisation“, aber es ist ganz offensichtlich, dass diese Worte nicht mehr das bedeuten, was sie früher bedeuteten. Kein Liberaler nimmt sie ernst, für ihn sind sie bloß Metaphern, Redewendungen, die eher auf eine emotionale als auf eine intellektuelle Reaktion abzielen, bedingt vor allem durch den langjährigen Gebrauch dieser Worte und die Erinnerung an jene Zeit, als sie, diese Worte, tatsächlich eine ernsthafte positive Bedeutung besaßen.
Heute glaubt niemand von denen, die stolz auf ihre „Gelehrsamkeit“ sind – übrigens gibt es davon nur wenige in akademischen Einrichtungen, in der Regierung, in der Wissenschaft und in humanistischen Intellektuellenkreisen –, niemand von denen, die mit der Zeit gehen wollen oder glauben, dass sie „mit der Zeit gehen“, glaubt nicht ganz an die Absolute Wahrheit oder, genauer gesagt, an die christliche Wahrheit. Dennoch hat sich der Begriff der Wahrheit erhalten, ebenso wie die Bezeichnungen jener Wahrheiten, die einst als absolut galten, und es gibt unter den Machthabern kaum jemanden, der bei deren Verwendung zögern würde, selbst wenn er sich bewusst ist, dass sich die Bedeutung dieser Begriffe gewandelt hat.
Kurz gesagt, die Wahrheit wurde „neu interpretiert“, indem man den früheren Inhalt aus den alten Formen entleerte und sie mit einem neuen, quasi-nihilistischen Inhalt füllte. Davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man nur einen flüchtigen Blick auf jene Hauptbereiche wirft, in denen die Wahrheit einer „Neuinterpretation“ unterzogen wurde.
In theologischer Hinsicht ist die Erste Wahrheit natürlich Gott, der allmächtige und allgegenwärtige Schöpfer von allem, der sich dem Glauben und in der Erfahrung der Gläubigen offenbart – ihm widerspricht übrigens nicht der Verstand derer, die den Glauben nicht leugnen. Gott ist das höchste Ziel der gesamten Schöpfung, und Er selbst ist, im Gegensatz zu Seiner Schöpfung, das Ziel Seiner selbst; alles Geschaffene existiert in Bezug auf Ihn und in Abhängigkeit von Ihm, der als Einziger von nichts anderem als von sich selbst abhängig ist. Er hat die Welt erschaffen, damit sie sich an Ihm erfreue, und alles, was in der Welt ist, ist auf dieses Ziel ausgerichtet, das der Mensch jedoch verfehlen kann, wenn er seine Freiheit falsch nutzt. Das moderne Bewusstsein kann einen solchen Gott nicht ertragen. Er ist zu „persönlich“, zu „menschlich“ und zu „absolut“, zu kompromisslos in dem, was Er von uns verlangt. Er offenbart sich nur dem demütigen Glauben, und das stößt den modernen, stolzen Verstand unweigerlich ab. Der moderne Mensch braucht einen „neuen Gott“, einen Gott, der den heutigen Begriffen wie Wissenschaft und Wirtschaft besser entspricht. Einen solchen Gott zu finden – danach strebt das moderne Denken.
Dieses Streben kommt bereits bei Descartes deutlich zum Ausdruck, nimmt dann im Deismus der Aufklärung Gestalt an und erreicht sein Ziel im deutschen Idealismus, wo wir einem neuen Gott begegnen – nicht einem Wesen, sondern einer Idee, die nicht dem Glauben und der Demut offen ist, sondern von einem stolzen Verstand konstruiert wurde, der nicht mehr das Heil begehrt, sondern alles noch spürt die Notwendigkeit „Erklärung“. Dies ist der tote Gott der Philosophen, die nur eine erste Ursache brauchen, um ihr System zu vervollständigen, sowie der „positiven Denker“ und anderer religiöser Sophisten, die Gott nur deshalb wählen, weil sie ihn „brauchen“, und dann darauf hoffen, ihn nach Belieben zu nutzen. Alle modernen Götter, seien sie oder, gehören zum „Deismus“, „Idealismus“, „Pantheismus“ oder „Immanentismus“ gehören, stellen rationale Konstrukte dar, die von Seelen erschaffen wurden, die durch den Verlust des Glaubens an den wahren Gott abgestorben sind.
Die atheistischen Einwände gegen einen solchen Gott sind ebenso unwiderlegbar wie unangebracht, denn dieser Gott ist nichts anderes als die Abwesenheit Gottes. Dem Menschen gegenüber gleichgültig, ohne Macht, in dieser Welt zu wirken – außer vielleicht, weltweiten „Optimismus“ zu wecken –, ist dieser Gott weitaus schwächer als die Menschen, die ihn erfunden haben. Es versteht sich von selbst, dass man auf einer solchen Grundlage nichts Beständiges errichten kann, und deshalb – und das nicht ohne triftigen Grund – bauen die Liberalen, die an diese Gottheit glauben, ihre Weltanschauung auf eine offensichtlichere, wenn auch kaum stabilere Grundlage: auf den Menschen. Somit ist der nihilistische Atheismus nur eine anschauliche Manifestation dessen, was im Liberalismus nicht nur angedeutet war, sondern bereits vorhanden war, wenn auch in etwas verzerrter Form.
Der ethische Hintergrund des Glaubens an einen solchen Gott ist genau derselbe wie im Atheismus, doch ihre innere Ähnlichkeit wird durch einen metaphorischen Nebel verdeckt. In der christlichen Weltanschauung wird jedes menschliche Handeln im Lichte dessen betrachtet und bewertet, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, ein Leben, das niemals enden wird. Für einen Ungläubigen ist es unmöglich, sich auch nur vorzustellen, was dieses Leben für einen gläubigen Christen bedeutet. Für die meisten Menschen der heutigen Zeit ist dieses Leben, ebenso wie Gott, zu einer bloßen abstrakten Idee geworden; es zu leugnen oder seine Existenz zu beweisen, ist für sie sinnlos. Für den gläubigen Christen hingegen ist das zukünftige Leben eine unfassbare Freude, eine Freude, die jene Freude der Gemeinschaft mit Gott übertrifft, die ihm bereits in diesem Leben zuteilwird – im Gebet, in der Liturgie, im Empfang der Heiligen Sakramente Christi –, denn dann wird Gott alles in allem sein, und es wird keinen Verlust dieser Freude geben, sie wird nur unendlich zunehmen. Ein wahrer Gläubiger hat immer Trost – die Vorfreude auf das ewige Leben. Wer an einen „modernen Gott“ glaubt, kennt diese Vorfreude nicht und hat keine Vorstellung von der Freude, die dem Christen bekannt ist, und kann daher nicht im gleichen Maße an das zukünftige Leben glauben wie dieser. Im Gegenteil, wenn er bis zum Ende ehrlich zu sich selbst ist, muss er zugeben, dass er überhaupt nicht daran glauben kann.
Es gibt zwei Hauptformen eines solchen Unglaubens, die im Liberalismus für diesen Glauben gehalten werden, nämlich den Protestantismus und den Humanismus. Die liberal-protestantische Vorstellung vom Leben nach dem Tod – die leider von einer immer größeren Zahl derer geteilt wird, die sich als Katholiken oder sogar als Orthodoxe betrachten – ist, wie alles andere, was die geistige Welt betrifft, ein minimales Bekenntnis zum Glauben, hinter dem sich in Wirklichkeit der Glaube an das Nichts verbirgt. In der allgemeinen Meinung hat sich das Leben nach dem Tod in eine Art gespenstische Unterwelt verwandelt, Ort „verdienter Erholung“ nach den Mühen des gegenwärtigen Lebens. Niemand hat eine klare Vorstellung davon, denn sie entspricht nicht der Realität; es handelt sich vielmehr um eine Art emotionale Projektion, ein Trost für diejenigen, die nicht bereit sind, dem, was hinter ihrem Unglauben steht, direkt ins Gesicht zu sehen.
Solche „Himmel“ sind das Ergebnis einer Verbindung aus christlicher Terminologie und gewöhnlicher Weltlichkeit; keiner, der sich bewusst ist, dass ein Kompromiss in so grundlegenden Fragen unmöglich ist, wird sie als überzeugend anerkennen können; nicht nur ein wahrer orthodoxer Christ, sondern auch ein konsequenter Nihilist wird sich davon nicht verführen lassen. Der Kompromiss des Humanismus ist jedoch noch weniger überzeugend. Er erhebt sogar den Anspruch, dass seine Idee der Realität entspricht; alles wird zu nichts weiter als Metapher und Rhetorik. Der Humanist spricht überhaupt nicht vom Himmel, erlaubt sich aber, vom „Ewigen“ zu sprechen, meist in Form von hochtrabenden Phrasen wie „ewige Werte“ oder „ewiger Geist der Menschheit“. Es stellt sich die berechtigte Frage: Hat das Wort „ewig“ in diesen Phrasen überhaupt irgendeine Bedeutung? Im humanistischen Stoizismus ist das „Ewige“ mit einem Inhalt verbunden, der so nichtig und schwer fassbar ist, dass er praktisch untrennbar vom materialistischen und deterministischen Nihilismus ist, der – nicht ohne gewisse Berechtigung – danach strebt, es zu vernichten.
Auf jeden Fall, ob es sich nun um einen liberalen „Christen“ oder von einem noch liberaleren Humanisten handelt, ihre Unfähigkeit, an das ewige Leben zu glauben, hat denselben Grund: Sie glauben nur an diese Welt, sie haben weder Erfahrung noch Wissen noch Glauben an eine jenseitige Welt, und vor allem: Sie glauben an einen Gott, der nicht in der Lage ist, Tote auferwecken.
Jenseits ihrer Rhetorik sind sich beide – der gewiefte Protestant wie der Humanist – bewusst, dass in ihrem Universum weder für den Himmel noch für die Ewigkeit Platz ist. Ihre durch und durch liberale Sensibilität ist noch keine transzendente, sondern eine immanente Quelle für ihre ethische Lehre, und ihr scharfer Verstand ist sogar in der Lage, diese faute de mieux in eine positive Apologie zu verwandeln. Aus ihrer Sicht besteht das Leben ohne Hoffnung auf ein ewiges Leben und ohne Furcht vor ewigen Qualen sowohl „Realismus“ als auch „Mut“: Um in dieser Welt ein „tugendhaftes Leben“ zu führen, braucht der Anhänger der liberalen Sichtweise Glauben an Himmel oder Hölle. So stark ist das liberale Bewusstsein, das die Bedeutung des Todes überhaupt nicht begreift. Selbst wenn es keine Unsterblichkeit gibt, so glaubt der Liberale, kann man ein zivilisiertes Leben führen; doch die tiefere Logik Iwan Karamasows besagt: Wenn es keine Unsterblichkeit gibt, ist alles erlaubt.
Humanistischer Stoizismus ist für einige einzelne Persönlichkeiten für eine gewisse Zeit möglich, jedoch nur so lange, bis sich die ihm innewohnende Leugnung der Unsterblichkeit gegen ihn selbst wendet. Der Liberale lebt in einem Paradies für Narren, das angesichts der Wahrheit unweigerlich zerfallen muss. Wenn, wie Liberale und Nihilisten glauben, der Tod das Verschwinden der Persönlichkeit ist, dann sind sowohl diese Welt als auch alles, was in ihr ist – Liebe, Güte, Heiligkeit –, so gut wie nicht existent. Was auch immer der Mensch tut, sein Handeln wird keine globalen Folgen haben, und der ganze Schrecken eines solchen Lebens bleibt dem Menschen nur aufgrund seines Strebens, sich selbst zu täuschen, verborgen. „Alles ist erlaubt“, und weder die Hoffnung auf eine andere Welt noch die Furcht vor ihr Können den Menschen mehr von monströsen Experimenten oder selbstmörderischen Träumen abhalten. Dann erfüllen sich die „prophetischen“ Worte Nietzsches, die er über die neue Welt sprach, die aus einer solchen Weltanschauung hervorgeht: „Von allem, was früher als Wahrheit galt, darf man kein einziges Wort glauben. Alles, was einst als sündhaft, verboten, unwürdig und mörderisch verachtet wurde, all diese Blumen blühen nun auf den wunderbarsten Pfaden der Wahrheit.“[2]
Die Blindheit des Liberalen ist die direkte Vorläuferin der nihilistischen, genauer gesagt der bolschewistischen Moral. Letztere ist nichts anderes als die konsequente, systematische Umsetzung des liberalen Unglaubens in die Praxis. Die Ironie besteht darin, dass gerade in dem Moment, in dem sich der sehnlichste Wunsch des Liberalismus erfüllt, wenn die gesamte Menschheit von der Last transzendenter Normen „befreit“ sein wird, wenn sogar der vorgetäuschte Glaube an die Welt und das Jenseits gerade in diesem Moment das Leben, wie ein Liberaler es sich vorstellt und nach welchem er strebt, unmöglich wird, denn der durch den Unglauben geschaffene „neue Mensch“ wird im Liberalismus nicht mehr als die letzte jener „Illusionen“ sehen können, von denen sich der Liberalismus selbst so sehr befreien wollte.
Auch in der christlichen Ordnung beruhte die Politik auf der absoluten Wahrheit. Die wichtigste, von der christlichen Wahrheit geprägte Regierungsform ist das orthodoxe christliche Reich, in dem die höchste Macht beim Monarchen liegt und die Herrschaft durch eine hierarchische Gesellschaftsstruktur von oben nach unten ausgeübt wird. Im folgenden Kapitel werden wir sehen, dass eine Politik, die die christliche Wahrheit leugnet, das „Volk“ als obersten Herrscher anerkennen muss, und die Verwaltung erfolgt dann von unten nach oben; die Gesellschaft wird formal als „gleichberechtigt“ angesehen. Es ist offensichtlich, dass diese beiden Formen einander direkt entgegenstehen, da sie in ihren Konzepten sowohl hinsichtlich des Ausgangspunkts als auch des Ziels der Herrschaft polarisiert sind. Die orthodoxe Monarchie ist eine von Gott gegebene Regierungsform, die sich hauptsächlich auf die jenseitige Welt ausrichtet, der christlichen Lehre von der Wahrheit folgt und die Rettung der Seelen als ihr Hauptziel betrachtet. Die nihilistische Regierungsform, die am ehesten als Anarchie bezeichnet werden kann, ist eine von Menschen geschaffene Regierungsform, die ausschließlich auf diese Welt ausgerichtet ist; sie hat kein höheres Ziel, außer vielleicht das irdische Glück.
Wie man sich denken kann, versucht die liberale Vorstellung von Macht, diese beiden unvereinbaren Ideen miteinander zu verbinden. Im 19. Jahrhundert nahm dieser Kompromiss die Form der „konstitutionellen Monarchie“ an – ein weiterer Versuch, alte Form und neuen Inhalt zu verbinden; und heute sind die Hauptvertreter der liberalen Idee die „Republiken“ und „Demokratien“ Westeuropas und Amerikas, von denen die meisten ein äußerst labiles Gleichgewicht zwischen Macht und Revolution aufrechterhalten, indem sie den Glauben an das eine wie an das andere bekennen.
Dabei ist es unmöglich, an beides mit gleicher Aufrichtigkeit und Leidenschaft zu glauben, und niemand hat tatsächlich jemals daran geglaubt. Die konstitutionellen Monarchen glaubten zwar, dass ihnen dieser Kompromiss gelinge; so erklärte beispielsweise Louis-Philippe, er regiere „durch die Gnade Gottes und nach dem Willen des Volkes“. Diese Formel enthält jedoch zwei sich gegenseitig ausschließende Teile, was nicht nur den Monarchisten, sondern auch den Anarchisten offensichtlich ist [3].
Eine Regierungsform ist nur so lange zuverlässig, wie sie auf Gott gründet und Seinem Willen folgt, was bei einer liberalen Regierungsform offensichtlich nicht der Fall ist. Die Liberalen sind der Ansicht, dass nicht Gott, sondern das Volk regiert, Gott selbst ist in seiner Art „konstitutioneller Monarch“, dessen Macht dem Volk übertragen wurde und dessen Aufgaben heute rein zeremonieller Natur sind. Der Liberale glaubt an Gott mit derselben rhetorischen Leidenschaft, mit der er an den Himmel glaubt. Eine Herrschaft, die auf einem solchen Glauben beruht, unterscheidet sich in der Praxis kaum von einer Herrschaft, die auf völliger Gottlosigkeit aufgebaut ist. Auch wenn im Moment noch eine gewisse Stabilität herrscht, neigt sich die Waage eindeutig in Richtung Anarchie.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Die Herrschaft kann entweder durch Gottes Gnade oder durch den Willen des Volkes ausgeübt werden; man kann entweder an autoritäre Macht oder an die Revolution glauben; ein Kompromiss in diesen Fragen kann nur rein äußerlich und zudem nur vorübergehend sein. Die Revolution, ebenso wie der ihr stets begleitende Unglaube, lässt sich nicht auf halbem Wege aufhalten. Es ist eine Kraft, die, einmal erwacht, nicht mehr anzuhalten ist, bis sie zum allgemeinen Reich dieser Welt führt, was die Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte deutlich zeigt. Die Liberalen, in der Hoffnung, die Revolution zu besänftigen, sind ihr stets entgegengekommen und haben damit gezeigt, dass sie nicht über jene Wahrheit verfügen, die man ihr entgegenstellen könnte. Auf diese Weise lässt sich die Revolution jedoch nur aufhalten, ihr unvermeidliches Ende jedoch nicht verhindern. Der Revolution eine eigene, andere Revolution entgegenzusetzen, wie auch immer sie heißen mag: „konservativ“, „geistig“ oder „Gewaltlosigkeit“ – bedeutet nicht nur, das Ausmaß und die Natur der heutigen Revolution nicht zu verstehen, sondern auch ihr erstes Prinzip selbst zu übernehmen: Die alte Wahrheit ist nicht mehr wahr, ihren Platz muss eine neue Wahrheit einnehmen. Im nächsten Kapitel werden wir diesen Gedanken weiterentwickeln und das Ziel der Revolution genauer betrachten.
In der gesamten liberalen Weltanschauung, d. h. in ihrer Theologie, Ethik, Politik und anderen Bereichen, auf die wir hier nicht eingegangen sind, ist die Wahrheit abgeschwächt, gemildert, mit Kompromissen verbunden; die Wahrheit, die einst absolut war, ist weniger eindeutig, wenn nicht gar völlig relativ geworden. Es mag vorübergehend möglich sein, die Früchte eines solchen Systems und einer Wahrheit zu bewahren, an der wir nicht sicher sind oder an der wir zweifeln, doch auf dieser Unsicherheit und dem Versuch, sie mit Hilfe relativistischer Lehren zu begründen, lässt sich nichts Positives aufbauen. Der Liberalismus hat keine philosophische Rechtfertigung und kann auch keine haben; seine Apologie ist, wenn nicht rein rhetorisch, so doch nur emotional und pragmatisch. Das Seltsamste liegt jedoch nicht in der Unzulänglichkeit der liberalen Doktrin, sondern darin, dass die Liberalen selbst diese Unzulänglichkeit völlig vergessen haben.
Diese Tatsache, die bei Kritikern des Liberalismus berechtigte Einwände hervorruft, hat nur eine einzige zufriedenstellende Erklärung. Den Liberalen stören die Mängel und Widersprüche, die seiner Philosophie zugrunde liegen, nicht, denn sein Hauptinteresse gilt einem ganz anderen Bereich. Wenn er nicht versucht, ein politisches und gesellschaftliches System auf der göttlichen Wahrheit aufzubauen, wenn ihm die Existenz von Himmel und Hölle gleichgültig ist, wenn er Gott als reine Idee einer unbestimmten, körperlosen Kraft auffasst, dann nur deshalb, weil ihn die Ziele und Aufgaben dieser Welt weitaus mehr interessieren, während ihm alles andere ziemlich nebulös und abstrakt erscheint. Einen Liberalen mögen Kultur, Bildung, Wirtschaft oder einfach nur die Annehmlichkeiten des Lebens interessieren, doch in all seinen Beschäftigungen fehlt die Kategorie des Absoluten gänzlich. Er ist nicht fähig oder nicht willens, über allgemeine, globale Fragen nachzudenken. Der Durst nach der absoluten Wahrheit ist verschwunden, er ist von der Weltlichkeit verschlungen worden.
In der liberalen Welt ist die Wahrheit, also das Streben nach Erkenntnis, durchaus mit der Weltlichkeit vereinbar. Doch „jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme“ (Joh 18,37). Wer ehrlich nach der Wahrheit sucht, kann letztlich nicht umhin, vor die Wahl gestellt zu werden: den Herrn Jesus Christus anzunehmen oder abzulehnen, der „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ ist (Joh 14,6), die Wahrheit, die sich der Welt entgegenstellt und jeder Weltlichkeit einen Vorwurf macht. Der Liberale, der glaubt, vor dieser Wahrheit sicher zu sein, erinnert an den Reichen aus dem Gleichnis, der von weltlichen Interessen und Gedanken belastet ist und nicht bereit ist, diese zugunsten der Demut, Armut und Erniedrigung aufzugeben, die den wahren Wahrheitssuchenden begleiten.
Nietzsche gab eine weitere Definition oder kommentierte vielmehr seine eigene Definition „Es gibt keine Wahrheit“, und zwar: „Es gibt keine Antwort auf die Frage: Warum?“[4] Somit bedeutet Nihilismus, dass es keine Antworten auf die grundlegenden Fragen gibt, das heißt keine positiven Antworten; und der Nihilist selbst ist derjenige, der das vermeintliche „Nein“ akzeptiert, mit dem das Universum auf diese Fragen antwortet.
Es gibt jedoch zwei Arten, diese Antwort anzuerkennen. Die erste ist der Weg der Extreme, wenn diese Antwort klar und deutlich zum Ausdruck kommt und in das Programm der Revolution und Zerstörung eingebettet ist; das ist der reine oder aktive Nihilismus, denn, wie Nietzsche sagt: „Nihilismus ist nicht bloß der Glaube, dass alles des Untergangs würdig ist; nein, der Nihilist legt sich selbst den Pflug an, beschleunigt selbst die Zerstörung“.[5] Es gibt aber auch den gemäßigten Weg des passiven oder inneren Nihilismus, um den es hier geht; dies ist der Nihilismus des Liberalen, des Humanisten, des Agnostikers, die, indem sie zustimmen, dass es „keine Wahrheit“ gibt, keine grundlegenden Fragen mehr stellen. Der aktive Nihilismus setzt diesen Nihilismus des Skeptizismus und des Unglaubens voraus.
Totalitäre nihilistische Regime unternahmen eine gnadenlose „Umerziehung“ ihres Volkes und betrachteten dies als den wichtigsten Teil ihres Programms. Nur wenige derjenigen, die diesem Prozess ausgesetzt waren, sei es auch nur für kurze Zeit, entgingen seinem Einfluss: In einer Atmosphäre des Albtraums geht das Gefühl unweigerlich verloren Realität und Wahrheit. Eine subtilere, in ihren Mitteln durchaus humane, in ihren Folgen jedoch nicht weniger nihilistische Umerziehung findet in der sogenannten freien Welt statt, und nirgendwo wird sie so konsequent und wirksam betrieben wie in ihrem intellektuellen Zentrum – in der akademischen Welt.
Hier wird äußerer Zwang durch innere Überzeugung ersetzt, alles wird von einem lähmenden Skeptizismus beherrscht, der sich hinter den Überresten des „christlichen Erbes“ verbirgt, an das nur sehr wenige glauben, und mit tiefer Überzeugung noch weniger. Die Wissenschaftler haben sich heute von ihrer Hauptpflicht abgewandt – den Menschen die Wahrheit zu vermitteln – und die vorgetäuschte „Demut“, die versucht, diese Tatsache unter raffiniertem Geschwätz über die „Begrenztheit menschlichen Wissens“ zu verbergen, ist nichts weiter als eine weitere Maske des Nihilismus, die nicht nur moderne Extremisten, sondern auch liberale Wissenschaftler gerne aufsetzen. Die Jugend, die, solange ihr noch nicht im akademischen Milieu „umgeprägt“ wurde, sehnt sich immer noch nach der Wahrheit, wird aber nicht in der Wahrheit unterrichtet, sondern in der „Ideengeschichte“, oder ihre Interessen werden in Richtung „vergleichender Studien“ gelenkt; der daraus entstehende Relativismus und Skeptizismus, die solchen Studien innewohnen, sind fähig, jeden natürlichen Durst nach der Wahrheit gänzlich zu zerstören.
Die akademische Welt – und das sind keine leichtfertigen Worte, es fällt mir sehr schwer, sie auszusprechen – ist heute in hohem Maße zu einer Quelle des Verfalls und der Verderbnis geworden. Denn das Lesen von Werken und das Anhören von Vorträgen von Menschen, die nicht an die Wahrheit glauben, ist verhängnisvoll; noch verhängnisvoller ist es jedoch, wenn die Wahrheit durch Bildung und Wissenschaft ersetzt wird, die, indem sie zum Selbstzweck werden, zu nichts anderem als Parodien der Wahrheit werden, der sie eigentlich dienen sollten, und eine Fassade darstellen, hinter der Leere liegt. Schon die bloße Wahrnehmung einer scheinbar positiven Eigenschaft wie der Ehrlichkeit der besten Vertreter der akademischen Welt ist verhängnisvoll, denn sie dient nicht der Wahrheit, sondern einer skeptischen wissenschaftlichen Weltanschauung, die nur noch wirksamer in Subjektivismus und Unglauben, versteckt hinter dieser Weltanschauung. Es ist schon verhängnisvoll, in einer Atmosphäre zu leben und zu arbeiten, die von falschen Vorstellungen über die Wahrheit durchdrungen ist, in der die christliche Wahrheit als unvereinbar mit den akademischen Kernfächern gilt und diejenigen, die noch an die Wahrheit glauben, nur gelegentlich ihre Stimme erheben können, um inmitten des vom akademischen System gepflegten Skeptizismus gehört zu werden. Das Übel liegt natürlich im Wesen des Systems selbst, das auf Unrecht und Unwahrheit beruht, und äußerst selten in seinen einzelnen Vertretern – den Lehrenden, denen dieses System erlaubt und die es dazu inspiriert, Unwahrheit zu predigen.
Ein Liberaler, ein weltlicher Mensch, ist jemand, der seinen Glauben verloren hat, und der Verlust des Glaubens ist der Anfang vom Ende jener Ordnung, die auf diesem Glauben beruht. Diejenigen, die, obwohl sie nicht glauben, danach streben, das Ansehen des Glaubens zu bewahren, liefern ihren Gegnern eine mächtige Waffe. Gegen sie selbst ist der Glaube metaphorisch selbstmörderisch. Radikale greifen den Liberalen von allen Seiten an, und der Schleier der Rhetorik kann ihn nicht vor den Hieben ihres scharfen Schwertes schützen. Unter dem Druck eines so heftigen Angriffs weicht der Liberale Schritt für Schritt zurück, gezwungen, die Gerechtigkeit der Vorwürfe anzuerkennen, und unfähig, dieser negativen, kritischen Wahrheit seine eigene positive Wahrheit entgegenzusetzen. Schließlich, nach einem langen, schrittweisen Rückzug, erwacht der Liberale wie aus dem Schlaf und stellt fest, dass die alte Ordnung, ungeschützt und schutzlos, gestürzt wurde und eine neue, „realistischere“ und grausame Wahrheit ihren Platz eingenommen hat.
Der Liberalismus ist die erste Stufe der nihilistischen Dialektik; er gehört zu ihr, weil sein Glaube leer ist, und diese Leere ruft eine noch nihilistischere Reaktion hervor – eine Reaktion, die noch lauter als der Liberalismus ihre „Liebe zur Wahrheit“ verkündet und gleichzeitig die Menschheit noch weiter auf den Weg der Irreführung führt. Diese Reaktion stellt die zweite Stufe der nihilistischen Dialektik dar, nämlich den Realismus.
Realismus
Den Realismus, von dem wir hier sprechen, verstehen wir als einen Oberbegriff, der verschiedene Formen des „Naturalismus“ und des „Positivismus“ umfasst. In seiner einfachsten Form stellt er eine Lehre dar, die unter dem Namen „Nihilismus“ in dem Roman „Väter und Söhne“ von Turgenjew populär gemacht wurde. Die Figur des Bazarow in diesem Roman verkörpert den Typus des „neuen Menschen“, der in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Russland auftauchte. Es handelte sich um kurzsichtige Materialisten und Deterministen, die ernsthaft darauf hofften – wie beispielsweise Dmitri Pisarew – durch die Sektion von Fröschen einen Weg zur Rettung der Menschheit zu finden oder die Nicht-Existenz der Seele dadurch zu beweisen, dass sie bei einer Obduktion nicht auffindbar ist. Erinnert Sie das nicht an die sowjetischen „Nihilisten“, die „neuen Menschen“ der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts, die bewiesen, dass es keinen Gott gibt, weil sie ihn im Kosmos nicht sahen? Ein solcher Nihilist hegt vor nichts Respekt, beugt sich keiner Autorität, nimmt seiner Meinung nach nichts auf Glauben hin an, bewertet alles im Lichte der Wissenschaft, die ihm als einzige absolute und ausschließliche Wahrheit erscheint, und lehnt das Idealistische und Abstrakte zugunsten des Konkreten und Faktischen ab. Er glaubt an nichts anderes als daran, dass alles „Höhere“ im Menschen, also das, was den Bereich des Verstandes und des Geistes betrifft, auf das „Niedrigere“, also auf die Materie, das Sinnliche und das Physiologische, zurückgeführt werden kann.
Im Gegensatz zur Unschärfe und Unklarheit des Liberalismus erscheint die realistische Weltanschauung klarer und deutlicher. An die Stelle von Agnostizismus oder ausweichendem Deismus tritt offener Atheismus, und die nebulösen „höheren Werte“ werden durch nackten Materialismus und Egoismus ersetzt. Im Universum des Realisten ist alles klar und deutlich, mit Ausnahme dessen, was am meisten nach Klarheit und Deutlichkeit verlangt, nämlich die Bestimmung, worin sein Anfang und sein Ende liegen. Während der Liberale die grundlegenden Fragen des Seins gewissermaßen in einem Nebel wahrnimmt, ist der Realist kindlich naiv: Sie existieren für ihn einfach nicht für ihn nicht, für ihn gibt es überhaupt nichts außer dem Offensichtlichsten.
Wir haben bereits im ersten Teil dieses Kapitels dargelegt, dass ein solcher Realismus in sich widersprüchlich ist, unabhängig davon, ob er die Form des „Naturalismus“ annimmt, der darauf abzielt, den absoluten Materialismus und Determinismus zu bekräftigen, oder „Positivismus“, der die Verneinung jeglichen Absoluten zum Ziel hat, oder eines dogmatischen „Agnostizismus“ mit einer unglaublichen Bereitschaft über „Unerkennbarkeit“ der endlichen Realität. Die Streitfragen sind hier jedoch rein theoretischer Natur, da ein sich selbst widersprechender Realismus keineswegs als Philosophie wahrgenommen wird. Er ist die naive, unorganisierte Denkweise eines praktischen Menschen, der es nicht gewohnt ist, hoch und ernsthaft zu denken, und der in unserem Zeitalter der allgemeinen Vereinfachung hofft, der ganzen Welt seine einfachen Kriterien und Ideen aufzuzwingen; betrachtet man es auf einer etwas anderen Ebene, so ist es eine ebenso naive Denkweise des Wissenschaftlers, der durch die Anforderungen seines Fachgebiets an das Offensichtliche gebunden ist und unrechtmäßig versucht, wissenschaftliche Kriterien jenen Bereichen aufzuzwingen, die außerhalb der Wissenschaft liegen. Im letzteren Fall sollte man zwischen „Wissenschaftsähnlichkeit“ und „echter“ Wissenschaft zu unterscheiden[6]. So richten sich unsere Bemerkungen nicht gegen die Wissenschaft gerichtet, sondern gegen die unzulässige Anwendung ihrer Kriterien und Methoden, die heute so weit verbreitet ist.
Ist es richtig, eine solche Philosophie als Nihilismus zu bezeichnen? Oder, genauer gesagt, ist sie Nihilismus in dem Sinne, den wir diesem Begriff zugeschrieben haben? Wenn die Wahrheit im höchsten Sinne die Erkenntnis des Anfangs und des Endes aller Dinge, die Bestimmung des Absoluten ist, und wenn Nihilismus die Lehre ist, dass eine solche Wahrheit nicht existiert, dann ist es offensichtlich, dass diejenigen, die wissenschaftliche Erkenntnisse als die einzige Wahrheit betrachten und das verneinen, was hinter ihnen liegt, Nihilisten im wahrsten Sinne des Wortes sind. Die Ehrfurcht vor der Tatsache kann keinesfalls ein Zeichen der Liebe zur Wahrheit sein, sondern ist, wie wir oben angemerkt haben, eine Parodie derselben. Es ist das anmaßende Bestreben, das Ganze durch einen Teil zu ersetzen, ein stolzes Versuch, aus einem Wust von Fakten einen weiteren Turm zu Babel zu errichten, um von unten auf die Höhen der Wahrheit und Weisheit zu klettern. Die Wahrheit lässt sich jedoch nur erlangen, wenn man sich niederwirft und demütig annimmt, was von oben gegeben wird. Die vorgetäuschte „Demut“ der realistischen Wissenschaftler, dieser Kleingläubigen, kann ihren Stolz nicht verbergen, der danach strebt, den Thron Gottes einzunehmen. Sie in ihrer Nichtigkeit ihre „Forschungen“ höher schätzen als die göttliche Offenbarung. Für solche Menschen „gibt es keine Wahrheit“, und wir können über sie sagen, was einst der heilige Basilius der Große über die griechischen heidnischen Gelehrten sagte: „Und zweifellos wird der Überfluss an weltlicher Weisheit ihnen einst eine schwere Verurteilung einbringen, weil sie, während sie sich mit solcher Umsicht in leere Gegenstände vertieften, willkürlich blind waren für das Erkennen der Wahrheit.“[7]
Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben wir noch keinen Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Stufe des Nihilismus gemacht. Die meisten Liberalen erkennen die Wissenschaft ebenfalls als die einzige Wahrheit an; worin unterscheiden sie sich also von den Realisten? Der Unterschied liegt weniger in der Lehre – Realismus ist in gewissem Sinne ein illusionsloser und systematisierter Liberalismus – als vielmehr in der Gewichtung und der Motivation. Dem Liberalen ist die Absolute Wahrheit gleichgültig; diese Haltung wurzelt in seiner ausschließlichen Bindung an die irdische Welt; beim Realisten geht diese Gleichgültigkeit in Feindseligkeit über, und die Bindung an die Welt in fanatische Hingabe an sie. Für solch extreme Folgen muss es einen ernsthaften Grund geben.
Der Realist selbst würde sagen, dass der Grund in seiner Liebe zur Wahrheit liegt, die es ihm nicht erlaubt, an die Höchste Wahrheit zu glauben, weil sie „nicht mehr als eine Fantasie“ sei. Dieser Ansicht vertrat Nietzsche, der darin jene ursprünglich christliche Eigenschaft sah, die sich gegen das Christentum selbst gewendet hat. „Das im Christentum so tief entwickelte Gefühl für die Wahrheit hat sich schließlich gegen die Falschheit und die Erfundenheit aller christlichen Erklärungen der Welt und ihrer Geschichte.“ Im richtigen Kontext verstanden haben diese Worte eine gewisse tiefere Bedeutung, wenn auch eine sehr verzerrte und partielle.[8]
Nietzsche wandte sich direkt gegen das Christentum, das durch den liberalen Humanismus verwässert worden war, ein Christentum, in dem die kompromisslose Liebe zur Absoluten Wahrheit und die Hingabe an sie äußerst selten oder gar nicht vorhanden waren, ein Christentum, das sich zu nichts weiter als einem moralischen Idealismus entwickelt hatte, untermauert durch einen ästhetischen Sinn. Ähnlich wie Nietzsche lehnten sich die „russischen“ Nihilisten gegen den romantischen Idealismus des „überflüssigen Menschen“, der in einem nebulösen Bereich der Fantasie lebt, der jeglicher Realität, sei es der geistigen oder einer anderen Welt, entbehrt. Eine solche Pseudospiritualität ist der christlichen Wahrheit ebenso fern wie der nihilistische Realismus. Doch sowohl der Christ als auch der Realist besitzen das Streben nach der Wahrheit, einen Willen, der sich nicht täuschen lässt, die Leidenschaft, bis zu den Ursprüngen der Dinge vorzudringen, ihre letzte Ursache zu finden; beide halten jedes Argument für unbefriedigend, das sich nicht auf ein gewisses Absolutes bezieht, das keinen Beweis erfordert; beide sind erbitterte Feinde der Leichtfertigkeit des Liberalismus, der sich weigert, grundlegende Dinge ernst zu nehmen, und der die ganze Komplexität des menschlichen Lebens nicht wahrnimmt. Genau dieses Streben nach der Wahrheit macht alle Versuche der Liberalen zunichte, Ideen und Institutionen zu bewahren, an die sie nicht wirklich glauben und die nicht auf der absoluten Wahrheit beruhen. Was ist die Wahrheit? Für einen Menschen, für den dies eine Frage von Leben und Tod ist, eine dringende Frage, ist ein liberal-humanistischer Kompromiss inakzeptabel. Wer sich diese Frage auch nur einmal mit seinem ganzen Wesen gestellt hat, wird sich nie mehr mit dem Ersatz zufriedengeben, mit dem sich die Welt begnügt.
Doch es reicht nicht aus, diese Frage nur zu stellen; man muss eine Antwort darauf finden, sonst befindet sich der Fragende in einem noch schlechteren Zustand als zuvor. Der Christ findet die einzig mögliche Antwort auf diese Frage in Gott und Seinem Sohn; der Realist, der außerhalb des Berührungspunkts mit dem christlichen Leben und der es beseelenden Wahrheit steht, stellt diese Frage in einem geistigen Vakuum und ist bereit, die erstbeste Antwort anzunehmen. Da er das Christentum fälschlicherweise für eine weitere Form des Idealismus hält, lehnt er es ab und wird zum Anhänger der einzigen Realität, die für die geistig Blinden existiert – dieser Welt. Und nun, so sehr wir auch die Aufrichtigkeit eines treuen Materialisten oder Atheisten schätzen mögen, keine Menschenliebe wird uns dazu bringen können, in ihm jene Liebe zur Wahrheit anzuerkennen, die ihn einst inspirierte; nun ist er vielmehr ein Opfer einer getäuschten Liebe zur Wahrheit, die zur Krankheit wurde und in der Selbstverleugnung endete. Die Motivation des Realisten ist übrigens nicht ganz ehrlich. Er behauptet, etwas zu wissen, was er nach seiner eigenen Erkenntnistheorie nicht wissen kann – wie wir oben bereits angemerkt haben: Die Leugnung der Absoluten Wahrheit ist selbst das Absolute. Und er handelt so, weil er eine gewisse geheime Motivation hat.
Die Tragödie des Realismus besteht darin, dass er die Werte dieser Welt der Wahrheit vorzieht. Nietzsche, der kompromisslose „Wahrheitssucher“, gelangt schließlich zum Willen zur Macht; der marxistische Realismus endet im Namen des revolutionären Chiliasmus in einer beispiellosen Lüge und Täuschung.
Die Liebe zur Wahrheit, die ihr wahres Ziel verloren hat, wird selbst zu einem Werkzeug der Unwahrheit. Sie richtet sich gegen jede Wahrheit, die sie nicht anerkennen kann, und schließlich gegen ihre eigenen Voraussetzungen. So wird der Realismus zu einer eigentümlichen Parodie des Christentums. Wie der Christ nach dem letzten Sinn aller Dinge sucht und sich nicht eher zufriedengibt, bis er ihn in Gott gefunden hat, so sucht auch der Realist nach einer letzten Erklärung. Doch während der Christ alles auf Gott zurückführt, reduziert der Realist alles auf das Irdische: auf Rasse, Geschlecht, Wirtschaft oder gesellschaftliche Verhältnisse.
Dem Realismus fehlen nicht Eigenschaften wie Einfachheit oder Ehrlichkeit, die dem Liberalismus oft fremd sind. Doch gerade diese Eigenschaften setzt er gegen die christliche Wahrheit ein und führt den liberalen Angriff auf sie zu seinem logischen Ende – ihrer vollständigen Verwerfung. Was im Liberalismus zaghaft begann, entfaltet im Realismus seine ganze Kraft und führt schließlich zu seinen verhängnisvollen Konsequenzen.
Nietzsche sah voraus, dass unser Zeitalter zum „Triumph des Nihilismus“ werden würde; Jakob Burckhardt, dieser desillusionierte Liberale, sah darin das Herannahen einer Ära der Diktatoren, die „terribles simplificateurs“ sein würden. Die Erfüllung dieser Vorhersage im politischen Bereich sehen wir in den Figuren Lenins, Stalins, Hitlers und Mussolinis, die radikal „einfache“ Lösungen für die komplexesten Probleme vorschlugen. In einem größeren Maßstab zeigt sich die nihilistische Vereinfachung in der allgemeinen Beliebtheit, die die niedrigste Stufe des Wissens, die Wissenschaftlichkeit, genießt, sowie in den primitiven Ideen von Marx, Freud und Darwin, auf denen sich das moderne Denken und das gesamte moderne Leben hauptsächlich stützt.
Wir sprechen von „Leben“, weil wir betonen wollen, dass die nihilistische Geschichte unseres Jahrhunderts nicht etwas ist, das von außen oder von oben hereingetragen wurde – jedenfalls nicht in ihrem Kern; nein, sie entstand und wuchs auf nihilistischem Boden, der in den Herzen der Menschen vorbereitet worden war. Die schrecklichsten Ereignisse unseres Jahrhunderts sind das Ergebnis jenes bürgerlichen, alltäglichen Nihilismus, der sich im Leben, Denken und Streben gewöhnlicher Menschen offenbart hat. In diesem Sinne ist Hitlers Weltanschauung sehr aufschlussreich, denn in ihr gründet sich der extremste und monströseste Nihilismus auf gewöhnlichen, ja sogar typischen Realismus. Hitler teilte den allgemeinen Glauben an „Wissenschaft“, „Fortschritt“ und „Aufklärung“ – wenn auch natürlich nicht an die „Demokratie“ – und war ein Anhänger des praktischen Materialismus, der jede Theologie, jede Metaphysik, jeden Gedanken und jede Handlung, die sich auf eine andere Welt als das „Hier und Jetzt“ beziehen, mit Verachtung ablehnte und stolz darauf war, alle Probleme auf ihre einfachste Grundlage zurückzuführen.[9]
Er verehrte Prinzipien wie Produktivität und Nützlichkeit, die die „Geburtenkontrolle“ an sich gerissen hatten, lachte über die Institution der Ehe, die er lediglich als Legalisierung des sexuellen Triebs betrachtete, der „frei“ sein sollte, begrüßte die Sterilisation „unfähiger“ Elemente, verachtete „unproduktive Elemente“, zu denen er Mönche zählte, sah in der Einäscherung nicht mehr als eine praktische Lösung des Problems und verwendete ohne zu zögern die Asche oder sogar die Haut und das Fett von Verstorbenen in der Produktion. Er hegte ein quasi-anarchistisches Misstrauen gegenüber allen heiligen und reinen Institutionen, insbesondere gegenüber der Kirche mit ihren „Vorurteilen“ und „veralteten“ Gesetzen und Riten. (Wir wissen von seinem Hass auf die Institution der Monarchie, der ausschlaggebend für seine Ablehnung des Kaisertitels war.) Er glaubte naiv an den „natürlichen Menschen“, das „gesunde Tier“, das christliche Tugenden verachtete, insbesondere die Keuschheit, die das „natürliche Funktionieren“ des Körpers behinderte. Er empfand eine unschuldige Freude an modernen Annehmlichkeiten und Errungenschaften, insbesondere am Auto und an dem Gefühl von „Freiheit“ und Geschwindigkeit, das es vermittelte.
Nur sehr wenig von dieser Weltanschauung wird heute von Millionen unserer Zeitgenossen geteilt, insbesondere von jungen Menschen, die sich „aufgeklärt“ und „frei“ halten, ist noch sehr wenig typisch modern. Gerade auf dem Boden eines solchen Realismus, in dem kein Platz mehr für „komplexe“ christliche Weltanschauungen und die wichtigsten Realitäten der geistigen Welt, gedeihen Vorurteile und vulgäre Leichtgläubigkeit. Gutmeinende Menschen hoffen, dass sie durch die Kritik am Irrationalismus und die Verteidigung von „Vernunft“, „Wissenschaft“ und „gesundem Menschenverstand“ das Aufkommen eines neuen Hitlers verhindern können, doch außerhalb des Kontextes der christlichen Wahrheit bilden diese Werte, ihren eigenen Realismus, nicht verhindern sie nicht, sondern bereiten im Gegenteil das Kommen eines neuen Vereinfachers. Die charakteristischen Vertreter solcher Vereinfachter sind heute die Machthaber, die im Sowjetischen Union „Wissenschaft“ und „gesunden Menschenverstand“ in eine neue Religion verwandelt haben, und bitter irren sich jene, die, welche Ziele sie auch immer verteidigen mögen, auf Hilfe von diesen äußerst abergläubischen Menschen hoffen.
Der Realismus gehört zweifellos zum „Zeitgeist“, und alle, die sich diesem „Geist“ verbunden fühlen, müssen sich auf die eine oder andere Weise an ihn anpassen. So kam der Humanismus, der in früheren, unbeschwerten Zeiten einen idealistischeren, liberaleren Charakter hatte, zu dem Schluss, dass es notwendig sei, „sich mit der Zeit zu wandeln“, und nahm einen realistischeren Ton an. Die Naivsten gründeten eine neue, humanistische „Religion“, die sich mit „Wissenschaft“ und „Fortschritt“ identifiziert und die bereits erwähnten Widersprüche zum Dogma erhebt; solche Menschen sind sogar im Marxismus eine Art Humanismus zu erkennen. Selbst bei den kultiviertesten zeitgenössischen Humanisten, bei den am besten ausgebildeten Staatsmännern und Wissenschaftlern lässt sich unfehlbar ein realistischer Unterton erkennen. Er zeigt sich in der Dominanz wissenschaftlicher Methoden und Bewertungen in den letzten Bastionen der geisteswissenschaftlichen klassischen Bildung. Kein Wissenschaftler, egal welchem Fachgebiet er sich widmet, kann sich des Erfolgs seiner Arbeit sicher sein, wenn diese nicht so „wissenschaftlich“ wie möglich ist, was in Wirklichkeit „wissenschaftsähnlich“ bedeutet. Realismus ist im stoischen, aus weltlicher Sicht „weisen“, oft zynischen Tonfall aller zeitgenössischen Geisteswissenschaftler zu spüren, mit Ausnahme vielleicht der naivsten und religiösesten unter ihnen; ihre imaginäre „Freiheit von Illusionen“ ist im Großen und Ganzen immer noch dieselbe Enttäuschung; jetzt „wissen“ sie es „besser“ als ihre Väter, die sich mit dem Glauben an „höhere Wahrheiten“ trösteten.
Das heißt, der Humanismus hat sich mit dem Realismus versöhnt und folglich, wie seine Anhänger meinen, mit der Realität. Nun sieht der Humanist im Übergang vom Liberalismus zum Realismus nicht nur als Ergebnis einer Enttäuschung, sondern als einen Prozess der „Vervollkommnung“. Der orthodoxe Christ sieht darin jedoch etwas ganz anderes. Wenn der Liberalismus nur versuchte, die höheren Wahrheiten, die Gott und das geistige Leben betreffen, hinter dem Nebel „Toleranz“ und Agnostizismus zu verstecken, besteht die Aufgabe jenes Realismus, von dem wir hier sprechen, darin, diese vollständig „aufzuheben“. Auf der zweiten Stufe der nihilistischen Dialektik hat sich der Himmel vor den Blicken der Menschen verborgen, und die Menschen beschlossen, ihren Blick nie wieder von der Erde abzuwenden und nur in dieser Welt und nur für sie zu leben. Diese realistische Entscheidung ist gleichermaßen in den satanischen Erscheinungsformen des Bolschewismus und des Nationalsozialismus wie auch im scheinbar unschuldigen „logischen Positivismus“ und wissenschaftlichen Humanismus vorhanden. Die Folgen dieser Entscheidung bleiben demjenigen verborgen, der sie trifft, da sie in jener Realität stattfinden, für die der Realismus blind ist; diese Realität liegt entsprechend unterhalb und oberhalb der engen realistischen Welt.
Wir werden sehen, wie die Verhüllung des Himmels Unerwartete dunkle Kräfte, die den Albtraum des nihilistischen Traums von „neuer Erde“ verwirklichen, und wie der realistische „neue Mensch“ immer weniger an den mythischen „hochentwickelten“ perfekten Humanoiden erinnert, sondern immer mehr an einen „Unmenschen“, der der menschlichen Erfahrung bisher unbekannt ist.
Wenden wir uns nun der nächsten Stufe der nihilistischen Entwicklung zu – dem Vitalismus.
Vitalismus
Liberalismus und Realismus haben die Menschheit über ein Jahrhundert lang auf einen Weg geführt, der in einer Art „Umkehrung“ mündet, von der wir derzeit so viel hören – einer „schönen neuen Welt“, einem unmenschlichen technologischen System, in dem alle Probleme der Welt auf Kosten der Versklavung der menschlichen Seele gelöst werden. Diese rational geplante Utopie hat zahlreiche Proteste derer hervorgerufen, die versuchten, die persönlichen und dringenden, ungeplanten und unsystematischen Bedürfnisse der menschlichen Natur als für das rein irdische „Glück“ nicht weniger wesentlich zu verteidigen als die materiellen Bedürfnisse, die natürlich offensichtlicher sind. Ein solcher Protest im Namen des „Lebens“, was auch immer darunter verstanden werden mag, wird in einem realistischen Paradies zweifellos erstickt werden.
Der wichtigste intellektuelle Anstoß für die Entstehung der vitalistischen Bewegung war die Reaktion gegen den Ausschluss der höchsten Realität aus der realistischen „vereinfachten“ Welt, was gleichzeitig, wie man zugeben muss, zum völligen Scheitern des Vitalismus führte. Da sie nicht ausreichend in der christlichen Wahrheit verwurzelt waren und diese nicht einmal erkannten, erfanden diejenigen, die sich daran machten, die grundlegenden Mängel des Realismus zu beheben, Heilmittel, die sich nicht nur als wirkungslos, sondern auch als schädlich erwiesen und zu Symptomen einer noch komplizierteren Krankheit wurden, die sie eigentlich heilen sollten.
So wie der Realismus, obwohl er eine Reaktion gegen die Unbestimmtheit des Liberalismus war, sich selbst zur Unfruchtbarkeit verdammte, indem er die dem Liberalismus eigene Unkenntnis der Höchsten Wahrheit übernahm, so untergrub auch der Vitalismus seine eigenen Hoffnungen, indem er die dem Realismus eigene Kritik an der Absoluten Wahrheit, gegen die er zu kämpfen versuchte, als grundlegende Voraussetzung übernahm. Wie auch immer der Vitalist nach „Geistigem“ und „Mysteriösem“ sehnen, wird er diese niemals in der christlichen Wahrheit suchen, denn sie ist für ihn ebenso „veraltet“ ist wie für einen völlig blinden Realisten. Für die vitalistische Sichtweise ist die Klage von W. B. Yeats, die er in seiner Autobiografie äußerte, sehr typisch: „Huxley und Tyndall sind mir zuwider, sie haben mich der naiven Religion meiner Kindheit beraubt.“ Wie auch immer die psychologische Begründung für diese Sichtweise aussehen mag, sie hat nichts mit der Wahrheit zu tun, und ihre Folgen sind äußerst bedauerlich. Es gibt keine einzige Form des Vitalismus, die nicht naturalistisch wäre, deren Programm nicht in dieser Welt beginnen und enden würde und deren Interpretation der jenseitigen Welt nicht mehr als eine Parodie wäre. Wir stellen erneut fest, dass der Nihilismus progressiv verläuft und die Fehler der vorherigen Stufen in den nachfolgenden wiederholt und vervielfacht.
Es ist keineswegs so, dass der Vitalismus zu einer christlichen oder irgendeiner anderen Wahrheit zurückkehren würde, auch wenn die Vitalisten selbst dies manchmal für sich beanspruchen. Viele Kritiker haben den pseudoreligiösen Charakter sogar des Marxismus hervorgehoben, obwohl diese Bezeichnung nur auf den fehlgeleiteten Eifer seiner eifrigsten Anhänger zutrifft, keineswegs aber auf seine Lehre, die in ihrem Wesen allzu offensichtlich antireligiös ist. Im Vitalismus ist das Problem der Pseudoreligiosität weitaus komplexer. Hier verstärkt sich die durchaus verständliche Trauer um verlorene spirituelle Werte und führt einerseits zu subjektiven Fantasien, manchmal zu offenem Satanismus, die Menschen ohne geistige Urteilsfähigkeit für Offenbarungen der „geistigen“ Welt halten, und andererseits zu einem auf nichts gegründeten Eklektizismus, der Ideen aller Zeiten und Völker anzieht und eine rein äußerliche Verbindung zwischen einzelnen falsch verstandenen Teilen und den eigenen falschen Konzepten herstellt.
Untrennbare Elemente vieler vitalistischer Systeme sind Pseudospiritualität und Pseudotraditionalismus, die sowohl einzeln als auch gemeinsam vorkommen. Daher sollte man den Aussagen derjenigen mit großer Vorsicht begegnen, die beabsichtigen, „spirituelle“ Essenz des Lebens wiederherstellen wollen, und insbesondere jenen unter ihnen, die sich als Verbündeter von oder Anhänger des „Christentums“. Geistige Irrwege sind weitaus gefährlicher als bloßer Materialismus, und im dritten Kapitel dieses Buches werden wir feststellen, dass ein Großteil dessen, was heute als „Spiritualität“ durchgeht, in Wirklichkeit eine „neue Spiritualität“ darstellt, ein durch Nihilismus hervorgebrachtes Krebsgeschwür, das in gesunde Organismen eindringt und diese von innen heraus zerstört. Eine solche Taktik steht im direkten Gegensatz zu einem offenen, realistischen Angriff auf die Wahrheit und das geistliche Leben, doch handelt es sich dennoch um eine nihilistische Taktik, nur um deren nächste Stufe.
Auf der Ebene des Verstandes setzt der Vitalismus die Leugnung der christlichen Wahrheit in Verbindung mit einem gewissen pseudospirituellen Anspruch voraus. Doch selbst wenn wir uns dessen bewusst sind, werden wir dennoch nicht bereit sein, die vitalistische Bewegung zu verstehen, wenn wir uns nicht zuvor mit dem geistigen Zustand der Menschen vertraut machen, die zu ihren Trägern geworden sind. Im Liberalismus und Realismus ist die nihilistische Krankheit noch relativ oberflächlich, sie gehört im Wesentlichen zum Bereich der Philosophie und betrifft nur die intellektuelle Elite. Im Vitalismus – wie auch im Marxismus, der extremsten Ausprägung des realistischen Bewusstseins – entwickelt sich diese Krankheit nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ: Zum ersten Mal zeigen einfache Menschen Anzeichen von Nihilismus, der zuvor nur auf wenige beschränkt war.
Dieser Umstand steht zweifellos in vollem Einklang mit der inneren Logik des Nihilismus, da dieser, ähnlich wie das Christentum, das er vernichten soll, nach Universalität strebt. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die empfänglichsten Denker bereits die Perspektive „erweckter“ Massen, die von „schrecklichen Vereinfachern“ ausgenutzt werden müssten, und zur Zeit Nietzsches, eines der mächtigsten „Propheten“ des Vitalismus, wuchs diese Vorahnung zur Gewissheit heran. Nietzsche konnte bereits sehen, wie „der Tod Gottes seinen ersten Schatten auf Europa wirft“, und – obwohl „das Ereignis an sich zu groß, zu fern, zu den Möglichkeiten der Wahrnehmungsfähigkeit der meisten Menschen, um anzunehmen, dass eine Meldung darüber zu ihrem Bewusstsein vordringen“[10] – einem Zeitalter, wenn wir uns erinnern, des Triumphs des Nihilismus – die Kinder dieses kommenden Jahrhunderts wurden zu Menschen wie Nietzsche.
Die christliche Wahrheit, die der Liberalismus zu untergraben suchte und die der Realismus angriff, ist nicht bloß eine philosophische Wahrheit, sondern die Wahrheit des Lebens und der Erlösung, und wenn sich unter den Massen, die in dieser Wahrheit erzogen wurden, die Überzeugung ausbreitet, dass sie nicht mehr vertrauenswürdig ist, entsteht daraus nicht bloß ein geschliffener Skeptizismus, mit dem sich manche Liberalen trösten, sondern eine geistige Katastrophe gigantischen Ausmaßes, deren Folgen in allen Bereichen des menschlichen Lebens und Denkens spürbar sein werden. Denker wie Nietzsche haben bereits die ersten Schatten dieser Katastrophe gesehen und waren in der Lage, sie mehr oder weniger detailliert zu beschreiben und einige Folgen vorauszusehen. Diese Folgen werden jedoch erst dann deutlicher, wenn sich ihre Schatten in die Herzen der breiten Massen einschleichen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beginnt eine immer größere Zahl einfacher Menschen mit Unruhe nach etwas zu suchen, das den in ihren Herzen gestorbenen Gott ersetzen könnte – ein Bild, das auch unserem heutigen Leben so eigen ist. Diese Unruhe wird zur Hauptantriebskraft des Vitalismus, zu seinem Rohstoff, der sich bequem in die Form der soeben von uns betrachteten intellektuellen Voraussetzungen von Meistern, die von den späteren Strömungen des „Zeitgeistes“ inspiriert waren, umformen lässt.
Wir sind es gewohnt, diese Unruhe hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt ihrer Nutzung durch nihilistische Demagogen zu betrachten, während sie zugleich als wichtigster Impulsgeber für vitalistische Kunst und Religion diente. Das Vorhandensein dieser Komponente in den meisten vitalistischen Erscheinungsformen erklärt, warum der Vitalismus im Gegensatz zur scheinbaren „Vernunft“ des Liberalismus und Realismus Symptome nicht nur einer intellektuellen Verirrung, sondern auch einer geistigen und psychologischen Desorientierung aufweist.
Es wäre gut, bevor wir uns den äußeren Erscheinungsformen des Vitalismus in Philosophie und Kunst zuwenden, näher auf einige allgemeinere Formen der dahinterstehenden diffusen Unruhe einzugehen. Ist es tatsächlich ein nihilistisches Merkmal? Man könnte einwenden, dass wir seine Bedeutung übertreiben, dass es sich lediglich um eine neue Form von etwas bereits Vorhandenem handelt, um einen lächerlichen Versuch, etwas Alltägliches in den Rang des Nihilismus zu erheben. Diese Ansicht hat zweifellos eine gewisse Berechtigung, doch lässt sich kaum leugnen, dass das, was wir heute in einer ganzen Reihe von entscheidenden Aspekten beobachten, sich von allem Vorherigen unterscheidet. Zum ersten Mal in der Geschichte ist diese Unruhe heute so weit verbreitet, dass sie fast allumfassend erscheint. „Gewöhnliche“ Heilmittel, Heilmittel des gesunden Menschenverstands, scheinen keinen Einfluss darauf zu haben; im Gegenteil, sie verstärken es nur. Seine Entwicklung verläuft parallel zur Ausbreitung des modernen Unglaubens, so dass, wenn das eine nicht die Ursache für das andere ist, beide als parallele Erscheinungsformen ein und desselben Prozesses erscheinen. Diese Aspekte sind so eng miteinander verbunden, dass sie nicht voneinander getrennt werden können, und deshalb werden wir sie im Folgenden gemeinsam betrachten.
Am geschicktesten nutzten die faschistischen und nationalsozialistischen Regime die allgemeine Unruhe für ihre Zwecke. „Seltsam“ ist jedoch – „seltsam“ allerdings nur für den, der den Charakter der heutigen Zeit nicht versteht –, dass diese Unruhe nicht mit der Niederlage derer endete, die sie so geschickt ausnutzten, sondern im Gegenteil noch stärker wurde, und was noch „seltsamer“ ist, hat sie sich besonders in Ländern verstärkt, in denen demokratische und liberale Ideologien weit entwickelt sind, in Ländern, die sich durch besonderen Wohlstand auszeichnen, während in den „rückständigen“ Ländern das Ausmaß ihrer Verstärkung in direktem Verhältnis zu dem Grad ihrer Annäherung an diese Ziele steht. Weder Krieg noch liberaler Idealismus noch gewachsener Wohlstand konnten diese Unruhe besänftigen; ebenso wenig wie auch der marxistische Idealismus konnte dies nicht bewerkstelligen. So brachte der sowjetische „Aufschwung“ genau dasselbe Phänomen hervor. Diese Heilmittel helfen nicht, da die Krankheit tiefer sitzt, als sie wirken können. Am deutlichsten zeigte sich diese Besorgnis im Anstieg der Kriminalität, insbesondere unter Jugendlichen. In früheren Epochen war Kriminalität ein begrenztes Phänomen, hatte offensichtliche, verständliche Ursachen, die in menschlichen Leidenschaften – Gier, Wollust, Neid, Eifersucht usw. – verwurzelt waren; Sie kannten nichts, was der Art von Verbrechen ähnelte, die in unserem Jahrhundert charakteristisch geworden ist – einem Verbrechen, auf das die Definition am besten zutrifft, die heute von der Avantgarde so oft verwendet wird, wenn auch in einem anderen, nihilistischen Kontext: Man kann es nicht anders als „absurd“ bezeichnen.
Kinder töten ihre Eltern, Eltern ihre Kinder, sie verprügeln oder töten völlig Fremde, rauben dabei aber nicht aus; das Verbrechen kann von einer einzelnen Person oder einer ganzen Bande begangen werden. Solche Banden terrorisieren die ganze Gegend, treiben untätig ihr Unwesen oder bekämpfen sich sinnlos untereinander – und für was?! Hier ist es die Zeit des „Friedens“ und „Wohlstands“, in der die Täter sowohl aus den höheren als auch aus den unteren Schichten der Gesellschaft stammen können, hat ihr Verhalten keinen praktischen Grund, oft geht es gar nicht um irgendwelche Voraussetzungen und Folgen. Wenn man diejenigen, die solche Verbrechen begangen haben, bittet, ihr Verhalten zu erklären, antworten sie in etwa gleich: Es war ein „Impuls“, ein „Antrieb“ oder der Täter empfand beim Begehen des Verbrechens sadistische Lust, oder es gab ein „Motiv“, das in keinem Verhältnis zur Schwere der Tat stand, wie etwa: Langeweile, Verwirrung, Empörung. In Wirklichkeit können sie ihr Verhalten überhaupt nicht erklären, es hat keine zufriedenstellende Motivation, und was am wesentlichsten und auffälligsten ist: Bei solchen Verbrechen zeigen sie gewöhnlich keine Reue.
Es gibt natürlich auch andere, weniger gewalttätige Formen allgemeiner Unruhe: die Leidenschaft für Bewegung und Geschwindigkeit, was sich besonders im heutigen Autokult äußert – diese Leidenschaft haben wir bereits oben bei Hitler festgestellt; die allgemeine Begeisterung für Fernsehen und Kino, deren Hauptfunktion darin besteht, durch ihre eklektischen und „fesselnden“ Inhalte sowie durch die hypnotische Wirkung der technischen Mittel selbst für einige Stunden Zuflucht vor der Realität zu bieten. Hierzu gehört auch die immer stärker werdende Primitivität und Wildheit der modernen Musik, insbesondere des Jazz, der den Zustand der modernen Seele am treffendsten widerspiegelt. Dazu gehört auch der Kult der körperlichen Tapferkeit im Sport und – als Teil davon – die ungesunde Verehrung der Jugend, die Vorherrschaft und die Zügellosigkeit sexueller Zügellosigkeit, die von vielen Vertretern der älteren Generation geduldet wird, die dafür eigentlich zur Rechenschaft gezogen werden müssten, und die gewissermaßen als Indikator für die „Offenheit“ der heutigen Jugend gilt, (und , die noch eine weitere Form einer „offenen“, „experimentellen“ Lebenseinstellung) die in Kunst und Wissenschaft gepflegt wird. Dazu gehört auch die Missachtung der Macht, die durch die Verbreitung einer Weltanschauung gefördert wird, die keine anderen Werte anerkennt als „momentane“ und „dynamische“, und die dazu anregt, den „idealistisch“ eingestellten Teil der Jugend dazu anzuregen, gegen „repressive“ Gesetze und Vorschriften zu protestieren.
Dabei stellt eine solche „Aktivität“ nichts anderes dar als eine Flucht vor Langeweile, Sinnlosigkeit und – noch tiefer – vor der Leere, die die Herzen erfasst hat, die sich von Gott, der Wahrheit der göttlichen Offenbarung und damit auch von der auf dieser Wahrheit beruhenden Moral und dem Gewissen abgewandt haben. Die gleiche Psychologie wirkt auch in komplexeren Erscheinungsformen des vitalistischen Impulses, zu denen wir nun übergehen. Vorerst wollen wir nur den vielfältigen Charakter dieser Erscheinungsformen hervorheben und später im Detail untersuchen, worin die Rolle der meisten von ihnen besteht, die als Formen einer „neuen Spiritualität“ auftreten.
In der Politik waren die erfolgreichsten Formen des Vitalismus der Kult der Aktivität und der Gewalt bei Mussolini und der noch düsterere Kult von „Blut und Boden“ bei Hitler; deren Wesen ist der heutigen Generation nur allzu gut bekannt und bedarf keiner Erläuterung. Allerdings ist es heute, da der Zeiger des politischen Barometers so deutlich nach „links“ ausschlägt, vielleicht nicht mehr so offensichtlich, wie tiefgreifend der Einfluss dieser Bewegungen vor vierzig Jahren war. Abgesehen von den von ihren Wurzeln losgerissenen Massen, auf die die nihilistischen Demagogen zuvor gesetzt hatten, fanden sie – wenn auch nur für kurze Zeit – begeisterte Unterstützung bei einer recht beträchtlichen Zahl von Angehörigen der intellektuellen und kulturellen Elite. Unter dieser Elite gab es nur wenige, die den Nationalsozialismus und den Faschismus als „neue Religion“ annahmen, doch viele begrüßten ihn als Gegengewicht zur Demokratie, zur „Wissenschaft“, zum Fortschritt, also zum Liberalismus und Realismus. Sie versprachen dem „aufgeschlossenen“ Menschen eine äußerst attraktive Zukunft; ihre Dynamik, „Lebendigkeit“ und Pseudotraditionalismus erschienen vielen, die in der stickigen intellektuellen Atmosphäre jener Zeit erstickten, trügerisch „erfrischend“.
Derselbe Einfluss geht auch von der zeitgenössischen Kunst aus, deren Protest gegen den leblosen akademischen „Realismus“ manchmal in die unerwarteten Bereiche führt. Zu neuen exotischen Einflussquellen wurden die Kunst Afrikas, des Orients, der südlichen Breiten, des prähistorischen Menschen, der Kinder, der Verrückten sowie Spiritualismus und Okkultismus. Der unaufhörliche „Experimentalismus“, die ständige Suche nach „neuen“ Formen und Techniken gelten als Norm, die Kunst lässt sich vom „Wilden“, „Primitiven“ und „Spontanen“. Was einst die Futuristen in ihrem Manifest verkündeten (obwohl man den Futurismus kaum ernsthaft als Kunst betrachten kann), wurde zur Grundlage für die meisten zeitgenössischen Künstler, die in ihren Werken „jede Art von Originalität, Kühnheit und extremer Gewalt“ kultivieren. Sie alle glauben, dass „unsere Hände frei und rein sind und man von vorne beginnen kann“.
Gemäß dem vitalistischen Mythos ist der Künstler ein „Schöpfer“, „Genie“, „inspiriert“ – in seiner Kunst wird der Realismus durch die „Vision“ verwandelt, und darin liegt das Zeichen „spirituellen Erwachens“. Das heißt, der Künstler ist ein Zauberer in der Kunst, in dem Sinne, wie Hitler es in der Politik war: In beiden Fällen herrscht nicht die Wahrheit, sondern das subjektive Gefühl.
In der Religion oder, genauer gesagt, in der Pseudoreligion zeigt sich das für den Vitalismus charakteristische unruhige Experimentieren in noch vielfältigeren Formen als in den Schulen der modernen Kunst. So gibt es beispielsweise Sekten, deren Gottheit eine undefinierbare immanente „Kraft“ ist, und verschiedene Strömungen des „neuen Denkens“ und des „positiven Denkens“ streben danach, diese Kraft zu zähmen und zu nutzen, als wäre sie so etwas wie Elektrizität. Ihnen nahestehen Okkultismus und Spiritismus sowie einige verfälschte Formen östlicher Philosophie, die nicht einmal mehr vorgeben, sich für Gott zu „interessieren“, und all ihre Anstrengungen darauf richten, unmittelbare „Kräfte“ und „Präsenzen“ zu erwecken.
Religiöser Vitalismus manifestiert sich auch im weit verbreiteten Kult des „Bewusstseins“. In zurückhaltender Form ist er bei Anhängern der modernen Kunst präsent, ebenso wie im „kreativen Akt“ und in der „Vision“, die diese Kunst inspirieren. Die extremste Form dieses Kultes ist die wahllose Suche nach „Erleuchtung“, wie beispielsweise im Zen-Buddhismus, und deren reductio ad absurdum – die durch verschiedene Drogen stimulierte „religiöse Erfahrung“.
Es wird auch ein Versuch, einen pseudopaganistischen „Naturkult“ zu erfinden, vor allem auf der Grundlage seiner „ursprünglichen“, „wesentlichen“ Elemente: Erde, Körper, Sex. Zarathustra Nietzsche – der mächtige Prophet dieses Kultes – ist ein zentrales Thema in den Werken von Lawrence und anderen Romanciers und Dichtern unseres Jahrhunderts.
In den meisten Ausprägungen des Existentialismus und des Personalismus wird versucht, Religion auf nicht mehr als eine persönliche „Begegnung“ mit einem anderen Menschen oder manchmal mit vage wahrnehmbaren Gott zu reduzieren, und im pathologischen, atheistischen Existentialismus – Rebellion und rasende Selbstvergötterung zur Religion zu machen.
All diese vitalistischen Ausprägungen des religiösen Impulses vereinen die Ablehnung jeglicher beständiger, unveränderlicher Lehre oder Ordnung sowie das ausschließliche Interesse und das Streben nach dem Erreichen momentaner „Werte“ des Lebens, „Lebensfähigkeit“, „Erfahrung“, „Bewusstseins“ oder „Ekstase“.
Wir haben also die markantesten Merkmale des Vitalismus herausgearbeitet und dessen Verbreitung grob umrissen, doch bleibt es uns noch, den Begriff selbst zu erörtern und zu erklären, worin sein nihilistischer Charakter besteht. Wie wir bereits gesehen haben, untergrub der Liberalismus die Wahrheit durch seine Gleichgültigkeit, bewahrte jedoch das Ansehen des Wortes selbst; der Realismus griff sie im Namen einer geringeren, partiellen Wahrheit an. Indem er sich beiden entgegenstellt, hat der Vitalismus überhaupt nichts mehr mit der Wahrheit zu tun. Er widmet sich ganz und gar „Die Falschheit einer Meinung“, schrieb Nietzsche, „kann kein Einwand gegen sie sein… Die Frage ist, inwieweit diese Meinung dem Leben dient, es bewahrt es bewahrt…“[11] Dort, wo beginnt ein solcher Pragmatismus, geht der Nihilismus in das Stadium des Vitalismus über, das man als die Abschaffung der Wahrheit als Kriterium menschlichen Handelns und sowie als deren Ersetzung durch ein anderes Kriterium – „Lebensfähigkeit“; hier trennen sich „Leben“ und Wahrheit endgültig voneinander.
Vitalismus ist sozusagen ein vertiefter Realismus; gemeinsam ist ihnen die Enge der Realitätswahrnehmung und das Bestreben, alles Höhere auf das Niedrigstmögliche zu reduzieren; der Vitalismus setzt die realistische Absicht fort. Wo der Realismus versucht, die Absolute Wahrheit von unten her zu ersetzen, stellt der Vitalismus das Scheitern fest und bietet eine noch „realistischere“ Wahrnehmung der Situation an und behauptet, dass es auch unten keine Absolute Wahrheit gibt und das einzige unveränderliche Prinzip dieser Welt die Veränderung selbst ist. Der Realismus reduziert das Übernatürliche auf das Natürliche, das in der Offenbarung Gegebene auf das Vernünftige, die Wahrheit auf die Objektivität; der Vitalismus geht jedoch noch weiter und reduziert alles auf subjektive Erfahrung und subjektive Empfindungen. Die Welt, die dem Realisten so beständig erschien, die Wahrheit, die ihm so verlässlich erschien, zerfallen in der vitalistischen Weltanschauung zu Staub; der Verstand hat nichts mehr, worauf er sich stützen könnte, alles ist von Bewegung und Handlung verschlungen.
Die Logik des Unglaubens führt unerbittlich in den Abgrund, und wer nicht auf den Weg der Wahrheit zurückkehrt, muss seinem Irrtum bis zum Ende folgen. So ergeht es dem Humanismus, der, vom realistischen Virus befallen, endgültig vom Embryo des Vitalismus besiegt wird. Das deutlichste Anzeichen dafür ist die Vorherrschaft „dynamischer“ Kriterien, die in der Literatur- und Kunstkritik und sogar bei der Betrachtung von Fragen der Religion, Philosophie und Wissenschaft zu beobachten ist. Die wertvollsten Eigenschaften in all diesen Bereichen gelten „Originalität“, „Experimentalismus“, die Eigenschaft, „aufregend“ zu sein, und wenn die Frage nach der Wahrheit überhaupt noch aufkommt, wird sie immer mehr in den Hintergrund gedrängt und durch subjektive Kriterien wie „ganzheitlich“, „echt“, „individuell“ ersetzt.
Ein solcher Ansatz lädt offen zum Obskurantismus ein, ganz zu schweigen von Scharlatanerie, und während Letzteres als eine Art Versuchung abgetan werden kann, die nicht zur Norm geworden ist, ist es unmöglich, den sich immer weiter ausbreitenden Obskurantismus zu ignorieren, der vom nihilistischen Temperament so leicht toleriert und sogar gefördert wird. Im heutigen intellektuellen Klima wird es immer schwieriger, ein vernünftiges Gespräch mit den Apologeten des Vitalismus zu führen. Fragt man sie beispielsweise, worin der Sinn eines zeitgenössischen Kunstwerks bestehe, antworten sie, dass es keinen Sinn habe, es sei „reine Kunst“ und man könne es nur „fühlen“, und wenn ein Kritiker nicht in der Lage sei, es richtig zu „fühlen“, habe er kein Recht, etwas darüber zu sagen. Der Versuch, irgendein Kriterium der Kritik einzuführen, selbst das einfachste und formalste, stößt auf den Einwand, dass die alten Kriterien nicht anwendbar auf die neue Kunst seien, dass sie zu „statisch“, „dogmatisch“ oder einfach „rückständig“ und dass man Kunst heute nur danach beurteilen kann, wie erfolgreich sie ihre eigenen, einzigartigen Absichten verwirklicht. Wenn ein Kritiker in einem Kunstwerk eine pathologische oder animalische Absicht bemerkt, wird ihm erklärt, dass es ein getreues Spiegelbild des „Zeitgeistes“ sei, und wer der Meinung ist, dass Kunst etwas Größeres sein müsse, sei einfach naiv. Das letzte Argument ist bei der heutigen Avantgarde am beliebtesten, sei sie literarisch, philosophisch oder „religiös“. Für Menschen, die der Wahrheit überdrüssig sind, reicht es aus, dass es „etwas“ gibt, dass es „etwas Neues“ ist und „aufregend“ ist.
Möglicherweise ist dies eine verständliche Reaktion auf den rein literarischen und utilitaristischen Ansatz des Liberalismus und Realismus gegenüber Bereichen wie Kunst und Religion, die eine Sprache sprechen, die der nüchternen Sprache von Wissenschaft und Wirtschaft kaum ähnelt. Um sie zu Recht kritisieren zu können, muss man ihre Sprache kennen und wissen, was sie zu sagen versuchen. Eines ist völlig offensichtlich: Sie versuchen, etwas zu sagen. Im Grunde genommen hat alles, was ein Mensch tut, einen Sinn, und jeder Künstler oder Denker strebt danach, in seinem Werk etwas zu vermitteln. Wenn nun gesagt wird, dass ein Werk keinen Sinn habe, dass es nur den Wunsch enthalte, den „Zeitgeist“ auszudrücken, oder dass überhaupt kein Wunsch bestehe, etwas zu vermitteln, dann hat genau das einen Sinn – und zwar einen sehr bedrohlichen, den ein kompetenter Kritiker nicht übersehen kann. Leider wird die Aufgabe der Kritik heute mit der Aufgabe der Apologetik gleichgesetzt, was sehr bezeichnend ist. Es ist allgemein anerkannt, dass die Rolle der Kritik nur darin besteht, den ungebildeten Massen „neue Inspiration“ „kreativen Genies“ zu erklären.“[12] So an die Stelle des aktiven Verständnisses nimmt die passive „Wahrnehmung“ ein, und an die Stelle der Meisterschaft tritt der „Erfolg“, in dem Sinne, inwieweit es dem „Genie“ gelingt, seine eigene Absicht zu verwirklichen. Nach den neuen Kriterien hätte man Hitler zu einem bestimmten Zeitpunkt sowie als „erfolgreich“ eingestuft werden, solange der „Zeitgeist“ nicht das Gegenteil bewiesen hat. Die Avantgarde und ihre Mitstreiter, die Humanisten, haben nichts gegen den Bolschewismus einzuwenden, außer dass er im Gegensatz zum Nationalsozialismus, der „expressionistisch“ und „mitreißend“ war, prosaisch und realistisch ist.
Doch vielleicht ist der deutlichste Beweis dafür, dass der Humanismus vom Vitalismus befallen ist, sein seltsames Axiom, das zugleich romantisch und skeptisch ist und besagt, dass die „Liebe zur Wahrheit“ niemals endet, weil sie niemals befriedigt werden kann, und das ganze Leben eine ständige Suche nach dem ist, was nicht zu finden ist, eine ständige Bewegung, in der es keinen Platz für Ruhe gibt und geben darf. Ein gewandter Humanist kann dieses neue Grundprinzip aller wissenschaftlichen akademischen Forschung sehr eloquent beschreiben als das Bewusstsein der „vorübergehenden“ Natur jeglichen Wissens, als Spiegelbild des niemals zufriedenen, ewig wissbegierigen menschlichen Verstandes oder als Teil des geheimnisvollen Prozesses der „Evolution“ oder des „Fortschritts“, doch die wahre Bedeutung dieser Sichtweise liegt auf der Hand: Sie stellt den letzten Versuch des Unglaubens dar, seine Abkehr von der Wahrheit hinter dem Nebel edler Rhetorik zu verbergen und gleichzeitig die aufrichtige Liebe zur Wahrheit durch kleinliche Neugier zu ersetzen. Nun ist es an der Zeit zu sagen, dass Neugier, ähnlich wie ihr Gegenstück, die Begierde, niemals endet und niemals Befriedigung findet. Doch der Mensch wurde für etwas Größeres geschaffen als dies. Er wurde geschaffen, um sich über Neugier und Begierde zur Liebe zu erheben und durch die Liebe zur Wahrheit zu gelangen. Das ist die Wahrheit der menschlichen Natur, doch um sie zu erkennen, bedarf es einer gewissen Einfachheit. Die intellektuelle Oberflächlichkeit des modernen Humanismus ist von dieser Einfachheit ebenso weit entfernt, wie sie von der Wahrheit entfernt ist.
Die Anziehungskraft des Vitalismus ist psychologisch verständlich. Nur einen sehr unentwickelten und unempfänglichen Menschen kann lange Zeit ein toter Glaube des Liberalismus und Realismus befriedigen. Zunächst erfasst eine Art innere Unruhe die Randgruppen der Gesellschaft – Künstler, Revolutionäre, entwurzelte Massen –, dann nacheinander die Humanisten – die Hüter der „Zivilisation“ – und schließlich die angesehensten und konservativsten Schichten der Gesellschaft; diese Unruhe zwingt sie, nach etwas „Neuem“ und „Aufregendem“ zu suchen, aber was genau, weiß keiner von ihnen genau. Nihilistische Propheten, auf die man zuvor mit Verachtung blickte, kommen in Mode, da die Menschheit beginnt, ihre Unruhe und ihre Vorahnungen zu teilen. Sie werden nach und nach in den humanistischen Pantheon aufgenommen, und man sucht bei ihnen nach Offenbarungen und innerer Vision, die die Menschheit aus jener unfruchtbaren Wüste herausführen würden, in die der Realismus sie geführt hat. Hinter der trivialen Sensibilität und dem Eklektizismus, die das heutige Streben nach „Mystik“ und „spirituellen Werten“ kennzeichnen, verbirgt sich die Sehnsucht nach etwas Wesentlicherem als dem, was Liberalismus und Realismus gegeben oder geben können – eine Sehnsucht, die verschiedene Formen des Vitalismus nur anregen, aber nicht stillen können. Die Menschen haben den Sohn Gottes abgelehnt, der auch jetzt noch in ihnen leben will und ihnen das Heil schenken will. Da sie die Leere, zu der diese Ablehnung geführt hat, unerträglich fanden, stürzten sie sich auf Wahnsinnige und Zauberer, falsche Propheten und religiöse Sophisten, auf der Suche nach dem Wort des Lebens. Doch dieses Wort, das ihnen so bereitwillig gegeben wurde, verwandelte sich in ihren Mündern in Staub, kaum dass sie versuchten, es zu wiederholen.
Der Realismus, der verzweifelt nach der Wahrheit strebt, vernichtet diese Wahrheit; ebenso beginnt der Vitalismus, der nach dem Leben sucht, nach Tod zu riechen. Der Vitalismus des letzten Jahrhunderts ist ein untrügliches Symptom für die Erschöpfung der Welt, und in seinen Propheten zeigte sich das Ende des christlichen Europas noch stärker als in den Philosophen des toten Liberalismus und Realismus. Der Vitalismus ist nicht die Frucht der „Frische“ und des „Lebens“, nach denen seine Anhänger so verzweifelt suchen, denn genau daran mangelt es ihnen, sondern im Gegenteil die Frucht des Verfalls und des Unglaubens, die die vorletzte Stufe einer sterbenden Zivilisation darstellt, die sie so sehr hassen. Man muss kein Verfechter des Liberalismus oder Realismus sein, gegen die sich der Vitalismus wandte, um zu erkennen, dass er es „übertrieben“ hat und dass seine Anti-Methode, angewandt gegen eine zweifellos existierende Krankheit, sich als mächtige Injektion derselben nihilistischen Substanz erwiesen hat, die einst eben diese Krankheit hervorgerufen hatte. Auf den Vitalismus kann nur eine einzige – die letzte Stufe – folgen, die der Nihilismus noch durchlaufen muss: der Nihilismus der Zerstörung.
Der Nihilismus der Zerstörung
Hier begegnen wir dem Nihilismus endlich in seiner „reinen Form“, einem Nihilismus, dessen Wut gegen die Schöpfung und die Zivilisation nicht gestillt werden kann, solange er sie nicht ins absolute Nichts zurückgeführt hat. Der Nihilismus der Zerstörung ist wie keine andere Form des Nihilismus gerade für unser Zeitalter charakteristisch. Zerstörung gab es schon früher in recht großem Umfang, und schon früher gab es Menschen, die durch Zerstörung „berühmt“ wurden, aber noch nie zuvor gab es eine Lehre und einen durchdachten Plan der Zerstörung, noch nie hat sich der menschliche Verstand so verzerrt, indem er nach Rechtfertigungen für dieses offensichtlich satanische Werk suchte und sogar versuchte, ein Programm zu seiner Umsetzung zu erstellen.
Selbst bei den zurückhaltendsten Nihilisten waren deutliche Spuren der Predigt der Zerstörung zu erkennen. So erklärte der Realist Bazarow in I. S. Turgenews Roman „Väter und Söhne“, dass es in der Gesellschaft keine einzige Institution gebe, die nicht zerstört werden müsse. Nietzsche schrieb: „Wer schaffen will, muss zuerst zerstören, die allgemein anerkannten Werte zerschlagen.“ Das Manifest der Futuristen, die in gleichem Maße dem reinen Nihilismus nahestanden, wie auch dem Vitalismus, besang den Krieg und „die zerstörerische Hand des Anarchisten“. Die meisten Realisten und Vitalisten machten keinen Hehl daraus, dass ihr Ziel die Zerstörung der alten Ordnung und die Abschaffung der Absoluten Wahrheit sei.
Im reinen Nihilismus jedoch wird das, was einst nur ein Prolog war, zum Selbstzweck. Der folgende Satz von Nietzsche enthält das Grundprinzip jeglichen Nihilismus und die Rechtfertigung vor allem des Nihilismus der Zerstörung: „Es gibt Wahrheiten, alles ist erlaubt.“[13] Allerdings die Folgen dieser Axiom wurden bereits vor Nietzsche erkannt. Max Stirner, dem wir im nächsten Kapitel noch begegnen werden[14], erklärte jedem Kriterium und jedem Prinzip den Krieg, indem er sein „Ich“ der ganzen Welt entgegenstellte und triumphierend über den „Sarg der Menschheit“ lachend, obwohl er dies bislang nur in der Theorie tat. Sergei Nechajew setzte diese Theorie in die Praxis um, und zwar so erfolgreich, dass er bis heute als eine Art Mythos, wenn nicht gar als Dämon aus den Tiefen der Hölle selbst erscheint. Sein Leben war erfüllt von grenzenloser Grausamkeit und Unmoral, die er zum „Wohl der Revolution“ an den Tag legte. Er diente als Vorbild für Petr Werchovenski in Dostojewskis „Die Dämonen“, einem Roman, der das Bewusstsein eines extremen Nihilisten brillant widerspiegelte (das Buch ist voll von Vertretern dieses Bewusstseins), was unglaublich erscheint, dass der Mensch, der es geschrieben hat, den Rausch des Nihilismus nicht am eigenen Leib erfahren hat.
Michail Bakunin, der eine Zeit lang unter dem Einfluss von Netschajew stand, dann aber erkannte, dass die konsequente Praxis des Nihilismus sich wesentlich von dessen theoretischer Darstellung unterscheidet, schrieb, noch unter diesem Einfluss stehend, den „Katechismus des Revolutionärs“, eine die Seele erstarren lassende Apologie des Netschajewismus, in der er erklärte: „Unser Ziel ist die schreckliche, vollständige, unerbittliche und allgemeine Zerstörung.“ Eine solche Weltanschauung ist für Bakunin zu typisch, als dass man sie einer momentanen Begeisterung zuschreiben könnte. Er beendete seine „Revolution in Deutschland“, die er noch vor Nechaevs Geburt verfasst hatte, mit dem folgenden berühmten Aufruf: „Setzen wir unsere Hoffnung auf den ewigen Geist, der zerstört und vernichtet, denn er ist die verborgene und ewig schöpferische Quelle allen Lebens. Die Leidenschaft für die Zerstörung ist eine schöpferische Leidenschaft!“ Hier vermischt sich Vitalismus mit dem Streben nach Zerstörung, doch am Ende siegt Letzteres. Als Bakunin gefragt wurde, was er tun würde, wenn die neue Ordnung seiner Fantasien Wirklichkeit würde, antwortete er ehrlich: „Dann würde ich alles zerstören, was ich geschaffen habe.“
Gerade im Geiste von Nechajew und dem „Katechismus des Revolutionärs“ nannten die nihilistischen Mörder – in jener Zeit ihre „Anarchisten“ genannt, doch bei uns hat dieser Begriff eine etwas andere, positivere Bedeutung – mit ihrer „Propaganda der Tat“ die herrschenden Klassen in Europa, besonders in Russland im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, terrorisiert. Im gleichen Sinne begann Lenin, der Nechajew bewunderte, seine grausame Herrschaft, dieses erste in Europa gelungene Experiment einer absolut prinzipienlosen Politik. Die von der Revolution, die sie rationalisiert hatte, losgelöste Leidenschaft für Gewalt stürzte Europa 1. Weltkrieg (1914) in den ersten seiner nihilistischen Kriege und verkündete gleichzeitig in einem anderen Bereich, in der dadaistischen Kunst: „Wir werden alles hinwegfegen“, „es soll nichts, nichts, nichts übrigbleiben“. Doch erst Hitler enthüllte in seiner ganzen Fülle das Wesen und die Ziele der reinen „Revolution des Nihilismus“, einer Revolution, die auf eine nihilistische Alternative reduziert war: Weltmacht oder Niedergang – Weltherrschaft oder totale Zerstörung; einer Revolution, deren Anführer – noch bevor er an die Macht gekommen war – jubeln konnte, wie Stirner es getan hätte, indem er sagte: „Man kann uns vernichten, aber dann reißen wir die ganze Welt mit uns – eine Welt in Flammen.“[15]
Das sind natürlich extreme Ausprägungen, und als solche sollten sie auch betrachtet werden: Nur wenige waren zu einem solchen „reinen“ Nihilismus fähig, und sie gehören nicht zum Hauptstrom der modernen Geschichte, sondern eher zu ihren Nebenerscheinungen – und werden von anderen, weniger extremen Nihilisten verurteilt. Dennoch erscheint ihr Beispiel lehrreich, und es wäre ein Fehler, es nur als Übertreibung oder Parodie abzutun. Im Folgenden werden wir uns davon überzeugen, dass die Zerstörung ein untrennbarer Bestandteil des Programms des Nihilismus ist und am deutlichsten jene Verehrung des Nichts zum Ausdruck bringt, die die Grundlage der nihilistischen „Theologie“ bildet. Der Nihilismus der Zerstörung ist keine Übertreibung, sondern die vollkommenste Verkörperung der tiefsten Aufgabe des gesamten Nihilismus. In ihm nimmt der Nihilismus seine schrecklichste, aber wahrhaftigste Form an; in ihm legt das Nichts alle Masken ab und tritt in seiner ganzen Nacktheit zutage.
Der heilige Johannes von Kronstadt verglich die Seele des Menschen mit einem kranken Auge[16]. Wie ein erkranktes Auge die sichtbare Sonne nicht klar erkennen kann, so ist auch die von der Sünde verwundete Seele nicht imstande, die geistige Wirklichkeit unverzerrt wahrzunehmen. Der Nihilismus ist daher nicht bloß ein Irrtum des Denkens, sondern Ausdruck einer tieferen geistlichen Krankheit.
Der Liberalismus beginnt damit, dass der Mensch sein krankes geistiges Sehvermögen für gesund hält. Er vertraut seinem eigenen Urteil und sieht keine Notwendigkeit mehr für den geistlichen Arzt – die Kirche. Im Realismus schreitet die Krankheit fort: Der Blick verengt sich auf das unmittelbar Sichtbare und Messbare, während höhere Wirklichkeiten zunehmend aus dem Bewusstsein verschwinden.
Im Vitalismus verliert das geistige Sehvermögen noch mehr an Klarheit. An die Stelle der Wahrheit treten Gefühle, Leidenschaften und subjektive Erfahrungen. Schließlich endet dieser Weg im Nihilismus der Zerstörung: Der Mensch verliert jeden festen Maßstab und damit die Fähigkeit, Wirklichkeit überhaupt richtig zu erkennen.
III. Theologie und der Geist des Nihilismus
Aufstand: Krieg gegen Gott.
Bislang haben wir uns in unserer Untersuchung mit der Definition und Beschreibung befasst. Wenn uns dies gelungen ist, haben wir nun eine Vorstellung vom nihilistischen Bewusstsein, seinem Ursprung und seiner Verbreitung. Dies war jedoch nur eine vorbereitende Arbeit für die Aufgabe, der wir uns nun zuwenden müssen, nämlich der Erforschung des tiefsten Sinns des Nihilismus. Bislang hatte unsere Untersuchung historischen, psychologischen und philosophischen Charakter, doch die Revolution hat, wie wir im vorigen Kapitel gesehen haben,[17] vor allem eine „theologische“ und „spirituelle“ Grundlage, auch wenn ihre „Theologie“ verdreht ist und ihre „Spiritualität“ satanisch ist. In der Revolution begegnet der orthodoxe Christ einem furchtbaren Feind, einem, den man mit aller Kraft bekämpfen muss, unter Einsatz der besten Waffen, die es gibt. Es ist an der Zeit, den Nihilismus ins Herz zu treffen, seine theologischen Quellen und spirituellen Wurzeln zu finden, sein Grundprogramm und seine Rolle in der christlichen Theologie der Geschichte zu bestimmen.
Natürlich wird die nihilistische Doktrin bei den meisten Nihilisten nicht offen zum Ausdruck gebracht. Wenn es uns bisher noch galt, das aufzudecken, was zwar vorhanden, aber nicht offensichtlich ist und selbst von den Nihilisten nicht absichtlich eingeführt wurde, so könnten sich nun, da wir auf der Grundlage der vorhandenen nihilistischen Literatur versuchen, uns ein vollständigeres Bild von der nihilistischen Lehre zu machen, viele unserer Schlussfolgerungen als zu gewagt erweisen. Bei der Erfüllung dieser Aufgabe werden uns jedoch konsequente Nihilisten wie Nietzsche sehr helfen, die klar und deutlich formulierten, was andere nur vermuteten oder zu verschleiern versuchten, sowie jene, die den Nihilismus äußerst aufmerksam studierten, wie zum Beispiel Dostojewski, der erkannte, was sich im Kern des Nihilismus befindet, und es verstand, ihm alle Masken zu entreißen.
Bei niemandem kam die nihilistische Offenbarung so deutlich zum Ausdruck wie bei Nietzsche. Wir haben bereits die philosophische Form dieser Offenbarung in seinem Satz „Es gibt keine Wahrheit“ kennengelernt. Seine Alternative, theologisch ausgedrückt, ist das ständige Thema bei Nietzsche – der „Prophet“ Zarathustra, und in seinen früheren Schriften der ekstatische Schrei eines Wahnsinnigen: „Gott ist tot“[18]. In diesen Worten liegt gewiss ein Funken Wahrheit, der allerdings nicht in einer wahrheitsgetreuen Darstellung der Natur der Dinge besteht, sondern in einer wahrheitsgetreuen Darstellung des Zustands des modernen Menschen. Diese Worte drücken bildlich eine Tatsache aus, die kein Christ leugnen würde.
Der Ausdruck „Tod Gottes“ bedeutet, dass Gott gestorben ist … in den Herzen der heutigen Menschen. Dies ist sowohl bei Atheisten und Satanisten geschehen, die darüber sehr erfreut sind, als auch bei Millionen einfacher Menschen, bei denen das Gefühl für die geistige Realität verschwunden ist. Der Mensch hat den Glauben an Gott und an die göttliche Wahrheit verloren, die ihn einst gestützt hat. Die Abkehr von Gott zugunsten der Weltlichkeit, die für das heutige Zeitalter von Anfang an charakteristisch war, beginnt bei Nietzsche, sich selbst als existierend zu begreifen und findet Worte für ihren Ausdruck. „Gott ist tot“, das heißt: „Wir haben den Glauben an Gott verloren“, „es gibt keine Wahrheit“, das heißt: „Wir sind aufgehört, an alles Göttliche und Absolute zu glauben“. Weit tiefer als jene subjektive Tatsache, die die nihilistische Offenbarung zum Ausdruck bringt, liegt der Wunsch, noch weiter zu gehen, als diese Tatsache einfach nur zu akzeptieren, und sogar gibt es einen Plan, wie man dies tun kann. Zarathustra – „Prophet“ – seine Worte sind offensichtlich dazu bestimmt, eine Revolution gegen die christliche Offenbarung auszulösen. Für diejenigen, die diese neue Offenbarung annehmen, das heißt, die das Gefühl haben, dass sie ihr Bekenntnis zum Ausdruck bringt, oder die danach leben, eröffnet sich ein völlig neues geistiges Universum, in dem Gott nicht mehr existiert, in dem – was noch wichtiger ist – die Menschen auch gar nicht wollen, dass Er existiert. Der Wahnsinnige Nietzsche weiß, dass die Menschen Gott „getötet“ haben, ihren Glauben getötet haben.
Es ist also völlig falsch, den modernen Nihilisten, in welcher Gestalt er auch immer auftritt, als Agnostiker zu betrachten. Der „Tod Gottes“ hat ihn nicht wie eine kosmische Katastrophe ereilt, nein, er hat ihn selbst gewollt, und wenn auch nicht direkt, so hat er ihn doch indirekt beschleunigt, indem er anderen Werten den Vorzug vor dem wahren Gott gab. Es sei angemerkt, dass der Nihilist in Wirklichkeit kein Atheist ist. Im Allgemeinen ist es zweifelhaft, ob es so etwas wie Atheismus überhaupt gibt, denn den wahren Gott leugnet man immer nur, um sich dem Dienst eines anderen, falschen Gottes zu widmen. Der Atheismus, der für einen Philosophen möglich ist – obwohl dies natürlich schlechte Philosophie ist –, ist für die gesamte Menschheit unmöglich. Dies hat der Anarchist Proudhon recht gut verstanden und bezeichnete sich deshalb nicht als Atheisten, sondern als Antitheist.[19] „Die Revolution ist nicht atheistisch im strengen Sinne des sie leugnet das Absolute, sie es hebt es auf…“[20] „Die allererste Pflicht eines Menschen, der vernünftig und frei geworden ist, besteht darin, den Gedanken an Gott ständig aus seinem Verstand und seinem Gewissen zu verdrängen… Denn Gott, falls er existiert, ist unserer Natur absolut feindlich gesinnt… Jeder Schritt vorwärts ist ein Sieg, der das Göttliche zerschmettert.“[21]
Man muss die Menschheit dazu bringen, zu erkennen, dass „Gott, falls es ihn gibt, sein Feind ist“.[22] Denselben lehrt auch Albert Camus, wenn er die „Rebellion“ (und nicht den Unglauben) zum obersten Prinzip erhebt. Auch Bakunin begnügte sich nicht mit der bloßen Verneinung der Existenz Gottes. „Wenn Gott tatsächlich existieren würde“, so meinte er, „müsste man abgeschafft werden.“[23]
Noch offensichtlicher ist, dass der bolschewistische Atheismus unseres Jahrhunderts ein Kampf nicht um Leben, sondern um Tod gegen Gott und all Seine Werke ist. Der revolutionäre Nihilismus tritt offen und unverblümt gegen Gott auf, aber auch der philosophische und der existenzielle Nihilismus sind, wenn auch nicht immer so offensichtlich, ebenso antitheistisch, da sie auf der Überzeugung beruhen, dass das moderne Leben auch ohne Gott weiterbestehen kann. Die Scharen der Feinde Gottes bestehen nicht nur aus einigen wenigen Aktivisten, die an vorderster Front marschieren, sondern auch aus der passiven Masse im Hinterland. Noch wichtiger ist es zu verstehen, dass die Reihen des Antitheismus nicht nur durch aktive oder passive Atheisten verstärkt werden, sondern auch durch viele derer, die sich als „religiös“ betrachten und irgendeinem „Gott“ anbeten. So führte Robespierre den Kult des „höchsten Wesens“ ein, und Hitler erkannte die Existenz einer „höheren Macht“, eines „Gottes im Menschen“ an; etwas Ähnliches wie diesen „Gott“ Hitlers finden wir auch in allen Formen des nihilistischen Vitalismus. Im Krieg gegen Gott werden verschiedene Tricks angewendet, zum Beispiel die Verwendung des Namens Gottes oder sogar des Namens Christi. Doch ob der Nihilismus nun offen atheistisch oder agnostisch ist oder die Form der Verehrung eines neuen Gottes annimmt, er erklärt dem wahren Gott stets den Krieg.
Der formale Atheismus ist die Philosophie des Toren, wenn man die Worte des Psalmisten so umschreiben darf: „Der Tor spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott“ (Ps 13,1), während der Antitheismus eine tiefere Krankheit darstellt. Natürlich ist die Literatur des Antitheismus ebenso voller Ungereimtheiten und Widersprüche wie die formal atheistische Literatur, doch während sich letztere aufgrund ihrer Unreife irrt – so kann ein in irgendeiner Wissenschaft bewanderter Mensch durchaus ein Neuling in der Theologie und im geistlichen Leben sein – und aufgrund ihrer Unempfindlichkeit gegenüber geistlichen Realitäten, so ist erstere mit all ihren Verzerrungen einer tief in ihr verwurzelten Leidenschaft zu verdanken, die diese Realitäten zwar anerkennt, sie aber vernichten will. Es ist nicht schwer, die belanglosen Argumente von Bertrand Russell zu erklären und zu widerlegen, obwohl selbst sein Atheismus – der natürlich nur eine Form des Antitheismus ist – keine Gefahr für den Glauben darstellt. Anders verhält es sich mit dem tiefgreifenden und entschlossenen Angriff von Proudhon, der nicht aus kühler Sophistik, sondern aus glühendem Eifer entspringt.
Hier müssen wir uns ehrlich dem stellen, was wir bereits zuvor erwähnt, aber noch nicht im Detail betrachtet haben: Der Nihilismus wird von einem Glauben beseelt, der geistiger Natur ist und auf seine Weise nicht weniger stark ist als der christliche Glaube, den er zu vernichten und zu verdrängen sucht; anders lässt sich sein Erfolg sowie die ihm eigenen Übertreibungen nicht erklären.
Wir haben festgestellt, dass der christliche Glaube einen geistigen Kontext darstellt, in dem Fragen nach Gott, der Wahrheit und der Macht an Bedeutung gewinnen und zu Einigkeit führen. Ebenso ist der nihilistische Glaube ein gewisser Kontext, ein bestimmter Geist, der die gesamte nihilistische Lehre durchdringt und ihr Sinn und Kraft verleiht. Der Erfolg des Nihilismus in unserer Zeit hängt von der Verbreitung dieses Geistes ab und wird durch sie bestimmt: Seine Argumente erscheinen nicht deshalb überzeugend, weil sie wahr sind, sondern in dem Maße, wie es diesem Geist gelingt, die Menschen zu erobern und sie auf ihre Annahme vorzubereiten. Was ist dann das Wesen des nihilistischen Glaubens? Er steht im direkten Gegensatz zum christlichen Glauben und kann daher nicht wirklich als Glaube bezeichnet werden. Während der christliche Glaube freudig, zuversichtlich, aufrichtig, liebevoll, demütig, geduldig und in allem dem Willen Gottes ergeben ist, ist sein nihilistischer Gegenspieler voller Zweifel, Misstrauen, Abscheu, Neid, Eifersucht, Stolz, Intoleranz, Rebellion und Lästerung – in jeder einzelnen Person überwiegen ein oder zwei dieser Eigenschaften. Für sie ist die Unzufriedenheit mit sich selbst, der Welt, der Gesellschaft und Gott charakteristisch; sie wissen nur eines: Sie wird nichts so akzeptieren, wie es ist, sondern all ihre Kräfte darauf verwenden, alles zu verändern oder vor allem zu fliehen. Bakunin hat dies sehr treffend als „Gefühl der Rebellion, des satanischen Stolzes, der mit Verachtung jede Unterwerfung unter einen Herrn ablehnt, sei er göttlichen oder irdischen Ursprungs“ bezeichnet.[24]
Die nihilistische Rebellion ist, ebenso wie der christliche Glaube, von Anfang bis Ende eine geistige Haltung, die aus sich selbst heraus entsteht und ihre Kraft aus sich selbst schöpft – und natürlich aus dem übernatürlichen „Organisator“ dieser Rebellion. Wir werden die Natur und den Erfolg der nihilistischen Revolte sowie die Existenz ihrer konsequenten Vertreter wie Lenin oder Hitler nicht verstehen können, wenn wir versuchen, ihren Ursprung außerhalb des satanischen Strebens nach Verneinung und Revolte zu suchen. Natürlich nehmen die meisten Nihilisten dieses Streben als etwas Positives wahr, als Quelle von Unabhängigkeit und Freiheit, doch schon die Sprache, die solche Menschen, wie Bakunin, verwenden, um ihre Ideen auszudrücken, und weist dem, der bereit ist, dies zu erkennen, auf eine tiefere Bedeutung hin, die hinter ihren Worten steht.
Somit stellt die nihilistische Ablehnung des christlichen Glaubens und seiner Gebote weniger das Ergebnis eines Glaubensverlustes an diese und ihren göttlichen Ursprung dar – obwohl ein gewisses Maß an solchem Skeptizismus in jeder Form des Nihilismus vorhanden ist –, als vielmehr eine Rebellion gegen die Macht, die sie repräsentieren, und gegen den Gehorsam, den sie verlangen. Das Thema „non serviam“ zieht sich wie ein roter Faden durch die humanistische, sozialistische und anarchistische Literatur des 19. Jahrhunderts: Gottvater mit all seinen Geboten und Dienern muss gestürzt und zerschlagen werden, und der Mensch muss siegreich auf seinem Thron Platz nehmen und selbst über alles herrschen. Durch seinen unaufhörlichen Einfluss verdankt diese intellektuell eher mittelmäßige Literatur der „gerechten“ Empörung gegen „Ungerechtigkeiten“ und der „Tyrannei“ Gottes des Vaters und seiner irdischen Vertreter, das heißt ausschließlich ihrer Leidenschaftlichkeit und nicht ihrer Wahrhaftigkeit.
Diese Rebellion, dieser messianische Eifer, der die größten Revolutionäre inspiriert und einen umgekehrten Glauben darstellt, ist weniger auf die Zerstörung der philosophischen und theologischen Grundlagen der alten Ordnung ausgerichtet – diese Aufgabe kann man weniger eifrigen Seelen überlassen –, als vielmehr auf die Zerstörung ihrer Rivalin – des Glaubens, der dieser Ordnung Leben gegeben hat. Lehren und Einrichtungen lassen sich umdeuten, indem man ihnen den christlichen Inhalt entzieht und sie mit einem neuen, nihilistischen Inhalt füllt. Und nur den christlichen Glauben, die Seele dieser Lehren und Einrichtungen, der als einziger diese Umdeutung bemerken und ihr gebührend entgegenwirken kann, muss man gänzlich vernichten; erst dann kann auch er umgedeutet werden. Wenn der Nihilismus siegen will, muss er dies aus praktischer Sicht tun. Noch notwendiger ist es jedoch, dass er dies aus psychologischer und spiritueller Sicht tut, da die nihilistische Rebellion vage spürt, dass die Wahrheit im orthodoxen Glauben zu finden ist, und ihre Eifersucht und Unreinheit Sein Gewissen wird ihm keine Ruhe lassen, bis die vollständige Abschaffung der Wahrheit nicht seine Positionen und nicht „beweist“ seine „Wahrheit“.
Diese Psychologie ist im kleinsten Maßstab die Psychologie eines christlichen Abtrünnigen, im größten Maßstab die des Bolschewismus. Es gibt keine vernünftige Erklärung für die konsequente bolschewistische Kampagne zur Ausrottung des christlichen Glaubens, die selbst dann noch andauerte, als dieser keine Gefahr mehr für den atheistischen Staat darstellte. Diese Kampagne ist ein untrennbarer Bestandteil des erbitterten Kampfes nicht um Leben, sondern um Tod mit der einzigen Kraft, die dem Bolschewismus widerstehen und ihn entlarven kann. Der Nihilismus bleibt besiegt, solange der orthodoxe Glaube auch nur in einem einzigen Menschen erhalten bleibt, denn dieser Mensch wird ein lebendiges Beispiel der Wahrheit sein, das die ganze Eitelkeit der herausragendsten weltlichen Errungenschaften aufzeigt, zu denen der Nihilismus fähig ist, und in diesem Menschen werden alle Argumente gegen Gott und das Himmelreich widerlegt. Der menschliche Verstand ist formbar, man kann ihn dazu bringen, an alles zu glauben, wozu sein Wille neigt. In einer Atmosphäre, die von nihilistischer Eifersucht durchdrungen ist und bis heute in der Sowjetunion herrscht, können selbst die überzeugendsten Argumente niemanden dazu bringen, an Gott, die Unsterblichkeit an den christlichen Glauben, doch allein die Existenz eines Gläubigen kann selbst in einer solchen Umgebung dem Herzen des Menschen sehr viel sagen und an seinem Beispiel zeigen: Was für die Welt unmöglich ist, was für die besten menschlichen Absichten unglaublich ist, ist für Gott und den Glauben möglich.
Der nihilistische Aufstand ist ein Kampf gegen Gott und die Wahrheit, was jedoch nur sehr wenige Nihilisten erkennen. Offener theologischer und philosophischer Nihilismus findet man nur bei einigen wenigen, für die meisten Nihilisten nimmt der Aufstand die Form eines Kampfes gegen die von Gott eingesetzte Macht an. Viele von denen, deren Verhältnis zu Gott und zur Wahrheit sozusagen nicht ganz klar ist, zeigen ihren Nihilismus ganz deutlich in ihrer Haltung – nach den Worten Bakunins – gegenüber dem „verfluchten und verhängnisvollen Prinzip der Macht“.[25]
So verkündet die nihilistische Offenbarung die sofortige Vernichtung der Macht. Einige Apologeten des Nihilismus sprechen zur Rechtfertigung der Rebellion gegen die alte Ordnung gerne von deren „Ungerechtigkeiten“ und „Verfall“, doch all diese Mängel, deren Existenz niemand leugnen will, dienen oft nur als Vorwand und niemals als Ursache für nihilistische Ausbrüche. Die Nihilisten greifen die Macht an sich an. In der politischen und sozialen Struktur drückt sich der Nihilismus als Revolution aus, die nicht nur auf einen Regierungswechsel oder eine mehr oder weniger umfassende Reform des bestehenden Systems abzielt, sondern auf die Einführung eines völlig neuen Konzepts von Zielen und Mitteln der Herrschaft. Im Bereich der Religion zielt der Nihilismus nicht nur auf eine Reform der Kirche und nicht einmal auf die Gründung einer neuen Kirche oder Religion ab, sondern auf eine vollständige Veränderung der Idee der Religion und der spirituellen Erfahrung selbst. In Kunst und Literatur interessiert den Nihilisten nicht bloß die Veränderung alter ästhetischer Kanons in Bezug auf Inhalt und Stil oder die Entwicklung neuer Genres und Traditionen, sondern ein völlig neuer Ansatz zur Frage des künstlerischen Schaffens und eine neue Definition der Kunst selbst. Der Nihilismus richtet sich gegen die grundlegendsten Prinzipien all dieser Bereiche und Strukturen, keineswegs gegen deren fehlerhafte Anwendung. Das Chaos, das sich in Politik, Religion, Kunst und anderen Bereichen so offensichtlich manifestiert, ist das Ergebnis einer bewussten und konsequenten Ablehnung der Macht als deren Grundlage. Prinzipienlose Politik und Moral, chaotischer künstlerischer Ausdruck, gleichgültige „religiöse Erfahrung“ – all dies ist eine direkte Folge der Anwendung einer rebellischen Haltung auf diese einst stabilen Bereiche.
Die nihilistische Rebellion hat sich so tief in alle Fasern unseres Zeitalters eingegraben, dass der Widerstand gegen sie völlig nachgelassen hat und keine Früchte mehr trägt; die Populärphilosophie und das „ernsthafte Denken“ haben all ihre Kräfte ihrer Apologie gewidmet. So sieht Camus in der Rebellion die einzige selbstverständliche Wahrheit, die den Menschen von heute geblieben ist, den einzigen Glauben, für diejenigen möglich ist, die nicht mehr an Gott glauben. Seine Philosophie der Rebellion stellt einen meisterhaften Ausdruck des Zeitgeistes dar, doch kaum kann sie für etwas Ernsthafteres gehalten werden. Die Denker der Renaissance und der Aufklärung waren nicht weniger als Camus heute darauf bedacht, ohne Theologie zu leben und als Grundlage für ihr gesamtes Wissen die „Natur“ zu haben, „Natur“. Aber wenn heute angenommen wird, dass „der natürliche Mensch“ nur „Auflehnung“ kennen müsse, warum dann der „natürliche Mensch“ der Renaissance oder der Aufklärung offenbar viel mehr wusste und sich für ein edleres Wesen hielt. Darauf antwortet man gewöhnlich so: „Sie nahmen zu viel als selbstverständlich hin und lebten auf Kosten des christlichen Kapitals, ohne sich dessen bewusst zu sein. Heute sind wir bankrott und verstehen das sehr gut.“ Kurz gesagt, der moderne Mensch hat seine Illusionen verloren. Streng genommen darf man jedoch nicht von einer Illusion enttäuscht sein: Selbst, wenn die Menschen nicht von der Illusion, sondern von der Wahrheit abgefallen sind – wie es in Wirklichkeit der Fall ist –, muss man für die Erklärung ihres heutigen Zustands nach einer tieferen Ursache suchen. Dass Camus den „Rebellen“ als „natürlichen Menschen“ betrachtet und alles, was keine „Rebellion“ ist, als „absurd“, bedeutet nur eines: Er wurde in der Schule des Nihilismus so gut unterrichtet, dass er den Kampf gegen Gott als „natürlichen“ Zustand des Menschen anzunehmen begann.
Zu welchem Zustand hat der Nihilismus den Menschen herabgewürdigt. Bis zur Moderne wurde das Leben des Menschen im Wesentlichen von den Tugenden des Gehorsams, der Unterwerfung und der Ehrfurcht vor Gott, der Kirche und der rechtmäßigen Obrigkeit bestimmt. Für den modernen, vom Nihilismus „aufgeklärten“ Menschen ist eine solche alte Ordnung nichts weiter als eine „schreckliche Erinnerung an eine dunkle Vergangenheit, von der sich der Mensch befreit hat“, und die moderne Geschichte ist eine Chronik des Niedergangs jeglicher Autorität. Die alte Ordnung ist gestürzt, und obwohl in unserem Zeitalter des ständigen Wandels eine unsichere Stabilität noch irgendwie aufrechterhalten wird, bereitet sich die „neue Ordnung“ bereits vor, und das Zeitalter der „Rebellion“ steht vor der Tür.
Die nihilistischen Regime unserer Zeit haben einen Vorgeschmack auf dieses Zeitalter gegeben; ein weiteres Vorzeichen dafür ist die sich ausbreitende Rebellion unserer Tage. Wo keine Wahrheit ist, dort werden die Rebellen herrschen. Doch wie Dostojewski schrieb, der so tief in das nihilistische Bewusstsein eingedrungen war: „Der Wille ist dem Nichts am nächsten, die Selbstsichersten sind den Nihilisten am nächsten.“309 Der blinde Wille steht zwischen dem Abgrund und demjenigen, der die Wahrheit und jede auf ihr beruhende Macht abgelehnt hat, und dieser Wille, wie spektakulär seine Errungenschaften in dem kurzen Augenblick seiner Macht auch sein mögen (bislang waren die Regime Hitlers und des Bolschewismus die eindrucksvollsten unter ihnen), wird unweigerlich vom Abgrund angezogen wie von einem riesigen Magneten und sucht in sich selbst nach einem anderen Magneten, der auf diese Anziehungskraft reagiert. In diesem Abgrund, in diesem Nichts des Menschen, der ohne die Wahrheit lebt, liegt das Herzstück des Nihilismus.
Die Verehrung des Nichts.
Das „Nichts“ in dem Sinne, wie es die heutigen Nihilisten verstehen, ist ausschließlich der christlichen Tradition eigen. Das „Nichtsein“ verschiedener östlicher Traditionen ist ein ganz anderes, „positives“ Konzept; das, was bei ihnen der Idee des Nihil am nächsten kommt, ist ihre vage Vorstellung vom urzeitlichen „Chaos“. Nur seinem auserwählten Volk hat Gott die ganze Fülle der Wahrheit offenbart, die den Anfang und das Ende aller Dinge erklärt; zu den anderen Völkern sprach er hingegen nur vage und indirekt.
Deshalb ist für andere Völker, ebenso wie für den Verstand, der keine Hilfe von oben hat, von allen christlichen Lehren die Lehre von der creatio ex nihilo am schwersten zu verstehen: Gott hat die Welt nicht aus sich selbst, nicht aus etwas bereits Existierendem oder aus dem urzeitlichen Chaos, sondern aus dem Nichts erschaffen. Keine andere Lehre bekräftigt so deutlich die Allmacht Gottes. Das Wunder der niemals verblassenden Schöpfung Gottes besteht gerade darin, dass sie aus dem absoluten Nichts ins Dasein gerufen wurde. Man könnte fragen: In welcher Beziehung steht der Nihilismus zu dieser Lehre? Die Antwort lautet: in einer Beziehung der Verneinung.
„Was ist Nihilismus?“, schreibt Nietzsche in jenem Abschnitt von „Der Wille zur Macht“, den wir oben bereits zitiert haben, „Das ist, wenn die höchsten Werte ihren Wert verlieren. Es gibt kein Ziel. Es gibt keine Antwort auf Frage „Warum“?[26] Kurz gesagt, selbst seine Dasein verdankt der Nihilismus der Verleugnung der christlichen Wahrheit; er hält die Welt nicht aufgrund einer unvoreingenommenen Untersuchung dieser Frage für „absurd“, sondern aufgrund seiner Unfähigkeit oder Unwilligkeit, an ihre christliche Bedeutung zu glauben. Nur wer einst glaubte, die Antwort auf die Frage „Warum?“ zu kennen, kann so sehr enttäuscht sein, wenn er feststellt, dass es diese Antwort gar nicht gab.
Wäre das Christentum jedoch nur eine von vielen Religionen oder Philosophien, wäre seine Ablehnung nicht so wichtig erscheinen. Joseph de Maistre, der die Französische Revolution treffend kritisierte (auch wenn man sich auf seine positiven Ideen vielleicht nicht verlassen kann), hat schon damals, als der Nihilismus noch keine so offensichtlichen Ausprägungen hatte wie heute, klar definiert, worin hier der Kern liegt.
„In der Welt gab es schon immer irgendeine Form von Religion und Gottlose, die sich ihr entgegenstellten. Gottlosigkeit war schon immer ein Verbrechen. Aber nur im Schoß der wahren Religion ist echte Gottlosigkeit möglich… Nie zuvor hat die Gottlosigkeit so viel Böses hervorgebracht wie in unseren Tagen, denn ihre Schuld steht immer im Verhältnis zum Grad der Aufklärung, die sie umgibt… Obwohl es immer Gottlose gab, gab es bis zum 18. Jahrhundert niemals im Herzen des Christentums einen Aufstand gegen Gott.“[27] Keine Religion bekräftigt so viel und mit solcher Kraft wie die Orthodoxie, denn ihre Stimme ist die Stimme Gottes, ihre Wahrheit ist absolut, und keine Religion hat einen so radikalen und kompromisslosen Gegner wie den Nihilismus, denn man kann sich der Orthodoxie nicht widersetzen, ohne mit Gott selbst in den Kampf zu treten.
Um gegen denselben Gott zu kämpfen, der den Menschen erschaffen hat, bedarf es einer gewissen Blindheit und der Illusion von Macht, doch der Nihilist ist nicht so blind, dass er die – wenn auch nur vagen – globalen Folgen seines Handelns nicht zumindest erahnen würde. Die namenlose „Unruhe“, die heute so vielen eigen ist, verrät ihre passive Beteiligung am Antitheismus; immer lauter ertönt die Stimme des „Abgrunds“, der sich im Herzen des Menschen auftut. Diese „Unruhe“ und dieser „Abgrund“ sind genau jenes Nichts, aus dem Gott den Menschen zum Leben berufen hat und in das der Mensch stürzt, wenn er Gott leugnet und damit auch seine eigene Schöpfung und seine eigene Existenz.
Die Angst vor dem „Herausfallen aus dem Sein“ ist heute die am weitesten verbreitete Form des Nihilismus. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Kunst und dominiert die „absurdistische“ Philosophie. Für alle Übel unseres Zeitalters ist jedoch eher ein bewussterer Nihilismus, ein Nihilismus des offenen Antitheismus.
Bei einem Menschen, der von diesem Nihilismus befallen ist, führt das Gefühl des Absturzes in den Abgrund nicht zu passiver Unruhe oder Verzweiflung, sondern verwandelt sich in eine rasende, satanische Energie, die ihn dazu treibt, sich auf die gesamte Schöpfung zu stürzen und zu versuchen, sie mit sich in den Abgrund zu reißen. Doch letztendlich müssen all diese Proudhon, Bakunin, Lenin und Hitler, so groß ihr vorübergehender Einfluss und Erfolg auch gewesen sein mag, eine Niederlage erleiden und sind gezwungen, sogar gegen ihren Willen von der Wahrheit zu zeugen, die sie vernichten wollten. Denn da ihr Versuch, die Schöpfung zu „nihilisieren“, Gottes Werk der Schöpfung zunichte zu machen und die Welt in das Nichts zurückzuführen, aus dem sie hervorgegangen ist, nichts anderes ist als eine verkehrte Parodie auf Gottes Schöpfung selbst[28], und sie selbst sind, wie ihr Vater – der Teufel –, nichts als armselige Affen Gottes, die mit ihren Anstrengungen nur die Existenz Gottes bestätigen, den sie zu leugnen und durch ihre Niederlage von Seiner Macht und Herrlichkeit zeugen.
Wir haben schon oft gesagt, dass kein Mensch ohne Gott lebt; wer oder was ist dann der Gott des Nihilisten? Sein Gott, nihil, ist das Nichts in seiner reinsten Form, nicht das Nichts der Abwesenheit oder des Nichtseins, sondern das Nichts des Abfalls und der Verleugnung, der „Leiche“ „toten Gottes“, der auf seinen (des Nihilisten) Schultern lastet. Von Gott selbst, der so real ist, der in allen orthodoxen Christen so offensichtlich gegenwärtig ist, kann man sich nicht über Nacht befreien; ein „Monarch“ mit solch grenzenloser Macht kann keinen direkten Nachfolger haben. So steht in diesem Moment der geistigen Geschichte der Menschheit – einem Moment, der, wie allgemein anerkannt wird, von Krise und Unbeständigkeit geprägt ist – im Zentrum des menschlichen Glaubens ein „toter Gott“, völlige Leere. Der Nihilist will, dass sich die Welt, die sich früher um Gott drehte, nun um das Nichts dreht.
Kann das sein? Lässt sich auf dem Nichts irgendeine Ordnung errichten? Natürlich nicht. Das ist Selbstverleugnung, Selbstmord. Aber suchen wir bei den zeitgenössischen Denkern keine Konsequenz und keine Ganzheitlichkeit? Hier bis zu welchem Stand das zeitgenössische Denken und seine Revolution in unserer Zeit erreicht haben. Selbst wenn dieser Stand nur einen Augenblick Bestand hat, wenn er nur erreicht wurde, um bald von etwas anderem abgelöst zu werden, lässt sich seine Realität dennoch nicht leugnen. Heute gibt es viele Anzeichen (die wir zu gegebener Zeit betrachten werden), dass die Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begonnen hat, aus dem „Zeitalter des Nihilismus“ herauszutreten und sich auf ein „neues Zeitalter“ zuzubewegen. Doch auf jeden Fall, sollte dieses „neue Zeitalter“ eintreten, wird es keine Überwindung des Nihilismus sein, sondern dessen Vertiefung. Die Revolution offenbart ihr wahres Gesicht im Nihilismus; ohne Reue (und die gab es nicht) wird das, was als Nächstes kommt, nur eine weitere Maske sein, die dasselbe Gesicht verbirgt. Ob offen – im expliziten Antitheismus des Bolschewismus, Faschismus, Nationalsozialismus – oder verborgen – im Kult der Gleichgültigkeit und Verzweiflung, im „Absurdismus“ oder „Existentialismus“ – zeigt der moderne Mensch eindeutig seine Entschlossenheit, ohne Gott weiterzuleben – das heißt in der Leere, im Nichts.
Bis zum Beginn unseres Jahrhunderts konnten sich wohlmeinende Menschen noch täuschen und glauben, dass Liberalismus und Humanismus, Wissenschaft und Fortschritt, ja sogar die Revolution selbst und der gesamte Weg des modernen Denkens etwas Positives darstellten und in gewissem Sinne Gott als ihren Verbündeten hätten. Heute ist es jedoch völlig offensichtlich, dass die Revolution und Gott nichts gemeinsam haben, dass in der konsequenten modernen Philosophie überhaupt kein Platz für Gott ist. Jedes spätere moderne Denken, unter welchem Deckmantel es auch immer auftrete, muss dies voraussetzen, muss auf der Leere aufbauen, die nach dem „Tod Gottes“ zurückgeblieben ist. Die Revolution kann nicht vollendet sein, solange nicht das letzte Anzeichen des Glaubens an Gott aus den Herzen der Menschen ausgerottet ist und solange nicht alle bis auf den letzten das Leben in dieser Leere gelernt haben. Aus dem Glauben entsteht Ganzheit. Die Welt des Glaubens, die einst die normale Welt war, ist absolut ganzheitlich, denn alles in ihr ist auf Gott als ihren Anfang und ihr Ende ausgerichtet und findet in dieser Ausrichtung seine Bedeutung. Die nihilistische Revolte hat diese Welt zerstört und eine neue Welt inspiriert: die Welt des Absurden. Dieses Wort, das in unserer Zeit so in Mode gekommen ist und oft zur Beschreibung des Zustands des modernen Menschen verwendet wird, hat eine sehr tiefe Bedeutung. Denn wenn das Nichts das Zentrum der Welt ist, dann ist diese Welt sowohl inhaltlich als auch in jedem einzelnen ihrer Merkmale unvollständig, sie zerfällt, sie ist absurd. Niemand hat es geschafft, diese Welt besser zu beschreiben als Nietzsche, „des Propheten“, der dies sehr klar und prägnant formulierte, indem er seine Beschreibung an derselben Stelle platzierte, an der er sein erstes Prinzip vom „Tod Gottes“ verkündete:
„Wir haben Ihn (Gott) getötet, du und ich! Wir sind alle Mörder! Aber wie haben wir das getan? Wie konnten wir das Meer austrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was haben wir getan, als wir diese Erde von ihrer Sonne losgebunden haben? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Weg von allen Sonnen? Wird es uns nicht endlos hin und her schleudern? Zurück, nach links, nach rechts, vorwärts, in alle Richtungen? Gibt es noch oben und unten? Irren wir nicht umher, als befänden wir uns in einem unendlichen Nichts? Atmet nicht die Leere auf uns herab? Ist es nicht kälter geworden? Dauert die Nacht nicht unendlich an und wird immer dunkler und dunkler?“[29]
So ist das Universum des Nihilisten, in dem es weder oben noch unten gibt, weder richtig noch falsch, weder wahr noch unwahr, denn in ihm gibt es keinen Orientierungspunkt. Wo einst Gott war, ist nun nur noch das Nichts; wo einst Macht, Ordnung, Gewissheit und Glaube waren, herrschen nun Anarchie, Verwirrung, prinzipienlose, ungerechtfertigte Handlungen, Zweifel und Verzweiflung. Dieses Universum hat der Schweizer römische-Katholik Max Picard als die Welt „Flucht Gottes“ oder „Unterbrechung“ und „Zerrissenheit“ beschrieben.[30]
Das Nichts, die Abwesenheit von Ganzheit, der Antitheismus, der Hass auf die Wahrheit, alles, worüber auf diesen Seiten die Rede war – das ist nicht bloß Philosophie und nicht einmal bloß der Aufstand des Menschen gegen Gott, dem er nicht mehr dient. Hinter all diesen Erscheinungen verbirgt sich eine ernste Bedeutung: Auf jener subtilen Ebene, auf der sowohl der Philosoph als auch der Revolutionär dienen und nicht herrschen, haben wir es mit dem Wirken des Teufels zu tun.
Viele Nihilisten bestreiten diese Tatsache nicht nur nicht, sondern sind sogar stolz darauf. Bakunin war der Ansicht, dass er auf der Seite „Satan, ewigen Rebellen, des ersten Freidenker und Befreier der Welten.“315 Nietzsche erklärte sich „Antichrist“. Fast alle Dichter, Dekadenten und Avantgardisten seit der Romantik sind buchstäblich vom Satanismus verzaubert, manche haben sogar versucht, ihn zu ihrer Religion zu machen. Mit folgenden Worten ruft Proudhon den Teufel an: „Komm zu mir, Luzifer, Satan, wer auch immer du bist. Der Teufel, den der Glaube meiner Väter Gott und der Kirche entgegenstellte. Ich werde dein Vertreter sein und nichts von dir verlangen.“[31]
Was kann ein orthodoxer Christ über solche Worte denken? Apologeten des Nihilismus werten solche Äußerungen gewöhnlich als Fantasien, Übertreibungen, gewagte Metaphern, die zum Ausdruck bringen, vielleicht „kindisch“, aber „Aufstand“. Man muss zugeben, dass in solchen Äußerungen der meisten heutigen „Satanisten“ ein gewisser jugendlicher Charakterzug mitschwingt: Diejenigen, die so leichtfertig den Teufel anrufen und die Herrschaft des Antichristen verkünden, sind sich der ganzen Kraft ihrer Worte nicht bewusst; nur sehr wenige sprechen sie in der Absicht aus, ernst genommen zu werden. Diese naive Prahlerei offenbart jedoch eine tiefere Wahrheit. Die nihilistische Revolution lehnt sich gegen Macht und Ordnung auf, gegen die Wahrheit, gegen Gott, und dafür muss sie auf der Seite des Teufels stehen. Der Nihilist, der weder an Gott noch an den Teufel glaubt, hält sich für sehr scharfsinnig, wenn er im Kampf gegen Gott dessen uralten Feind verteidigt. Und obwohl es ihm so vorkommt, als spiele er nur mit Worten, sagt er in Wirklichkeit die Wahrheit. De Maistre und später Donoso Cortés, die in jener Zeit schrieben, als die römische Kirche die Bedeutung der Revolution noch viel besser verstand als heute und ihr entschlossen entgegenzutreten wusste, bezeichneten die Revolution als satanische Manifestation, worüber Historiker heute nur schmunzeln. Weniger Schmunzeln ist jedoch zu sehen, wenn derselbe Satz auf den Nationalsozialismus und den Bolschewismus bezogen wird, und manche beginnen vielleicht sogar zu vermuten, dass es andere Kräfte und Ursachen gibt, die vor ihrem aufgeklärten Blick verborgen blieben.
IV Das nihilistische Programm.
Der Krieg gegen Gott, der sich logisch aus der Verkündigung der Herrschaft des Nichts ergibt, was den Triumph der Zersplitterung und Absurdität bedeutet, dieser ganze, vom Teufel angeführte Plan – darin besteht kurz gesagt die Theologie und der Inhalt des Nihilismus. Der Mensch kann jedoch nicht von einer so groben Verneinung leben. Im Gegensatz zum Teufel kann er sie nicht einmal um ihrer selbst willen begehren, sondern begehrt sie, indem er sie fälschlicherweise für etwas Positives und Gutes hält. In Wirklichkeit sah kein Nihilist – außer vielleicht in Momenten höchster Erregung, des Wahnsinns oder vielleicht der Verzweiflung – in dieser Verneinung etwas anderes als ein Mittel zur Erreichung eines höheren Ziels; das heißt, der Nihilismus verfolgt seine satanischen Ziele mittels eines positiven Programms. Die zur Gewalt am meisten neigenden Revolutionäre – Netschajew und Bakunin, Lenin und Hitler und sogar die wahnsinnigen Praktiker der „Propaganda der Tat“ – träumten von einer „neuen Ordnung“, die ihre gewaltsame Zerstörung der alten Ordnung ermöglichen würde. Dada und die „Antiliteratur“ suchen nicht nach der vollständigen Vernichtung der Kunst, sondern nach einem Weg zur „neuen“ Kunst; passiver Nihilist mit seiner „existentialistischen“ Apathie und Verzweiflung lebt er nur deshalb weiter, weil er vage darauf hofft, eine Art globale Befriedigung in einer Welt zu finden, die diese Möglichkeit scheinbar verneint. Somit ist der nihilistische Traum in seiner Ausrichtung „positiv“. Doch die Wahrheit verlangt, dass wir ihn in der richtigen Perspektive betrachten: nicht durch die rosarote Brille des Nihilisten, sondern aus einer realistischen Haltung heraus, die uns die enge Vertrautheit des heutigen Zeitalters mit dem Phänomen des Nihilismus ermöglicht. Ausgestattet mit dem Wissen, das diese Vertrautheit vermittelt, und der christlichen Wahrheit, die es uns ermöglicht, diese richtig einzuschätzen, wollen wir versuchen zu erkennen, was sich hinter der Fassade nihilistischer Phrasen verbirgt. Aus dieser Perspektive erscheinen jene Phrasen, die dem Nihilisten als „ganz“ und „vollständig“ „positiv“ erscheinen, erscheinen dem orthodoxen Christen in einem anderen Licht, nämlich als Thesen eines Programms, das sich grundlegend von dem unterscheidet, das die Apologeten des Nihilismus darlegen.
Die Zerstörung der alten Ordnung. Der erste und offensichtlichste Punkt des Programms des Nihilismus ist die Zerstörung der alten Ordnung. Die alte Ordnung war der Boden, der von der christlichen Wahrheit genährt wurde; dort, in diesem Boden, lagen die Wurzeln der Menschheit. Auf dieser Wahrheit beruhten alle ihre Gesetze und Einrichtungen und sogar ihre Bräuche; sie sollten zu ihr lehren: Ihre Gebäude wurden zur Ehre Gottes errichtet und dienten als offensichtliches Zeichen Seiner Ordnung auf der Erde, sogar im Allgemeinen. „Primitive“, aber natürliche Lebensbedingungen dienten (wenn auch natürlich unbeabsichtigt) als Erinnerung an die demütige Stellung des Menschen, an seine Abhängigkeit von Gott in den wenigen irdischen Segnungen, mit denen er ausgestattet war, daran, dass sein wahres Zuhause dort, weit weg, jenseits des „Tals der Tränen“, im Himmelreich liegt. Damit der Krieg gegen Gott und die Wahrheit erfolgreich sein kann, ist daher die Zerstörung aller Elemente dieser alten Ordnung erforderlich; genau hier kommt die besondere nihilistische „Tugend“ der Gewalt zum Tragen.
Gewalt ist nicht mehr nur ein Nebenaspekt der nihilistischen Revolution, sondern Teil ihres Inhalts. Nach dem marxistischen „Dogma“ ist „die Gewalt die Hebamme jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger ist“.[32] Revolutionäre Literatur strotzt von Aufrufen zur Gewalt, ja sogar von einer gewissen Ekstase angesichts der Aussicht auf deren Anwendung. Bakunin weckte „böse Leidenschaften“ und rief zur Befreiung der „Volksanarchie“[33] auf. Im Prozess „allgemeiner Zerstörung“ ist seine „Katechismus des Revolutionärs“ das ABC gnadenloser Gewalt. Marx verteidigte eifrig den „revolutionären Terror“ als einziges Mittel zur Beschleunigung des Kommunismus,[34] Lenin beschrieb die „Diktatur des Proletariats“ als „eine Herrschaft, die nicht durch Gesetze begrenzt ist und auf Gewalt beruht“.[35]
Die demagogische Aufwiegelung der Massen und die Ausnutzung niederen Leidenschaften seit jeher und nach dieser Zeit ist eine allgemein akzeptierte nihilistische Praxis. In unserem Jahrhundert fand der Geist der Gewalt seine vollkommenste Verkörperung in den nihilistischen Regimes des Bolschewismus und des Nationalsozialismus; gerade diesen Regimes wurde die Hauptrolle bei der Erfüllung der nihilistischen Aufgabe der Zerstörung der alten Ordnung zugeschrieben. Wie auch immer ihre psychologischen Unterschiede und die historischen „Ereignisse“ aussehen mögen, die sie in gegnerische Lager stellten, in ihrem wahnsinnigen Streben, diese Aufgabe zu erfüllen, erwiesen sie sich als Verbündete. Der Bolschewismus spielte sogar eine entscheidendere Rolle, da er seine monströsen Verbrechen mit einem pseudochristlichen, messianischen Idealismus rechtfertigte, der bei Hitler nur Verachtung hervorrief.
Hitlers Rolle im nihilistischen Programm war spezifischer und provinzieller, aber dennoch ebenso wesentlich. Selbst im Scheitern, oder besser gesagt gerade im Scheitern seiner vermeintlichen Ziele diente der Nationalsozialismus der Umsetzung dieses Programms. Abgesehen von den politischen und ideologischen Vorteilen, die der den kommunistischen Behörden verschafften, gilt der nationalsozialistische „Zwischenakt“ in der europäischen Geschichte – man geht fälschlicherweise davon aus, dass der Kommunismus zwar ein Übel darstellt, aber kein so großes wie der Nationalsozialismus – erfüllte der Nationalsozialismus noch eine andere, offensichtlichere und direkte Funktion. Diese erläuterte Goebbels in seiner Radioansprache in den letzten Kriegstagen:
„Der Schrecken der Bombardierung verschont weder die Häuser der Reichen noch die der Armen, bis die letzten Klassenbarrieren endgültig gefallen sind… Zusammen mit den Kunstdenkmälern sind die letzten Hindernisse auf dem Weg zur Erfüllung unserer revolutionären Aufgabe in Stücke gesprengt worden. Jetzt, da alles in Trümmern liegt, müssen wir Europa neu aufbauen. In der Vergangenheit hielt uns das Privateigentum im bürgerlichen Würgegriff. Nun haben die Bomben, anstatt alle Europäer zu töten, nur die Gefängnismauern zerstört, in denen sie schmachten mussten. Bei dem Versuch, die Zukunft Europas zu vernichten, gelang es dem Feind lediglich, dessen Vergangenheit in Stücke zu zerschlagen, und mit ihr verschwand alles Alte und Überholte.“[36]
Der Nationalsozialismus und sein Krieg für Mitteleuropa (weniger offensichtlich für Westeuropa) bewirkten etwas Ähnliches wie der Bolschewismus in Russland: Sie zerstörten die alte Ordnung und ebneten den Weg für den Aufbau des „Neuen“. So fiel es dem Bolschewismus leicht, weite Teile Mitteleuropas unter die Herrschaft der „Diktatur des Proletariats“ zu bringen. Hitlers Nihilismus war vor allem zerstörerischer Natur und spielte daher nur eine vorbereitende Rolle im gesamten nihilistischen Programm. Die nächste Phase gehört einer Macht, die nicht nur zerstören, sondern auch aufbauen will.
Die Schaffung eines „neuen Landes“
Zwischen der zerstörerischen Revolution und dem verheißenen irdischen Paradies liegt nach marxistischer Lehre eine Übergangsphase, die als „Diktatur des Proletariats“ bezeichnet wird. Hier zeigt sich die positive, „konstruktive“ Funktion der Gewalt. Sie dient nicht mehr nur der Beseitigung des Alten, sondern dem Aufbau einer neuen Ordnung.
Die nihilistische Sowjetmacht verfolgte dieses Ziel besonders konsequent. Doch auch die Realisten der freien Welt arbeiteten in dieselbe Richtung, indem sie die christliche Tradition schrittweise in ein System verwandelten, das den Zielen des Fortschritts und der gesellschaftlichen Entwicklung dienen sollte.
Sowjetische und westliche Realisten haben dasselbe Ideal, nur streben die Ersteren mit aufrichtigem Eifer danach, während die Letzteren dies spontan und sporadisch tun; diese Politik wird nicht immer von der Regierung umgesetzt, aber stets von ihr inspiriert, und sie stützt sich eher auf individuelle Initiative und Ambitionen. Überall suchen die Realisten nach einer gänzlich „neuen Ordnung“, die ausschließlich auf dem Menschen aufgebaut ist, der vom Joch des Göttlichen befreit ist und auf den Trümmern der alten Ordnung ruht, deren Fundament das Göttliche war. Willig oder unwillig wird die Revolution des Nihilismus angenommen, und durch die Arbeit von Akteuren aller Bereiche auf beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“ erhebt sich ein neues, rein menschliches Reich. Seine Apologeten sehen darin ein bisher unerhörtes „neues Land“, ein Land, das zum Wohl des Menschen genutzt, gelenkt und organisiert wird, gegen den wahren Gott.
Es gibt keinen Ort, der vor den Übergriffen dieses Reiches des Nihilismus sicher ist; überall arbeiten die Menschen, ohne den Grund dafür zu kennen oder ihn nur vage zu erahnen, fieberhaft im Namen des Fortschritts. In der freien Welt treibt sie vielleicht die Furcht vor der Leere, der horror vacui, zu solch fieberhafter Tätigkeit an. Diese Tätigkeit lässt sie jenes geistige Vakuum vergessen, das jede Weltlichkeit begleitet. In der kommunistischen Welt hingegen spielt der Hass auf reale und imaginäre Feinde und – vor allem – auf Gott, den ihre Revolution vom Thron „gestürzt“ hat, nach wie vor eine immer größere Rolle: Dieser Hass treibt sie dazu, die ganze Welt gegen Ihn umzugestalten. In beiden Fällen ist diese gottlose Welt, die die Menschen zu schaffen versuchen, kalt und unmenschlich. Dort gibt es nur Organisation und Produktivität, aber keine Liebe und keine Ehrfurcht. Die sterile „Reinheit“ und der „Funktionalismus“ der modernen Architektur können als typischer Ausdruck einer solchen Welt dienen; derselbe Geist ist auch in der Krankheit der allumfassenden Planung vorhanden, die sich beispielsweise in der „Geburtenkontrolle“, in Experimenten zur Kontrolle der Vererbung, der Bewusstseinskontrolle oder der Steigerung des Wohlstands äußert.
Manche Begründungen für solche Systeme kommen gefährlich nahe an den offenen Wahnsinn heran, bei dem die Präzisierung von Details und Techniken bis zu einer erschreckenden Gefühllosigkeit getrieben wird, bis hin zu jenem unmenschlichen Ziel, dem sie dienen. Die nihilistische Organisation, die totale Umgestaltung der gesamten Erde und der Gesellschaft durch Maschinen, moderne Architektur und Design sowie die unmenschliche Philosophie der „Human-Engineering“, die damit einhergeht, stellt eine Folge des unangebrachten Einsatzes von Industrialismus und Technologie dar, die Träger der Verweltlichung sind; dieser Einsatz kann, wenn er unkontrolliert erfolgt, zu ihrer völligen Tyrannei führen.
Hier sehen wir die praktische Anwendung jener Entwicklungsstufe der Philosophie, die wir in Kapitel I angesprochen haben, nämlich die Umwandlung der Wahrheit in Macht. Was im philosophischen Pragmatismus und Skeptizismus harmlos erscheint, zeigt sich ganz anders bei denen, die die Gegenwart planen. Denn wenn es keine Wahrheit gibt, kennt die Macht keine Grenzen außer denen, die ihr das Umfeld, in dem sie wirkt, oder eine andere, stärkere Macht, die ihr entgegensteht, diktiert. Die Macht der heutigen Anhänger der „Planung“ wird, wenn ihr nichts entgegensteht, nicht innehalten, bis sie ihr natürlichen Endpunkt – ein Regime der totalen Organisation – erreicht hat.
Das war Lenins Traum: Bevor die Diktatur des Proletariats ihr Ziel erreicht, „wird die gesamte Gesellschaft ein einziges Büro, eine einzige Fabrik sein, mit Gleichheit der Arbeit und Lohngleichheit.“[37] In der nihilistischen „neuen Erde“ soll die gesamte menschliche Energie weltlichen Interessen gewidmet sein, soll die gesamte menschliche Umwelt und jedes Objekt darin dem Ziel der „Produktion“ dienen und den Menschen daran erinnern, dass sein Glück einzig und allein in dieser Welt zu finden ist: Das heißt, es soll eine absolute Despotie der Verweltlichung errichtet werden. Eine solche künstliche Welt, erbaut von Menschen, die die letzten Reste göttlichen Einflusses in der Welt und die letzten Spuren des Glaubens an Gott „beseitigen“, verspricht, so alles verschlingend und allumfassend zu sein, dass der Mensch nicht einmal sehen, sich vorstellen oder auch nur hoffen kann, dass es irgendetwas jenseits ihrer Grenzen gibt. Aus nihilistischer Sicht wird dies eine Welt sein des vollkommenen „Realismus“ und der vollständigen „Befreiung“, doch in Wirklichkeit wird es das riesige und am besten angepasste Gefängnis sein, das die Menschheit je gekannt hat – nach dem genauen Ausdruck Lenins –, von dem „Man wird sich nicht entziehen können, es wird kein Entkommen geben.“[38] Die Macht der Welt, der die Nihilisten vertrauen so, wie Christen Gott vertrauen, kann niemals befreien, sie kann nur versklaven. Nur Christus, der „die Welt überwunden hat“ (Joh 16,33), befreit von dieser Macht, befreit dann, wenn sie praktisch absolut wird.
Die Herausbildung des „neuen Menschen“.
Die Zerstörung der alten Ordnung und der Aufbau einer „neuen Erde“ sind nicht die einzigen und nicht einmal die wichtigsten Punkte des historischen Programms des Nihilismus. Sie stellen lediglich eine Vorbereitungsphase für eine Tätigkeit dar, die bedeutender und bedrohlicher ist als sie selbst, nämlich die „Umgestaltung des Menschen“. So träumten die Pseudonietzscheaner Hitler und Mussolini davon, mit Hilfe „schöpferischer“ Gewalt die Menschheit „höherer Ordnung“ zu schmieden. Rosenberg, Hitlers Propagandist, sagte: „Aus dem Mythos vom neuen Leben einen neuen Menschentyp zu schaffen – darin besteht die Mission des heutigen Jahrhunderts.“[39] Die nationalsozialistische Praxis hat uns anschaulich gezeigt, dass dieser „Menschentyp“ ist, und die Welt hat ihn, so scheint es, als grausam und unmenschlich verworfen. Doch die „massive Veränderung der menschlichen Natur“, nach der der Marxismus strebt, unterscheidet sich kaum davon. Marx und Engels schreiben ganz unmissverständlich: „Sowohl für die Erzeugung eines kommunistischen Bewusstseins in großem Maßstab als auch für den Erfolg bei der Erreichung des Ziels selbst ist eine massive Veränderung der Menschen notwendig, eine Veränderung, die im praktischen Handeln, in der Revolution stattfinden wird: Die Revolution ist nicht nur deshalb notwendig, weil die herrschende Klasse auf keine andere Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die Klasse, die sie stürzen wird, dies nur in der Revolution tun kann, indem sie sich von all dem Dreck der Jahrhunderte befreit und sich darauf vorbereitet, die Gesellschaft neu zu gründen.“[40]
Lassen wir vorerst die Frage beiseite, welche Art von Mensch durch diesen Prozess hervorgebracht wird, und wenden wir uns besonders den eingesetzten Mitteln zu: Es ist wieder Gewalt, die für die Bildung des „neuen Menschen“ nicht weniger notwendig ist als für den Aufbau der „neuen Erde“. Im Übrigen sind beide in der deterministischen Philosophie von Marx eng miteinander verbunden, da „in der revolutionären Tätigkeit die Veränderung des ‚Ich‘ mit der Veränderung der Umstände zusammenfällt.“[41] Die Veränderung der Umstände oder – genauer gesagt – der Prozess ihrer Veränderung durch revolutionäre Gewalt verwandelt auch die Revolutionäre selbst. Angesichts jener magischen Wirkung, die das Nachgeben gegenüber den Leidenschaften – Zorn, Hass, Empörung, Herrschaftsstreben – auf die menschliche Natur ausübt, erkennen Marx und Engels, ebenso wie ihr Zeitgenosse Nietzsche und nach ihnen Lenin und Hitler, die Mystik der Gewalt an. In diesem Zusammenhang sollten wir uns an die beiden Weltkriege erinnern, deren Gewalt dazu beitrug, die alte Ordnung und die frühere Menschheit, die ihre Wurzeln in einer beständigen, traditionellen Gesellschaft hatte, zu zerstören, und eine große Rolle bei der Schaffung einer neuen Menschheit spielte, einer Menschheit ohne Wurzeln, die der Marxismus so idealisierte. Dreißig Jahre nihilistischer Krieg und Revolution von 1914 bis 1945 schufen ideale Bedingungen für die Heranbildung eines „neuen Menschentyps“.
Für zeitgenössische Philosophen und Psychologen ist es zweifellos kein Geheimnis, dass sich der Mensch in unserem Zeitalter der Gewalt nicht nur unter dem Einfluss von Krieg und Revolution verändert, sondern unter dem Einfluss praktisch alles dessen, was den Anspruch erhebt, „modern“ und „fortschrittlich“ zu sein. Wir haben bereits die auffälligsten Formen des nihilistischen Vitalismus als Beispiel angeführt, deren Gesamtwirkung darauf abzielt, dass der Mensch von seinen Wurzeln, von seiner Ganzheitlichkeit beraubt wird, seine Persönlichkeit zu „mobilisieren“, ihr Gleichgewicht und ihre Wurzeln durch ein sinnloses Streben nach Macht und Bewegung zu ersetzen und normale menschliche Gefühle durch nervöse Erregung. Die Tätigkeit des nihilistischen Realismus verlief sowohl in der Praxis als auch in der Theorie parallel zur Tätigkeit des Vitalismus und ergänzte diese, die Standardisierung, Vereinfachung, Spezialisierung, Mechanisierung und Entmenschlichung umfasste: Ihr Ziel ist es, die Persönlichkeit auf die einfachste, niedrigste Ebene herabzustufen, sie zur Sklavin ihrer Umgebung zu machen, zum idealen Arbeiter in Lenins Weltfabrik.
All diese Beobachtungen sind heute allgemein bekannt: Hunderte von Bänden wurden darübergeschrieben. Viele Denker sind in der Lage, einen offensichtlichen Zusammenhang zu erkennen zwischen der nihilistischen Philosophie, die die Realität und die menschliche Natur auf möglichst einfache Begriffe, noch auf die nihilistische Praxis, die in ähnlicher Weise den konkreten Menschen herabsetzt: Es gibt nicht wenige, die die ganze Ernsthaftigkeit und Radikalität einer solchen „Reduktion“ begreifen und darin eine qualitative Veränderung der menschlichen Natur sehen, wie Erik Kahler darüber schreibt: „Das unüberwindliche Streben nach Zerstörung und Entwertung der menschlichen Persönlichkeit… das in den unterschiedlichsten Bereichen des modernen Lebens deutlich präsent ist: in Wirtschaft, Technologie, Politik, Wissenschaft, Bildung, Psychologie, Kunst – erscheint so allumfassend, dass wir darin eine echte Mutation, eine Veränderung der gesamten menschlichen Natur erkennen müssen.“[42]
Allerdings von denen, die all dies verstehen, erkennen nur sehr wenige die tiefere Bedeutung und den Subtext dieses Prozesses, da er zum Bereich der Theologie gehört und jenseits einer bloßen empirischen Analyse liegt; ebenso wenig kennen sie ein Heilmittel dagegen, da dieses Heilmittel spiritueller Natur sein muss. Der soeben zitierte Autor beispielsweise hofft auf einen Übergang zu „einem Art überindividuellen Daseins“, womit er nur beweist, dass seine Weisheit nicht über den „Zeitgeist“ hinausgeht, der das Ideal des „Übermenschen“ propagiert.
Was in Wirklichkeit darstellt sich dieser „Mutant“, dieser „neue Mensch“? Er ist ein Mensch ohne Wurzeln, losgelöst von seiner Vergangenheit, die der Nihilismus zerstört hat, Rohstoff für die Träume jedes Demagogen, ein „freier Denker“ und Skeptiker, verschlossen gegenüber der Wahrheit, aber offen für jede neue intellektuelle Mode, weil er selbst keine eigene intellektuelle Grundlage besitzt, und ein Suchender nach „neuer Offenbarung“, bereit, allem Neuen zu glauben, weil der wahre Glaube in ihm zerstört ist, ein Liebhaber von Planung und Experimenten, der vor der Tatsache Ehrfurcht hat, da er sich von der Wahrheit abgewandt hat; und die Welt erscheint ihm als ein riesiges Laboratorium, in dem er frei entscheiden kann, was „möglich“ ist und was nicht; dies ist ein autonomer Mensch, der unter dem Deckmantel der Demut nur das fordert, was ihm von Rechts zusteht, während er in Wirklichkeit voller Stolz und darauf wartend, alles zu erhalten, was es auf der Welt gibt, wo nichts durch äußere Macht verboten ist, ist er – der Mensch des Augenblicks, ohne Gewissen und Werte, der unter der Herrschaft des stärksten „Reizes“ steht, ein „Rebell“, der jede Einschränkung und Macht hasst, weil er selbst sein einziger Gott ist, ein Mensch der Masse, ein neuer Barbar, verkümmert und vereinfacht, nur zu den elementarsten Ideen fähig, der jedoch jeden verachtet, der auch nur etwas Höheres erwähnt oder von der Komplexität des Lebens spricht.
All diese Menschen bilden sozusagen einen einzigen Menschen – einen Menschen, dessen Herausbildung das Ziel des Nihilismus war. Eine bloße Beschreibung vermittelt jedoch kein vollständiges Bild von ihm, man muss sein Abbild sehen. Und ein solches Bild existiert; man findet es in der zeitgenössischen Malerei und Bildhauerei, die größtenteils seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden ist und die Realität, die durch den Höhepunkt der Ära des Nihilismus geschaffen wurde, gewissermaßen in Form gebracht hat.
Es scheint, als sei in dieser Kunst die menschliche Gestalt neu „entdeckt“ worden, als würden sich aus der absoluten Abstraktion endlich erkennbare Umrisse abzeichnen. Das Ergebnis ist ein „neuer Humanismus“, eine „Rückkehr zum Menschen“, und das Wichtigste daran ist, dass es sich im Gegensatz zu vielen anderen Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts nicht um eine künstliche Erfindung handelt, deren Wesen hinter einer Wolke irrationalen Fachjargons verborgen bleibt, sondern um ein eigenständiges Wachstum, das seine Wurzeln tief in der Seele des modernen Menschen hat. So zum Beispiel die Werke von Alberto Giacometti, Jean Dubuffet, Francis Bacon, Leon Golub, José Luis Cuevas sind wahre moderne Kunst, die, unter Beibehaltung der Unordnung und Freiheit der Abstraktion, aufhört, ein bloßer Zufluchtsort vor der Realität zu sein, und versucht, die Frage nach der „menschlichen Bestimmung“ zu lösen.
Doch zu welcher Art von Mensch „kehrt“ diese Kunst zurück? Es ist sicherlich kein Christ, kein Ebenbild Gottes, denn „kein moderner Mensch kann glauben an Ihn“, es ist nicht der „enttäuschte“ Mensch des vergangenen Humanismus, den alle „fortschrittlichen“ Denker als diskreditiert und überholt betrachten. Er ist nicht einmal der Mensch der kubistischen und expressionistischen Kunst unseres Jahrhunderts mit ihren verzerrten Formen und der verzerrten Natur. Er beginnt genau dort, wo diese Kunst endet; es ist der Versuch, in einen neuen Bereich vorzudringen, den „neuen Menschen“ darzustellen.
Ein orthodoxer Christ, der sich für die Wahrheit interessiert und nicht dafür, was die heutige Avantgarde für modisch oder raffiniert hält, braucht nicht lange nachzudenken, um das Geheimnis dieser Kunst zu ergründen: In ihr gibt es überhaupt keinen Menschen, diese Kunst ist untermenschlich, dämonisch. Gegenstand dieser Kunst ist nicht der Mensch, sondern ein gewisses niederes Wesen, das – nach den Worten Giacomettis – „herausgetreten“ – aus unbekannten Tiefen.
Die Körper, in die sich dieses Wesen hüllt – und in all seinen Metamorphosen ist es ein und dasselbe Wesen –, sind nicht unbedingt bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, zerbrochen und zerstückelt; oft sind sie realistischer als die Darstellungen menschlicher Figuren in einer früheren Phase der modernen Kunst. Offensichtlich war dieses Wesen nicht Opfer eines wilden Angriffs, sondern wurde so entstellt geboren, ein wahrer Mutant. Man kann die Ähnlichkeiten zwischen einigen Darstellungen dieses Wesens und den Fotos missgebildeter Säuglinge nicht übersehen, die in den letzten Jahren bei Tausenden von Frauen geboren wurden, die während der Schwangerschaft das Medikament Thalidomid eingenommen hatten, und dies ist nicht der letzte dieser monströsen Zufälle. Noch mehr als die Körper sagen uns die Gesichter dieser Wesen. Man kann nicht sagen, dass sie Hoffnungslosigkeit ausdrücken, denn das würde bedeuten, ihnen eine gewisse Menschlichkeit zuzuschreiben, die sie nicht besitzen.
Es sind Gesichter von Wesen, die mehr oder weniger an die Welt angepasst sind, die sie kennen, eine Welt, die nicht unbedingt feindselig, aber völlig fremd ist, nicht unmenschlich, sondern übermenschlich ist.[43] Agonie, Zorn und Verzweiflung des frühen Expressionismus scheinen hier wie erstarrt; sie sind hier von der Welt zu der früher eine nach und nach, eine ablehnende Haltung, jetzt müssen sie ihre eigene Welt erschaffen. In dieser Kunst ist der Mensch nicht einmal mehr eine Karikatur seiner selbst, er wird nicht mehr in den Qualen des geistigen Todes dargestellt, der den Angriffen des abscheulichen Nihilismus unseres Zeitalters ausgesetzt ist, der nicht nur auf Körper und Seele, sondern auf die Idee und das Wesen des Menschen selbst zielt. Nein, all das ist bereits vorbei, die Krise liegt hinter uns, der Mensch ist nun tot. Die neue Kunst feiert die Geburt einer neuen Spezies, eines Wesens aus den tiefsten Tiefen, eines Untermenschen.
Wir haben zu lange über diese Kunst gesprochen, unverhältnismäßig lange im Vergleich zu ihrem inneren Wert. Ihr Zeugnis ist untrüglich und offensichtlich für diejenigen, die Augen haben: Diese abstrakt dargestellte Realität erscheint unglaublich. Ja, es wäre nicht schwer, die „neue Menschheit“, die Hitler und Lenin vorausgesehen haben, und sogar die Pläne der unter uns hoch angesehenen Nihilisten – die ruhig die Probleme der wissenschaftlichen Züchtung eines „biologischen Übermenschen“ oder die Bestandteile der Utopie der Bildung eines „neuen Menschen“ unter Mithilfe einer engstirnigen „modernen Bildung“ und strenger Bewusstseinskontrolle – erscheinen unwahrscheinlich und nur wenig bedrohlich. Doch als wir mit dem realen Bild des „neuen Menschen“ konfrontiert wurden, einem grausamen und abstoßenden Bild, das so unbeabsichtigt, aber doch sehr beharrlich in der zeitgenössischen Kunst auftaucht und dort eine so weite Verbreitung gefunden hat, wurden wir auf dem falschen Fuß erwischt, und der ganze Schrecken des heutigen Zustands des Menschen erschüttert uns so tief, dass wir ihn so schnell nicht vergessen können.
V. Hinter dem Nihilismus
Das auf diesen Seiten beschriebene Bild des „neuen Menschen“ war ausschließlich negativ, und viele, die sich mit der heutigen Lage des Menschen beschäftigen, werden, obwohl sie die Richtigkeit einiger unserer Beobachtungen anerkennen, diese unweigerlich als „einseitig“ zurückweisen. Der Fairness halber sollten wir daher die andere, „positive“ Seite betrachten.
Und tatsächlich besteht kein Zweifel daran, dass sich parallel zu den von uns beschriebenen, vom Nihilismus hervorgerufenen Strömungen der Verzweiflung, Enttäuschung und Entmenschlichung eine optimistisch-idealistische Strömung entwickelt hat, die ihre eigenen „neuen Menschen“ hervorgebracht hat. Unter ihnen befinden sich junge Menschen, die zugleich Idealisten und Praktiker sind, bereitwillig die schwierigen Probleme der Gegenwart lösen und danach streben, das amerikanische oder sowjetische oder irgendein universelleres Ideal, das über ihnen steht, auf die „rückständigen“ Länder auszudehnen. Es sind begeisterte Wissenschaftler, die alle möglichen „Hindernisse“ im Zuge der heute stattfindenden „aufregenden“ Suche und des Experiments aus dem Weg räumen.
Es sind Pazifisten und Idealisten der Gewaltlosigkeit, die für Frieden, Brüderlichkeit, weltweite Einheit und die Überwindung jahrhundertealter Feindschaft kämpfen. Es sind „zornige“ junge Schriftsteller, die für Gerechtigkeit und Gleichheit eintreten und in diese traurige Welt so erfolgreich wie möglich ein neues „Evangelium“ von Freude und Schöpfung tragen. Dazu gehören auch jene Künstler, deren Darstellung des modernen Menschen wir oben schonungslos kritisiert haben, weil sie danach streben, die Welt, die ihn hervorgebracht hat, zu entlarven und ihm so einen anderen Weg aufzuzeigen. Dazu gehört auch eine große Zahl gewöhnlicher junger Menschen, die glücklich sind, in einer so „bezaubernden“ Zeit zu leben: Sie sind ehrlich, rechtschaffen und blicken mit Zuversicht und Optimismus in eine Zukunft, in der die Welt zumindest Glück statt Leid erfahren wird. Die ältere Generation, die von jener Ära des Nihilismus, die sie durchlebt hat, zu sehr gezeichnet ist, um die Begeisterung dieser jungen Menschen zu teilen, setzt all ihre Hoffnungen auf sie. Kann es also sein, dass ihre Träume Wirklichkeit werden, wenn der Zeitgeist dies begünstigt?
Bevor wir diese Frage beantworten, stellen wir uns eine andere, grundlegendere: Was ist das Wesen des Glaubens und der Hoffnung, die solche Träume beflügeln? Die Antwort liegt auf der Hand: Dieser Glaube und diese Hoffnung gehören ganz und gar dieser Welt. Künstlerische und wissenschaftliche Neuerungen, Wohlstand und Komfort, die Erforschung neuer Welten, „Frieden“, „Brüderlichkeit“ und „Freude“ in dem Sinne, wie sie das gesellschaftliche Bewusstsein versteht – das sind die Güter dieser Welt, die kommen und die, wenn man sie mit jener Hingabe anstrebt, wie es der optimistisch gestimmte „neue Mensch“ tut, geistig schädlich sind. Die wahre und ewige Heimat des Menschen liegt nicht in dieser Welt. Wahrer Friede, Liebe und Freude in Christus, die der Gläubige bereits in diesem Leben erkennt, gehören zu einer völlig anderen Ordnung als ihre weltlichen Parodien, die der „neue Mensch“ mit leeren Hoffnungen erfüllt.
Die Existenz dieses „neuen Menschen“, dessen Glaube und Hoffnung ausschließlich auf diese Welt ausgerichtet sind, ist ein weiterer Beweis für den Erfolg des nihilistischen Programms. Das Foto dieses „neuen Menschen“ in seiner sozusagen „positiven Form“ wurde aus dem Negativ jenes Unmenschen erstellt, den wir oben beschrieben haben. Auf dem Negativ sehen wir ihn besiegt von einer unmenschlichen Welt, mit veränderten natürlichen Eigenschaften. Der Pessimismus und die Verzweiflung, die in diesem Bild zum Ausdruck kommen, sind der letzte schwache Protest gegen das Wirken des Nihilismus, und darin besteht seine einzige positive Bedeutung und gleichzeitig ein Beweis für seinen Erfolg. Auf dem Positiv hat sich der „neue Mensch“ darauf vorbereitet, die Welt zu verändern, sei sie auch unvollkommen, aber die Einzige, die er kennt. In diesem Bild gibt es keinen Konflikt mehr, denn der Mensch hat den Weg der Umgestaltung und Neuorientierung eingeschlagen, wodurch er vollständig „sich an die neue Welt anzupassen“. Diese beiden Bilder sind eins, da sie beide den Tod jenes Menschen widerspiegeln, der bisher gelebt hat, nämlich des Wanderers auf dieser Erde, der zum Himmel als zu seiner wahren Heimat aufblickt, und zeugen zugleich von der Geburt des „neuen Menschen“, der einzig dieser Erde angehört und weder Hoffnung noch Verzweiflung kennt, die jenseits dieser Welt liegen.
Zwischen diesen beiden Bildern gelegen, bilden die positiven und negativen Abdrücke des „neuen Menschen“ ein Bild vom Zustand des modernen Menschen – eines Menschen, in dem die Weltlichkeit den Glauben besiegt hat. Gleichzeitig sind sie ein Zeichen des Übergangs, ein Vorbote einer grundlegenden Veränderung „im Geiste dieses Zeitalters“. Auf dem Negativ scheint die Abkehr von der christlichen Wahrheit, die das Hauptmerkmal der Moderne darstellt, ihren kritischen Grenzwert erreicht zu haben:
Gott ist „tot“, der nach seinem Ebenbild geschaffene Mensch hat seine Natur verloren und ist in die Untermenschlichkeit gesunken. Auf der anderen Seite ist auf der positiven Seite der Beginn einer neuen Bewegung zu erkennen: Der Mensch hat seine neue Natur entdeckt, die Natur eines irdischen Geschöpfes. Das Zeitalter der Verneinung und des Nihilismus, das das Maximum dessen erreicht hat, wozu es fähig ist, ist zu Ende: Der „neue Mensch“ ist der christlichen Wahrheit gegenüber so gleichgültig, dass er sie nicht einmal leugnet; seine ganze Aufmerksamkeit ist auf diese Welt gerichtet.
Ein neues Zeitalter, das viele als „postchristlich“ bezeichnen, ist zugleich das Zeitalter, das „auf den Nihilismus“ folgt – diese Definition spiegelt zugleich eine reale Tatsache der Gegenwart und eine Hoffnung für die Zukunft wider. Die reale Tatsache besteht darin, dass der Nihilismus, der inhaltlich negativ, wenn auch in seinen Bestrebungen vielleicht positiv ist und seine ganze Energie aus der Leidenschaft für die Zerstörung der christlichen Wahrheit schöpft, das Ziel seines Programms in dem Moment erreicht, in dem er eine mechanisierte „neue Erde“ und einen entmenschlichten „neuen Menschen“ hervorbringt. Hier wird der Einfluss des Christentums auf Mensch und Gesellschaft zunichte gemacht, und nun muss der Nihilismus beiseitetreten und Platz machen für eine andere, „konstruktivere“ Bewegung, die auf der Grundlage autonomer und positiver Motive handeln kann. Diese Bewegung, die wir unter dem Namen Anarchismus beschreiben werden, übernimmt vom Nihilismus den Staffelstab der Revolution und muss das, was der Nihilismus begonnen hat, zu seinem logischen Abschluss bringen. Die Hoffnung, die in der Formulierung „jenseits des Nihilismus“ enthalten ist, ist naiv; ihr geistiger und historischer Sinn besteht darin, dass das neue Zeitalter nicht nur das Überdauern, sondern auch die Überwindung des Nihilismus erleben wird. Der Gott des Nihilismus, das Nichts, ist Leere, ein Vakuum, das danach verlangt, gefüllt zu werden; diejenigen, die in diesem Vakuum gelebt und etwas als ihren Gott anerkannt haben, können nicht umhin, nach einem anderen Gott zu suchen, in der Hoffnung, dass er sie aus diesem Zeitalter und aus der Macht des Nihilismus herausführt.
Solche Menschen versuchen, in der entstandenen Situation einen gewissen positiven Sinn zu erkennen. Da sie nicht glauben wollen, dass das vergangene Jahrhundert völlig fruchtlos war, erfinden sie Rechtfertigungen, in denen der Nihilismus, so bedrohlich er auch sein mag, als notwendiges Mittel zur Erreichung eines Ziels erscheint, das jenseits seiner Grenzen liegt, so wie Zerstörung dem Wiederaufbau vorausgeht und Dunkelheit der Morgendämmerung. Wenn die gegenwärtige Dunkelheit, Unsicherheit und das Leiden auch unangenehm sind, so sind sie doch – so fährt die Rechtfertigung fort – nützlich und reinigend: Entblößt von Illusionen, inmitten der „dunklen Nacht“ des Zweifels und der Verzweiflung, müssen wir all diese Prüfungen erdulden und „offen“ und „empfänglich“ bleiben für das, was die allmächtige Zukunft bringen mag. Nihilismus, so die Schlussfolgerung, ist ein apokalyptisches Zeichen für das Herannahen eines neuen, besseren Zeitalters.
Diese Apologie ist nahezu universell, sie lässt sich auf unzählige zeitgenössische Vorstellungen anwenden. Ein extremes Beispiel für eine solche Anpassung ist die oben angeführte Äußerung Goebbels’ über die „positive“ Bedeutung des Nationalsozialismus. Andere, spirituellere Varianten davon sind seit der Zeit der Gedankenkrise allgegenwärtig, die durch die Französische Revolution ausgelöst wurde. Dichter, „Propheten“, Okkultisten und die eher prosaischen Menschen, auf die sie Einfluss nahmen, die wahnsinnig unter den Unruhen ihrer Zeit litten, finden Trost in dem Gedanken, dass es sich in Wirklichkeit um verschleierte Theologie handelt. Und wieder kann man Yeats zitieren, dessen Haltung sehr typisch ist: „Liebe Raubvögel, macht euch bereit für den Krieg … Liebt den Krieg wegen seines Schreckens; den Glauben kann man ändern, die Zivilisation erneuern … Der Glaube entsteht aus Erschütterung … Der Glaube erneuert sich ständig angesichts des Schreckens des Todes.“[44]
Dieselbe Haltung nährt die Hoffnungen, die mit der Sowjetunion verbunden sind. Die meisten Menschen akzeptieren, „realistisch“ wie sie sind, die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen, die der Marxismus mit sich bringt, verurteilen dabei jedoch scharf seine gewalttätigen Methoden und seine extremistische Ideologie. Voller Optimismus und in der Hoffnung auf Veränderungen zum Besseren begrüßten sie den „Tauwetter“, der mit Stalins Tod einsetzte, und erwarteten, bald die ersten Anzeichen einer weitreichenden marxistischen Ideals zu sehen. Von „Koexistenz“ ist es leicht, zur Zusammenarbeit und von dort zur Harmonie überzugehen. Solche Ideen sind das Ergebnis eines globalen Unverständnisses der Natur der modernen Revolution. Nihilismus ist nur eine ihrer Facetten. Gewalt und Verneinung sind natürlich nur eine Vorbereitungsphase eines umfassenderen Plans, dessen Ziel nicht etwa besser, sondern unvergleichlich schlimmer zu sein verspricht als das Zeitalter des Nihilismus. Wenn wir in unserer Zeit Anzeichen dafür sehen, dass die Ära der Gewalt und Verneinung vorübergeht, dann ist dies ganz und gar nicht, weil der Nihilismus „überwunden“ oder „sich erschöpft“ hat, sondern weil seine Aufgabe praktisch erfüllt ist und es keinen Bedarf mehr für ihn gibt. Möglicherweise geht die Revolution von einer bösartigen Phase in eine „gnädigere“ Phase über – aber nicht, weil sie ihre Richtung und ihre Bestrebungen geändert hätte, sondern weil sie sich bereits der Erreichung ihres Hauptziels nähert, von dem sie nie abgewichen ist, und sich, berauscht vom Erfolg, darauf vorbereitet hat, sich zu entspannen und dieses Ziel zu genießen.
Die letzte Hoffnung des modernen Menschen erweist sich als bloße Illusion; die Hoffnung auf ein neues Zeitalter, das auf den Nihilismus folgt, stellt die Formulierung des letzten Punktes im Programm der Revolution dar. Und der Marxismus ist keineswegs der einzige Weg, dieses Programm zu verwirklichen. Es gibt heute keine einzige Großmacht, deren Regierung nicht „revolutionär“ wäre; es gibt keine einzige Person mit Macht oder Einfluss, deren Kritik am Marxismus über den Vorschlag besserer Mittel zur Erreichung eines nicht weniger „revolutionären“ Ziels hinausginge. Sich von Ideologie Revolution in heutigen „intellektuellen Klima“ auf die Ideologie der Revolution zu verzichten, würde allzu offensichtlich bedeuten, sich selbst der politischen Machtlosigkeit auszuliefern. Was könnte den antichristlichen Charakter unseres Zeitalters noch deutlicher beweisen? (Das tiefgreifende Antichristentum ist zweifellos jenes Pseudochristentum, das das Ziel der Revolution darstellt.)
Der Nihilismus selbst, der sich dem Ende seines Programms nähert, weist auf das Ziel hin, dass dahinter liegt; darin besteht die wahre Bedeutung der nihilistischen Apologie von Yits und anderen. Und wieder genau bei Nietzsche, diesem des skurrilen „Propheten“, der über den Nihilismus alles wusste, außer dessen Hauptbedeutung, kommt diese Idee mit größter Kraft zum Ausdruck: „Unter bestimmten Umständen kann das Auftreten extremer Formen des Pessimismus und des tatsächlichen Nihilismus ein Zeichen dafür sein, dass ein Prozess außergewöhnlichen Wachstums im Gange ist und die Menschheit in völlig neue Lebensbedingungen übergeht. Das habe ich verstanden.“[45]
„Auf den Nihilismus wird eine ‚Umwertung der Werte‘ folgen“: In dieser Formel kommt eine gewisse Gegenbewegung zum Ausdruck, die in ihrem Prinzip und ihrer Mission als solche auftritt; in ferner Zukunft wird sie den vollkommenen Nihilismus ablösen, den sie jedoch als notwendigen Schritt auf dem Weg zu ihrer eigenen Ankunft betrachtet, notwendig sowohl logisch als auch psychologisch, und sie, diese Bewegung, kann nur als dessen Höhepunkt und Ausweg daraus eintreten.“[46] Es ist ziemlich seltsam, aber derselbe Gedanke wird bei Lenin in einem völlig anderen Kontext zum Ausdruck gebracht, als er nach seiner Begeisterung für die nihilistische Idee einer universellen „Fabrik“ fortfährt: „Aber diese ‚fabrikmäßige‘ Disziplin, die „Das Proletariat, das die Kapitalisten besiegt und die Ausbeuter gestürzt hat, wird sich auf die gesamte Gesellschaft ausweiten; dies ist keineswegs unser Ideal oder unser Endziel, sondern lediglich eine notwendige Stufe für jene radikale Reinigung der Gesellschaft von den Abscheulichkeiten und Gräueln der kapitalistischen Ausbeutung, um weiter voranzukommen.“[47]
Genau dieses „Voranschreiten“, das Nietzsche und Lenin als „völlig neue Existenzbedingungen“ beschreiben, ist das Hauptziel der Revolution. Dieses Ziel, da es „jenseits des Nihilismus“ liegt und ein umfangreiches Gesprächsthema darstellt, erfordert eine gesonderte Betrachtung. Zum Abschluss dieses Kapitels und unserer Diskussion über den Nihilismus wollen wir noch dessen Wesen bestimmen, die dreiteilige Schlussfolgerung des nihilistischen Denkens. Diese Aufgabe lässt sich erstens als Schlussfolgerung aus der nihilistischen Zerstörung der alten Ordnung betrachten – das ist die Idee des „neuen Zeitalters“ – „neu“ im absoluten, nicht im relativen Sinne. Dieses beginnende Zeitalter ist nicht einfach das letzte oder gar das größte aller Zeitalter, es ist der Eintritt in eine ganz andere Zeit, die allem entgegensteht, was zuvor war. Im Jahr 1884 schrieb Nietzsche in einem seiner Briefe: „Vielleicht bin ich der Erste, der jetzt von einer Idee spricht, die die Geschichte der Menschheit in zwei Teile spalten wird“,[48] deren Folge es sein wird, dass „alle, die nach uns geboren werden, zu einer höheren Geschichte gehören werden, als die gesamte vorangegangene Geschichte.“[49]
Natürlich war Nietzsche von Stolz geblendet – er machte keine „Entdeckung“, sondern fasste lediglich in Worte, was schon seit einiger Zeit „in der Luft lag“. Derselbe Gedanke wurde von Dostojewski bereits zwölf Jahre zuvor durch Kirillow, den extremsten Vertreter der „Dämonen“, zum Ausdruck gebracht: „Dann ein neues Leben, dann ein neuer Mensch, alles neu… Dann wird man die Geschichte in zwei Teile teilen: vom Gorilla bis zur Vernichtung Gottes und von der Vernichtung Gottes bis zur.… physischen Verwandlung der Erde und des Menschen.“[50] Hier liegt bereits die zweite Schlussfolgerung des nihilistischen Gedankengangs vor. Der nihilistische Aufstand und der Antitheismus, die für den „Tod Gottes“, haben einer Idee Leben eingehaucht, die dieses „neue Zeitalter“ einläuten soll, nämlich der Idee der Verwandlung des Menschen selbst in einen Gott. „Alle Götter sind tot“, sagt Zarathustra bei Nietzsche, „jetzt wollen wir, dass der Übermensch lebe.“[51]
„Der ‚Mord‘ an Gott ist ein zu schwerwiegendes Drama, als dass der Mensch in seinem bisherigen Zustand verbleiben könnte: ‚Müssen wir nicht wieder zu Göttern werden, um dessen würdig zu sein?‘“[52] Für Kirillow wird der Übermensch zum Menschengott. Seine Logik lautet: „Wenn es keinen Gott gibt, dann bin ich selbst Gott.“ Aus dieser Vorstellung erwächst das Ideal des „neuen Menschen“, das sowohl den marxistischen Entwürfen einer Umgestaltung der Gesellschaft als auch vielen okkulten und utopischen Bewegungen zugrunde liegt.
Der Nihilismus zerstört die alten Grundlagen des Menschen: Glauben, Orientierung und feste Maßstäbe. Zurück bleibt ein formbarer Mensch, der auf eine neue Offenbarung, eine neue Idee oder einen neuen Glauben wartet, die seinem Leben Sinn und Richtung geben sollen.
Ebenso strebt der Nihilismus nicht nur nach der Zerstörung der bestehenden Ordnung, sondern auch nach ihrer Ersetzung durch eine völlig neue Ordnung. Deshalb findet sich in vielen revolutionären Ideologien die Vision eines kommenden Zeitalters, einer endgültigen und vollkommenen Gesellschaft. In säkularer Form erscheint hier dieselbe Sehnsucht, die im Christentum auf das Reich Gottes gerichtet ist.
Der revolutionäre Traum von einer neuen Welt und einem neuen Menschen hat viele der großen Umwälzungen der Neuzeit inspiriert. Deshalb erkennen manche Denker in ihm eine Verzerrung der christlichen Erwartung des Himmelreiches. Doch damit lässt sich jene „Sympathie“ nicht rechtfertigen, die bei vielen über zumindest den „ehrlichen“ und „edlen“ unter den Revolutionären und Nihilisten besteht; das ist einer der Fallstricke, vor denen wir, wie wir meinen, sofort warnen müssen. In einer Welt, die am Rande gutmeinender, aber naiver Menschen balanciert, ist es eine große Versuchung, einige der schillerndsten Vertreter der heutigen intellektuellen Landschaft auszuwählen und sie, in Unkenntnis der wahren Kriterien von Wahrheit und Spiritualität, zu „geistigen Giganten“ zu machen, deren Wort zwar „unorthodox“ war, aber „mitreißend“.
Doch die Realität sowohl dieser als auch der zukünftigen Welt ist zu hart, als dass man sich eine solche Unbestimmtheit und einen solchen Liberalismus leisten könnte. Gute Absichten verfehlen allzu leicht ihr Ziel, Genialität und Edelmut werden allzu oft pervertiert, die Verführung der Besten bringt nicht die Besten hervor, sozusagen die zweite Klasse, sondern die Schlechtesten. Man kann Leuten wie Marx, Proudhon und Nietzsche Talent, Eifer und Harmonie sowie eine gewisse Noblesse nicht absprechen, doch ihre Noblesse ist die Noblesse Luzifers, einst des ersten unter den Engeln, der, weil er größer werden wollte, als er war, von solcher Höhe in den Abgrund stürzte.
Ihre Vision, die manche für eine Form tieferen Christentums halten, ist die Vision der Herrschaft des Antichristen, eine satanische Verzerrung und Fälschung des Reiches Gottes. Alle Nihilisten – und vor allem die genialsten und diejenigen mit der größten Weitsicht – sind Propheten des Teufels, die sich weigern, ihr Talent in demütigem Dienst an Gott einzusetzen. Sie kämpfen gegen Gott mit seinen eigenen Gaben. Es lässt sich kaum leugnen (und dies bestätigt ein nüchterner Blick auf alle Veränderungen, die in den letzten Jahrhunderten mit der Welt und dem Menschen geschehen sind), dass der Krieg der Feinde Gottes erfolgreich war und sein endgültiger Sieg sehr nahe zu sein scheint. Doch was für ein „Sieg“ kann es in einem solchen Krieg geben? Welche Art von „Frieden“ erwartet die Menschheit, die so lange an Gewalt gewöhnt wurde? Wir wissen, dass im christlichen Leben Mittel und Ziel in Einklang stehen. Durch das Gebet und ein frommes Leben, durch die Sakramente der Kirche wird der Christ durch die Gnade Gottes verwandelt, gleicht seinem Herrn immer mehr und wird würdig, an jenem Reich teilzuhaben, das Er für alle bereitet hat, die Ihm in der Wahrheit nachfolgen. Diejenigen, die Ihm angehören, erkennt man an ihren Früchten: Geduld, Demut, Sanftmut, Gehorsam, Frieden, Freude, Liebe, Güte, Vergebung – diese Früchte bereiten zugleich auf dieses Reich vor und lassen einen bereits in seiner ganzen Fülle daran teilhaben. Ziel und Mittel sind eins; was in diesem Leben begonnen wurde, wird im kommenden Leben vollendet. In ähnlicher Weise gibt es auch in den Taten des Teufels, wenn man so sagen darf, eine „Harmonie“: der Charakter der „Tugenden“ seiner Diener entspricht den Zielen, denen sie dienen. Hass, Stolz, Rebellion, Uneinigkeit, Gewalt, ungezügelte Macht – all diese Eigenschaften werden nicht plötzlich auf wundersame Weise verschwinden, wenn das revolutionäre Reich endlich auf Erden verwirklicht wird. Im Gegenteil, sie werden sich eher vertiefen und weiterentwickeln.
Wenn das revolutionäre Ziel, das „hinter dem Nihilismus“ steht, in absolut gegensätzlichen Begriffen beschrieben wird, wenn die Nihilisten und darin in das Reich der „Liebe“, des „Friedens“ und „Brüderlichkeit“ – dann deshalb, weil der Teufel ein Abbild Gottes ist und selbst in seiner Verneinung gezwungen ist, die Quelle dieser Verneinung anzuerkennen, oder, was unserem Thema näherkommt, Menschen, die sich in nihilistischen „Tugenden“ üben und die nihilistische Umgestaltung der Welt angenommen haben, sich so sehr verändert haben, dass sie bereits beginnen, im Reich der Revolution zu leben und alles mit den Augen des Teufels zu sehen, also genau umgekehrt zu dem, wie Gott es sieht. Was „hinter dem Nihilismus“ steht und wovon seine größten „Propheten“ träumten, ist nicht die Überwindung des Nihilismus, sondern dessen Höhepunkt. Das „neue Zeitalter“, als Produkt des Nihilismus, wird sich in Wirklichkeit kaum von jener nihilistischen Epoche unterscheiden, die wir kennen.
Anders zu denken, in irgendeinem Neuen nach Erlösung zu suchen „Entwicklung“, sei es das Ergebnis eines unvermeidlichen „Fortschritts“ oder der „Evolution“ oder ein Geschenk aus der Schatzkammer der Zukunft, vor dem die Menschheit in abergläubischem Schrecken steht – so zu denken bedeutet, einem ungeheuerlichen Irrtum zum Opfer zu fallen. Der Nihilismus stellt eine geistige Unordnung dar, und man kann ihn nur mit geistigen Mitteln überwinden; in der heutigen Welt wurde jedoch kein einziger Versuch unternommen, diese Mittel anzuwenden. Es ist offensichtlich, dass man der nihilistischen Krankheit freien Lauf lässt, sich bis zu ihrem Ende zu entwickeln. Das Ziel der Revolution, das ursprünglich eine Halluzination einiger fieberhafter Köpfe war, ist nun zum Ziel der gesamten Menschheit geworden. Die Menschen sind müde, das Reich Gottes ist zu fern, der orthodox-christliche Weg zu schmal und beschwerlich. Die Revolution hat den „Zeitgeist“ durchdrungen, und der moderne Mensch ist nicht in der Lage, diesem mächtigen Druck zu widerstehen, denn dafür benötigt er zwei Dinge, die vom Nihilismus gänzlich vernichtet wurden: die Wahrheit und den Glauben.
Unser Gespräch über den Nihilismus mit dieser Bemerkung zu beenden, hieße, uns dem Vorwurf auszusetzen, dass wir unseren eigenen Nihilismus hätten: Unsere Analyse sei, so könnte man sagen, übermäßig „pessimistisch“. Indem wir fast alles, was unsere Zeitgenossen für wertvoll und wahr halten, kategorisch verneinen, befinden wir uns gewissermaßen in derselben Fülle der Verneinung wie die extremsten Nihilisten. Und einen Christen kann man in gewissem Sinne tatsächlich als „Nihilisten“ bezeichnen, denn für ihn ist die Welt das Nichts und Gott das All. Eine solche Haltung steht natürlich in direktem Gegensatz zu jenem Nihilismus, den wir hier betrachtet haben; dort ist Gott das Nichts und die Welt das All. Das heißt, der Nihilismus entspringt aus dem Abgrund, während der christliche „Nihilismus“ entspringt der Fülle. Ein wahrer Nihilist glaubt an Dinge, die kommen und im Nichts enden: Optimismus auf einer solchen Grundlage ist vergeblich. Indem er alle Vergänglichkeit ablehnt, glaubt der Christ an das Einzige, das nicht vergeht – an das Reich Gottes. Dem, der in Christus lebt, können viele Güter dieser Welt zuteilwerden, und er kann sich an ihnen erfreuen, auch wenn er sich ihrer Vergänglichkeit bewusst ist, doch er braucht sie nicht, sie bedeuten ihm nichts.
Andererseits lebt derjenige, der nicht in Christus lebt, bereits in der Finsternis, und alle Schätze der Welt können seine Leere nicht füllen. Allerdings bedienen wir uns nur eines literarischen Kunstgriffs, wenn wir die Armut und Bescheidenheit des Christen „Nihilismus“ nennen. In Wirklichkeit sind sie Fülle, Überfluss, Freude über alle Freude. Und nur wer diesen Überfluss besitzt, kann dem Abgrund, in den der Nihilismus die Menschen führt, mutig ins Gesicht blicken. Der extremste Verneiner, der Enttäuschteste unter allen Menschen, kann nur existieren, wenn er vor seiner zerstörerischen Analyse wenigstens eine Illusion bewahrt. Darin liegt die psychologische Wurzel des „neuen Zeitalters“, auf das die konsequentesten Nihilisten ihre Hoffnung setzen.
Wer nicht an Christus glaubt, wird unweigerlich an den Antichristen glauben müssen. Doch wenn das Reich des Antichristen das historische Ende des Nihilismus sein soll, so liegt sein geistiges Ende jenseits dieses letzten Werkes Satans auf Erden; sein geistiges Ende ist die Hölle, und genau dort erwartet den Nihilismus seine endgültige Niederlage. Der Nihilist muss besiegt werden, nicht nur, weil sein Traum vom irdischen Paradies zum ewigen Verderben führt, denn der konsequente Nihilist ist im Gegensatz zu seinem „Gegner“ – dem Antichristen – zu enttäuscht, um wirklich an dieses Paradies zu glauben, sollte es jemals kommen. Der Nihilist muss vielmehr besiegt werden, weil die Hölle die ganze Fruchtlosigkeit seines sehnlichsten Wunsches beweist – Gott, seine Schöpfungen und sich selbst zunichte zu machen.
Dostojewski hat die Widerlegung des Nihilismus mit den Worten des sterbenden alten Zosima treffend zum Ausdruck gebracht: „Oh, es gibt auch im Höllenreich solche, die stolz und grausam geblieben sind, trotz des unbestreitbaren Wissens und der Betrachtung der unwiderlegbaren Wahrheit; es gibt schreckliche Wesen, die sich Satan und seinem stolzen Geist gänzlich verschrieben haben. Für diese ist die Hölle bereits freiwillig und unersättlich; sie sind bereits willige Märtyrer. Denn sie haben sich selbst verflucht, indem sie Gott und das Leben verflucht haben. Sie nähren sich von ihrem boshaften Stolz, als ob ein Hungriger in der Wüste begonnen hätte, sein eigenes Blut aus seinem eigenen Körper zu saugen. Doch sie sind unersättlich in alle Ewigkeit und verwerfen die Vergebung, sie verfluchen Gott, der sie ruft. Sie können den lebendigen Gott nicht ohne Hass betrachten und verlangen, dass es keinen Gott des Lebens gebe, dass Gott sich selbst und all seine Schöpfung vernichte. Und sie werden ewig im Feuer ihres Zorns brennen, nach dem Tod und dem Nichtsein dürsten. Doch den Tod werden sie nicht erhalten…“[53] Die große und unbesiegbare Wahrheit des Christentums besteht darin, dass es keine Vernichtung gibt, dass der Nihilismus vergeblich ist. Man kann gegen Gott kämpfen, und darin besteht der Kern der heutigen Zeit, aber man kann Ihn nicht besiegen, und vor Ihm kann man sich nirgendwo verstecken: Sein Reich wird ewig währen, und alle, die den Ruf zu Seinem Reich ablehnen, werden ewig in den Flammen der Hölle brennen müssen. Daher war es natürlich das Hauptanliegen des Nihilismus, die Hölle und die Angst vor der Hölle aus dem Bewusstsein der Menschen zu verbannen, was ihm offensichtlich gelungen ist; für die meisten Menschen von heute ist die Hölle zu einer Torheit, einem Aberglauben, wenn nicht gar zu einer „sadistischen“ Fantasie geworden. Selbst diejenigen, die noch an den liberalen „Himmel“ glauben, lassen in ihrem Universum keinen Platz für die Hölle.
Seltsamerweise ist dem modernen Menschen die Hölle jedoch weitaus vertrauter als der Himmel; das Wort selbst und der Begriff, der dahintersteht, nehmen in der heutigen Kunst und im heutigen Denken einen bedeutenden Platz ein. Keinem aufmerksamen Beobachter kann die Tatsache verborgen bleiben, dass die Menschen in einer nihilistischen Epoche mehr denn je die Erde in eine Art Hölle verwandelt haben, und diejenigen, die begreifen, dass sie in einem Abgrund leben, bezeichnen ihren Zustand ohne zu zögern als höllisch. Die Qualen und Leiden dieses Lebens sind ein Vorgeschmack auf die Hölle, ebenso wie die Freuden des christlichen Lebens – Freuden, die sich der Nihilist nicht einmal vorstellen kann, sofern sind sie ihm – ein Vorgeschmack auf das Paradies sind. Doch selbst wenn sich der Nihilist vage vorstellen kann, was die Hölle ist, kennt er sie nicht in ihrer ganzen Fülle, die in diesem Leben gar nicht zu erfassen ist. Selbst die extremsten Nihilisten, die den Dämonen dienen und sie sogar anrufen, verfügen nicht über die notwendige geistige Einsicht, um sie so zu erkennen, wie sie sind. Der satanische Geist, der Geist der Hölle verbirgt sich immer unter dieser Welt: Seine Fallen, die entlang des breiten Weges aufgestellt sind, erscheinen vielen angenehm oder zumindest aufregend, und denen, die seinem Weg folgen, bietet der Teufel einen tröstlichen Gedanken und die Hoffnung auf ein vollkommenes Sterben.
Doch trotz des Trostes des Teufels kann keiner seiner Anhänger in diesem Leben wirklich „glücklich“ sein, und obwohl in den letzten Tagen, deren Vorboten die Katastrophen unserer Zeit sind, „ein großes Trübsal sein wird, wie sie seit Beginn der Welt bis heute noch nie gewesen ist“, werden die Diener des Teufels doch erst im zukünftigen Leben die ganze Bitterkeit hoffnungsloses Trübsal erkennen. Der Christ glaubt an die Hölle und fürchtet ihre Flammen – nicht die irdischen Flammen, wie sie sich der kluge Ungläubige vorstellt, sondern Flammen, die unendlich viel sengender sind, denn ebenso wie die Körper, in denen die Menschen am Jüngsten Tag auferstehen werden, werden sie geistiger Natur sein und kein Ende haben. Die Welt wirft dem Christen seinen Glauben an solch unangenehme Dinge vor, doch nicht Perversion oder Sadismus, sondern Glaube und Erfahrung führen ihn dazu. Nur wer voll und ganz an den Himmel und das Leben in Gott glaubt, kann auch voll und ganz an die Hölle glauben, denn nur wer sich dieses Leben in Gott auch nur ansatzweise vorstellen kann, kann begreifen, was es bedeutet, wenn es fehlt. Für die meisten Menschen von heute ist das Leben eine flüchtige Nichtigkeit, die weder einer Bejahung noch einer Verneinung bedarf, gehüllt in tröstliche Illusionen und die Hoffnung auf das absolute Nichts in der Zukunft; diese Menschen erfahren nichts über die Hölle, solange sie nicht selbst darin landen. Doch Gott liebt selbst solche Menschen zu sehr, als dass Er ihnen einfach erlauben würde, Ihn zu „vergessen“ und ins Nichts zu „verschwinden“, wo es keinen gibt, der selbst das einzige Leben der Menschen ist. Selbst diesen Menschen, die in der Hölle sind, bietet Er Seine Liebe an, die jene quält, die sich in diesem Leben nicht darauf vorbereitet haben, sie anzunehmen. Viele werden in dieser Flamme geprüft und geläutert und werden so des Lebens im Himmelreich würdig, doch andere werden ewig in der Hölle bei den Dämonen bleiben, für die sie vorherbestimmt war. Selbst heute, wo die Menschen so schwach geworden sind, dass sie nicht mehr der Wahrheit ins Gesicht sehen können, sollte man nicht die Realität des zukünftigen Lebens.
Jenen, die es wagen zu glauben, sie kennen den Willen des lebendigen Gottes und ihn für „Grausamkeit“ – seien sie nun Nihilisten oder zurückhaltender Humanisten – kann man auf das hinweisen, woran sie alle glauben: an die Würde des Menschen. Gott hat uns nicht zu einem modernen „Himmel“ des Friedens und des Schlafes berufen, sondern zur vollen, vergöttlichenden Herrlichkeit der Söhne Gottes, und wenn wir, die Gott dafür für würdig erachtet, seine Berufung ablehnen, dann ist für uns die höllische Flamme besser, die Qual, die als letzter und schrecklicher Beweis für die hohe Berufung des Menschen und die göttliche, unerschöpfliche Liebe zu allen Menschen dient, als das Nichts, auf das die Nihilisten und Kleingläubigen unserer Zeit hoffen. Der Mensch ist nur der Hölle würdig und nicht weniger, wenn er des Himmels nicht würdig ist.
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[1] – Friedrich Nietzsche, Der Wille zur Macht, Band I, in:
Gesammelte Werke von Friedrich Nietzsche, New York, The Macmillan Company, 1909, Band 14, S. 6.
[2] – Der Wille zur Macht, S. 377.
[3] – Siehe beispielsweise Bakunins Bemerkungen zu Louis Napoleon in: G.P. Maximoff (Hrsg.), The Political Philosophy of Bakunin, Glencoe, Illinois, The Free Press, 1953, S. 252.
[4] – Der Wille zur Macht, S. 8.
[5] – Ibid, р. 22.
[6] – Zu diesem Unterschied siehe beispielsweise Arnold Lunn, The Revolt against Reason, New York, Sheed and Ward, 1951, S. 5; F. A. Hayek, The Counter-Revolution of Science, Glencoe, Illinois. The Free Press, 1952, S. 15–16. Der erste Autor schreibt mehr über die theoretische „Wissenschaftlichkeit“, der zweite über die praktische.
[7] – Der heilige Basilius der Große. Predigten über die Tage der Schöpfung. Sergijew Posad, Verlag der Dreifaltigkeits-Sergijew-Lawra, 1902. S. 7–8.
[8] – Der Wille zur Macht, S. 5.
[9] – Zitiert nach: Hermann Rauschning. The
Voice of Destruction, New York, G.P. Putnam’s Sons, 1940, S. 6; sowie – Hitler’s Secret Conversations, 1941–1944, New York, Farrar, Straus and Young, 1953.
[10] – Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Nr. 343.
[11] – Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, S. 4.
[12] – Zu diesem und verwandten Themen mit Zitaten aus der zeitgenössischen Literatur siehe Graham Hough, Reflections on a Literary Revolution, Washington, The Catholic University of America Press, 1960, S. 66ff.
[13] – Zitiert in: Karl Jaspers, Nietzsche und das Christentum, Heniy Regneiy Company, 1961 (Gateway Edition), S. 83.
[14] – Dieses Kapitel sollte eigentlich dem Anarchismus gewidmet sein (siehe am Ende dieses Buches den Arbeitsplan „Das Reich Gottes und das Reich der Menschen“) – Anm. d. Red.
[15] – Zitiert in Rauschning, op. cit., S. 5.
[16] – Siehe „Mein Leben in Christus“; Jordanville, New York, Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit, 1957, Band I, S. 178.
[17] – Das vorherige Kapitel hätte lauten sollen: „Die Annäherung an die ‚neue Ordnung‘: Die Revolution der Moderne“ (siehe Inhaltsverzeichnis am Ende dieses Buches) – Anm. d. Red.
[18] – Die freudvolle Weisheit, Nr. 125.
[19] – Siehe z. B.: Justice (vgl. de Lubac, Proudhon, S. 271).
[20] – Justice, III, 179. (Zitiert nach de Lubac, S. 270).
[21] – „System der wirtschaftlichen Widersprüche: oder Die Philosophie des Elends“, Boston, 1888, Band I, S. 448.
[22] – Ebenda, S. 468.
[23] – „Gott und der Staat“, London, 1910, S. 16.
[24] Maksimow, a. a. O., S. 380.
[25] – Ebenda, S. 253.
[26] – Der Wille zur Macht, S. 8.
[27] – Joseph de Maistre, Über Gott und die Gesellschaft (Essay über das schöpferische Prinzip politischer Verfassungen und anderer menschlicher Institutionen), Henry Regnery Company (Gateway Edition), 1959, S. 84–86.
[28] – Vgl. Joseph Pieper, Das Ende der Zeit, S. 58.
[29] – Die freudvolle Weisheit, Nr. 125.
[30] – Max Picard, „Flight from God“, Henry Regney Company, 1951; und „Hitler in Our Selves“, Henry Regney Company, 1947.
[31] – Gott und der Staat, S. 2.
[32] – Karl Marx, Das Kapital, Chicago, Charles Kerr and Company, 1906, Band I, S. 824.
[33] – Siehe Zitate in E.H. Carr, op. cit., S. 173, 435; vgl. Maximoff, op. cit., S. 380–381.
[34] – Zu Marx’ Schlussfolgerungen über Gewalt siehe J.E. LeRossignol, From Marx to Stalin, New York, Thomas Y. Crowell Company, 1940, S. 321–322.
[35] – „Der Linkkommunismus“ wird zitiert nach dem Buch Stalin, „Grundlagen des Leninismus“, New York, International Publishers, 1932, S. 47; (oder The Proletarian Revolution and the Renegade Kautsky, Little Lenin Library, Nr. 18, S. 19).
[36] – Zitiert nach H.R. Trevor-Roper, The Last Days of Hitler, New York, The Macmillan Company, 1947, S. 50–51.
[37] – Lenin, W.I.: Gesammelte Werke, Band 33, S. 101.
[38] – Ebenda.
[39] – Mythos des 20. Jahrhunderts, S. 22.
[40] – Marx und Engels, „Die deutsche Ideologie“, Teil I, New York, International Publishers, 1947, S. 69.
[41] – Ebenda, S. 204 (Anm. 46).
[42] – Erich Kahler, „The Tower and the Abyss“, New York, George Braziller, Inc., 1957, S. 225–226.
[43] – Der Begriff wurde von Erich Kahler geprägt (Erich Kahler, op. cit., S. 15).
[44] – W.B. Yeats, AVision, 1937, рр. 52–53.
[45] – Der Wille zur Macht, S. 92.
[46] – Ibid, p. 2.
[47] – Lenin, W. I.: Gesammelte Werke, Band 33, S. 101–102.
[48] – Zitiert in: Henri de Lubac, The Drama of Atheist Humanism, S. 24.
[49] – Die freudige Weisheit, Nr. 125.
[50] – Dostojewski, F. M.: Die Dämonen. „Nauka“, L., 1974, Teil 1, Kap. 3.
[51] – So sprach Zarathustra.
[52] – The Joyful Wisdom, Nr. 125.
[53] – Dostojewski, F. M.: Die Brüder Karamasow. „Nauka“, Leningrad, 1976, Band VI, Kapitel 3.