DIE CONFESSIO DOSITHEI (Patr.Dositheos) – EINE SYNODALE BEKENNTIS 1672 bis ZU UNSERER ZEIT
Einführung in die orthodoxen Bekenntnisschriften
In der christlichen Welt gibt es verschiedene Konfessionen mit eigenen „Glaubensakten”, den sogenannten Bekenntnisschriften. Diese Texte fassen die zentralen Überzeugungen der Kirche bzw. kirchlichen Gemeinschaften zusammen und dienen dazu, den Glauben zu erklären und zu verteidigen.
Die orthodoxe Kirche, die früher das gesamte Christentum verkörperte und sich nach dem Schisma im Jahr 1064 zunächst vor allem in Byzanz und nach weiteren historischen Ereignissen vorwiegend in Russland und Griechenland verbreitet blieb, hat im Laufe ihrer Geschichte mehrere Schutzmaßnahmen ergriffen und wichtige Glaubensbekenntnisse verfasst. Ältere russische undgriechische Bekenntnisschriften hatten verschiedene theologische Schwerpunkte, da sie als Antwort auf neu entstandene häretische Lehren verfasst waren. Auch denen, die im mittelalterlichen Europa entstanden sind. Während manche dieser Schriften früher sehr verbindlich waren, gilt die wichtige Glaubenserklärung „Confessio Dosithei“, die im Jahr 1672 bei einer großen kirchlichen Versammlung in Jerusalem formuliert wurde, heute vor allem als klares Bekenntnis gegen protestantische Lehren. Ihre Aufgabe ist es, die Lehre der orthodoxen Kirche deutlich von den protestantischen Bewegungen abzugrenzen./p>
So entstand die „Confessio Dosithei” in einer Zeit, in der reformatorische Gedanken insbesondere in der griechisch-orthodoxen Kirche Wellen schlugen: Während es in der russischen Kirche das Luthertum war, so war es in der griechischen Kirche vor allem der Calvinismus.
In diese reformatorische Strömung geriet Kyrill Loukaris [1], der 1572 auf Kreta geboren wurde und seine Ausbildung an der Universität Padua erhielt. Während seiner Zeit als Patriarch von Alexandrien (1602) kam er durch brieflichen Kontakt mit Protestanten (Wilhelm Holander und anderen) auch mit Calvins „Institutio” in Berührung, was weitreichende Folgen hatte. Nachdem er 1620 Patriarch von Konstantinopel geworden war, ließ er das griechische Neue Testament mit einer neugriechischen Übersetzung drucken und gab ein Glaubensbekenntnis heraus. Dieses muss als Anbahnung des Protestantismus im orthodoxen kirchlichen Bereich betrachtet werden. So lehrte dieses Bekenntnis die Heilige Schrift als einzige Glaubensquelle, die Rechtfertigung allein aus dem Glauben, die Zweizahl der Sakramente und die augustinisch-spiritualistische Abendmahlslehre, die sich von der Transsubstantiation (Wesensverwandlung) unterscheidet. Zudem war er ein erklärter Feind der Jesuiten, die damals in diesen griechischen Gebieten missionierten. Der in Konstantinopel residierende Sultan Murad IV. ließ ihn auf Intervention von römischer Seite und unter dem Verdacht, einen Aufstand gegen die Türken vorbereitet zu haben, am 28. Juni 1638 durch Janitscharen erdrosseln und seine Leiche ins Meer werfen.
Im 19. Jahrhundert betrachteten namhafte Theologen wie Makarius Bulgakov und Mesoloras sein calvinistisches Glaubensbekenntnis als von den Jesuiten fabrizierte und ihm unterschobene Fälschung. Diese Ansicht ist heute jedoch nicht mehr haltbar. (Bestätigungen im persönlichen Schriftverkehr, in denen Loukaris die Urheberschaft bestätigt)
Genau um solche Einflussnahmen, auf die Kirche zu vermeiden, wurde die “Confessio Dosithei” im Jahr 1672 während einer Synode in Jerusalem als Verteidigung der Orthodoxie gegen den Calvinismus und andere protestantische Lehren formuliert. Nach der Bestätigung durch die Synode wurde sie im Jahr 1721 zusammen mit einem Begleitschreiben nach Russland geschickt. Im Jahr 1723 wurde sie auch den anglikanischen Erzbischöfen, den sogenannten Non-Jurors, übermittelt. Diese hatten den Treueeid gegenüber der extrem protestantischen Regierung nicht geschworen.
In der „Confessio Dosithei” wird der Protestantismus als Häresie verurteilt und die Orthodoxie klar von reformatorischen Lehren abgegrenzt, ohne Zugeständnisse zu machen. Sie verteidigt die Orthodoxie ausdrücklich und macht keine Kompromisse bezüglich ihrer Lehrinhalte.
Es war Patriarch Dositheos von Jerusalem, der am 16. März 1672 eine Synode einberief und eine Bekenntnisschrift erließ. Ziel war es, die Orthodoxie gegen den Calvinismus – eine Abart des Protestantismus – zu verteidigen, ihn als gefährliche Häresie zu brandmarken und schließlich mit einem dreifachen Anathema zu verurteilen. Diese Synodalentscheidung wurde von 58 Bischöfen und Geistlichen unterzeichnet, darunter einige aus Russland. Zwar gab es bereits ältere russische Bekenntnisschriften wie die von Petr Mogila, die sich allerdings stärker auf die Formulierung orthodoxer Dogmen im byzantinischen Kontext konzentrierten, doch bezeichnen griechische Theologen sowohl die „Confessio Orthodoxa” von Petr Mogila als auch die „Confessio Dosithei” als symbolische Bücher, die ihre gesamte Dogmatik aufzeigen.
Diese Synode ist die wichtigste der Ostkirche und kann in diesem Sinne mit dem Konzil von Trient (1545–1563) verglichen werden, das damals noch einige orthodoxe Elemente aufwies. Sowohl die Synode als auch das Konzil legten den Lehrstatus der von ihnen vertretenen Kirche fest und verurteilten den Protestantismus und dessen Lehren als gefährliche Häresien. Die Confessio Dosithei machte jedoch keinerlei Zugeständnisse gegenüber den Ansprüchen des Papsttums, sondern bekräftigte die orthodoxen Positionen eindeutig. Patriarch Dositheos stand damals mit dem französischen Botschafter Nointel in Korrespondenz, als die Römisch-Katholiken und die protestantischen Calvinisten heftig über die Eucharistie stritten und die Unterstützung der Orthodoxen erlangen wollten.
Die Akten der Synode von Jerusalem bestehen aus acht Kapiteln und 18 Dekreten. Es werden zudem die Antworten des Patriarchen Jeremias II. (Tranos) erwähnt und genehmigt, die er dem Professor Martin Crusius aus Tübingen und anderen Lutheranern im Jahr 1572 gegeben hatte. Dann wird die lateinisch verfasste Bekenntnisschrift des Metropoliten Petrus Mogilas aus dem Jahr 1642 gutgeheißen.
Bereits im Jahr 1840 forderte der Hauptprokurator der Heiligen Synode Protasow (Russland), dass die beiden Bekenntnisschriften als Grundlage der Glaubenslehre angesehen werden müssten. Der griechische Theologe Mesoloras erkannte ihnen sogar Unfehlbarkeit zu.
Die vom Protestantismus stark beeinflusste Bekenntnisschrift des Patriarchen Kyrill Loukaris von Konstantinopel hingegen wurde als häretisches Machwerk erkannt, zurückgewiesen und verurteilt.
Zwar wurde der Versuch unternommen, das Bekenntnis des Kyrillos Loukaris als Fälschung zu entlarven. Dazu wurden zahlreiche Ausschnitte aus Predigten, die Loukaris vor dem versammelten Volk von Konstantinopel gehalten hatte und die einen orthodoxen Standpunkt vertraten, als Gegenbeweis aufgeführt. Allerdings wurde gleichzeitig ins Feld geführt, dass von Loukaris keinerlei schriftliche Stellungnahme vorliege, in der er persönlich die gegen ihn erhobenen Häresievorwürfe widerlegen und die unter seinem Namen laufende Bekenntnisschrift als nicht von ihm stammend erklären könnte.
Schließlich wurden die Akten der Synode im Jahr 1721 an die Russische Kirche und durch diese an bestimmte „Bischöfe” der (protestantischen) Kirche von England, die sogenannten „Non Jurors” (die nicht geschworen habenden), die sich für die Orthodoxie interessierten, gesandt. Damit wurde die panorthodoxe Autorität der Synode unterstrichen.
Nun folgt eine kurze Zusammenfassung der einzelnen Dekrete :
Artikel 1: Die Lehre von der Hl. Dreifaltigkeit mit dem Ausgang des Hl. Geistes aus dem Vater (πνεύμα Άγιον εκ του Πατρός εκπορουμενον).
Artikel 2: Die Hl. Schrift soll nicht durch privates Urteil, sondern in Übereinstimmung mit der Tradition der (katholischen-orthodoxen) Kirche, die nicht irrt, täuscht oder getäuscht werden kann und die gleiche Autorität besitzt wie die Hl. Schrift, ausgelegt werden.
Artikel 3: Gott hat von Ewigkeit diejenigen zur Herrlichkeit vorherbestimmt, die in Seiner Vorsehung ihren freien Willen zur Annahme des Heils richtig gebrauchen würden, und diejenigen, die das Heil verwerfen, hat Er verdammt. Die calvinistische (protestantische) Lehre von der bedingungslosen Vorherbestimmung, wird als abscheulich, gottlos und gotteslästerlich verdammt.
Artikel 4: behandelt die Schöpfungslehre. Der Dreifaltige Gott hat alle sichtbaren und unsichtbaren Dinge geschaffen außer der Sünde, die Seinem Willen widerspricht und vom Teufel und von Menschen stammt.
Artikel 5: Beinhaltet die Lehre von der Vorsehung. Gott sieht das Böse voraus, lässt es zu, nicht jedoch bestimmt Er es voraus, vielmehr setzt er es zum Guten außer Krafft.
Artikel 6: Hier geht es um den Urzustand und dem Sündenfall des Menschen. Christus und die Gottesmutter Maria sind von der Sünde frei.
Artikel 7: Hier wird die Lehre von der Menschwerdung des Gottessounds, Seinem Tod, Seiner Auferstehung und Seiner Wiederkunft zum Gericht dargelegt.
Artikel 8: behandelt das Wirken Christi und Sein Erlösungswerk. Christus ist der einzige Mittler und Fürsprecher für unsere Sünden. Die Heiligen jedoch, besonders die Unbefleckte Mutter unseres Herrn Maria wie auch die Heiligen Engel bringen unsere Gebete und Bitten vor ihn und verleihen ihnen größere Wirkung.
Artikel 9: Niemand kann gerettet werden ohne den Glauben, der eine sichere Überzeugung sein muss sowie Werke, die in Liebe getan werden und das Halten der göttlichen Gebote einschließt. Ohne sie kann niemand Gott gefallen.
Artikel 10: Die Heilige Orthodoxe und Apostolische Kirche umfasst alle wahren Christgläubigen. Sie wird durch Christus, dem einzigen Haupt der Kirche sowie durch ordnungsgemäß geweihte Bischöfe, die in ununterbrochener Apostolischer Nachfolge stehen, regiert. Die Lehre der Calvinisten, daß Bischöfe nicht nötig seien, oder dass Priester von Priestern, nicht nur von Bischöfen geweiht werden können, wird verworfen.
Artikel 11: Glieder der katholischen Kirche sind alle Gläubigen, die fest am Glauben Christ festhält, wie er von ihm und den heiligen Synoden überliefert würde, obwohl einige dieser Glieder in verschiedene Sünden fallen können.
Artil 12: Die katholische (orthodoxen) Kirche wird durch den Hl. Geist, durch Propheten (im Alten Testament), Apostel, hl. Kirchenväter belehrt, weshalb sie nicht irren oder getäuscht werden oder gar eine Lüge als Wahrheit verkünden kann.
Artikel 13: Der Mensch wird nicht nur durch den Glauben (allein), sondern auch durch Werke gerechtfertigt.
Artikel 14: Der Mensch ist durch den Sündenfall geschwächt und hat dabei die Vollkommenheit und Leidensfreiheit verloren, nicht aber seine intellektuelle und moralische Natur. Er besitzt immer noch den freien Willen (το αυτεξουσιον) und die Wahlfreiheit, Gutes zu tun oder zu meiden, Böses aber zu hassen (Matth. 5,46,47; Roem. 1,19 und 2,14-15).Gute Werke aber, die ohne Glauben getan werden können nicht zu unserer Erlösung beitragen, nur die Werke der Wiedergeborenen, die unter und mit der Gnade getan werden sind vollkommen und machen demjenigen, der sie tut, der Erlösung wert (σωτηρίας άξιον ποιείται τον ενεργουντα).
Artikel 15: lehrt die 7 Mysterien (Sakramente), nämlich die Taufe (το Άγιον Βάπτισμα, Μatth. 18,19), die Myronsalbung (βεβαιώσεις, χρίσμα ( 1 Joh. 2,20; 2 Kor. 1,22, Apg. 8,14, Dionysios Arepagitis de eccl. hierachia 4,22 ff.), das Weihesakrament (ιεροσύνη, Matth.18,18), das unblutige Opfer des Altars (ανεμαικτος θυσία, Matth. 26,26), die Eheschließung (γάμος, Matth.19,6, Eph. 6,32), Busse und Beichte (εξομολόγησις, Joh. 20,23, Luk. 13,5), die Krankensalbung (ευχελιον, Mark. 6,13, Jakobus 5,14). Sakramente sind keine leeren Zeichen göttlicher Verheißung wie etwa die Beschneidung, sondern sie verleihen notwendigerweise (εξ ανάγκης) Gnade, sie sind somit όργανα δραστικά χάριτος.
Artikel 16: lehrt die Heilsnotwendigkeit der Taufe für die Erlösung (Joh. 3,5), die Kindertaufe und die Errettung getaufter Kinder (Matth. 10,12). Die Wirkung der Taufe ist die Vergebung der Erbschuld, die Tilgung der früher tatsächlich begangenen Sünden sowie die Verleihung der 7 Gaben des Hl. Geistes. Die Taufe kann nicht wiederholt werden. Die nach der Taufe begangenen Sünden müssen durch priesterliche Absolution im Bußsakrament gebeichtet und nachgelassen werden.
Artikel 17 : Die Eucharistie ist sowohl Sakrament als auch Opfer, in dem der Leib Christi wahrhaftig (αληθώς και πραγματικως) unter der Gestalt und Art ( εν είδη και τύπω) von Brot und Wein von den Händen des Priesters als wahres, jedoch unblutiges Opfer für alle Gläubigen, seien sie lebend. oder verstorben (υπέρ πάντων των ευσεβών ζώντων και τεθνεοντων) dargebracht wird. Sie wird von der Hand dem Mund auch von Unwürdigen empfangen, dies jedoch mit gegenteiliger Wirkung. Die lutherische Impanationslehre, wonach Christus unter und mit dem Brot und Wein empfangen wird, wonach diese Elemente nicht verwandelt werden, sondern ihrem Wesen nach verbleiben, wird abgelehnt und verworfen. Die Transsubstantiationslehre, wonach Brot und Wein ihrer Substanz nach gänzlich verwandelt werden, wobei die Akzidentien wie Farbe und Aussehen verbleiben, wird hingegen mit aussagestarken Worten ausdrücklich gelehrt. (μετουσιωσις).+ Auf eine Erklärung der Art und Weise, wie das geschieht, wird bewusst verzichtet.
Artikel 18: Die Seelen der Verstorbenen befinden sich entweder am Ort der Erquickung oder der Qual, doch ihr Zustand wird bis zum Endgericht und der Auferstehung des Leibes nicht vollkommen sein. Die Seelen derer, die im Zustand der Busse sterben (μετανοησαντες) sterben, ohne Früchte der Buße oder Genugtuung (ικανοποίηση) hervorgebracht zu haben, können durch die Gebete der Priester und durch die Almosen ihrer Verwandten befreit werden durch das unblutige Opfer der Eucharistie (μεγάλα δυναμενης μάλιστα της αναίμα!κτου θυσιας), die einzelne Gläubige für ihre verstorbenen Angehörigen darbringen lassen, wobei die katholische und Apostolische Kirche täglich für alle gleichermaßen darbringt. Die Befreiung aus diesem dazwischenliegenden Zustand wird vor der allgemeinen Auferstehung und dem allgemeinen Gericht stattfinden, wobei der Zeitpunkt unbekannt ist.
Zu diesen 18: Dekrete werden 4 Fragen hinzugefügt.
Frage 1: gibt Antwort auf das Lesen der Hl. Schrift und verbietet das wahllose Lesen derselben, insbesondere bestimmte Teile des Alten Testaments.
In Frage 2: wird die unmittelbare Anschaulichkeit der Hl. Schrift verneint.
Frage 3: gibt Auskunft über den Umfang des Kantons der Hl.Schrift. Dazu gehören alle neutestamentlichen Schriften, die Evangelien, 14 Paulusbriefe, die Apostelgeschichte, die? übrigen Apostelbriefe des Johannes und des Apostels Jakobus, der Judasbrief sowie die Apokalypse des Johannes. Von den alttestamentlichen sogenannten deuterokanonischen Büchern, das sind solche, die in griechischer Sprache verfasst sind, werden aufgezählt, nämlich die Weisheit Salomons , Judith, Tobit, die Geschichte mit dem Drachen, die Geschichte Susanna’s, 3 Bücher der Makkabäer, der Weisheit Sirach.
Frage 4: lehrt die Verehrung (δουλια) der Heiligen, insbesondere der Gottesmutter (υπερδουλια), die eigentliche Anbetung Gottes (λατρεία), die Verehrung des Hl. Kreuzes, der Heiligen Gefäße, der hl. Stätten 1882), der hl. Ikonen Christi, der Gottesmutter und der Heiligen.
Das gesamte Buch „The Acts and Decrees of the Synod of Jerusalem” ist hier auf Englisch zu lesen.
Das Bekenntnis des Patriarchen Dositheus von 1672 |
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So präsentiert sich die “Confessio Dosithei” als eindrückliche und ausführliche Bekenntnisschrift, die sich gegen die Irrlehren des Protestantismus sowie gegen die Kyrill Loukaris zugeschriebene und vom Protestantismus verseuchte Bekenntnisschrift richtet, die verurteilt wurde. Es ist alles sehr klar formuliert. Man könnte meinen, es genüge, sich an den Wortlaut zu halten und den Glauben zu bewahren. Doch der Zeitgeist schläft nicht.
Bereits im 19. Jahrhundert gestanden zahlreiche griechische und russische Theologen diesen Büchern nur insofern eine autoritative Bedeutung zu, als sie mit der Heiligen Schrift und den ökumenischen Konzilien übereinstimmten. Dies ist jedoch nur ein Feigenblatt dafür, dass ihre normative Bedeutung völlig in Abrede gestellt und fallengelassen wurde. Das lässt keinen Zweifel daran, dass diese Schriften keinen normativen Charakter im Sinne der ökumenischen Konzilien tragen. Soweit sie darüber hinausgehen, sind sie als wandelbare Theologumena zu bewerten, die als bloße theologische Meinungen zu betrachten sind. Der bulgarische Modernist [2] Zankow betont, dass durch die einseitige Benutzung dieser Schriften im Abendland ein verzerrtes Bild der orthodoxen Kirche entstanden sei. Sie dürften nicht als absolut zuverlässige symbolische Bücher gebraucht werden. Ebenso weist der unter völlig ökumenistischem Einfluss stehende Häresiearch Sergius Boulgakov (+1944) vom Theologischen St.-Sergius-Institut in Paris, einer Fabrikationswerkstatt neuer Häresien, darauf hin, dass sie schon durch ihren polemischen Charakter und Ursprung nicht so sehr die innere Dialektik widerspiegeln als vielmehr die Problematik der Reformations- und Gegenreformationszeit widerspiegeln. Sie bedürfen selbst einer Nachprüfung und Interpretation. (Zitate nach: Friedrich Heiler, Urkirche und Ostkirche, München 1937, S. 192 ff.).
Auch was heutzutage von manchen orthodoxen Theologen zu hören ist, klingt deutlich ökumenisch-protestantisch verseucht. Doch nun zurück zu den orthodoxen Christen in Griechenland.
Im Jahr 1920 schrieb der Patriarchatsverweser des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel, Dorotheos von Proussa, ein Rundschreiben an „alle Kirchen, wo immer diese auch sind” (man beachte, dass er von Kirchen in der Mehrzahl spricht!). Diese Formulierung deutet auf eine Anbiederung an verschiedene sektiererische Religionsgemeinschaften hin, insbesondere an die anglikanische (protestantische) Abspaltung, mit der die griechische Staatskirche bereits im 19. Jahrhundert in engem Kontakt stand. Im Hintergrund ging jedoch die Wühlarbeit weiter. Es wurde an der Einführung eines neuen Kalenders gearbeitet, um noch mehr Übereinstimmung mit den genannten häretischen Kirchengebilden zu erreichen. Inzwischen hatte in Konstantinopel Meletios Metaxakis den Patriarchenthron bestiegen. 1924 war es schließlich soweit: Auf seine Weisung hin konnte der Erzbischof von Athen, Chrysostomos Papadopoulos, mit seiner Synode den neuen Kalender einführen.
Dies rief jedoch unter der gläubigen Bevölkerung und den Mönchen vom Berg Athos große Opposition hervor. Unter ihnen ragte insbesondere der Priester-Mönch Matthäus Karpathakis (1861–1950) heraus. Er war emsig in Athen und Umgebung unterwegs, zelebrierte nach dem alten kirchlichen Kalender und gründete mit großem Erfolg Klöster, darunter 1927 das Frauenkloster „Einführung der Gottesmutter in den Tempel” mit etwa 300 Schwestern sowie 1934 das Männerkloster „Verklärung Christi” mit 170 Mönchen.
Im Jahr 1935 kam es zu einer Wendung, als drei Hierarchen der Staatskirche Griechenlands nach abgelegten Bekenntnissen zur wahren Orthodoxie und zum alten kirchlichen Kalender zurückkehrten. Es waren dies die Metropoliten Germanos von Dimitrias, Chrysostomos (Kavouridis), vormals von Florina, und Chrysostomos von Zakynthos. Nach der Wahl durch Klerus und gläubiges Volk wurde der Priestermönch Matthäus (Karpathakis) zum Bischof von Vresthene ernannt. Die Einigkeit und Geschlossenheit dauerte jedoch nur bis 1937.
Nachdem sie im Jahr 1937 und in den folgenden Jahren ihr ursprünglich abgegebenes Bekenntnis, teilweise revidiert und zur griechischen Staatskirche zurückgekehrt waren, blieb Bischof Matthäus als einziger rechtgläubiger Bischof der keine Neuerungen anerkannte, innerhalb der Grenzen Griechenlands zurück. Dies führte schließlich dazu, dass er sich im Jahr 1948 wegen seines hohen Alters genötigt sah, mit Zustimmung von Klerus und Volk und unter Anwendung des im kanonischen Recht vorgesehenen Prinzips der Oikonomia (von einer im Einzelfall vorgesehenen Strenge des angewendeten Rechtssatzes abzusehen) Spyridon von Trimithus in Monochirotonie zum Bischof der Wahren Orthodoxen Kirche von Zypern zu weihen, um die apostolische Sukzession (Nachfolge) zu sichern und weiterzugeben. Mit ihm zusammen weihte er Andreas (Patras), Dimitrios (Thessaloniki) und Kallistos (Korinth) zu Bischöfen. Es sei angemerkt, dass das eigentliche Weihegebet nur vom Hauptkonsekrator, also dem Bischof, gesprochen wird, während die anderen assistierenden Bischöfe als Zeugen fungieren. Im Jahr 1949 bildete Matthäus eine Synode, die ihn zum Erzbischof von Athen und ganz Griechenland wählte. Er entschlief am 14. Mai 1950 friedlich im Kloster der „Einführung der Gottesmutter in den Tempel”. Ausgestattet mit den Charismen der Vorausschau und der Herzenskenntnis wirkt er noch heute als Wundertäter und wird von Klerus und Volk als Bekenner des wahren orthodoxen Glaubens verehrt.
Nun wollen wir uns mit der perfiden Rolle von Chrysostomos (ehemals von Florina) befassen. Er kehrte nicht zur schismatischen Staatskirche Griechenlands zurück, sondern trieb sein trübes Spiel unter den orthodoxen Gläubigen im Sinne der modernisierten Staatskirche weiter. Zudem hatte er geheime Kontakte zu ihr. So berief er sich auf eine angeblich von einem Mönch vom Berg Athos in Umlauf gebrachte Theorie, nach der die Sakramente der Staatskirche nur en dènergie, also nur in Potenz, und nicht en énergeia, also nicht in Wirklichkeit, ungültig seien. Im jetzigen Zustand müsse man sie daher als wirksam betrachten. Erst ein panorthodoxes Konzil müsse den neuen Kalender als häretisch erklären, erst dann wären sie en énergeia ungültig und unwirksam. Dabei wusste Chrysostomos genau, dass ein solches „Konzil”, das selbst nur aus Abgefallenen bestand, niemals zusammentreten würde. Was danach geschah, war wirklich teuflisch. 14 Tage später, am 14. Mai 1950, als Erzbischof Matthäus im Herrn entschlief, erklärte Chrysostomos in einem Rundschreiben, dass er zu dem im Jahr 1935 abgelegten Bekenntnis zurückkehre, wonach die griechisch-orthodoxe Kirche schismatisch sei und deren Mysterien des Heiligen Geistes entbehrten. Er hegte nämlich die geheime Hoffnung, dass die Anhänger von Erzbischof Matthäus nun zu ihm, dem Abgefallenen, zurückkehren würden. Dies war jedoch nicht der Fall; vielmehr wurden die Anhänger von Matthäus als Finsterlinge abqualifiziert und die beiden von Matthäus gegründeten Klöster als Pflanzstätten des Fanatismus ausgemacht. Die Neukalendarier wurden weiterhin zur „Kommunion” zugelassen und auch sonst ging die Wühlarbeit hinter den Kulissen weiter. Letztlich war seine Parasynagoge, wie er sie sah, nur eine φρουρά, eine Sache und eine κινήσεις ευσεβείας, eine Frömmigkeitsbewegung. Das alles klingt sehr unverbindlich. Im Jahr 1955 starb Chrysostomos.
Sein Tod muss schrecklich gewesen sein. Zudem ließ er seine Parasynagoge bewusst und vorsätzlich ohne Bischof zurück. Diese Zurückgelassenen wurden in protestantisch-calvinistischer Weise von einem Gremium einiger Archimandriten geleitet, darunter einige, die von Erzbischof Matthäus abgefallen und gebannt wurden. Dann kamen sie überein, dem abgefallenen Archimandriten Akakios eine selbstverständlich ungültige Bischofsweihe zu erteilen, die dieser unter dubiosen Umständen von der in Amerika angesiedelten Russisch-Orthodoxen Auslandskirche empfangen hatte. Diese stand jedoch selbst mit zahlreichen Kirchengebilden der abgefallenen Weltorthodoxie in gottesdienstlicher Gemeinschaft. Das ficht den 1945 abgesetzten Akakios jedoch nicht weiter an, denn er wollte um jeden Preis und vielleicht sogar mit Simone nach Griechenland zurückkehren. Schließlich wurde er im Geheimen von Erzbischof Seraphim Ivanov und dem neukalendarischen (!) rumänischen Exilbischof Theophil Ionescu zum „Bischof von Talantion” geweiht, da Metropolit Anastasios und seine Synode der Auslandskirche diese Weihe nicht billigten. Eine Weiheurkunde wurde nicht ausgestellt und Theophil Ionescu stritt seine Beteiligung daran kategorisch ab. Erst 1969 bestätigte Metropolit Philaret von der ROCOR in einem privat gehaltenen Schreiben ohne Protokollnummer und Stempel der Synode diese Pseudoweihe. Unter den geschilderten Umständen muss eine solche Weihe als ungültig betrachtet werden.
In der Zwischenzeit müssen die Nachfolger der Parasynagoge des Chrysostomos bzw. des Akakios namhaft gemacht werden, insbesondere die Pseudosynode des ehemaligen, ebenfalls von der Matthäus-Synode 1977 abgesetzten sogenannten „Erzbischofs von Athen” Konstantinos/Kallinikos Sarantopoulos. Dieser ließ sein Kirchengebäude als eingetragener (e. V.) Verein vom griechischen Staat anerkennen und registrieren, ein ungeheuerlicher, ja ganz und gar unchristlicher Vorgang. In diesem Zusammenhang ist auch die Pseudosynode eines zweiten sogenannten „Erzbischofs von Athen” namens Konstantinos/Makarios Kavakidis zu nennen, der ebenfalls ein früherer Gefolgsmann von Erzbischof Matthäus und dessen Mentor Chrestos/Euthymios Orphanos war. Beide Pseudosynoden haben in ihrer Verblendung und Uneinsichtigkeit Chrysostomos von Florina als Heiligen hochstilisiert. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen Heiligen, sondern einen Wolf im Schafspelz, einen Verräter des wahren orthodoxen Glaubens.
Rückblickend auf diese tragische Entwicklung und die damit zusammenhängenden Vorgänge sowie eine mögliche Erklärung möchten wir auf die schwerwiegenden Worte des heiligen Paulus in seinem Hebräerbrief, Kapitel 6, Verse 4 bis 6, hinweisen. Dort heißt es: „Denn es ist unmöglich, dass Menschen, die einmal erleuchtet worden sind, die himmlische Gabe gekostet, die Mitteilung des Heiligen Geistes empfangen, das herrliche Gotteswort und die Kräfte der kommenden Welt verspürt haben und dennoch abfallen, nochmals zu einer neuen Umkehr gebracht werden.“ AMEN.
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1. mehr über den Patriarch Kyrill Loucaris vom Aloys Pichler, (1833-1874) der Kirchenhistoriker und Freund von Ignaz von Döllinger.
2. Der Modernismus ist wie ein Parasit, der die Kirche von innen heraus angreift. v.Sergej Bulgakov usw.
Eine Nacherzählung, die auf den Aufzeichnungen eines Athosmönchs basiert. Übersetzung aus dem Englischen “Das Bekenntnis des Patriarchen Dositheus” und Überarbeitung durch deutsch-orthodox.de.