In seinem Werk zeichnet Gregor von Nyssa ein tiefes geistliches Bild des Mose, den er als Vorbild des tugendhaften Lebens und des Weges zu Gott deutet. Durch die Auslegung der biblischen Geschichte erschließt der Kirchenvater deren verborgenen geistlichen Sinn und führt den Leser von den ersten Schritten des Glaubens bis zur Schau Gottes im „göttlichen Dunkel“. Dabei entfaltet er eines der bedeutendsten Zeugnisse christlicher Mystik und asketischer Lehre. Dieses Werk gehört zu den klassischen Schriften der christlichen Tradition und lädt dazu ein, den Weg der Tugend, der Gotteserkenntnis und der Freundschaft mit Gott tiefer zu verstehen.
Dieses Werk ist keine Biographie des Mose im gewöhnlichen Sinn. Für den heiligen Gregor von Nyssa wird das Leben des großen Gesetzgebers zum Bild des geistlichen Weges jedes Menschen. Die hier ausgelegte Geschichte führt von den ersten Schritten des Glaubens über Reinigung und Erkenntnis bis zur Gottesbegegnung im „göttlichen Dunkel“. Dabei besteht Vollkommenheit nicht im Erreichen eines Endzustandes, sondern in der unaufhörlichen Bewegung zu Gott. Obwohl die Schrift ursprünglich als Antwort auf die Frage eines einzelnen Suchenden nach der Vollkommenheit der Tugend entstand, richtet sie sich an jeden, der den Weg des geistlichen Lebens tiefer verstehen möchte.
Fünf Schlüssel zum Verständnis dieses Werkes
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Dieses Buch ist keine Biographie des Mose.
Gregor von Nyssa erzählt das Leben des Mose nicht, um historische Einzelheiten zu berichten. Die Ereignisse seines Lebens werden als Weg des Menschen zu Gott verstanden. Mose ist nicht nur eine Gestalt der Vergangenheit, sondern zugleich ein Bild des geistlichen Menschen.
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Die Erzählung ist voller geistlicher Bedeutungen.
Fast jedes Ereignis besitzt bei Gregor einen tieferen Sinn. Der Auszug aus Ägypten, die Wüstenwanderung, der Aufstieg auf den Sinai, die Stiftshütte und das Priestertum sind nicht nur geschichtliche Begebenheiten, sondern Bilder des inneren Lebens und des geistlichen Wachstums.
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Das eigentliche Thema des Buches ist die Vereinigung des Menschen mit Gott.
Das Leben des Mose bildet den äußeren Rahmen. Im Mittelpunkt steht jedoch die Frage, wie der Mensch Gott näherkommt und wie sich sein Leben unter der Wirkung der göttlichen Gnade verwandelt.
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Vollkommenheit bedeutet nicht Stillstand, sondern unendliches Wachstum.
Für Gregor besitzt die Tugend keine Grenze. Weil Gott selbst unendlich ist, bleibt auch die Bewegung des Menschen zu Gott ohne Ende. Wahre Vollkommenheit besteht nicht darin, ein letztes Ziel erreicht zu haben, sondern darin, niemals aufzuhören, im Guten zu wachsen.
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Das höchste Erkennen Gottes besteht nicht darin, alles zu verstehen.
Auf dem Sinai führt Gregor den Leser vom Licht über die Wolke in die Finsternis. Diese Finsternis bedeutet nicht die Abwesenheit Gottes, sondern seine Unbegreiflichkeit. Je näher der Mensch Gott kommt, desto tiefer erkennt er, dass das göttliche Wesen jedes menschliche Begreifen übersteigt. Darum besteht die höchste Gotteserkenntnis nicht im Besitz vollständigen Wissens, sondern im ehrfürchtigen Staunen vor dem Geheimnis Gottes.
(Diese deutsche Übersetzung wurde auf der Grundlage des griechischen Originals unter Heranziehung der russischen Klosterübersetzung sowie weiterer Übersetzungen und Vergleichstexte erarbeitet. Besonderes Augenmerk galt der sorgfältigen Bewahrung des theologischen Gehalts und der geistlichen Gedankenführung des heiligen Gregor von Nyssa. Zugleich wurde eine sprachliche Gestalt angestrebt, die dem heutigen deutschen Leser den Zugang zum Werk erleichtert.)
Gregor von Nyssa
Über das Leben des Gesetzgebers Mose oder über die Vollkommenheit im tugendhaften Lebe
Einleitung
Wie leidenschaftlich die Zuschauer bei den Pferderennen mitfiebern, wenn ihre Favoriten gegeneinander antreten! Obwohl die Reiter selbst schon mit aller Kraft dem Ziel entgegenstürmen, rufen ihnen die Zuschauer von den oberen Rängen her zu, begleiten sie mit den Augen über die ganze Bahn und meinen, durch Zurufe, Handbewegungen und stampfende Füße den Lauf der Pferde noch beschleunigen zu können. Sie tun dies nicht, um dem Sieger wirklich zum Sieg zu verhelfen, sondern weil ihr Eifer sie drängt, ihre Anteilnahme mit Stimme und Gebärde auszudrücken. So, scheint mir, verhalte auch ich mich dir gegenüber, meinem liebsten Freund und Bruder. Denn da du auf dem Feld der Tugend herrlich den göttlichen Lauf vollziehst und mit leichten und schnellen Schritten dem „Siegespreis der himmlischen Berufung“ (Phil 3,14) entgegeneilst, rufe auch ich dir zu, mahne dich zum Eifer und dränge dich, deinen Lauf zu beschleunigen. Und dies tue ich nicht aus leerem Eifer, sondern aus Freude an deinem Fortschritt, geliebtes Kind.
Dein Brief, den du mir gesandt hast, enthielt die Bitte, dir eine Unterweisung über das vollkommene Leben zu geben; und es erschien mir recht, dieser Bitte zu entsprechen. Mag das Gesagte dir auch nichts Neues bringen oder nur geringen Nutzen gewähren — so wird doch wenigstens mein Gehorsam nicht ohne Frucht bleiben. Denn wenn wir, die wir für viele Seelen an die Stelle von Vätern gesetzt sind, es für angemessen halten, dass selbst das graue Alter sich der besonnenen Jugend fügt, dann ziemt es sich umso mehr für dich, in der Tugend des Gehorsams zu wachsen, da deine Jugend zur freiwilligen Unterordnung erzogen wird.
Doch genug davon. Es ist Zeit, an das Vorhaben selbst heranzutreten und Gott zu bitten, unser Führer im Wort zu sein.
Du hast mich gebeten, Geliebte Schwester (κεφαλή), dir darzulegen, worin nach meinem Verständnis das vollkommene Leben besteht, damit du — falls das Gesuchte sich im Wort auffinden lässt — die gezeigte Gestalt der Vollkommenheit auch auf dein eigenes Leben übertragen kannst. Ich aber halte mich weder für das eine noch für das andere geeignet und meine, dass es meine Kräfte übersteigt, die Vollkommenheit im Denken zu erfassen oder im Wort zu zeigen, wie man leben müsse. Und vielleicht bin nicht ich allein dieser Ansicht, sondern auch viele von denen, die in Tugend groß geworden sind und hochstehen.
Damit es jedoch nicht scheine, als hätte ich, nach dem Wort des Psalms, dort Furcht empfunden, wo keine Furcht war (Ps 13,5), will ich meinen Gedanken deutlicher entfalten.
Alles, was der sinnlichen Wahrnehmung unterliegt, hat seine Vollkommenheit innerhalb bestimmter Grenzen, sei es bei fortlaufender Größe oder bei abzählbarer Menge. Denn jedes Maß wird von seinen Grenzen umschlossen. Wer eine Elle[1] oder die Zahl Zehn betrachtet, weiß, wo ihr Anfang und wo ihr Ende liegt; und eben darin besteht ihre Vollständigkeit. Von der Tugend aber haben wir vom Apostel gelernt, dass sie nur eine Grenze der Vollkommenheit kennt: keine Grenze zu haben. Denn jener göttliche Apostel, groß und hochgesinnt im Denken, hielt auf dem Weg der Tugend niemals inne, sondern streckte sich stets nach vorne aus (Phil 3,13). Ein Stillstand erschien ihm selbst gefährlich. Warum? Weil jedes Gute seiner Natur nach keine Grenze besitzt; begrenzt wird es erst durch das Entgegengesetzte — das Leben durch den Tod, das Licht durch die Finsternis. Überhaupt endet alles Gute dort, wo sein Gegenteil beginnt. Wie das Ende des Lebens der Anfang des Todes ist, so wird auch das Innehalten im Lauf der Tugend zum Beginn des Weges ins Gegenteil.
Darum irrt unser Wort nicht, wenn es sagt, dass die Vollkommenheit der Tugend nicht erreicht werden kann. Denn gezeigt wurde bereits, dass das von Grenzen Umfasste noch nicht Tugend ist. Es bleibt nun zu erklären, weshalb selbst jene, die ein tugendhaftes Leben führten, bekannten, die Vollkommenheit nicht erlangt zu haben.
Das wahrhaft Gute, das seinem Wesen nach Güte ist, ist eigentlich und ursprünglich die Gottheit selbst. Und was wir als das Gute erkennen, das ist dem Namen wie dem Wesen nach das Göttliche. Wenn also gezeigt wurde, dass die Tugend keine andere Grenze kennt als das Böse und dass das göttliche Wesen keinen Gegensatz zulässt, dann folgt daraus notwendig, dass die göttliche Natur grenzenlos und unendlich ist. Wer daher der wahren Tugend teilhaftig wird, hat an nichts anderem Anteil als an Gott selbst; denn Er ist die vollkommene Tugend. Da nun das Schöne seiner Natur nach grenzenlos ist, wird auch das Verlangen dessen, der daran Anteil gewinnt, niemals zum Stillstand kommen. Denn wer am Guten Anteil hat, schreitet unaufhörlich weiter ins Unendliche voran.
Darum gibt es keinen Weg, die Vollkommenheit jemals zu erreichen. Denn die Vollkommenheit wird nicht von Grenzen umfasst; ihre einzige Grenze ist die Unendlichkeit selbst. Wie sollte also jemand an ein Ende gelangen, wo sich kein Ende finden lässt?
Obwohl also, wie das Wort gezeigt hat, das Gesuchte seinem Wesen nach unerreichbar ist, darf dennoch das Gebot des Herrn keineswegs vernachlässigt werden, der spricht: „Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Mt. 5,48). Denn auch wenn das wahrhaft Gute nicht in seiner ganzen Fülle erlangt werden kann, so ist es doch schon ein großer Gewinn, nicht völlig ohne Anteil daran zu bleiben.
Darum müssen wir allen Eifer darauf richten, nichts von dem Guten zu verlieren, das uns erreichbar ist, sondern alles aufzunehmen, was wir zu fassen vermögen. Vielleicht besteht gerade darin die Vollkommenheit der menschlichen Natur: niemals aufzuhören, zum Höheren fortzuschreiten.
Mir scheint es gut, dabei die Heilige Schrift selbst zur Führerin zu nehmen. Denn durch den Propheten Jesaja spricht die göttliche Stimme: „Schaut auf Abraham, euren Vater, und auf Sara, die euch geboren hat“ (Jes. 51,2). Dieses Wort richtet sich an jene, die fern vom Weg der Tugend umherirren. Denn wie Seeleute, die auf dem Meer vom rechten Kurs abgetrieben wurden, sich an einer hoch emporleuchtenden Fackel oder an einem weithin sichtbaren Berggipfel orientieren und so wieder den Hafen finden, so werden auch jene, die auf dem Meer dieses Lebens mit steuerloser Seele umhergetrieben werden, finden durch den Blick auf Abraham und Sara wieder den Hafen des göttlichen Willens.
Da nun die menschliche Natur in Mann und Frau geteilt ist und beiden gleichermaßen die Wahl zwischen Tugend und Bösem offensteht, weist das göttliche Wort jedem Geschlecht ein ihm entsprechendes Vorbild der Tugend. So sollen die Männer auf Abraham schauen und die Frauen auf Sara, damit beide durch das ihnen verwandte Beispiel zum tugendhaften Leben geführt werden.
Darum mag es auch uns genügen, das Leben eines einzigen Menschen vor Augen zu stellen, der in rechter Weise gelebt hat. Wie ein Leuchtfeuer wird uns seine Erinnerung den Weg zeigen, damit wir die Seele sicher in den Hafen der Tugend führen und nicht mitten in den Stürmen des Lebens Schiffbruch erleiden oder in den Abgründen des Bösen versinken durch die unaufhörliche Bewegung der Leidenschaften. Deshalb werden uns die Lebensbeschreibungen der großen Männer mit solcher Sorgfalt überliefert, damit wir durch die Nachahmung ihres Wandels zum Guten geführt werden.
Vielleicht aber wird jemand sagen: „Was habe ich mit Abraham gemeinsam, da ich kein Chaldäer bin? Oder mit Mose, da ich nicht wie er am Hof der Tochter des Pharao erzogen wurde? Mein Leben gleicht dem ihren in keiner Weise. Wie sollte ich einem Menschen nacheifern können, dessen Lebensweise mir so fernliegt?“
Darauf antworten wir: Weder darin, Chaldäer zu sein, besteht Tugend oder Laster, noch entfernt Ägypten oder Babylon den Menschen vom tugendhaften Leben. Gott offenbart sich nicht allein in Judäa den Würdigen, und Zion ist nicht der einzige Ort seiner Gegenwart. Vielmehr bedarf es eines geistlichen Verständnisses, um zu erkennen, von welchen Chaldäern und Ägyptern wir uns entfernen und aus welcher babylonischen Gefangenschaft wir ausziehen müssen, wenn wir zum seligen Leben gelangen wollen.
Darum soll uns in dieser Schrift Mose als Vorbild des Lebens vor Augen stehen. Zuerst wollen wir seinen Wandel betrachten, wie ihn uns die Heilige Schrift überliefert; danach aber wollen wir den geistlichen Sinn der Erzählung erforschen, um daraus Unterweisung in der Tugend zu empfangen. So wird sichtbar werden, worin das vollkommene Leben des Menschen besteht.
Die Erzählung vom Leben Moses
Es wird berichtet, dass Mose in jener Zeit geboren wurde, als das Gesetz des Tyrannen befahl, die männlichen Kinder nicht am Leben zu lassen. Doch schon damals kündigte sich in dem Kind etwas von der ihm bestimmten Gnade an. Denn die Schönheit seines Antlitzes ließ seine Eltern, als sie ihn noch in Windeln sahen, davor zurückschrecken, ein solches Kind dem Tod preiszugeben. Und selbst als schließlich die Furcht vor dem Tyrannen überwog, übergaben sie ihn nicht einfach den Fluten des Nils, sondern legten ihn in einen Korb, der mit Pech und Harz bestrichen war, und vertrauten ihn erst dann dem Strom an. Doch eine göttliche Macht lenkte die Lade zum Ufer und ließ sie sanft ans Land treiben. Als nun die Tochter des Königs an eben jenen Ort kam, wohin der Korb getragen worden war, hörte sie das Weinen des Kindes. Als sie das Antlitz des Knaben sah und seine Schönheit erkannte, wurde sie sogleich von Mitleid bewegt und nahm ihn an Kindes statt zu sich. Doch da das Kind die fremde Brust zurückwies, wurde es durch die Weisheit seiner Angehörigen an der Brust der eigenen Mutter genährt.
Als Mose dem Kindesalter entwachsen war, wurde er an königlicher Tafel erzogen und in der Weisheit der Ägypter unterrichtet. Doch er wollte das, was bei den Fremden als groß galt, nicht länger hochachten, noch jene als Mutter anerkennen, die ihn nur angenommen hatte; vielmehr verlangte es ihn danach, zu seiner leiblichen Herkunft zurückzukehren und unter den Seinen zu leben.
Als ein Hebräer von einem Ägypter misshandelt wurde, trat Mose für seinen Stammesgenossen ein und erschlug den Fremden. Als später zwei Hebräer miteinander stritten, versuchte er, ihren Zorn zu besänftigen, und mahnte sie, nicht dem Grimm, sondern der brüderlichen Natur den Vorrang zu geben. Doch einer von ihnen wies seine Ermahnung zurück. Da machte Mose gerade diese Kränkung zum Ausgangspunkt größerer Weisheit: Er zog sich aus dem Verkehr der Menschen zurück und erwählte fortan das einsame Leben.
Dort begegnete er einem Fremden, einem Mann von besonnenem Urteil, der das Gute zu erkennen wusste. Schon an einer einzigen Tat — daran, wie Mose die Hirten zurücktrieb — erkannte er die Tugend des jungen Mannes: dass er nicht für eigenen Vorteil eintrat, sondern aus Liebe zur Gerechtigkeit das Unrecht abwehrte, obwohl er selbst keinen Schaden erlitten hatte. Deshalb achtete jener die Tugend des Mose höher als sichtbaren Reichtum, gab ihm seine Tochter zur Frau und ließ ihm Freiheit, sein Leben nach eigenem Willen zu führen. Mose aber erwählte das stille Leben fern vom Lärm der Städte und weidete die Herden in der Einsamkeit der Berge.
Nachdem er längere Zeit auf diese Weise gelebt hatte, widerfuhr ihm, wie die Schrift berichtet, eine furchtbare Offenbarung Gottes. Mitten am Tag blendete ihn ein Licht, das heller war als die Sonne. Verwundert über dieses ungewöhnliche Schauspiel erhob Mose den Blick zum Berg und sah einen Busch, in dem Feuer brannte, während die Zweige mitten in der Flamme grün blieben, als wären sie von Tau benetzt. Und Mose sprach bei sich: „Ich will hingehen und diese große Erscheinung sehen“ (Ex 3,3).
Kaum hatte er dies gesagt, wurde das wunderbare Licht nicht mehr nur mit den Augen wahrgenommen; denn was noch erstaunlicher war: Auch sein Gehör wurde von diesem Licht erleuchtet. Die Gnade des Lichtes durchdrang beide Sinne zugleich — sie erfüllte den Blick mit dem Glanz der Strahlen und erleuchtete das Gehör mit reinen Worten. Da verbot ihm die Stimme aus dem Licht, sich dem Berg zu nähern, solange er noch die toten Häute der Schuhe an den Füßen trug; erst nachdem er sie abgelegt hatte, durfte er den Boden betreten, den das göttliche Licht erhellte (Ex 3,5).
Doch wir sollen uns nicht zu lange bei den äußeren Einzelheiten der Erzählung aufhalten, sondern dem inneren Gang des Wortes folgen. Nachdem Mose durch diese Gotteserscheinung gestärkt worden war, empfing er den Auftrag, sein Volk aus der ägyptischen Knechtschaft zu befreien. Damit er aber die ihm von oben verliehene Kraft erkenne, bestätigt Gott den Auftrag durch Zeichen an dem, was Mose in Händen hält.
Der Stab fiel aus seiner Hand und wurde lebendig; er verwandelte sich in eine Schlange. Als Mose ihn wieder ergriff, wurde er erneut zum Stab. Ebenso wurde seine Hand, die er in den Gewandbausch gelegt hatte, weiß wie Schnee; als er sie ein zweites Mal hineinlegte, erhielt sie wieder ihr natürliches Aussehen (Ex 3,7–4,9).
Dann kehrte Mose mit seiner fremdstämmigen Frau und den von ihr geborenen Kindern nach Ägypten zurück. Unterwegs trat ihm, wie berichtet wird, ein Engel entgegen und bedrohte ihn mit dem Tod; doch das Blut der Beschneidung seines Sohnes besänftigte den Engel. Danach begegnete ihm Aaron, der durch göttliche Weisung herbeigeführt worden war.
Gemeinsam riefen sie das Volk Israel zu einer Versammlung zusammen und verkündeten denen, die unter Mühsal und Knechtschaft litten, die bevorstehende Befreiung. Auch dem Tyrannen selbst wurde dies mitgeteilt. Doch statt nachzugeben, steigerte er nur seine Härte — gegen die Aufseher ebenso wie gegen die Israeliten. Die Arbeit an den Ziegeln wurde vermehrt, und zugleich entzog man ihnen Stroh und Spreu, sodass ihre Mühsal noch schwerer wurde (Ex 5,12).
Pharao — so hieß der ägyptische Tyrann — versuchte nun, den göttlichen Zeichen, die durch Mose geschahen, die Täuschungen der Zauberer entgegenzustellen. Als Mose vor den Augen der Ägypter seinen Stab wieder in eine Schlange verwandelte, schienen auch die Zauberer Ähnliches zu vollbringen. Doch die Wahrheit offenbarte sich darin, dass die Schlange des Mose die Schlangen der Zauberer verschlang. Dadurch wurde sichtbar, dass ihre Stäbe weder Kraft noch Leben besaßen, sondern nur einen trügerischen Schein, der die Augen der Leichtgläubigen täuschte.
Da Mose sah, dass ganz Ägypten mit seinem Herrscher in derselben Bosheit verharrte, kam über das ganze Volk gemeinsam die Plage Gottes. Die Elemente selbst — Erde, Wasser, Luft und Feuer — kämpften wie ein gehorsames Heer gegen die Ägypter und wandelten auf Gottes Geheiß ihre Wirkungen. Und dieselbe Macht wirkte zur selben Zeit auf zweifache Weise: Sie strafte die Gottlosen und bewahrte die Unschuldigen unversehrt.
Auf das Wort des Mose hin verwandelte sich das Wasser Ägyptens in Blut, sodass selbst die Fische darin zugrunde gingen. Für die Hebräer aber blieb das Wasser trinkbar; darum konnten die Zauberer nur das Wasser, das sie bei den Hebräern fanden, scheinbar in Blut verwandeln. Ebenso verhielt es sich mit den Fröschen. Nicht nach gewöhnlichem Lauf der Natur mehrten sie sich in solcher Menge, sondern durch ein besonderes Gebot Gottes. Ganz Ägypten wurde von ihnen bedrängt, während das Leben der Hebräer von dieser Plage unberührt blieb.
Auch die Luft verlor für die Ägypter die Unterscheidung von Tag und Nacht, denn sie verharrten ständig in Finsternis; bei den Hebräern aber blieb alles wie zuvor. Ebenso verhielt es sich mit Hagel, Feuer, Geschwüren, Mücken, Fliegen und Heuschrecken: Jede dieser Plagen traf die Ägypter nach ihrer Weise, während die Hebräer nur durch Erzählungen von dem Leid ihrer Nachbarn erfuhren, ohne selbst davon betroffen zu sein. Schließlich zog der Tod der Erstgeborenen eine noch deutlichere Grenze zwischen beiden Völkern. Die Ägypter beweinten ihre Erstgeborenen, jeder das Liebste, was er besaß; die Hebräer aber blieben in Ruhe und Sicherheit bewahrt. Denn das vergossene Blut an den beiden Türpfosten und am oberen Balken wurde ihnen zum Zeichen des Heils (Ex 12,7).
III
Während die Ägypter über das Unglück ihrer Erstgeborenen trauerten und überall Klage erhoben wurde — jeder um die Seinen und alle gemeinsam um das allgemeine Leid —, ordnete Mose den Auszug Israels an. Zuvor hatte er das Volk angewiesen, die Reichtümer der Ägypter mitzunehmen unter dem Vorwand, sie nur zu leihen. Nachdem sie, wie die Schrift berichtet, drei Tage von Ägypten entfernt gezogen waren, gereute es den Ägyptern, Israel aus der Knechtschaft entlassen zu haben. Da bewaffnete der König seine ganze Macht und jagte mit Reitern und Wagen dem Volk nach.
Als die Israeliten die gerüsteten Pferde und die Menge der Waffen sahen, wurden sie von Furcht ergriffen; denn sie waren ungeübt im Krieg und solchen Dingen fremd. Da erhoben sie sich gegen Mose. Und hier geschieht, wie die Erzählung zeigt, etwas besonders Wunderbares an ihm: Während er mit Worten das Volk stärkt und es ermahnt, in guter Hoffnung zu bleiben, erhebt er zugleich im Innersten seines Geistes ein stilles Gebet zu Gott für die von Schrecken überwältigten Menschen. So empfängt er von oben die Weisung, wie sie der drohenden Gefahr entrinnen sollen. Und Gott, heißt es, erhörte seinen stummen Ruf (Ex 14,15).
Die Wolke aber zog vor dem Volk her durch die Kraft Gottes. Sie war nicht von jener Art, wie Wolken gewöhnlich entstehen — nicht aus Dünsten oder verdichteter Luft, die von Winden zusammengetrieben wird —, sondern sie war etwas, das die gewöhnliche Natur überstieg. Denn dieselbe Wolke wurde tagsüber, wenn die Sonne sengend brannte, zu einem schützenden Dach über dem Volk: Sie überschattete das Lager und milderte die glühende Luft mit feuchter Kühle. Nachts aber verwandelte sie sich in Feuer und leuchtete den Israeliten vom Abend bis zum Morgen wie eine Fackel. Auf diese Wolke blickte auch Mose selbst, und er lehrte das Volk, ihrem Zug zu folgen.
So kamen sie an das Rote Meer, wohin die Wolke sie geführt hatte. Hinter ihnen aber rückte das ganze ägyptische Heer heran, sodass die Israeliten zwischen Wasser und Feinden eingeschlossen waren und keinerlei Hoffnung auf Rettung mehr sahen. Da vollbrachte Mose, bewegt durch die Kraft Gottes, das Unbegreiflichste von allem.
Er trat an das Meer und schlug mit seinem Stab auf das Wasser. Da teilte sich das Meer durch den Schlag. Und wie bei einem Sprung im Glas der Riss von einer Seite bis zur anderen fortläuft, so setzte sich auch die Teilung der Wasser bis zum gegenüberliegenden Ufer fort. Mose stieg mit dem ganzen Volk hinab in die Tiefe des Meeres, und sie gingen trockenen Fußes durch den Abgrund, ohne dass ihre Leiber vom Wasser benetzt wurden, als wären sie von Sonnenstrahlen umhüllt. Und sie fürchteten sich nicht vor den Wassermassen, die rechts und links wie Mauern erstarrt standen.
Als aber auch der Pharao mit den Ägyptern in das Meer eindrang und dem neu eröffneten Weg durch die Wasser folgte, vereinigten sich die geteilten Fluten wieder. Das Meer kehrte in seine frühere Gestalt zurück, und die Wasser wurden wieder zu einer einzigen Fläche. Die Israeliten aber ruhten bereits am Ufer von dem schweren Weg durch das Meer aus und erhoben ein Siegeslied für Gott, der ihnen ohne Waffen und ohne Blutvergießen[2] den Sieg geschenkt hatte, nachdem das ganze Heer Ägyptens mit Pferden, Wagen und Waffen im Meer versunken war.
Dann zog Mose weiter. Nach drei Tagen durch wasserloses Land geriet das Volk in große Not, da es nichts hatte, um den Durst zu stillen. Zwar fanden sie einen See an dem Ort ihres Lagers, doch das Wasser war bitterer noch als Meerwasser. Während nun das Volk am Wasser stand und vor Durst verschmachtete, zeigte Gott Mose einen Baum. Er warf ihn in das Wasser, und sogleich wurde das Bittere süß; denn die Kraft des Holzes verwandelte die Natur des Wassers.
Dann brachen sie wieder auf und folgten der Wolke wie einem Wegweiser. Immer hielten sie dort an, wo die Wolke stillstand, und zogen weiter, sobald sie sich wieder erhob. So gelangten sie an einen Ort mit reichem Wasser. Zwölf Quellen strömten dort hervor, und siebzig Dattelpalmen spendeten Schatten. Obwohl ihre Zahl gering war, erregten sie doch durch ihre Schönheit und Größe Staunen bei allen, die sie sahen.
Von dort führte die Wolke das Volk weiter in eine Wüste aus trockenem und wasserlosem Sand. Als das Volk erneut vom Durst gequält wurde, schlug Mose mit seinem Stab auf einen Felsen. Da brach aus dem Stein reichlich süßes und frisches Wasser hervor — mehr, als das große Volk bedurfte.
Als schließlich auch die Nahrungsvorräte erschöpft waren, die sie aus Ägypten mitgenommen hatten, begann das Volk zu hungern. Da geschah das Wunderbarste von allen Wundern. Nicht aus der Erde wuchs ihnen Nahrung hervor, wie es der gewöhnlichen Ordnung entspricht, sondern vom Himmel fiel ihnen Speise herab wie Tau.
Am Morgen lag sie über dem Lager ausgebreitet. Doch es waren keine Tropfen wie gewöhnlicher Tau, sondern kleine körnige Gebilde, rund wie Koriandersamen und süß wie Honig im Geschmack. Und auch darin zeigte sich ein weiteres Wunder: Obwohl die Sammler sich an Alter und Kraft unterschieden, brachte keiner mehr oder weniger heim als der andere. Vielmehr entsprach das Gesammelte genau dem Bedarf jedes Einzelnen, sodass der Starke keinen Überfluss hatte und dem Schwachen nichts fehlte.
Zugleich gebot das Wort, nichts bis zum nächsten Tag zurückzulegen. Wenn aber jemand aus Sorge etwas aufbewahrte, wurde das Zurückgelegte ungenießbar und voller Würmer. Doch auch hierin offenbarte sich ein weiteres Geheimnis. Einer der Tage war nach göttlicher Ordnung der Ruhe geweiht. Am Tag zuvor wurde dieselbe Menge gesammelt wie sonst, und doch erwies sie sich als doppelt so groß, sodass niemand wegen Nahrungssorge das Gesetz der Ruhe übertreten musste. Und was an den übrigen Tagen verdarb, blieb am Tag vor dem Sabbat unversehrt und frisch bewahrt. So zeigte sich die göttliche Kraft noch deutlicher.
Dann erhob sich gegen Israel ein fremdes Volk, das die Schrift Amalekiter nennt. Zum ersten Mal stellte sich Israel damals zum Kampf auf — nicht das ganze Volk, sondern die Tapfersten und Auserwählten zogen in die Schlacht. Josua führte das Heer, denn ihm sollte nach Mose die Führung des Volkes anvertraut werden.
Mose aber stand außerhalb des Kampfes auf einer Anhöhe und erhob seine Augen zum Himmel, während zu beiden Seiten Männer bei ihm standen. Da geschah wiederum ein wunderbares Zeichen: Solange Mose seine Hände zum Himmel erhoben hielt, siegte Israel über die Feinde; sobald er aber die Hände sinken ließ, gewannen die Fremden die Oberhand.
Als die Umstehenden dies bemerkten und sahen, dass seine Hände schwer wurden, stützten sie ihn von beiden Seiten. Und weil selbst dies nicht ausreichte, setzten sie ihn auf einen Stein, damit er ohne Ermüdung die Hände emporhalten konnte. So wurden die Amalekiter schließlich vollständig von Israel besiegt.
IV
Da nun die Wolke an demselben Ort verweilte, blieb auch das Volk dort; denn ohne den Wegweiser konnten sie nicht weiterziehen. Und doch besaßen sie alles, was sie zum Leben brauchten, ohne Mühe und in Fülle. Von oben regnete ihnen Brot herab, fertig bereitet, und unten ließ der Fels Wasser hervorsprudeln. Die Wolke selbst schützte sie vor den Mühen der Wüste: Tagsüber wurde sie ihnen wie eine Wand gegen die Glut der Sonne, nachts zerstreute sie mit feurigem Licht die Dunkelheit. So war ihr Aufenthalt am Fuß des Berges, wo sie lagerten, frei von Beschwernis.
Hier führte Mose das Volk in ein unaussprechliches Geheimnis ein. Die göttliche Kraft selbst leitete durch Wunder, die jedes Wort übersteigen, sowohl das Volk als auch seinen Führer zur Einweihung in das Mysterium.
Zuerst wurde dem Volk geboten, sich von jeder Befleckung an Leib und Seele fernzuhalten und sich durch Reinigungen zu heiligen. Auch sollten sie sich für eine bestimmte Zeit des ehelichen Umgangs[3] enthalten, damit derjenige, der sich dem Geheimnis nahen wollte, gereinigt von allem Leidenschaftlichen und Fleischlichen den Berg besteigen könne. Der Name dieses Berges war Sinai.
Damals war der Aufstieg nur vernunftbegabten Wesen erlaubt, und auch unter diesen nur denen, die von aller Unreinheit gereinigt waren. Mit großer Sorgfalt achtete man darauf, dass kein unvernünftiges Tier den Berg berührte; geschah es dennoch, sollte es gesteinigt werden (Ex 19,10–15).
Dann verdunkelte sich die zuvor klare Luft. Finsternis lagerte sich rings um den Berg, sodass er den Blicken entzogen wurde. Aus der Dunkelheit brach Feuer hervor, und der ganze Berg schien von Flammen umschlossen. Rauch erfüllte alles Sichtbare im Umkreis.
Mose aber führte das Volk heran. Und auch er selbst wurde von Furcht ergriffen: Seine Seele erbebte, sein Leib zitterte, und er verbarg seine Erschütterung vor den Israeliten nicht. Denn das Geschehen flößte nicht nur durch den Anblick Schrecken ein, sondern auch durch das Gehör. Von oben erscholl eine Stimme, deren Donner alles ringsum erschütterte. Schon ihr erster Klang war kaum zu ertragen. Er glich dem Ton einer Posaune, übertraf aber alles Vergleichbare an Gewalt und Furchtbarkeit. Und während die Stimme fortdauerte, wurde sie immer mächtiger.
Doch obwohl kein Mund sichtbar war, sprach die Stimme deutlich; denn durch göttliche Kraft formte die Luft selbst die Worte. Und diese Worte waren nicht leer, sondern enthielten göttliche Gebote. Immer stärker wurde die Stimme, und der Klang der Posaune übertraf sich selbst fortwährend (Ex 19,19).
Das Volk vermochte das Gesehene und Gehörte nicht länger zu ertragen. Deshalb baten alle gemeinsam Mose, Mittler des Gesetzes zu werden, und versprachen, alles anzunehmen, was er ihnen als von Gott empfangen verkünden würde. So kehrten sie wieder an den Fuß des Berges zurück, Mose aber blieb allein zurück.
Und hierin zeigte sich etwas Widerstreitendes und zugleich Wahres an ihm. Denn während die anderen in gemeinsamer Furcht noch mehr erschraken, wurde Mose mutiger, sobald er allein geblieben war. Daran erkennt man, dass seine frühere Furcht nicht aus eigener Schwäche kam, sondern aus Mitleid mit denen, die von Schrecken überwältigt waren.
Als er nun von der Furcht des Volkes gleichsam entlastet war, trat er selbst in die Finsternis ein und verschwand vor den Blicken der Menschen. Denn indem er in die göttliche Finsternis eindrang, wurde er selbst den Blicken entzogen und verweilte dort beim Unsichtbaren.
Dadurch lehrt er, wie ich meine, dass derjenige, der sich Gott nähern will, alles Sichtbare hinter sich lassen und den Geist zum Unsichtbaren und Unfassbaren erheben muss, wie auf einen Gipfel, und glauben soll, dass Gott gerade dort ist, wo das Denken nicht mehr hingelangt.
Dort empfing Mose die göttlichen Gebote — eine Unterweisung in der Tugend, deren Anfang die rechte Frömmigkeit und das wahre Denken über Gott ist. Denn die göttliche Natur übersteigt jedes Bild, jeden Begriff und alles, was der Verstand erfassen kann. Darum gebietet die Schrift, Gott nicht mit irgendetwas Begreiflichem zu vergleichen und das alles Übersteigende nicht an den Maßstab des Erkennbaren zu binden[4]. Man soll glauben, dass Er ist; was Er seinem Wesen nach ist, bleibe unerforschlich.
Dann fügt die Schrift die Unterweisung in die sittlichen Gebote hinzu — allgemeine wie besondere. Das allgemeine Gesetz verwirft jede Ungerechtigkeit und gebietet die Liebe zum Nächsten. Denn wer dieses Gebot bewahrt, wird notwendig dem Mitmenschen kein Unrecht zufügen. Unter den besonderen Geboten aber wird die Ehrung der Eltern vorgeschrieben und die Reihe der verbotenen Verfehlungen aufgezeigt[5].
Nachdem der Geist des Mose durch diese Gesetze gereinigt worden war, wurde er zu einer noch höheren Schau geführt. Denn plötzlich zeigte ihm die göttliche Kraft die Stiftshütte.
Sie war ein Heiligtum von unaussprechlicher Schönheit: Vorhallen und Säulen, Vorhänge, ein Tisch, ein Leuchter, Räucheraltar und Opferaltar, das Waschbecken und das Innerste des Allerheiligsten, verborgen und unzugänglich.
Damit aber die Schönheit und Ordnung dessen, was ihm gezeigt worden war, nicht dem Gedächtnis entschwinde, erhielt Mose den Auftrag, nicht bloß eine Beschreibung zu hinterlassen, sondern das immaterielle Urbild durch ein sichtbares Heiligtum nachzubilden. Dazu sollte er die kostbarsten und glänzendsten Stoffe der Erde verwenden.
Vor allem wurde Gold verwendet, mit dem die Säulen rings überzogen waren. Daneben trat Silber hinzu, das ihre oberen und unteren Teile schmückte, sodass — wie ich meine — der Glanz des Goldes durch den Gegensatz noch heller hervortrat. Auch Kupfer wurde verwendet, sowohl an den oberen Abschlüssen als auch an den Sockeln.
Die Vorhänge und Decken der Stiftshütte wurden mit kunstvoller Webarbeit gefertigt. Purpur, Scharlach und Karmesin verbanden sich mit dem reinen Weiß des Byssus. An anderen Stellen wurden Leinen oder Tierfelle verwendet; manche Decken waren mit roten Fellen geschmückt.
All dies ließ Mose nach dem himmlischen Urbild ausführen, das ihm auf dem Berg gezeigt worden war.
Während er sich in jenem nicht von Menschenhänden errichteten Heiligtum befand, empfing er auch die Weisung über die priesterlichen Gewänder. Die Schrift beschreibt jedes Stück im Einzelnen.
Die äußeren Gewänder waren aus denselben vielfarbigen Stoffen gewoben wie die Vorhänge der Stiftshütte, doch durchwirkte hier das Gold die Stoffe noch reicher. Auf den Schultern verbanden zwei smaragdgrüne Steine, in Gold gefasst, die Teile des Gewandes. Ihre Schönheit bestand nicht allein im natürlichen Glanz, sondern auch in der kunstvollen Bearbeitung. Denn nicht Bilder waren auf ihnen eingraviert, sondern die Namen der Patriarchen — je sechs auf jedem Stein.
Vor diesen Schmuckstücken hingen goldene Verzierungen und geflochtene Schnüre wie ein Netzwerk, damit die Schönheit des Geflechts vor dem darunterliegenden Glanz noch deutlicher hervortrete.
Auf der Brust trug der Priester ein goldenes Brustschild mit Edelsteinen verschiedener Art, in vier Reihen geordnet, je drei in einer Reihe. Auf ihnen standen die Namen der Stämme Israels geschrieben.
Unter dem Obergewand trug er ein langes Gewand, das vom Hals bis zu den Füßen reichte. Sein Saum war nicht nur kunstvoll gewebt, sondern auch mit goldenen Glöckchen und Granatäpfeln geschmückt, die abwechselnd angeordnet waren.
Auf dem Haupt befand sich ein purpurnes Stirnband, und an der Stirn eine goldene Platte mit geheimnisvollen Schriftzeichen. Auch der Gürtel, die verborgenen Gewänder und alles Übrige trugen in sich eine sinnbildliche Unterweisung über die Tugend des Priestertums.
Dies alles lernte Mose in jener undurchdringlichen Finsternis durch unaussprechliche göttliche Unterweisung. Und nachdem er dort in die verborgenen göttlichen Geheimnisse eingeweiht worden war, überstieg er gleichsam die Grenzen der menschlichen Natur.
Dann trat er wieder aus der Finsternis hervor und stieg zu seinem Volk hinab, um ihnen von den Wundern der Gotteserscheinung zu berichten, die Gesetze zu übergeben und das Heiligtum samt Priesterdienst nach dem himmlischen Vorbild einzurichten.
In seinen Händen trug er die heiligen Tafeln — Gottes Werk und Gottes Gabe. Nicht nur die Schriftzeichen, sondern auch die Tafeln selbst waren durch göttliche Kraft hervorgebracht.
Doch das Volk wartete nicht auf die Rückkehr seines Gesetzgebers. Vielmehr gab es sich zügellos dem Götzendienst hin und machte sich dadurch unwürdig für die göttliche Gabe.
Lange Zeit hatte Mose im Umgang mit Gott verweilt — vierzig Tage und vierzig Nächte unter dem Schleier der Finsternis. Dort hatte er Anteil an einem Leben empfangen, das über die menschliche Natur hinausgeht; denn während dieser ganzen Zeit bedurfte sein Leib keiner Nahrung.
Das Volk war wie ein Kind, das seines Führers beraubt worden war. Von seinen Begierden fortgerissen, verfiel es der Zügellosigkeit und zwang selbst Aaron dazu, ihr Führer im Götzendienst zu werden.
Sie machten aus Gold ein Kalb und versanken in ihrer Gottlosigkeit.
Da trat Mose zu ihnen und zerschmetterte die Tafeln, die er von Gott empfangen hatte, damit sie durch den Verlust dieser Gabe die Schwere ihrer Sünde erkennen sollten.
Dann zerstörte er das Götzenbild und reinigte durch die Hände der Leviten die Befleckung seines Volkes mit Blut. Durch seinen gerechten Zorn besänftigte er zugleich den Zorn Gottes.
Nach weiteren vierzig Tagen auf dem Berg empfing Mose erneut die Tafeln des Gesetzes. Wieder war die Schrift Gottes Werk, auch wenn diesmal die Tafeln selbst von Mose bereitet worden waren. Und wiederum lebte er während dieser Tage jenseits der gewöhnlichen Ordnung der menschlichen Natur und nahm keinerlei Nahrung zu sich, wie sie sonst zur Stärkung des Leibes dient. (Ex 34,1–28).
V.
Danach errichtete Mose nach göttlicher Weisung die Stiftshütte, übergab die gesetzlichen Vorschriften und setzte das Priestertum ein. Alles wurde nach dem ihm gezeigten Vorbild eingerichtet: die Stiftshütte selbst, ihre Vorhöfe und alles, was sich in ihrem Inneren befand — der Räucheraltar, der Opferaltar, der Leuchter, die Vorhänge, das Waschbecken im Heiligtum, die priesterlichen Gewänder, das Salböl und die verschiedenen Opfer: Reinigungsopfer, Dankopfer, Opfer in Zeiten der Not und Sühneopfer für Verfehlungen.
Als Mose all dies geordnet hatte, erwachte unter denen, die ihm nahestanden, jene Krankheit, die der menschlichen Natur eigen ist — der Neid.
Selbst Aaron, obwohl ihm durch das Priestertum große Ehre zuteilgeworden war, und Mirjam, seine Schwester, die in weiblicher Eifersucht auf die Gott verliehene Würde des Mose blickte, begannen gegen ihn zu reden. Deshalb traf sie die göttliche Zurechtweisung. Umso wunderbarer aber zeigt sich hierin die Güte des Mose: Während Gott den unvernünftigen Neid bestrafte, trat Mose selbst für seine Schwester ein und bat um ihre Heilung (Num 12,1–13).
Doch auch das Volk verfiel erneut der Zügellosigkeit. Nicht Krankheit oder Not führte sie zur Sünde, sondern Maßlosigkeit im Genuss. Denn obwohl sie sorglos lebten und die von oben gesandte Nahrung empfingen, verlangte ihre Begierde nach Fleisch, und die Lust am Essen ließ ihnen die Knechtschaft Ägyptens begehrenswerter erscheinen als die Freiheit und die empfangenen Güter.
Mose brachte diese Leidenschaft vor Gott. Und Gott lehrte sie gerade dadurch, dass Er ihnen gewährte, wonach sie verlangten, dass sie solches nicht hätten begehren sollen. Denn Er sandte eine ungeheure Menge von Vögeln ins Lager. In Schwärmen flogen sie dicht über den Boden, sodass ihr Fang keine Mühe erforderte. Da gab sich das Volk maßlosem Essen hin, und die Überfüllung des Leibes verwandelte die inneren Kräfte in Verderben: Die Sättigung endete für viele in Krankheit und Tod[6]. Dieses Beispiel genügte sowohl den Betroffenen als auch den Zeugen des Geschehens, um zur Enthaltsamkeit zurückzuführen (Num 11).
Dann sandte Mose Kundschafter in das Land, das Gott Israel verheißen hatte. Doch nicht alle verkündeten die Wahrheit; einige brachten mutlose und falsche Berichte zurück. Wieder erhob sich das Volk gegen Mose. Da sprach Gott das Urteil, dass jene, die an seiner Hilfe verzweifelt hatten, das verheißene Land nicht sehen sollten (Num 13–14).
Als sie weiter durch die Wüste zogen, mangelte es ihnen erneut an Wasser. Zugleich schwand die Erinnerung an Gottes Macht. Obwohl sie das frühere Wunder am Felsen erlebt hatten, glaubten sie nun wieder nicht, dass Gott ihnen geben könne, was sie benötigten. Nachdem sie die Hoffnung verworfen hatten, begannen sie gegen Gott und gegen Mose zu murren. Selbst Mose schien unter dem Unglauben des Volkes zu leiden, und dennoch vollbrachte er wiederum das Wunder und ließ Wasser aus dem Felsen hervorbrechen (Num 20,2–13).
Doch bald kehrte die Knechtschaft des Bauches wieder zurück. Obwohl ihnen nichts zum Leben fehlte, verlangten sie nach den Genüssen Ägyptens. Da wurden sie wie zügellose Jünglinge durch harte Schläge zur Besinnung gebracht: Schlangen breiteten sich im Lager aus, und ihr Biss brachte tödliches Gift.
Als nun einer nach dem anderen an den Schlangenbissen starb, stellte Mose auf Gottes Weisung hin ein ehernes Bild der Schlange auf einer Anhöhe auf, sichtbar für das ganze Lager. Und wer auf die eherne Schlange blickte, fürchtete den Biss der lebendigen Schlange nicht mehr; denn auf geheimnisvolle Weise wurde die Kraft des Giftes durch den Anblick überwunden (Num 21,4–9).
Wiederum erhob sich im Volk Aufruhr gegen Mose, und einige wagten es, sich das Priestertum anzumaßen. Mose trat zwar als Fürsprecher für die Sünder vor Gott ein, doch erwies sich die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichts stärker als sein Mitleid mit den Stammesgenossen. Die Erde öffnete sich und verschlang jene, die sich gegen Mose erhoben hatten, zusammen mit ihren Häusern und ihrem Geschlecht. Die zweihundertfünfzig Männer aber, die nach dem Priestertum verlangten, wurden vom Feuer verzehrt, und ihr Ende wurde dem Volk zur Mahnung (Num 16).
Damit aber allen offenbar würde, wem Gott die Gnade des Priestertums verliehen hatte, nahm Mose von jedem Stamm einen Stab und schrieb auf jeden den Namen seines Besitzers. Darunter befand sich auch der Stab Aarons. Mose legte die Stäbe im Heiligtum nieder und erwartete Gottes Urteil. Da spross allein der Stab Aarons, brachte Blüten hervor und trug Frucht — Mandeln.
Dies erschien selbst den Ungläubigen als das größte Wunder: dass ein trockenes Holz ohne Wurzel, ohne Erde und ohne Feuchtigkeit plötzlich dieselbe Kraft des Lebens zeigte wie ein lebendiger Baum. Denn Gottes Macht ersetzte ihm Erde und Wurzel, Feuchtigkeit und Zeit (Num 17).
Als Mose das Volk durch die Länder fremder Völker führte, schwor er, Israel werde weder Felder noch Weinberge betreten, sondern allein auf dem Königsweg[7] ziehen, ohne nach rechts oder links abzuweichen (Num 21,22). Doch auch dadurch ließen sich die Gegner nicht besänftigen. Da besiegte Mose sie im Kampf und erzwang den Durchzug.
Danach geriet Balak, der Herrscher der Midianiter, in Furcht, als er vom Untergang der anderen Völker hörte. Ohne den Kampf abzuwarten, suchte er Hilfe nicht bei Waffen, sondern bei der Zauberei. Er ließ Bileam rufen, einen Mann, der in der Wahrsagerei erfahren war und dem man dämonische Macht zuschrieb. Er verstand die Deutung der Vögel[8] und galt als gefährlich, weil man meinte, er könne mit Hilfe finsterer Kräfte Unheil über Menschen bringen.
Als er sich auf den Weg machte, kündigte ihm die Stimme der Eselin an, dass dieser Weg ihm kein Heil bringen werde. Und nachdem ihm durch göttliche Erscheinung offenbart worden war, was zu tun sei, erkannte er, dass jede Zauberei machtlos ist gegen jene, denen Gott beisteht. Nicht mehr von dämonischer Macht erfüllt, sondern von göttlicher Eingebung bewegt, sprach er Worte der Weissagung über das zukünftige Heil Israels. Da ihm das Wirken des Bösen verwehrt war und er die Macht Gottes erkannt hatte, legte er die Zauberei ab und weissagte nach Gottes Willen (Num 22–24).
Nachdem die feindlichen Völker besiegt waren, wurde das Volk Gottes wiederum von Begierde überwältigt — diesmal durch die Leidenschaft gegenüber den gefangenen Frauen. Erst als Pinhas die in schändlicher Verbindung Verstrickten mit einem einzigen Stoß durchbohrte, wich der Zorn Gottes von Israel, das sich in Unzucht und Verwirrung verloren hatte (Num 25,1–9).
Danach stieg der Gesetzgeber auf einen hohen Berg und schaute von ferne das Land, das Gott den Vätern verheißen hatte. Dort schied er aus diesem Leben. Doch weder ein Grabmal noch irgendein Zeichen seines Begräbnisses blieb auf Erden zurück (Dtn. 34).
Und selbst die Zeit vermochte seine Schönheit nicht zu zerstören. Das Licht seiner Augen wurde nicht verdunkelt, und die Gnade seines Antlitzes verlor nichts von ihrer Kraft. Er blieb derselbe, obwohl die Natur allem Wandel unterworfen ist (Dtn. 34,7).
Dies also konnten wir beim ersten Blick auf das Leben dieses Mannes erkennen. Wir haben es kurz erzählt, obwohl die Darstellung an manchen Stellen notwendig ausführlicher wurde. Nun ist es Zeit, das Gesagte auf das Ziel unserer Betrachtung hinauszulegen, damit aus der Geschichte eine Unterweisung für das tugendhafte Leben hervorgehe. Kehren wir deshalb wieder zum Anfang der Erzählung über Mose zurück.
AUSLEGUNG DES LEBENS MOSES
Als das Gesetz des Tyrannen befahl, die männlichen Kinder auszurotten, wurde Mose geboren (Ex 1,16). Wie aber könnte jemand freiwillig einer Geburt nacheifern, die von den Umständen der leiblichen Geburt abhängt? Gewiss wird man sagen: Es steht nicht in unserer Macht, durch unsere Geburt jener ruhmvollen Geburt des Mose gleich zu werden. Und doch ist es keineswegs schwer, gerade dort mit der Nachahmung zu beginnen, wo die Sache unmöglich zu sein scheint.
Denn wer weiß nicht, dass alles Wandelbare niemals in demselben Zustand verharrt, sondern sich unaufhörlich von einem zum anderen verändert und durch den Wandel entweder zum Besseren oder zum Schlechteren wird?
Verstehe dies nun im geistlichen Sinn. Die sinnliche und den Leidenschaften geneigte Lebensweise — jene Verfassung, zu der die menschliche Natur besonders leicht hinabsinkt — ist das Weibliche im Leben. Und dies gefällt dem Tyrannen. Die Festigkeit und Unerschütterlichkeit in der Tugend ist eine männliche Geburt, die dem Tyrannen verhasst und verdächtig ist, weil sie seiner Herrschaft widersteht.
Denn alles Wandelbare wird gewissermaßen fortwährend neu geboren. In der wandelbaren Natur bleibt nichts immer dasselbe. Und deshalb geschieht diese Geburt nicht durch äußeren Zwang oder zufällige Umstände, wie bei der leiblichen Geburt; vielmehr vollzieht sie sich nach freier Wahl. Wir werden gewissermaßen unsere eigenen Eltern und gebären uns selbst so, wie wir es wollen. Nach eigenem Entschluss formen wir uns durch Tugend oder Laster zu dem Geschlecht, das wir wählen — männlich oder weiblich.
So können auch wir, zum Leidwesen des Tyrannen, durch eine bessere Geburt ans Licht treten. Dann freuen sich die Eltern einer solchen Geburt — das sind jene guten Gedanken, die aus der Tugend hervorgehen — über ihre schöne Frucht.
Darum lehrt uns das Wort, indem es den verborgenen Sinn der Geschichte enthüllt, wie der Anfang eines tugendhaften Lebens entsteht: nämlich dadurch, dass einer auf eine Weise geboren wird, die dem Feind unerquicklich ist. Denn niemand kann den Widersacher betrüben, wenn nicht schon an ihm selbst die Zeichen des Sieges sichtbar werden.
Von derselben freien Entscheidung hängt es auch ab, diesen männlichen und tugendhaften Nachkommen hervorzubringen, ihn mit angemessener Nahrung zu stärken und ihn unversehrt durch die Wasser zu geleiten. Denn diejenigen, die ihre Kinder dem Tyrannen überlassen, geben sie schutzlos dem Strom preis.
Mit diesem Strom meine ich das Leben, das von den unaufhörlichen Bewegungen der Leidenschaften aufgewühlt wird und alles mit sich fortreißt, was in seine Strömung gerät.
Die keuschen und vorsorgenden Gedanken aber — die Väter solcher männlichen Geburt — setzen, wenn die Notwendigkeit des Lebens es verlangt, ihre gute Frucht den Wellen nur unter dem Schutz einer Arche aus, damit sie nicht in der Tiefe versinke (Ex 2,3).
Diese Arche, aus vielen Brettern zusammengefügt, bedeutet die Bildung und Erziehung der Seele, die aus vielerlei Unterweisung fest zusammengefügt ist. Von ihr getragen, geht der Mensch nicht in den Wellen des Lebens unter und wird nicht weit von der Strömung fortgerissen, sondern gelangt zum festen Ufer — das heißt außerhalb der weltlichen Unruhe.
Und dies bestätigt auch die Erfahrung. Denn jene, die nicht in die Verwirrungen und Erfindungen des gewöhnlichen Lebens versunken sind, werden von der unbeständigen Bewegung weltlicher Dinge gleichsam hinausgestoßen wie eine unnütze Last. Die Welt hält diejenigen für fremd, die durch Tugend Gewicht gewonnen haben. Wer also außerhalb solcher Unruhe steht, der ahme Mose nach und scheue sich nicht vor den Tränen, auch wenn er in der Arche geborgen ist. Denn die Tränen sind ein treuer Wächter für jene, die ihr Heil in der Tugend suchen.
ERZIEHUNG IM HAUS DER ÄGYPTISCHEN PRINZESSIN
Die kinderlose und unfruchtbare Königstochter — unter der, wie ich meine, die äußere Weisheit zu verstehen ist — nimmt das Kind an sich und nennt sich seine Mutter. Doch das Wort erlaubt uns, die Eigenschaften dieser fremden Mutter nur so lange anzunehmen, wie in uns noch die Unreife des geistlichen Alters herrscht. Wer aber, wie Mose, zur Reife gelangt ist, wird es als Schande empfinden, Sohn einer von Natur aus Unfruchtbaren genannt zu werden.
Die äußere Weisheit ist ständig in Geburtswehen und bringt doch niemals etwas wahrhaft Lebendiges hervor. Welche Frucht hat denn diese Philosophie nach so vielen Mühen geboren, die ihrer Anstrengung würdig wäre? Werden nicht alle ihre Hervorbringungen noch ungeformt ausgestoßen, ehe sie das Licht der Gotteserkenntnis erblicken? Vielleicht könnten sie menschliche Gestalt gewinnen, wenn sie nicht ganz im Schoß unfruchtbarer Spekulation verborgen blieben.
Wer also lange genug bei der ägyptischen Prinzessin verweilt hat, um den Ägyptern nicht als Fremder zu erscheinen, der kehre schließlich zu seiner wahren Mutter zurück. Doch selbst während seiner Erziehung im Haus der Fremden soll er sich nicht von der Muttermilch entfernen, wie die Geschichte von Mose sagt (Ex 2,7–9).
Dies lehrt uns, wie ich meine, dass wir uns zwar während unserer Ausbildung mit den äußeren Wissenschaften beschäftigen dürfen, uns aber niemals der nährenden Milch der Kirche berauben sollen. Denn die Überlieferung und Ordnung der Kirche nähren die Seele und verleihen ihr Kraft zum Wachstum.
Wahr ist darum das Wort, dass derjenige zwischen zwei Gegnern steht, der zugleich auf fremde Weisheit und auf die väterliche Lehre hört. Denn das fremde Denken erhebt sich gegen die Frömmigkeit und bemüht sich, stärker zu erscheinen als das Israel Gottes. Vielen Oberflächlichen scheint dies tatsächlich so; deshalb verlassen sie den Glauben der Väter und werden Verräter an der Wahrheit.
Wer groß und edel gesinnt ist wie Mose, der erschlägt das Wort, das sich gegen die Frömmigkeit erhebt. Einen ähnlichen Kampf kann jeder auch in sich selbst erkennen. Der Mensch steht gleichsam zwischen zwei gegnerischen Mächten, und wem er sich anschließt, den macht er zum Sieger. So kämpft der Götzendienst gegen die Frömmigkeit, die Zügellosigkeit gegen die Keuschheit, die Ungerechtigkeit gegen die Gerechtigkeit, der Hochmut gegen die Demut — und überhaupt alles, was einander entgegengesetzt ist. Dies ist der Kampf des Ägypters gegen den Hebräer.
Darum lehrt uns Mose durch sein eigenes Beispiel, uns mit der Tugend zu verbinden wie mit einem Stammesgenossen und das zu töten, was sich gegen sie erhebt (Ex 2,12). Denn wenn die Frömmigkeit siegt, wird der Götzendienst vernichtet; ebenso wird die Ungerechtigkeit durch die Gerechtigkeit getötet und der Hochmut durch die Demut überwunden. Doch auch unter den Brüdern selbst kommt es zum Kampf (Ex 2,13). Denn die Lehren der Häresien könnten nicht entstehen, wenn nicht irrende Gedanken gegen die wahreren Gedanken aufständen.
Wenn wir aber zu schwach sind, der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen, weil das Böse durch seine List übermächtig geworden ist, dann müssen wir — wie das Beispiel des Mose zeigt — so schnell wie möglich zur höheren und geheimnisvolleren Unterweisung fliehen.
Und selbst wenn es notwendig wird, wiederum mit den Fremden Umgang zu haben, das heißt sich der äußeren Weisheit zuzuwenden, dann darf dies erst geschehen, nachdem wir die bösen Hirten vertrieben haben, die sich den Brunnen unrechtmäßig aneignen (Ex 2,15–17). Damit sind jene gemeint, die die Bildung missbrauchen und die Lehre arglistig verkehren.
Danach aber sollen wir in die Sammlung zurückkehren und fern von Streit und Zwietracht leben, zusammen mit denen, die eines Sinnes mit uns sind. Dann werden alle Regungen der Seele wie eine Herde dem leitenden Logos[9] folgen und sich von ihm weiden lassen.
DER BRENNENDE BUSCH UND DIE OFFENBARUNG DES SEIENDEN
Wenn wir in diesem friedvollen und von Streit freien Leben verharren, wird uns die Wahrheit aufleuchten und mit ihren Strahlen das geistige Auge der Seele erhellen. Die Wahrheit aber, die sich Mose in jenem unaussprechlichen Licht offenbarte, ist Gott selbst.
Und es ist nicht ohne Bedeutung zu fragen, weshalb das Licht, das die Seele des Propheten erleuchtete, aus einem Dornbusch hervorstrahlte (Ex 3,2). Denn wenn Gott die Wahrheit ist (Joh 14,6) und die Wahrheit zugleich Licht genannt wird (Joh 8,12) — und beide Namen bezeugt das Evangelium dem Gott, der uns im Fleisch erschienen ist —, dann wird offenbar, dass ein tugendhaftes Leben zur Erkenntnis jenes Lichtes führt, das selbst bis zur menschlichen Natur herabgestiegen ist.
Es leuchtete nicht aus irgendeinem Stern oder aus einer himmlischen Lichtquelle hervor, damit niemand meine, sein Glanz sei etwas Materielles; vielmehr strahlte es aus einem irdischen Dornbusch hervor und übertraf doch mit seinem Licht die himmlischen Gestirne. Dadurch wird uns auch das Geheimnis der Jungfrau verständlich. Denn das Licht der Gottheit, das durch sie in das menschliche Leben eintrat, bewahrte den Busch, den es entzündet hatte, unversehrt. So verwelkte auch nach der Geburt die Blüte der Jungfräulichkeit nicht.
Dieses Licht lehrt uns zugleich, wie wir in seinen Strahlen bleiben können. Denn niemand vermag mit beschuhten Füßen jene Höhe zu ersteigen, auf der das Licht der Wahrheit geschaut wird, solange nicht die tote und irdische Hülle abgelegt wird, die unserer Natur nach dem Ungehorsam angelegt wurde, als wir nackt erfunden wurden (Gen 3,21; Ex 3,5)[10]. Wenn dies geschieht, folgt daraus die Erkenntnis der Wahrheit, die uns von den falschen Vorstellungen über das Nichtseiende[11] reinigt.
Denn darin, so meine ich, besteht wahres Erkennen: keine trügerische Vorstellung vom Seienden zu haben. Die Täuschung ist eine Einbildung des Geistes über das Nichtseiende, als hätte es Wirklichkeit; Die Wahrheit aber besteht in der Erkenntnis dessen, was wirklich ist.
Darum wird derjenige, der lange Zeit still über die göttlichen Dinge nachsinnt, schließlich erkennen, was wahrhaft ist und von Natur aus Sein besitzt — und was nur scheinbar ist, obwohl es kein eigenes Sein[12] hat.
Dies erkannte damals, wie ich glaube, der große Mose, als er durch die Gotteserscheinung belehrt wurde: dass von allem, was die Sinne wahrnehmen und der Verstand betrachtet, nichts eigentlich existiert außer jenem höchsten Wesen, das Ursache von allem ist und von dem alles abhängt.
Denn alles, was der Verstand betrachtet, erweist sich als abhängig von anderem und vermag nicht aus sich selbst zu bestehen. Das, was immer dasselbe bleibt, weder Zunahme noch Abnahme kennt, weder zum Schlechteren noch zum Besseren verändert wird — denn das Schlechtere ist ihm fremd und ein Besseres gibt es über ihm nicht —, das nichts benötigt, von allen ersehnt wird und an allem Anteil gibt, ohne selbst vermindert zu werden: das allein ist wahrhaft das Seiende. Seine Erkenntnis allein ist die wahre Erkenntnis.
Wie damals Mose zu dieser Schau gelangte, so wird auch heute jeder, der sich wie er von der irdischen Hülle löst, das Licht im Dornbusch schauen — jenes Licht nämlich, das uns aus dem Fleisch aufgeleuchtet ist und das nach dem Evangelium das wahre Licht (Joh 1,9) und die Wahrheit selbst ist. Wer dies geschaut hat, kann auch andere zur Rettung führen, die Herrschaft des Bösen zu brechen und die Menschen aus unwürdiger Knechtschaft zu befreien.
Darauf weisen geheimnisvoll auch die Zeichen hin: die verwandelte rechte Hand und der Stab, der zur Schlange wurde (Ex 4,1–9). Denn in ihnen wird, wie ich meine, das Mysterium der göttlichen Erscheinung im Fleisch angedeutet, durch die der Tyrann entmachtet und die Unterdrückten befreit wurden.
Dazu führen mich das prophetische und das evangelische Zeugnis. Denn der Prophet spricht von der „Wandlung der rechten Hand des Höchsten“ (Ps 76,11). Nicht als ob die göttliche Natur wandelbar wäre; vielmehr nahm sie aus Erbarmen mit der Schwachheit der menschlichen Natur unsere Gestalt an. Auch dort wurde die Hand des Gesetzgebers, als sie in den Schoß gelegt wurde, gegen ihre natürliche Erscheinung verwandelt; als sie aber wieder in den Schoß zurückkehrte, erhielt sie ihre ursprüngliche Schönheit zurück.
Der eingeborene Gott, der im Schoß des Vaters ist (Joh 1,18), ist die rechte Hand des Höchsten. Als Er aus dem Schoß des Vaters zu uns erschien, nahm Er unsere Gestalt an. Nachdem Er aber unsere Schwachheit auf sich genommen hatte, führte Er die Hand, die unter uns gewesen und unserer Natur gleich geworden war, wieder in den Schoß zurück — und der Schoß der rechten Hand ist der Vater. So wurde nicht die leidenslose Natur in Leid verwandelt, sondern das Leidensfähige und Wandelbare wurde durch die Gemeinschaft mit dem Unwandelbaren zur Teilhabe an der Leidenslosigkeit geführt[13]. Auch die Verwandlung des Stabes in eine Schlange soll die Christusliebenden nicht verwirren, als würde ein unangemessenes Tierbild auf das göttliche Geheimnis angewandt. Denn die Wahrheit selbst scheut dieses Bild nicht, wenn sie sagt: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden“ (Joh 3,14).
Der Sinn ist klar. Wenn die Schrift den Ursprung der Sünde Schlange nennt (Gen 3,1), dann wird auch alles, was aus ihr hervorgeht, mit demselben Namen bezeichnet. So trägt auch die Sünde den Namen der Schlange. Der Apostel bezeugt, dass Christus um unseretwillen „zur Sünde geworden“ ist (2 Kor 5,21), indem Er unsere leidensfähige Natur annahm. Darum kann das Bild der Schlange mit Recht auf den Herrn bezogen werden. Denn wenn die Sünde die Schlange ist und Christus um unseretwillen zur Sünde wurde, dann wurde Er gleichsam zur Schlange, um die ägyptischen Schlangen zu verschlingen und zu vernichten, die von den Zauberern hervorgebracht wurden (Ex 7,10–12).
Nachdem dies geschehen war, verwandelte sich die Schlange wieder in einen Stab (Ex 4,4) — in jenen Stab, auf den sich die Sünder stützen und an dem diejenigen Ruhe finden, die den steilen und mühevollen Weg der Tugend hinaufsteigen. Denn sie stützen sich auf den Stab des Glaubens; und der Glaube ist die feste Zuversicht dessen, was man hofft (Hebr. 11,1).
Wer dies verstanden hat, wird selbst gleichsam zu einem Gott für jene, die sich der Wahrheit widersetzen und von materiellen Täuschungen geblendet sind. Denn sie verachten das Hören auf den Seienden als etwas Geringes, wie Pharao sagt: „Wer ist der Herr, dass ich auf seine Stimme hören sollte? Ich kenne den Herrn nicht“ (Ex 5,2). Denn wertvoll erscheint ihnen nur das Stoffliche und Sinnliche, weil sie an das Sichtbare gebunden sind.
Wer durch jenes Licht gestärkt wurde und Kraft gegen die Feinde empfangen hat, der tritt wie ein Kämpfer hervor, der von seinem Lehrer zur Tapferkeit geübt wurde. Kühn und standhaft geht er in den Kampf und trägt den Stab des Glaubens in der Hand, durch den die ägyptischen Schlangen überwunden werden.
DIE RÜCKKEHR NACH ÄGYPTEN
Auch die fremde Frau folgt ihm. Denn selbst aus der äußeren Bildung kann etwas in unser Leben aufgenommen werden, das der Tugend zum Nutzen dient. So kann die natürliche und sittliche Weisheit dem Hochgesinnten bisweilen Gefährtin, Freundin und Mithelferin des Lebens werden — sofern ihre Frucht nichts Fremdes und Unreines in sich trägt. Solange aber dieses Fremde nicht gleichsam durch Beschneidung entfernt wird, sodass alles Unreine abgeschnitten wird, droht der Engel[14] mit dem Tod. Doch die Gefährtin besänftigt ihn, indem sie das Merkmal des Fremden hinwegschneidet und dadurch zeigt, dass die Frucht nun rein geworden ist (Ex 4,24–26).
Ich meine, dass jedem, der den geistlichen Sinn dieser Geschichte versteht, daraus die Ordnung des Fortschreitens in der Tugend sichtbar wird, wie sie das Wort in fortlaufender Folge entfaltet. Denn auch in den Lehren der äußeren Weisheit findet sich etwas Fleischliches und Fremdartiges. Was aber nach Entfernung dieses fremden Schleiers bleibt, ist nicht ohne Anteil an der Wahrheit Israels.
So lehrt auch die äußere Philosophie[15], dass die Seele unsterblich ist — und dies ist eine fromme Einsicht. Doch wenn sie behauptet, die Seele gehe von einem Leib in den anderen über und die vernünftige Natur könne in eine unvernünftige verwandelt werden, dann ist dies bereits etwas Fremdes und Unbeschnittenes. Ebenso verhält es sich in vielem anderen. Sie sagt, dass Gott ist, hält Ihn aber zugleich für materiell. Sie bekennt Ihn als Schöpfer und meint doch, Er bedürfe der Materie zur Schöpfung. Sie nennt Ihn mächtig und gut, unterwirft Ihn aber zugleich dem Zwang des Schicksals. Und wer dies im Einzelnen betrachtet, wird sehen, wie die guten Einsichten der äußeren Weisheit durch widersinnige Zusätze entstellt werden. Wenn aber diese Zusätze entfernt werden wie eine Vorhaut bei der Beschneidung, dann wird der Engel Gottes gnädig und freut sich über die rechtmäßige Geburt solcher Gedanken.
DIE BEGEGNUNG MIT AARON
Doch wir müssen zum Fortgang der Erzählung zurückkehren, damit auch wir, wenn die Zeit des Kampfes gegen die Ägypter kommt, brüderliche Hilfe empfangen. Denn wir erinnern uns, dass Mose zu Beginn seines tugendhaften Lebens noch mitten im Streit stand: Ein Ägypter bedrängte einen Hebräer, und wiederum erhob sich ein Hebräer gegen seinen Bruder.
Nun aber, nachdem Mose durch lange Übung und durch die hohe Erleuchtung am Berg des Lichtes zu größerer Vollkommenheit gelangt ist, begegnet ihm alles in Frieden und Freundschaft: Sein Bruder kommt ihm auf göttlichen Antrieb entgegen (Ex 4,27). Und auch dies wollen wir geistlich verstehen. Denn wahrhaftig hat Gott der menschlichen Natur einen Helfer gegeben, der älter ist als unser sichtbares Leben und uns zur Seite steht auf dem Weg der Tugend. Er wird jedoch erst erkannt, wenn wir durch Wachsamkeit und Mühe im höheren Leben gefestigt worden sind und uns auf größere Kämpfe vorbereiten.
Damit ich aber nicht Rätsel durch Rätsel erkläre, will ich den Gedanken deutlicher aussprechen. Es gibt eine Lehre, die wir aus der Überlieferung der Väter empfangen haben. Sie sagt, dass Gott den Menschen nach seinem Fall nicht der Verlassenheit preisgab, sondern jedem Menschen einen Engel aus der Schar der körperlosen Wesen als Helfer beistellte[16]. Zugleich aber bemüht sich auch der Verderber der Natur, durch einen bösen Dämon jedem Menschen Schaden zuzufügen.
So steht der Mensch zwischen zwei Mächten, deren Streben einander entgegengesetzt ist. Und durch seine eigene Entscheidung macht er die eine stärker als die andere. Der gute Engel lenkt den Geist auf die Tugend und zeigt in der Hoffnung die kommenden Güter. Der andere zieht den Menschen zur sinnlichen Lust hinab und macht das Gegenwärtige, Sichtbare und leicht Zugängliche begehrenswert, damit die Seele an die Sinne gekettet werde.
Wenn nun jemand sich von den Verlockungen des Bösen abwendet, seine Seele dem Guten zuwendet und dem Laster gleichsam den Rücken kehrt, wenn er die Seele wie einen Spiegel auf die Hoffnung der zukünftigen Güter ausrichtet, sodass sich in ihrer Reinheit die göttlichen Bilder der Tugend einprägen — dann kommt ihm die brüderliche Hilfe entgegen und bleibt bei ihm. Denn aufgrund ihrer Vernunftnatur kann der Engel gewissermaßen Bruder des Menschen genannt werden. Er erscheint und steht dem Menschen bei, wenn dieser sich dem Pharao nähert.
Niemand soll verlangen, dass jede Einzelheit der geschichtlichen Erzählung vollständig und ohne Ausnahme mit der geistlichen Deutung übereinstimmen müsse. Denn wenn sich etwas im äußeren Verlauf der Geschichte findet, das sich nicht ohne Weiteres in die höhere Betrachtung einfügen lässt, darf deswegen nicht das Ganze verworfen werden. Vielmehr muss man stets das Ziel unserer Rede im Auge behalten, das wir von Anfang an gesetzt haben: dass die Lebensgeschichten der heiligen Männer uns als Vorbilder des tugendhaften Lebens gegeben sind.
Niemand vermag die äußeren Ereignisse ihres Lebens genau nachzuahmen. Wo gäbe es heute noch ein Volk, das nach dem Zug nach Ägypten anwächst? Oder einen Tyrannen, der die Geburt der männlichen Kinder verhindert und die schwächeren weiblichen leben lässt? Und ebenso verhält es sich mit allem anderen in dieser Geschichte. Da also die äußeren Wunder nicht wiederholt werden können, sollen wir aus dem geschichtlichen Geschehen die sittliche Unterweisung entnehmen, damit jene, die sich um die Tugend bemühen, daraus Hilfe für ihr Leben empfangen. Begegnet uns daher in der Geschichte etwas, das sich unserem gegenwärtigen Ziel nicht unmittelbar einfügt, so wollen wir es einstweilen beiseitelassen, damit der Gang der Unterweisung nicht unterbrochen werde.
Dies sage ich besonders im Blick auf Aaron, damit kein Widerspruch entstehe. Man könnte einwenden, dass ein Engel als vernünftiges und körperloses Wesen der Seele verwandt sei und den Kämpfenden helfe, während Aaron später selbst das Volk zum Götzendienst führte (Ex 32,2–5).
Darauf antworten wir nochmals dasselbe: Wenn etwas dem eigentlichen Ziel nicht dient, soll deshalb nicht die Harmonie des Ganzen zerstört werden. Zudem werden sowohl „Bruder“ als auch „Engel“ in der Schrift in entgegengesetztem Sinn gebraucht. Denn es gibt nicht nur Engel Gottes, sondern auch Engel Satans (2 Kor 12,7). Und ebenso nennt die Schrift sowohl den Guten als auch den Bösen Bruder. Von den Guten heißt es: „Brüder helfen in der Not“ (Sir 40,24). Von den anderen aber: „Jeder Bruder wird zum Stolperstein“ (Jer 9,4).
DER AUFRUF ZUM AUSZUG UND DER WIDERSTAND DES PHARAO
Lassen wir die genauere Betrachtung dieser Dinge vorerst beiseite und wenden wir uns dem weiteren Gang der Erzählung zu.
Mose nun, gestärkt durch das Licht, das ihm erschienen war, und versehen mit einem Bruder als Mitstreiter und Helfer, spricht voll Freimut zum Volk. Er erinnert sie an den Adel ihrer Väter und weist ihnen den Weg aus der harten Knechtschaft des Lehm- und Ziegeldienstes in die Freiheit.
Was lehrt uns dies? Dass niemand wagen soll, vor der Menge zu sprechen, wenn er nicht zuvor durch ein entsprechendes Leben seine Worte vorbereitet hat. Denn siehe: Derselbe Mose vermochte in seiner Jugend, solange er noch nicht in der Tugend gereift war, nicht einmal zwei streitende Männer zu überzeugen; nun aber spricht er plötzlich zu vielen Tausenden.
Die Geschichte ruft uns dies gleichsam laut entgegen: Wage nicht, Lehrer anderer zu sein, bevor du deine Seele nicht durch lange Übung und große Wachsamkeit dazu gefestigt hast. Als aber die Worte der Freiheit verkündet wurden und die Zuhörer das Verlangen danach in sich aufnahmen, da entbrannte der Feind noch heftiger gegen jene, die dem Wort gehorcht hatten, und vermehrte ihre Leiden (Ex 5,6–9).
Dasselbe geschieht auch heute. Denn viele, die das Wort der Befreiung angenommen und sich von der Tyrannei des Feindes losgesagt haben, erfahren gerade deshalb schwerere Anfechtungen. Die einen werden durch die Leiden standhafter und wachsen in der Tugend; andere aber, die noch schwach sind, verlieren den Mut und sagen offen, es wäre besser gewesen, die Predigt der Freiheit niemals gehört zu haben, als ihretwegen solche Bedrängnis zu erdulden.
So geschah es auch damals: In ihrer Kleinmütigkeit beschuldigten die Israeliten gerade jene, die ihnen die Befreiung verkündet hatten (Ex 5,20–21). Doch das Wort, das zum Guten führt, darf deswegen nicht schweigen, auch wenn der unreife Mensch aus Furcht vor ungewohnten Versuchungen kindisch zurückweicht.
Der verderbliche Dämon bemüht sich gerade darum, dass der Mensch nicht zum Himmel aufblickt, sondern sich zur Erde hinabbeugt und aus dem Irdischen Ziegel für sich selbst formt. Denn alles, was dem sinnlichen Genuss dient, stammt notwendig aus Erde und Wasser. Alles Mühen um den Bauch, um Reichtum und um leibliche Lust ist nichts anderes als eine Mischung aus Erde und Wasser — also Lehm.
Wer sich mit solchen Dingen füllt und nach lehmartigen Vergnügungen verlangt, wird niemals satt bleiben. Denn kaum ist das Gefäß gefüllt, wird es schon wieder leer für Neues. Ebenso füllen auch die Ziegelmacher unaufhörlich dieselbe Form mit neuem Lehm. Dies ist, wie ich meine, ein deutliches Bild der Seele, die sich den Begierden hingibt. Denn kaum hat sie ein Verlangen gestillt, entsteht schon ein anderes. Und selbst wenn auch dieses erfüllt wird, bleibt sie wiederum leer gegenüber dem Nächsten.
So vollzieht sich dieses rastlose Verlangen ohne Ende in uns, solange wir am irdischen Leben hängen. Was das Stroh und die Spreu betrifft, die den Ziegeln beigemischt werden mussten (Ex 5,11–13), so lehren uns sowohl das Evangelium als auch die Stimme des Apostels, dass die Spreu dem Feuer übergeben wird (Mt 3,12; 1 Kor 3,12–13).
DIE ÄGYPTISCHEN PLAGEN
Wenn also jemand, der in der Tugend gefestigt ist, die Menschen aus der Knechtschaft der Täuschung zu einem freien und weisen Leben führen will, dann setzt der Feind dem göttlichen Gesetz trügerische Nachahmungen entgegen, entsprechend den vielen Listen, von denen der Apostel spricht (Eph 6,11).
Dies sind die ägyptischen Schlangen — die vielfachen Gestalten der Verführung —, die durch den Stab des Mose vernichtet werden (Ex 7,12). Über diesen Stab haben wir bereits gesprochen. Wer nun den unbesiegbaren Stab der Tugend empfangen hat, der die trügerischen Stäbe zunichtemacht, schreitet von Wunder zu Wunder weiter. Denn die Wunder geschehen nicht, um bloß Staunen hervorzurufen, sondern zum Heil derer, die gerettet werden sollen. Durch dieselben Wirkungen wird das Feindliche vernichtet und das Verwandte gestärkt.
Darum wollen wir zuerst den allgemeinen Sinn der einzelnen Wunder betrachten; danach wird sich auch die Bedeutung jedes einzelnen klarer zeigen. Denn die Lehre der Wahrheit wirkt nicht in allen Menschen auf dieselbe Weise, sondern entsprechend der inneren Gesinnung derer, die das Wort aufnehmen. Allen wird dasselbe Gute und Böse gezeigt; doch derjenige, der sein geistiges Auge dem Licht der Wahrheit öffnet, wird erleuchtet. Wer aber verstockt bleibt und seinen Blick nicht zum Licht erheben will, der verharrt in der Finsternis der Unwissenheit. Und wenn dies im Ganzen wahr ist, dann wird sich dieselbe Wahrheit auch in den einzelnen Zeichen zeigen.
Darum ist es nicht verwunderlich, dass die Hebräer mitten unter den Ägyptern lebten und dennoch von den ägyptischen Plagen unberührt blieben. Denn auch heute lässt sich Ähnliches erkennen. In Städten, in denen Menschen gegensätzlicher Gesinnung zusammenleben, wird für die einen der Strom der göttlichen Lehre zu reinem und lebendigem Wasser; für andere aber, die im Denken den Ägyptern gleichen, verwandelt sich dasselbe Wasser in Blut. Nicht selten versucht die trügerische Täuschung auch das Wasser der Hebräer blutig erscheinen zu lassen (Ex 7,22), das heißt, die wahre Lehre entstellt darzustellen.
Doch selbst wenn die Täuschung dem Wasser ein blutiges Aussehen verleiht, kann sie es nicht wirklich verderben. Deshalb trinken die Hebräer weiterhin das wahre Wasser, ohne sich vom äußeren Schein irreführen zu lassen. Ebenso verhält es sich mit den Kröten[17] — widerwärtigen, lärmenden und übelriechenden Geschöpfen, die in die Häuser, Schlafstätten und Vorratskammern der Ägypter eindrangen, während sie das Leben der Hebräer nicht berührten (Ex 8,3–4).
Denn diese Kröten bedeuten die unreinen Regungen der Sünde, die gleichsam aus dem Schlamm der Leidenschaften hervorkriechen und sich in den Herzen der Unreinen vermehren. Sie wohnen im Leben jener, die freiwillig der Lebensweise Ägyptens folgen. Sie sitzen an ihren Tischen, bleiben auf ihren Lagern und dringen bis in ihre verborgensten Vorratskammern ein.
Wenn du einen Menschen siehst, der in Unreinheit und Zügellosigkeit lebt, aus dem Schlamm der Leidenschaften hervorgegangen und durch die Nachahmung vernunftloser Begierden beinahe zum Tier geworden ist, dann wirst du diese Krankheit überall in seinem Leben erkennen. Nicht nur auf seinem Lager, sondern auch an seinem Tisch, in seinem Haus und in seiner ganzen Lebensführung offenbart sich seine innere Verderbnis.
Denn oft genügt schon ein Blick auf das Haus, um zu erkennen, ob jemand zügellos oder besonnen lebt.
Im Haus des Unzüchtigen finden sich Bilder und Darstellungen, die die Leidenschaft nähren und das Auge zur Begierde reizen. Durch solche Bilder dringt die Krankheit der Leidenschaft in die Seele ein.
Im Haus des Besonnenen dagegen wird alles darauf ausgerichtet sein, den Blick vor solchen Bildern zu bewahren. Ebenso ist auch die Mahlzeit des Besonnenen schlicht und rein; beim anderen aber gleicht sie einem Tümpel voller Kröten und fleischlicher Genüsse. Und wenn man die verborgenen Vorratskammern seines Lebens betrachtet, findet man dort umso mehr einen Haufen solcher Kröten verborgen.
DIE VERHÄRTUNG DES PHARAO
Wenn nun die Schrift sagt, dass all dies den Ägyptern durch den Stab der Tugend widerfuhr, so darf uns dies nicht verwirren. Denn dieselbe Schrift sagt auch, dass Gott das Herz des Pharao verhärtete (Ex 9,12). Wie aber könnte jemand mit Recht verurteilt werden, wenn seine Verstockung durch einen Zwang von oben verursacht worden wäre? Ähnliches sagt auch der göttliche Apostel: „Da sie es nicht für gut fanden, Gott in der Erkenntnis festzuhalten, hat Gott sie ihren entehrenden Leidenschaften überlassen“ (Röm 1,28). Er spricht dabei von jenen, die sich schändlichen und widernatürlichen Leidenschaften hingaben.
Und doch bedeutet dies nicht, dass Gott selbst den Menschen der Schande preisgibt oder dass der Pharao durch Gottes Willen verhärtet wurde oder dass das von Kröten erfüllte Leben aus der Tugend hervorgeht. Denn wäre dies Gottes Wille, dann gäbe es keinen Unterschied mehr zwischen Tugend und Laster. Alles würde gleichermaßen von oben bestimmt, und die freie Entscheidung des Menschen hätte keinen Platz mehr. Da aber die einen in der Tugend wachsen und die anderen in das Laster fallen, darf niemand die Ursache dieser Unterschiede einer göttlichen Notwendigkeit zuschreiben. Denn der freie Wille besitzt Macht über beide Wege.
Wer sich also den schändlichen Leidenschaften hingibt, von dem sagt der Apostel deutlich, dass er Gott nicht im Verstand behalten wollte (Röm 1,28). Nicht Gott stößt ihn zur Leidenschaft hinab; vielmehr wird gerade die Abkehr von der Gotteserkenntnis selbst zur Ursache seines Falls in das leidenschaftliche Leben.
Wenn jemand sagte, ein Blinder sei deshalb in die Grube gefallen, weil er das Sonnenlicht nicht gesehen habe, würden wir daraus doch nicht schließen, die Sonne habe ihn aus Zorn in die Grube gestoßen. Vielmehr erkennen wir, dass gerade der Mangel an Licht Ursache seines Sturzes wurde.
Ebenso müssen auch die Worte über den Pharao verstanden werden. Nicht Gott legte die Verhärtung in sein Herz; vielmehr verschloss sich der Pharao aus eigener Neigung zum Bösen gegen das Wort, das seine Härte hätte heilen können. So bewirkte derselbe Stab der Tugend zweierlei: Er bewahrte das Leben der Hebräer vor den Fröschen und offenbarte zugleich das ägyptische Leben als von dieser Krankheit erfüllt.
Dann streckte Mose seine Hände über die Kröten aus, und sie verschwanden (Ex 8,12)[18].
Dasselbe geschieht auch heute.
Denn wer die ausgestreckten Hände des Gesetzgebers geistlich versteht — und du erkennst gewiss darin den wahren Gesetzgeber und in den ausgestreckten Händen das Bild dessen, der seine Hände am Kreuz ausbreitete —, der wird, auch wenn er zuvor noch in unreinen und froschartigen Gedanken gelebt hat, durch den Blick auf den Gekreuzigten von dieser schädlichen Gemeinschaft gelöst. Denn die Leidenschaft wird getötet und vergeht.
Und wer sich wirklich von dieser Krankheit gereinigt hat und die kriechenden Regungen der Seele abgetötet hat, dem wird schon die Erinnerung an das frühere Leben unerquicklich und übelriechend erscheinen. Darum sagt auch der Apostel zu denen, die sich vom Laster abgewandt haben: „Welche Frucht hattet ihr damals von den Dingen, deren ihr euch jetzt schämt?“ (Röm 6,21). Ebenso ist auch die Finsternis zu verstehen, die auf das Wort des Mose über die Ägypter kam, während die Hebräer im Licht blieben (Ex 10,22–23).
Gerade darin bestätigt sich unser Gedanke besonders deutlich: Nicht irgendein Zwang von oben stellt den einen ins Licht und den anderen in die Finsternis. Vielmehr tragen wir selbst in unserer Natur und in unserer freien Entscheidung die Ursache für Licht oder Dunkelheit.
Denn die Schrift sagt nicht, dass eine Mauer oder ein Berg die Sonnenstrahlen von den Ägyptern fernhielt. Dieselbe Sonne leuchtete allen gleichermaßen; doch die einen nahmen das Licht auf, während die anderen für seine Gnade blind blieben.
So steht auch allen Menschen das Leben im Licht offen. Doch die einen werden durch ihre bösen Neigungen in die Finsternis der Sünde geführt, während die anderen vom Licht der Tugend erleuchtet werden. Dass aber nach dreitägigem Leiden selbst den Ägyptern das Licht wieder geschenkt wurde, könnte auf eine zukünftige Wiederherstellung jener hindeuten, die wegen ihrer Verfehlungen in der Finsternis geraten sind.[19]
Denn die „greifbare Finsternis“, von der die Schrift spricht (Ex 10,21), weist sowohl dem Namen als auch ihrem Wesen nach eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit der äußeren Finsternis auf (Mt 8,12). Und wie jene Finsternis verschwand, als Mose seine Hände über die in Dunkelheit Befindlichen ausstreckte, so wird auch diese Finsternis aufgehoben.
Ebenso lässt sich auch die Ofenasche verstehen, die den Ägyptern schmerzhafte Geschwüre verursachte (Ex 9,8–9). Unter diesem Bild wird geheimnisvoll das Feuer der zukünftigen Strafe angedeutet, das jenen droht, die ägyptisch leben, das heißt im Bösen verharren und sich der ausgestreckten Hand Christi nicht zuwenden. Wer wahrhaft Israelit und Sohn Abrahams ist, wer durch seinen Lebenswandel seine Verwandtschaft mit den Erwählten zeigt, den wird das Feuer dieser Qual nicht berühren. Und selbst für jene, die noch ägyptisch leben, können — gemäß unserer Auslegung — die ausgestreckten Hände des Mose Heilung und Befreiung von den Strafen bedeuten.
Was nun die übrigen Plagen betrifft — die stechenden Mücken, die Fliegen, die Heuschrecken, den Hagel und das Feuer vom Himmel —, so kann jeder, der dem inneren Zusammenhang der bisherigen Auslegung folgt, auch ihren geistlichen Sinn erkennen. Denn alles, wie bereits gesagt wurde, entspringt der freien Entscheidung der Ägypter, während das gerechte Gericht Gottes dem folgt, was jeder selbst gewählt hat. Wir dürfen daher nicht meinen, Gott sende willkürlich das Leiden über die Menschen. Vielmehr bereitet jeder durch seine eigene Entscheidung das vor, was ihm zur Qual wird. Darum sagt auch der Apostel: „Durch deine Verstockung und dein unbußfertiges Herz häufst du dir selbst Zorn auf für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der jedem vergelten wird nach seinen Werken“ (Röm 2,5–6).
So sammelt sich etwa durch zügelloses Leben im Inneren des Menschen schädliche Galle an. Wenn der Arzt sie dann durch seine Kunst nach außen bringt, sagen wir nicht, der Arzt habe die Krankheit hervorgebracht. Denn ihre Ursache lag im ungeordneten Leben; die ärztliche Kunst hat nur offenbart, was bereits verborgen vorhanden war.
Ebenso müssen wir auch verstehen, dass die Leiden der Sünder ihren Ursprung nicht in Gott, sondern in ihnen selbst haben. Denn für den, der ohne Sünde lebt, gibt es weder Finsternis noch Wurm, weder Gehenna noch Feuer noch irgendetwas anderes von dem, was furchtbar genannt wird.
So wie die ägyptischen Plagen die Hebräer nicht berührten, so berührt auch das Böse nicht jene, die sich nicht freiwillig ihm zuwenden. Denn wenn ein und dieselbe Wirklichkeit dem einen zum Verderben wird und dem anderen nicht, je nach der Entscheidung jedes Einzelnen, dann wird deutlich, dass kein Übel ohne unsere eigene Zustimmung Macht über uns gewinnt.
DER TOD DER ERSTGEBORENEN
Wenden wir uns nun wieder dem Fortgang des Wortes zu.
Wie aus dem Vorangegangenen deutlich geworden ist, hält Mose — und ebenso jeder, der durch die Tugend wie er emporsteigt — es für einen Verlust, wenn er seine Stammesgenossen nicht zur Freiheit führen kann, nachdem seine Seele durch langjährige Übung im höheren Leben und durch die göttliche Erleuchtung gestärkt worden ist. Darum kam er zu ihnen, stellte ihnen die Schwere ihrer Knechtschaft vor Augen und entzündete in ihnen umso stärker die Sehnsucht nach Freiheit. Und um sein Volk von der ägyptischen Lebensweise zu lösen, brachte er den Tod über die Erstgeborenen der Ägypter (Ex 12,29).
Dadurch gibt er uns die Regel, dass die ersten Regungen des Bösen vernichtet werden müssen. Denn anders ist es unmöglich, dem ägyptischen Leben zu entkommen. Und dieser Gedanke darf, wie mir scheint, nicht unbeachtet bleiben. Denn wenn jemand allein am buchstäblichen Sinn festhält — wie sollte dann die göttliche Gerechtigkeit in dieser Erzählung sichtbar werden?
Der Ägypter handelt ungerecht, doch bestraft wird ein neugeborenes Kind, das aufgrund seines Alters noch nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Es kennt weder Leidenschaft noch Bosheit. Sein ganzes Leben richtet sich allein auf die nährende Brust. Es besitzt keine andere Sprache als das Weinen und kein anderes Zeichen der Freude als das Lächeln. Und dennoch soll es für die Schuld des Vaters leiden? Wo bleibt dann die Gerechtigkeit? Wo die Frömmigkeit? Wo die Reinheit? Und wie verhält sich dies zu dem Wort Ezechiels: „Die Seele, die sündigt, soll sterben; der Sohn soll nicht die Schuld des Vaters tragen“ (Ez 18,20)?
Warum sollte die Geschichte dem Wort der Schrift widersprechen? Darum ist es richtiger, sich zum höheren Sinn zu erheben und zu erkennen, dass der Gesetzgeber uns in dieser Darstellung eine geistliche Regel gibt.
Diese Regel lautet: Wer gegen irgendein Laster kämpft, muss die ersten Anfänge des Bösen in sich selbst vernichten. Denn wenn der Ursprung beseitigt wird, verschwindet auch das, was aus ihm hervorgeht. Dasselbe lehrt auch der Herr im Evangelium, wenn Er uns befiehlt, Zorn und Begierde auszurotten, damit daraus weder Mord noch Ehebruch entstehen (Mt 5,22–28).
Denn weder Mord noch Ehebruch entstehen von selbst, sondern der Zorn gebiert den Mord und die Begierde den Ehebruch.
Wenn also die sündige Begierde dem Ehebruch vorausgeht und der Zorn dem Mord, dann vernichtet derjenige, der den Erstgeborenen tötet, zugleich auch alles, was aus ihm hervorgehen würde. So tötet auch derjenige, der den Kopf der Schlange zerschmettert, den ganzen Leib, der ihm folgt. Doch dies geschieht nicht ohne das Blut, das an unseren Eingängen vergossen wird und den Verderber fernhält (Ex 12,23).
Und wenn wir den verborgenen Sinn genauer betrachten, zeigt uns die Erzählung durch beides zugleich — durch den Tod der Erstgeborenen und durch das Blut an den Türen — ein und dieselbe Wahrheit. Dort wird der erste Aufbruch des Bösen vernichtet; hier wird sein erster Eintritt in uns abgewehrt durch das Blut des wahren Lammes. Denn wir warten nicht erst darauf, den Verderber zu vertreiben, nachdem er eingedrungen ist, sondern wir errichten nach dem Gesetz eine Wache, damit das Böse gar nicht erst Eingang finde. Diese Wache ist das Zeichen des Lammes, das an die Türpfosten und den oberen Balken gestrichen wird (Ex 12,21–22).
Und hierin spricht die Schrift geheimnisvoll auch von der Natur der Seele. Denn wie auch die äußere Weisheit lehrt, besitzt die Seele eine vernünftige, eine begehrende und eine zornhafte Kraft[20]. Die begehrende und die zornhafte Kraft stehen gleichsam zu beiden Seiten der vernünftigen Kraft. Der Verstand verbindet sich mit beiden, lenkt sie und empfängt zugleich von ihnen Unterstützung: von der zornhaften Kraft empfängt er Standhaftigkeit, vom Begehren die Bewegung hin zum Guten.
Solange die Seele in dieser Ordnung bleibt und durch die Gedanken der Tugend gefestigt ist wie durch starke Nägel, wirken alle Kräfte der Seele einmütig zum Guten. Denn der Verstand gibt den niederen Kräften Festigkeit, und diese wiederum stärken den Verstand. Wird diese Ordnung umgekehrt, sodass der Verstand herabsinkt und sich den leidenschaftlichen Kräften unterordnet, dann dringt der Verderber ein, weil ihm kein Widerstand des Blutes entgegentritt. Denn wer in einem solchen Zustand lebt, besitzt nicht den Glauben an Christus.
Darum wird zuerst der obere Türbalken mit Blut bestrichen und erst danach die beiden Seitenpfosten (Ex 12,22). Denn wie könnte das Höhere zuerst gezeichnet werden, wenn es im Menschen kein Höheres gäbe? Wenn nun diese beiden Dinge — das Töten der Erstgeborenen und das Blutzeichen — nicht gleicherweise auf die Israeliten angewandt werden, so darf uns das nicht verwirren und uns nicht dazu bringen, die geistliche Auslegung zu verwerfen. Denn unter den Namen „Israelit“ und „Ägypter“ verstehen wir den Unterschied zwischen Tugend und Laster.
Wenn also der Israelit den Tugendhaften bezeichnet, dann ist es offensichtlich nicht nötig, die Anfänge der Tugend zu vernichten, sondern vielmehr das, was besser ausgerottet als genährt wird. Darum lehrt uns Gott mit Recht, die ersten Keime des ägyptischen Lebens zu vernichten, damit mit der Ausrottung der Anfänge auch das Böse selbst verschwinde. Und die Geschichte bestätigt dies. Denn das Blut bewahrt die Nachkommen Israels, damit das Gute zur Reife gelange; das aber, was sich zum ägyptischen Leben hin entwickelt hätte, wird vernichtet, ehe das Böse in ihm zur Vollendung gelangt.
DAS PASSAHMAHL UND DER AUSZUG AUS ÄGYPTEN
Auch das, was nun folgt, stimmt mit der höheren Betrachtung überein, die wir dargelegt haben. Denn uns wird jener Leib zur Speise gegeben, aus dem das Blut vergossen wurde — jenes Blut, das an den Türen gezeigt wird und den Verderber von den Häusern fernhält. Und die Haltung derer, die an dieser Speise teilnehmen, ist nicht die sorglose Haltung von Menschen bei einem Festmahl. Dort sind die Hände frei, die Gewänder locker und die Füße unbeschuht[21].
Hier aber ist alles anders.
Die Füße sind beschuht, der Chiton[22] ist um die Lenden gegürtet, und in der Hand hält man einen Stab zum Schutz gegen die Hunde (Ex 12,11). In solcher Gestalt wird die Speise gereicht — ohne kunstvolle Zubereitung, rasch über dem Feuer bereitet. Und die Essenden nehmen sie eilig zu sich, bis das ganze Fleisch verzehrt ist. Was an den Knochen hängt, wird gegessen; was aber im Inneren verborgen ist, bleibt unberührt. Denn es ist verboten, die Knochen des Lammes zu zerbrechen. Und was nach dem Mahl übrigbleibt, wird dem Feuer übergeben (Ex 12,10).
Aus all dem wird deutlich, dass die Schrift hier nicht Vorschriften über gewöhnliche Speisen gibt. Denn dafür genügt die Natur selbst, die dem Menschen das Verlangen nach Nahrung eingeprägt hat.
Vielmehr weist der Buchstabe auf etwas Höheres hin.
Denn was hätte es mit Tugend oder Laster zu tun, ob jemand gegürtet oder ungegürtet isst, ob barfuß oder beschuht, ob mit einem Stab in der Hand oder ohne ihn?
Offenbar trägt diese äußere Gestalt der zum Aufbruch Bereiten einen geheimnisvollen Sinn in sich. Denn sie lehrt uns, das gegenwärtige Leben als einen Weg zu erkennen. Schon von Geburt an werden wir zum Aufbruch gedrängt. Deshalb müssen Hände und Füße bereit sein, und der Mensch soll sich in allem für die Reise ausrüsten. Damit die Dornen dieses Lebens — und diese Dornen sind die Sünden — unsere nackten Füße nicht verletzen, ziehen wir festes Schuhwerk an.
Dieses Schuhwerk ist die enthaltsame und strenge Lebensweise, die die Spitzen der Dornen niedertritt und verhindert, dass die Sünde aus einem kleinen Anfang bis ins Innerste eindringt. Der bis zu den Füßen reichende Chiton aber, der den Wandernden behindert, bezeichnet die übermäßige Sorge um die Genüsse dieses Lebens.
Darum wird er durch den Gürtel[23] zusammengezogen. Und dieser Gürtel ist die Keuschheit. Schon der Ort, an dem der Gürtel getragen wird, zeigt seine Bedeutung.
Der Stab aber, der gegen wilde Tiere schützt, ist die Hoffnung, auf die sich die Seele in ihrer Ermüdung stützt und mit der sie alles abwehrt, was ihr schaden will.
Die Speise wiederum, die unmittelbar vom Feuer gereicht wird (Ex 12,8), bedeutet den glühenden und feurigen Glauben, den wir ohne Zögern annehmen sollen. Und von diesem Glauben nehmen wir alles bereitwillig auf, was uns klar gegeben ist. Was aber verborgen und schwer zugänglich bleibt, überlassen wir dem Feuer und forschen nicht neugierig danach.
Um dies deutlicher zu sagen: Die göttlichen Gebote, deren Sinn offen vor uns liegt, sollen wir nicht träge oder widerwillig erfüllen, sondern mit demselben Verlangen aufnehmen, mit dem ein Hungriger nach Speise greift, damit diese Nahrung uns zur Gesundheit werde. Was aber das Verborgene betrifft — etwa Fragen nach dem Wesen Gottes, nach dem, was vor der Schöpfung war, nach dem, was jenseits des Sichtbaren liegt, oder nach dem Grund aller Dinge —, all das sollen wir nicht neugierig erforschen. Vielmehr sollen wir die Erkenntnis solcher Dinge dem Heiligen Geist überlassen, der, wie der Apostel sagt, „die Tiefen Gottes erforscht“ (1 Kor 2,10).
Jeder, der mit der Schrift vertraut ist, weiß, dass dort vielfach das Feuer als Bild des Geistes erscheint. Darauf weist auch das Wort der Weisheit hin: „Suche nicht, was dir zu hoch ist, und erforsche nicht, was deine Kräfte übersteigt“ (Sir 3,21–22).
Das heißt: Zerbrich nicht die Knochen des Wortes, denn das Verborgene ist nicht für die Neugier bestimmt.
ÄGYPTISCHE SCHÄTZE
So führt Mose das Volk aus Ägypten heraus. Und ebenso befreit jeder, der seinen Spuren folgt, diejenigen, die ihm gehorchen, aus der Knechtschaft Ägyptens. Doch wer diesem Führer auf dem Weg der Tugend folgt, soll sich, wie ich meine, nicht arm machen an den Schätzen Ägyptens und nicht ohne Anteil bleiben an dem Reichtum der Fremden. Vielmehr soll er alles, was einst den Gegnern gehörte, gleichsam als Leihgabe an sich nehmen, wie Mose es dem Volk gebot (Ex 12,35–36).
Niemand soll dies in niedrigem Sinn verstehen, als lehre der Gesetzgeber Unrecht oder fordere dazu auf, anderen ihren Besitz zu entziehen. Eine solche Auffassung widerspricht dem Geist seiner Gesetzgebung. Denn von Anfang bis Ende verbietet das Gesetz jede Ungerechtigkeit gegenüber dem Nächsten. Auch wenn manche erklären, die Israeliten hätten auf diese Weise lediglich einen gerechten Lohn für ihre Mühen von den Ägyptern empfangen[24], liegt der eigentliche Sinn dieser Stelle tiefer.
Denn eine solche Auffassung widerspricht dem Geist der Gesetze, die Mose später gab und die jede Ungerechtigkeit gegen den Nächsten verwerfen. Selbst wenn jemand sagt, die Israeliten hätten dadurch nur gerechten Lohn für ihre Mühen empfangen, bleibt dennoch die Schwierigkeit bestehen. Denn auch dann wäre die Handlung nicht frei von Täuschung und Verstellung. Wer etwas als Darlehen nimmt und es nicht zurückgibt, gilt als ungerecht, wenn es fremdes Eigentum ist. Und selbst wenn einer nur das Seine zurücknimmt, täuscht er doch den anderen, wenn er ihm Hoffnung auf Rückgabe macht.
Darum müssen wir uns zu einem höheren Verständnis erheben.
Denn dem Menschen, der zum freien und tugendhaften Leben übergeht, wird geboten, sich mit dem Reichtum der äußeren Bildung auszustatten, mit dem jene geschmückt sind, die außerhalb des Glaubens stehen. Die sittliche und natürliche Philosophie[25], Geometrie und Astronomie, die Kunst der Rede und alles, was außerhalb der Kirche hochgeschätzt wird — all dies befiehlt der Lehrer der Tugend gleichsam aus Ägypten als Leihgabe mitzunehmen. Denn diese Dinge werden später nützlich sein, wenn es gilt, den Tempel des göttlichen Geheimnisses mit geistigem Schmuck zu zieren. Darum bringen jene, die solchen Reichtum gesammelt haben, ihn Mose dar, wenn die Stiftshütte errichtet wird (Ex 35,21–29). Jeder trägt etwas zum Schmuck des Heiligtums bei.
Dasselbe geschieht auch heute noch. Viele bringen der Kirche Gottes die äußere Bildung als Gabe dar. So handelte auch der heilige Basilius der Große, der in seiner Jugend den Reichtum ägyptischer Weisheit sammelte und ihn später Gott darbrachte, um damit die wahre Stiftshütte der Kirche zu schmücken.
DIE WOLKEN- UND FEUERSÄULE
Kehren wir nun zum Fortgang der Betrachtung zurück.
Wenn Menschen bereits den Blick auf die Tugend gerichtet haben und beginnen, dem Gesetzgeber im Leben zu folgen, wenn sie die Grenzen Ägyptens verlassen, dann werden sie von Versuchungen bedrängt, die Furcht und äußerste Gefahr hervorrufen. Die Seele, die noch nicht im Glauben gefestigt ist, verliert dabei leicht den Mut und verzweifelt an der Hoffnung auf das Gute. Ist aber Mose gegenwärtig — oder einer, der ihm gleicht und das Volk führt —, dann stellt er der Furcht den Rat entgegen und stärkt die verzagte Seele durch die Hoffnung auf göttliche Hilfe (Ex 14,13–14).
Dies wäre nicht möglich, wenn das Herz des Führers nicht zugleich mit Gott spräche. Denn viele, die ein solches Amt empfangen haben, kümmern sich nur um das Sichtbare und achten wenig auf das Verborgene, das allein Gott sieht.
Bei Mose war es anders. Während er das Volk äußerlich zur Zuversicht ermahnte, schrie sein Herz zugleich zu Gott — obwohl kein Laut zu hören war. Und Gott selbst nennt dieses innere Rufen einen Schrei (Ex 14,15). Dadurch lehrt uns die Schrift, wie ich meine, dass die wahrhaft starke und zu Gott aufsteigende Stimme nicht der mühsam hervorgebrachte Laut ist, sondern der Gedanke, der aus reinem Gewissen emporsteigt.
Wer in solcher Weise lebt, dem wird selbst der Bruder Hilfe in den großen Kämpfen. Jener Bruder, der Mose auf Gottes Geheiß begegnete, als er nach Ägypten zog, deutet — wie wir verstanden haben — auf den Engel hin. Dann offenbart sich die göttliche Gegenwart selbst, soweit unsere Natur sie zu empfangen vermag. Was damals geschah, zeigt die Geschichte; dass es aber auch jetzt geistlich geschieht, lehrt die höhere Betrachtung.
DIE DURCHQUERUNG DES MEERES
Wenn also jemand dem ägyptischen Tyrannen entflieht und außerhalb seiner Herrschaft von der Macht der Versuchungen bedrängt wird, dann weist ihm der Führer eine unerwartete Rettung von oben. Der Feind umringt den Flüchtenden mit seiner ganzen Macht — und gerade dort öffnet sich ihm ein Weg durch das Meer. Zu diesem Meer führt die Wolke (Ex 13,21).
Unter dieser Wolke verstanden die Väter treffend die Gnade des Heiligen Geistes, die die Würdigen zum Guten leitet. Wer ihr folgt, geht durch das Wasser hinter dem Führer her, der ihm Freiheit und Sicherheit schenkt, während der Verfolger im Meer zugrunde geht. Denn wer erkennt nicht, dass das ägyptische Heer die Leidenschaften der Seele sind, die den Menschen versklaven?
Die Pferde, die Wagen, die Reiter, die Bogenschützen, die Schleuderer und die schwer Bewaffneten (Ex 14,9) — all dies sind Bilder der verschiedenen Leidenschaften. Denn was gleicht mehr einem rasenden Heer als Zorn, Begierde, Traurigkeit oder Habgier? Die Lästerung gleicht dem Stein aus der Schleuder; der jähe Ausbruch des Zorns ist wie ein Speerstoß; die Lust aber gleicht den Pferden, die den Wagen mit stürmischer Gewalt ziehen. Und auf diesem Wagen sitzen die drei Heerführer, von denen die Schrift spricht (Ex 14,7).
Darin wirst du ohne Mühe die drei Heerführer erkennen, von denen die Schrift spricht[26]. Sie weisen auf jene dreifache Gliederung der Seele hin, die bereits bei der Deutung der Türpfosten angedeutet wurde: das Vernünftige, das Begehrende und das Zornhafte.
All dies stürzt nun zusammen mit dem Anführer des Bösen hinter Israel in das Wasser. Und von diesem Augenblick an wird dasselbe Wasser für die einen Leben und für die anderen Tod — durch den Glauben an den Stab und durch das Licht der Wolke.
Darüber hinaus lehrt uns die Geschichte noch etwas: Wer durch das Wasser gegangen ist, darf nichts von der feindlichen Heerschar mit sich herausführen. Denn wenn der Feind zusammen mit jemandem aus dem Wasser hervorkommt, bleibt dieser trotz des Durchgangs noch immer in Knechtschaft.
Er hat den Tyrannen lebendig mit sich herausgeführt, statt ihn in der Tiefe zu versenken.
Wenn wir den geistlichen Sinn erkennen, verstehen wir, dass der Mensch in der Taufe jede ägyptische Leidenschaft ertränken muss: Habgier, Unzucht, Ruhmsucht, Hochmut, Zorn, Neid, Verleumdung und alle anderen Bewegungen des alten Menschen. Dasselbe wird auch im Passah angedeutet. Denn das Gesetz gebietet, ungesäuertes Brot zu essen (Ex 13,6–7), damit kein alter Sauerteig dem neuen Leben beigemischt werde.
So muss auch der Mensch nach der rettenden Taufe das frühere Leben abschneiden und ganz neu beginnen. Darum darf niemand nach dem Durchgang durch das Wasser noch etwas Ägyptisches mit sich tragen. Denn die Geschichte zeigt deutlich: Das Wasser unterscheidet Freund und Feind. Der Feind geht zugrunde; der Freund empfängt das Leben. Viele, die das Geheimnis der Taufe empfangen haben, verstehen die Kraft dieses Mysteriums nicht und tragen nach dem Wasser weiterhin das lebendige ägyptische Heer mit sich fort.
Wenn etwa jemand vor der Taufe durch Raub, Betrug oder Meineid Besitz erworben hat und auch nach der Waschung weiterhin daran festhält, dann steht er noch immer unter der Herrschaft der Sünde. Denn solche Herren sind grausam. Die Leidenschaft peitscht den Verstand wie ein Tyrann. Die Habgier gönnt ihrem Knecht keine Ruhe und verlangt unaufhörlich mehr. Und ebenso verhält es sich mit allen anderen Lastern. Wer unter ihrer Herrschaft bleibt, hat — auch wenn er durch das Wasser gegangen ist — das geheimnisvolle Meer noch nicht wirklich berührt, dessen Kraft darin besteht, die Tyrannen zu vernichten.
WASSER AUS DEM FELSEN
Kehren wir nun wieder zur Erzählung zurück.
Wer nach unserer Betrachtung das Meer durchschritten und den Ägypter in den Wassern tot zurückgelassen hat, richtet seinen Blick nicht mehr allein auf Mose, den Träger des Stabes der Tugend, sondern vertraut vor allem auf Gott selbst und gehorcht zugleich seinem Diener Mose, wie die Schrift sagt (Ex 14,31).
Dasselbe sehen wir auch heute bei jenen, die wahrhaft durch das geheimnisvolle Wasser gegangen sind. Sie haben sich Gott geweiht und gehorchen, wie der Apostel mahnt, denen, die den priesterlichen Dienst versehen (Hebr 13,17).
Darauf folgt der dreitägige Weg vom Meer weg.
Als das Volk an einem Ort lagerte, fanden sie Wasser; doch es war bitter und ungenießbar. Erst als Holz hineingeworfen wurde, wurde das Wasser süß und stillte den Durst (Ex 15,22–25). Auch dies entspricht dem geistlichen Leben. Denn wer die ägyptischen Freuden verlassen hat, denen er zuvor diente, dem erscheint das Leben ohne diese Genüsse zunächst hart und unerquicklich.
Wenn aber das Holz in das Wasser geworfen wird — und wenn du vom Holz hörst, verstehst du gewiss das Kreuz —, dann wird das Leben der Tugend durch die Hoffnung auf die zukünftigen Güter süßer als jede sinnliche Lust. Denn das Geheimnis der Auferstehung, das vom Holz seinen Anfang nahm, verwandelt die Bitterkeit des gegenwärtigen Kampfes in geistliche Freude.
QUELLEN UND PALMEN
Die nächste Raststätte war mit Quellen und Palmen geschmückt und gewährte den Ermüdeten Ruhe. Dort gab es zwölf Quellen mit klarem und süßem Wasser und siebzig hohe Palmen mit immergrünen Kronen (Ex 15,27).
Was zeigt uns nun die Folge der Erzählung?
Dass uns das Geheimnis des Holzes, durch das das Wasser der Tugend trinkbar wurde, weiterführt zu den zwölf Quellen und den siebzig Palmen — das heißt zur evangelischen Verkündigung. Denn die zwölf Quellen sind die Apostel, die der Herr zu Dienern seines Wortes erwählt hat, damit durch sie die Ströme der Gnade fließen. Davon spricht auch der Prophet: „Preist Gott in den Versammlungen[27], den Herrn aus den Quellen Israels“ (Ps 67,27). Die siebzig Palmen aber deuten wohl auf jene weiteren Jünger hin, die neben den Zwölf ausgesandt wurden über die ganze Erde; denn auch ihre Zahl entspricht der Zahl der Palmen.
Doch wir wollen auf unserem Weg nicht verweilen. Denn aus dem Wenigen, das wir dargestellt haben, kann der Eifrige auch die übrigen Lagerplätze verstehen.
Diese Lager sind die Tugenden, in denen die Seele, die der Wolke folgt, auf ihrem Weg ruht und neue Kraft empfängt. Darum übergehen wir die weiteren Rastplätze und wenden uns dem Wunder des Felsens zu. Der harte und feste Fels wurde den Durstigen zur Quelle, indem seine Festigkeit sich gleichsam in fließendes Wasser verwandelte (Ex 17,6). Und auch hier ist die geistliche Bedeutung leicht zu erkennen. Wer den Ägypter im Wasser zurückgelassen hat, wer durch das Holz gestärkt wurde, wer von den apostolischen Quellen getrunken und im Schatten der Palmen geruht hat, der wird nun fähig, Gott selbst aufzunehmen.
Denn der Fels ist, wie der Apostel sagt, Christus (1 Kor 10,4).
Für die Ungläubigen bleibt Er hart und unzugänglich. Sobald aber der Stab des Glaubens Ihn berührt, wird Er den Durstigen zur Quelle und strömt in jene hinein, die Ihn aufnehmen. Denn Er selbst spricht: „Ich und der Vater werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“ (Joh 14,23).
DAS MANNA
Auch dies darf nicht ohne besondere Aufmerksamkeit übergangen werden.
Nachdem das Volk das Meer durchschritten hatte, nachdem das Wasser den Wandernden süß geworden war, nachdem sie bei den Quellen und Palmen Ruhe gefunden und aus dem Felsen getrunken hatten, da gingen schließlich die Vorräte aus Ägypten ganz zu Ende. Und als keine fremde Speise mehr übrig war, die sie aus Ägypten mitgenommen hatten, kam ihnen von oben eine neue Nahrung herab (Ex 16,4).
Sie war zugleich einfach und vielfältig. Denn ihrem äußeren Anschein nach war sie dieselbe für alle; und doch nahm sie für jeden die Beschaffenheit an, die seinem Verlangen entsprach (Weish 16,21).
Was lernen wir daraus?
Dass der Mensch vieler Reinigungen bedarf, um sich vom ägyptischen und fremden Leben zu lösen, damit der innere Raum der Seele von jeder sündhaften Speise geleert werde, die Ägypten bereitet hat. Erst dann vermag die Seele die himmlische Nahrung rein zu empfangen — jenes Brot, das nicht durch Pflügen und Säen hervorgebracht wurde, sondern fertig vom Himmel herabkommt und auf Erden gefunden wird. Du erkennst gewiss in diesem Brot das wahre Brot, das „vom Himmel herabkommt“ (Joh 6,51).
Und doch ist es nichts bloß Gedachtes oder Unwirkliches. Denn wie könnte etwas völlig Unkörperliches dem Leib zur Nahrung werden?
Das Brot, von dem hier gesprochen wird, entstand weder durch Saat noch durch Ackerbau. Die Erde blieb, wie sie war, und dennoch wurde sie erfüllt von jener göttlichen Speise, an der die Hungrigen teilhatten. Dadurch wird geheimnisvoll bereits das Mysterium der Jungfrau angedeutet. Denn wie dort die Erde ohne Saat Frucht hervorbrachte, so empfing auch die Jungfrau ohne menschliche Aussaat die wahre himmlische Speise.
Dieses ungesäte Brot ist zugleich das Wort Gottes, das seine Kraft entsprechend der Fähigkeit der Empfangenden entfaltet. Denn es ist nicht nur Brot. Es wird auch Milch, Fleisch, Kräuter und alles andere, was den Empfangenden zur rechten Nahrung dient. Dies lehrt auch der göttliche Apostel Paulus von Tarsus, der den Vollkommenen feste Speise reicht, den Schwachen aber Kräuter und den Unmündigen Milch (1 Kor 3,2; Hebr 5,12–14).
Auch die Wunder, die die Schrift über dieses Manna berichtet, enthalten Unterweisung für das tugendhafte Leben. Denn allen wurde dieselbe Menge zuteil, obwohl die Kräfte der Sammler verschieden waren. Niemand hatte Überfluss, und niemand litt Mangel (Ex 16,18).
Darin liegt, wie ich meine, eine Mahnung an alle, die ihr Leben an den sichtbaren Dingen ausrichten: Sie sollen die Grenzen des natürlichen Bedarfs nicht überschreiten, sondern erkennen, dass es für alle nur ein Maß der Nahrung gibt — das tägliche Genügen.
Denn auch wenn jemand viel anhäuft, vermag der Magen doch seine natürliche Grenze nicht zu überschreiten. Und wie die Schrift sagt, hatte derjenige, der viel sammelte, keinen Überfluss; und dem, der wenig sammelte, fehlte nichts (Ex 16,18). Denn das Bedürfnis richtete sich nach dem Maß dessen, was gefunden wurde. Was aber jene betrifft, die den Überschuss versteckten, so wurde dieser voller Würmer (Ex 16,20).
Dadurch ruft die Schrift den Habgierigen gleichsam laut zu: Alles, was aus Begierde über den natürlichen Bedarf hinaus aufgehäuft wird, wird am kommenden Tag — das heißt im zukünftigen Leben — für den Besitzer selbst zum Wurm werden. Und wer von diesem Wurm hört, versteht gewiss jenen Wurm, „der nicht stirbt“ (Mk 9,48), den die Habgier nährt.
Nur das, was für den Sabbat aufbewahrt wurde, blieb unversehrt und verfiel nicht der Verwesung (Ex 16,24). Auch darin liegt eine geistliche Unterweisung. Denn dann wird das Ansammeln gut und heilsam sein, wenn das Gesammelte keiner Verwesung mehr unterliegt. Das gegenwärtige Leben ist nämlich die Vorbereitung auf den kommenden Sabbat. Darum heißt der Tag vor dem Sabbat „Vorbereitung“.[28]
Jetzt ist die Zeit, in der wir uns mit dem versorgen sollen, was wir im zukünftigen Leben brauchen werden. Denn dort wird keine der jetzigen Tätigkeiten mehr stattfinden: weder Ackerbau noch Handel noch Krieg noch irgendeine andere Sorge dieses Lebens.
Vielmehr werden wir dort die Früchte dessen ernten, was wir hier gesät haben. Wenn die Saat unseres gegenwärtigen Lebens gut war, werden auch die Früchte unvergänglich sein. War aber die Saat verderbt, dann wird auch die Ernte der Vergänglichkeit verfallen. Darum sagt die Schrift: „Wer auf das Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten“ (Gal 6,8).
So zeigt sich, dass die wahre Vorbereitung allein die Vorbereitung auf das Gute ist. Denn nur dort wird Unvergänglichkeit gesammelt. Das Gegenteil aber ist nicht wirkliche Vorbereitung, sondern Verlust und Entleerung des Lebens. Darum legt uns die Schrift nur jene Vorbereitung ans Herz, die zum Guten führt, und überlässt das Gegenteil dem stillen Verständnis der Einsichtigen.
DER KAMPF GEGEN AMALEK
Wie bei einem Heerzug der Feldherr zuerst für Nahrung sorgt und erst danach das Zeichen zum Kampf gibt, so treten auch die Kämpfer der Tugend erst dann gegen die Fremden an, nachdem sie die geheimnisvolle Speise empfangen haben. Und ihr Führer im Kampf ist Jesus, der Nachfolger des Mose (Ex 17,9).
Siehst du, in welcher Ordnung das Wort voranschreitet? Solange der Mensch schwach ist und unter der Gewalt des bösen Tyrannen leidet, vermag er sich nicht selbst gegen den Feind zu erheben. Ein anderer kämpft für ihn und schlägt den Gegner zurück. Hat er sich aber aus der Knechtschaft befreit, die Süße des Holzes gekostet, unter den Palmen Ruhe gefunden, das Geheimnis des Felsens erkannt und an der himmlischen Speise teilgehabt, dann kämpft er nicht länger durch fremde Hilfe gegen den Feind. Vielmehr tritt er nun selbst in den Kampf ein wie einer, der das Kindesalter hinter sich gelassen hat und zur Reife gelangt ist. Und fortan steht nicht mehr Mose an seiner Spitze, der Diener Gottes, sondern Gott selbst, dem Mose diente.
Denn das Gesetz, das als Schatten und Vorbild der kommenden Güter gegeben wurde (Hebr 8,5), führt nicht den eigentlichen Kampf. Der wahre Führer ist der Vollender des Gesetzes und der Nachfolger des Mose — Jesus, dessen Name schon damals im Feldherrn vorgebildet wurde. Wenn das Volk die Hände des Gesetzgebers erhoben sah, siegte es über den Feind; sanken seine Hände herab, begann Israel zu weichen (Ex 17,11).
Die erhobenen Hände des Mose bedeuten die hohe und geistliche Betrachtung des Gesetzes; das Herabsinken zur Erde aber bezeichnet die niedrige und am Buchstaben haftende Auslegung. Als die Hände des Mose schwer wurden, stützte sie der Priester mit Hilfe eines Verwandten (Ex 17,12).
Auch dies ist voller geistlicher Bedeutung. Denn das wahre Priestertum richtet durch das mit ihm verbundene Wort Gottes die Kraft des Gesetzes wieder auf, die unter der Last jüdischer Deutung zur Erde gesunken war. Wie auf einen Stein gestützt, wird das Gesetz emporgehoben, damit die ausgestreckten Hände allen sichtbar auf das Geheimnis hinweisen. Denn wer sehen kann, erkennt im Gesetz überall das Mysterium des Kreuzes.
Darum spricht auch das Evangelium davon, dass „Nicht ein Jota und nicht ein Strichlein wird vom Gesetz vergehen“ (Mt 5,18). Denn diese beiden Linien — die eine waagrecht, die andere senkrecht — bilden die Gestalt des Kreuzes. So wird auch Mose selbst, der hier das Gesetz verkörpert, für die Betrachtenden zum Zeichen des Sieges und seiner Ursache.
DER AUFSTIEG AUF DEN BERG SINAI
Danach führt uns das Wort weiter hinauf zu den Höhen der Tugend. Denn wer durch die himmlische Nahrung gestärkt wurde, seine Kraft im Kampf bewiesen und die Feinde überwunden hat, wird nun zur unaussprechlichen Erkenntnis Gottes geführt. Dadurch lehrt uns die Schrift, wie weit der Mensch im Leben voranschreiten muss, ehe er sich dem Berg der Gotteserkenntnis nähern darf: den Klang der Posaunen zu hören, in die Finsternis einzutreten, in der Gott wohnt, die göttlichen Worte auf die Tafeln zu empfangen, und — wenn diese durch menschliche Sünde zerbrochen werden — Gott erneut die von Menschenhand bereiteten Tafeln darzubringen, damit der göttliche Finger wiederum die heiligen Zeichen einschreibe.
Folgen wir deshalb dem inneren Gang der Geschichte.
Wer Mose und der Wolke folgt — Mose, der das Gesetz bedeutet, und der Wolke, die auf die vorausgehende Gnade hinweist —, wer durch das Wasser hindurch alles Fremde getötet und von sich getrennt hat, wer das bittere Wasser gekostet hat, das heißt das von sinnlichen Freuden entleerte Leben, das zunächst unerquicklich erscheint, dem aber durch das Holz des Kreuzes Süße verliehen wird; wer sich an den evangelischen Quellen und den Palmen von Elim erquickt, vom lebendigen Wasser des Felsens getrunken, das himmlische Brot empfangen und im Kampf gegen die Fremden Tapferkeit bewiesen hat, indem ihm die ausgestreckten Hände des Gesetzgebers – das Vorbild des Kreuzes – den Sieg verliehen haben: erst ein solcher wird zur Betrachtung des Höchsten erhoben.
Der Weg zu dieser Erkenntnis ist die Reinheit. Nicht nur der Leib wird gereinigt, sondern auch die Gewänder werden gewaschen (Ex 19,10). Das bedeutet, dass derjenige, der zur Schau des Seienden gelangen will, sich ganz reinigen muss — an Seele und Leib — und jede Befleckung abwaschen soll.
Denn wir müssen vor Dem rein erscheinen, der das Verborgene sieht, sodass das äußere Leben mit der inneren Gesinnung der Seele übereinstimmt. Darum werden vor dem Aufstieg die Gewänder gewaschen. Denn die Gewänder bedeuten, wie ich meine, die äußere Ordnung des Lebens.
Niemand wird behaupten, dass ein materieller Fleck auf einem Kleid den Aufstieg zu Gott verhindere. Vielmehr bezeichnet die Schrift mit den Gewändern das ganze sichtbare Verhalten des Menschen. Wenn dies geordnet ist und die Herde der unvernünftigen Tiere vom Berg ferngehalten wird, beginnt der Mensch den Aufstieg zu höheren Gedanken. Dass kein Tier den Berg berühren darf (Ex 19,13), bedeutet, dass bei der Betrachtung Gottes jede Erkenntnis überwunden werden muss, die nur aus den Sinnen stammt.
Denn die Tiere werden allein durch die Sinne geleitet: durch das Sehen, durch das Hören und durch alles andere, was von außen auf sie einwirkt. Gott aber wird weder durch das Auge erkannt noch durch das Ohr vernommen; Er wird auch durch keinen gewöhnlichen Begriff erfasst. Denn „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist“ (1 Kor 2,9), das ist Gott. Darum muss derjenige, der das Höchste schauen will, seinen Geist von jeder sinnlichen Vorstellung reinigen.
Er muss sich lösen von der gewohnten Gemeinschaft mit der Sinnlichkeit, die der Seele gleichsam als Gefährtin beigegeben ist. Erst wenn er davon gereinigt ist, darf er wagen, den Berg zu betreten.
Wahrhaftig: Die Theologie ist ein steiler und schwer zugänglicher Berg. Die meisten gelangen kaum bis an seinen Fuß. Wer wie Mose aufsteigt, hört den Klang der Posaunen, die immer mächtiger werden, je höher man steigt (Ex 19,19).
Diese Posaune ist die Verkündigung der göttlichen Wirklichkeit. Schon ihr erster Klang ist groß; doch was zuletzt vernommen wird, ist noch größer. Das Gesetz und die Propheten verkündeten das Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Doch die ersten Töne waren noch schwach für das ungehorsame Ohr der Juden.
Später aber wurde der Klang stärker, wie die Schrift sagt. Denn in der evangelischen Verkündigung erklang die Stimme mit voller Kraft. Der Heilige Geist ließ sie durch Seine Werkzeuge immer deutlicher ertönen. Diese Werkzeuge waren die Propheten und Apostel, von denen der Psalm spricht: „Ihr Schall ist ausgegangen über die ganze Erde und ihre Worte bis an die Enden des Erdkreises“ (Ps 18,5). Da das Volk die Stimme von oben nicht ertragen konnte, überließ es Mose selbst die Erkenntnis der Geheimnisse und bat ihn, die göttliche Lehre an sie weiterzugeben (Ex 20,19).
Ebenso verhält es sich auch in der Kirche. Nicht alle dringen selbst in die göttlichen Geheimnisse ein. Vielmehr wählen sie aus ihrer Mitte diejenigen, die fähig sind, das Göttliche zu schauen, und empfangen von ihnen im Glauben die Unterweisung. Denn nicht alle sind Apostel und nicht alle Propheten (1 Kor 12,29).
Heute wird diese Ordnung vielerorts nicht mehr bewahrt. Denn manche, die noch Reinigung von ihren früheren Taten nötig hätten, die innerlich ungewaschen und durch weltliche Bindungen befleckt sind, wagen sich dennoch an den göttlichen Aufstieg. Und weil sie sich dabei nur auf ihre sinnliche und ungeprüfte Vorstellung stützen, geraten sie durch ihre eigenen Gedanken ins Wanken. Denn die falschen Lehren werden für ihre Urheber selbst zu Steinen, die sie erschlagen.
DIE GÖTTLICHE FINSTERNIS UND DIE GABE DES GESETZES
Mose trat in die Finsternis ein und sah dort Gott (Ex 20,21).
Was bedeutet dies? Denn die Erzählung scheint der früheren Gotteserscheinung zu widersprechen. Damals offenbarte sich die Gottheit im Licht, jetzt aber in der Finsternis. Doch hierin liegt kein Widerspruch zur geistlichen Betrachtung, die uns bisher geführt hat. Denn die Schrift lehrt uns dadurch, dass die Erkenntnis der Frömmigkeit denen, die zuerst zu ihr gelangen, wie Licht erscheint. Was der Frömmigkeit entgegengesetzt ist, wird als Finsternis erkannt; und die Befreiung aus der Finsternis geschieht durch die Teilhabe am Licht.
Wenn aber der Geist weiter voranschreitet, sich sammelt und durch immer tiefere Aufmerksamkeit in die Betrachtung des Seienden eindringt, erkennt er umso mehr, je näher er der Schau kommt, dass die göttliche Natur unschaubar ist. Denn nachdem er alles Sichtbare hinter sich gelassen hat — nicht nur das, was die Sinne erfassen, sondern auch das, was dem Verstand zugänglich erscheint —, dringt er unter nicht geringer Anstrengung immer weiter vor bis in das Unsichtbare und Unfassbare hinein.
Und dort schaut er Gott.
Denn darin besteht die wahre Erkenntnis des Gesuchten: im Erkennen, dass Er unerkennbar ist. Das Gesuchte übersteigt jede Erkenntnis und ist gleichsam von allen Seiten von Unfassbarkeit umhüllt wie von Finsternis. Darum sagt auch der heilige Johannes, der in diese lichtvolle Finsternis eingedrungen war: „Niemand hat Gott je gesehen“ (Joh 1,18), und zeigt damit, dass die Erkenntnis des göttlichen Wesens nicht nur dem Menschen, sondern jedem vernünftigen Wesen unerreichbar bleibt.
Durch dieses Wort bezeugt er, dass die Erkenntnis des göttlichen Wesens nicht nur für Menschen, sondern für jede vernünftige Natur unerreichbar ist. So bekannte auch Mose, als er in der Erkenntnis höherstieg, dass er Gott in der Finsternis gesehen habe.
Das heißt: Er erkannte, dass die Gottheit ihrem Wesen nach über jedes Wissen und jedes Begreifen erhaben ist.
Denn es heißt: „Mose trat in die Finsternis ein, wo Gott war“ (Ex 20,21).
Welcher Gott?
Derjenige, der — wie David sagt — „die Finsternis zu seinem Verborgenen machte“ (Ps 17,12). Dort wird der Eingeweihte in die unaussprechlichen Geheimnisse eingeführt[29].
Nachdem Mose zuvor schon durch die Finsternis belehrt worden war, wird er nun in derselben Finsternis noch tiefer unterwiesen, damit — wie ich meine — diese Lehre durch das Zeugnis der göttlichen Stimme für uns umso fester werde. Denn das göttliche Wort verbietet zuerst, die Gottheit mit irgendetwas Erkennbarem zu vergleichen (Ex 20,4).
Jeder Begriff nämlich, der sich aus einer Vorstellung, aus Vermutung oder aus einem natürlichen Denken bildet, erschafft nur ein Götzenbild Gottes — nicht aber Gott selbst.
Die Tugend der Frömmigkeit aber umfasst zweierlei:
die rechte Erkenntnis Gottes
und die Läuterung des Lebens.
Denn auch die Reinheit des Lebens gehört zur Frömmigkeit.
Nachdem Mose nun gelernt hatte, was über Gott erkannt werden kann — nämlich, dass Er durch menschliches Denken nicht erfasst werden kann —, wird er anschließend auch in die zweite Form der Tugend eingeführt: wie der Mensch sein Leben ordnen muss, um zur Vollkommenheit zu gelangen.
Danach wird Mose in die nicht von Menschenhand erbaute Stiftshütte geführt. Wer vermag ihm dorthin zu folgen? Während er gleichsam von Höhe zu Höhe steigt, wächst er durch den Aufstieg immer über sich selbst hinaus. Zuerst verlässt er den Fuß des Berges und trennt sich von allen, die zum Aufstieg unfähig sind. Dann hört er den Klang der Posaunen. Danach dringt er in das unsichtbare Heiligtum der Gotteserkenntnis ein. Doch auch dort bleibt er nicht stehen.
Vielmehr geht er weiter hinein in die nicht von Menschenhand erbaute Stiftshütte.
Denn hier erreicht der Aufstieg seine äußerste Grenze.
Mir scheint aber, dass auch die himmlische Posaune noch einen tieferen Sinn besitzt. Denn die wunderbare Ordnung des Himmels und der ganzen Schöpfung verkündet die Weisheit dessen, der alles geschaffen hat. Die Himmel verkünden die Herrlichkeit Gottes (Ps 18,2). Diese Verkündigung wird für den Hörenden gleichsam zu einer gewaltigen Posaune, deren Klang klar und wohlgeordnet ertönt.
Darum sagt auch der Prophet: „Vom Himmel her ließ Gott seine Stimme erschallen.“ Wer nun das Gehör seines Herzens gereinigt hat, nimmt diesen Klang wahr — jenen Klang, der aus der Betrachtung des Seienden hervorgeht und zur Erkenntnis der göttlichen Macht führt. Durch ihn wird der Geist dahin geführt, wo Gott ist.
Diesen Ort nennt die Schrift Finsternis. Denn er ist unsichtbar und unbekannt. Dort schaut Mose die nicht von Menschenhand erbaute Stiftshütte, deren sichtbares Abbild später den Menschen unten gezeigt wurde.
DIE NICHT VON MENSCHENHAND ERBAUTE STIFTSHÜTTE
Was ist nun diese nicht von Menschenhand erbaute Stiftshütte, die Mose auf dem Berg gezeigt wurde?
Er erhält den Auftrag, auf sie zu schauen wie auf ein Urbild und das nicht von Menschenhand geschaffene Wunder in einem sichtbaren Werk nachzubilden. Denn Gott spricht: „Sieh zu und mache alles nach dem Vorbild, das dir auf dem Berg gezeigt wurde“ (Ex 25,40). Dort waren goldene Säulen, gegründet auf silbernen Sockeln und mit silbernen Kapitellen geschmückt.
Andere Säulen wiederum hatten eherne Sockel und eherne Kapitelle, während sich zwischen beiden Silber befand. Das Innere aller Säulen bestand aus unverweslichem Holz; außen aber strahlte ringsum der Glanz kostbarer Stoffe. Dort befand sich auch eine Lade, glänzend von reinem Gold. Das Gold umhüllte sie von außen; im Inneren aber war wiederum unverwesliches Holz. Ebenso stand dort ein Leuchter: unten ein einziger Schaft, oben aber teilte er sich in sieben Arme, und jeder Arm trug seine Lampe.
Der ganze Leuchter bestand aus Gold. Kein Hohlraum war in ihm und keine verborgene hölzerne Stütze. Dort befanden sich ferner der Altar, der Sühnedeckel der Lade[30] und die Cherubim, deren Flügel die Lade überschatteten (Hebr 9,5). Und alles war aus Gold — nicht nur äußerlich vergoldet, sondern ganz und gar aus demselben Stoff gebildet. Auch kunstvoll gewebte Vorhänge waren dort, vielfarbig und schön gewirkt.
Sie trennten das Sichtbare und Zugängliche von dem Verborgenen und Unzugänglichen.
Der erste Teil hieß das Heiligtum;
der verborgene aber das Allerheiligste.
Dazu kamen Waschbecken, Räuchergeräte, Vorhänge des Vorhofs, Gewebe aus Ziegenhaar, rotgefärbte Häute und alles andere, wovon die Schrift berichtet. Und mit welchen Worten könnte jemand all dies würdig beschreiben? Welches Urbild unter den nicht von Menschenhand geschaffenen Wirklichkeiten entspricht all diesen Dingen? Und welchen Nutzen bringt diese sichtbare Nachbildung dessen, was Mose auf dem Berg schaute?
Es scheint mir besser, die genaue Auslegung solcher Geheimnisse denen zu überlassen, die durch den Geist die Tiefen Gottes erforschen können (1 Kor 2,10) und — wie der Apostel sagt — „Geheimnisse im Geist reden“ (1 Kor 14,2). Was wir sagen, bleibt Vermutung und fromme Betrachtung. Darum überlassen wir das Urteil den Hörenden: ob sie das Gesagte annehmen oder verwerfen wollen. Doch soweit wir dem Apostel Paulus folgen dürfen, der dieses Geheimnis teilweise enthüllt hat, wollen wir sagen: Mose wurde damals im Voraus in das Mysterium jener Stiftshütte eingeführt, die das ganze All umfasst. Diese Stiftshütte aber ist Christus — die Kraft Gottes und die Weisheit Gottes (1 Kor 1,24).
Von Natur aus ist sie nicht von Menschenhand geschaffen. Und doch wird sie geschaffen, wenn sie unter uns aufgerichtet wird. So ist sie zugleich ungeschaffen und geschaffen: ungeschaffen insofern sie vor aller Zeit ist, geschaffen insofern sie um unseretwillen in die sichtbare Ordnung eingetreten ist. Dies dürfte denen nicht dunkel erscheinen, die das Geheimnis unseres Glaubens recht verstehen. Der Eine, der vor den Zeiten und vor allen Äonen war, wurde am Ende der Zeiten geboren.
Nicht als hätte Er selbst einer zeitlichen Geburt bedurft — wie sollte Der, der vor aller Zeit ist, von der Zeit abhängig sein? Vielmehr wurde Er um unseretwillen, die wir durch unsere Verkehrtheit aus dem wahren Sein gefallen waren, dem unseren ähnlich, damit das vom Sein Abgeirrte wieder zum Seienden zurückgeführt werde. Dies ist der eingeborene Gott, der alles in sich umfasst und zugleich unter uns sein Zelt aufgeschlagen hat (Joh 1,14).
Wenn nun dieses große Geheimnis „Stiftshütte“ genannt wird, soll der Christusliebende daran keinen Anstoß nehmen, als würde dadurch die göttliche Natur erniedrigt. Denn überhaupt kein Name vermag das göttliche Wesen würdig zu benennen. Alle Namen bleiben hinter der Wahrheit zurück — die niedrigen ebenso wie jene, die besonders erhaben erscheinen. Und doch werden sie fromm gebraucht, soweit jeder einzelne etwas von der göttlichen Kraft andeutet.
So nennt die Schrift Ihn: Arzt, Hirte, Beschützer, Brot, Weinstock, Weg, Tür, Wohnung, Wasser, Fels, Quelle und vieles andere. Ebenso wird Er auch Stiftshütte genannt — nicht in unwürdiger Weise, sondern in einem Sinn, der der Gottheit entspricht.
Wahrhaftig: Die alles umfassende Kraft, in der die ganze Fülle der Gottheit wohnt (Kol 2,9), der allgemeine Schutz und Halt ganzen Alls, Der, der alles in sich trägt — dieser wird mit Recht Stiftshütte genannt. Doch muss auch das Sichtbare dieser Erkenntnis entsprechen, und jedes einzelne Bild den Geist zu einer höheren Betrachtung führen. Darum sagt der große Apostel, dass der Vorhang der irdischen Stiftshütte das Fleisch sei (Hebr 10,20). Denn wie ich meine, deutet die Vielfalt der Farben auf die Vielfalt der Elemente hin.[31]
Derselbe Apostel wurde in die himmlischen Heiligtümer entrückt und empfing dort die unaussprechlichen Geheimnisse des Paradieses. Deshalb ist es recht, seiner Auslegung zu folgen und von ihr aus auch die übrigen Bilder der Stiftshütte geistlich zu verstehen. Denn der Apostel sagt über den Eingeborenen, den wir unter der Stiftshütte verstehen: „In Ihm wurde alles geschaffen — das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne, Herrschaften, Mächte und Gewalten“ (Kol 1,16).
Darum bedeuten die goldenen Säulen, die Stangen, die Ringe, die Cherubim und alles andere, was zum Bau der Stiftshütte gehört — wenn man den Blick zur höheren Wirklichkeit erhebt — die himmlischen Kräfte, die nach göttlichem Willen das All tragen und ordnen. Dies sind jene dienenden Mächte, „ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil erben sollen“ (Hebr 1,14).
Wie durch Ringe verbinden sie sich mit den Seelen der Geretteten und erheben die am Boden Liegenden zur Höhe der Tugend. Auch die Cherubim, die mit ihren Flügeln die Geheimnisse der Lade überschatteten, bestätigen dieselbe Betrachtung. Denn wir wissen, dass dieser Name jene Kräfte bezeichnet, die um die göttliche Herrlichkeit stehen, wie Jesaja und Hesekiel sie geschaut haben. Und es soll uns nicht befremden, dass die Lade von Flügeln überschattet wird. Denn auch Jesaja spricht geheimnisvoll von Flügeln. Dort wird das Antlitz bedeckt, hier die Lade — doch beides deutet auf dieselbe Wahrheit hin: dass das unaussprechliche Geheimnis dem Blick unzugänglich bleibt.
Wenn du ferner von den Lampen hörst, die an dem einen Leuchter befestigt sind und ihr Licht weithin ausstrahlen, dann wirst du nicht fehlgehen, wenn du darin die vielfältigen Gnadengaben des Geistes erkennst. Davon spricht auch Jesaja, wenn er die siebenfältige Wirkung des Geistes aufzählt (Jes 11,2).
Und das Sühnedeckel bedarf kaum noch einer Erklärung. Denn der Apostel selbst hat seinen verborgenen Sinn offenbart, indem er sagt, dass Gott Christus „als Sühnung“ für unsere Seelen hingestellt hat (Röm 3,25).
Wenn ich vom Altar und vom Räucherwerk höre, dann verstehe ich darunter den unaufhörlichen Gottesdienst der himmlischen Mächte innerhalb dieser Stiftshütte. Denn nicht nur die Zungen der Menschen auf Erden und unter der Erde, sondern auch die himmlischen Kräfte senden Lobpreis empor zum Ursprung aller Dinge.
Dies ist das Gott wohlgefällige Opfer — „die Frucht der Lippen“ (Hebr 13,15), wie der Apostel sagt — und der Wohlgeruch geistlicher Gebete. Und wenn schließlich die Schrift von rotgefärbten Häuten und von Geweben aus Haar spricht, so wird dadurch die geistliche Betrachtung keineswegs unterbrochen. Denn das prophetische Auge erkennt darin bereits geheimnisvoll das heilbringende Leiden. Das Rot weist auf das Blut hin; das Haar aber auf das Sterben. Denn das Haar ist ohne Empfindung — und wird darum mit Recht zum Bild des Todes.
DIE IRDISCHE STIFTSHÜTTE
Dies also schaut der Prophet, wenn er seinen Blick auf die himmlische Stiftshütte richtet. Wer aber die irdische Stiftshütte betrachtet, wird darin ebenfalls dieselbe Wahrheit erkennen. Denn da der göttliche Apostel die Kirche vielfach Christus nennt (1 Kor 12,12; Eph 1,23), dürfen wir mit Recht auch jene, die der Schrift zufolge Säulen der Kirche sind, als Träger dieses göttlichen Geheimnisses verstehen — die Apostel, Lehrer und Propheten.
Nicht nur Petrus, Jakobus und Johannes sind Säulen der Kirche. Und nicht nur Johannes der Täufer war „eine brennende und leuchtende Lampe“ (Joh 5,35). Vielmehr werden alle, die die Kirche durch ihr Leben stärken und durch ihre Werke zu Lichtern geworden sind, sowohl Säulen als auch Leuchten genannt.
Denn der Herr spricht zu den Aposteln: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5,14). Und auch der göttliche Apostel ruft andere dazu auf, selbst zu Säulen zu werden, wenn er sagt: „Seid fest und unerschütterlich“ (1 Kor 15,58). Ebenso errichtete er in Timotheus eine starke Stütze der Kirche und nennt ihn selbst „Säule und Grundfeste der Wahrheit“ (1 Tim 3,15).
In dieser Stiftshütte wird unaufhörlich das Opfer des Lobes dargebracht (Hebr 13,15), und der Weihrauch des Gebets steigt empor — am Morgen und am Abend. Dies deutet auch der große David an, wenn er spricht: „Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf, das Erheben meiner Hände sei wie das Abendopfer“ (Ps 140,2).
Und wer von den Waschbecken hört, erkennt darin ohne Mühe das geheimnisvolle Wasser, das die Befleckung der Sünden abwäscht. Ein solches Waschbecken war Johannes, der im Jordan zur Umkehr taufte. Ein Waschbecken war Petrus, der dreitausend Menschen zum Wasser der Wiedergeburt führte (Apg 2,41). Ein Waschbecken war Philippus für den Kämmerer der Kandake (Apg 8,27–38). Und ebenso wird jeder zu einem solchen Waschbecken, der anderen die Gnade der Reinigung vermittelt.
Auch wer die Vorhänge der Stiftshütte, die sich miteinander verbinden und das Heiligtum ringsum umgeben, als Bild der Einmütigkeit der Gläubigen in Liebe und Frieden versteht, irrt nicht. Denn auch David deutet dies an, wenn er sagt: „Er gibt deinen Grenzen Frieden“ (Ps 147,14).
Ebenso besitzen auch die rotgefärbten Häute und die Gewebe aus Ziegenhaar ihre geistliche Bedeutung. Denn sie weisen auf die Abtötung des sündigen Fleisches hin — angedeutet durch das rote Leder — und auf das strenge Leben der Enthaltsamkeit, das der Kirche zur schönsten Zierde wird. Denn Häute besitzen von Natur aus kein Leben mehr; und doch empfangen sie durch die rote Farbe einen schönen Glanz.
So lehrt uns die Schrift, dass die im Geist aufblühende Gnade nur in denen erscheint, die der Sünde abgestorben sind. Wenn jemand in der roten Farbe auch die keusche Schamhaftigkeit erkennen will, so mag dies ebenfalls fromm verstanden werden. Das Gewebe aus Haar — rau und hart für den Tastsinn — deutet auf die strenge Askese hin, die die leidenschaftlichen Regungen des Fleisches niederhält. Davon zeugt besonders das jungfräuliche Leben, das den Leib durch Enthaltsamkeit zügelt und unterwirft.
Wenn schließlich gesagt wird, dass das Innere der Stiftshütte — das Allerheiligste — den meisten unzugänglich bleibt, so widerspricht auch dies unserer Betrachtung keineswegs. Denn wahrhaft heilig und das Allerheiligste ist die Wahrheit des Seienden selbst — für viele unzugänglich, unberührbar und unaussprechlich.
Sie verbirgt sich in den geheimen Tiefen der geistigen Stiftshütte. Darum darf die Seele nicht vermessen versuchen, das zu erforschen, was über alles Begreifen hinausgeht. Vielmehr soll sie glauben, dass das Gesuchte wahrhaft existiert — auch wenn es sich nicht dem Blick darbietet, sondern unaussprechlich in den verborgenen Heiligtümern bleibt.
DIE PRIESTERLICHEN GEWÄNDER
Nachdem Mose dies und Ähnliches durch die Schau der Stiftshütte gelernt hatte, wurde das Auge seiner Seele gereinigt und zu noch höheren Betrachtungen erhoben. Wieder steigt er empor zu einer neuen Erkenntnis und schaut nun die Gewänder des Priestertums.
Er sieht den langen Chiton, das Obergewand, das Brustschild mit den vielfarbig leuchtenden Edelsteinen, das Hauptband und die goldene Stirnplatte, dazu das Untergewand, die Granatäpfel und die Glöckchen (Ex 28,4–39). Über all dem aber befinden sich „Offenbarung“ und „Wahrheit“[32] (Ex 28,30), sichtbar auf beiden Seiten.
Die Gewänder werden durch Schulterstücke zusammengehalten, auf denen die Namen der Patriarchen eingraviert sind. Schon die Namen dieser Gewänder zeigen, dass hier nicht von gewöhnlicher Kleidung die Rede ist. Denn wie könnte ein sichtbares Gewand „Offenbarung“, „Wahrheit“ oder „Erscheinung“ heißen?
Offenbar beschreibt die Schrift nicht äußeren Schmuck des Leibes, sondern die geistliche Bekleidung der Seele, gewebt aus tugendhaften Lebensweisen. Der lange Chiton war blau-violett. Einige der älteren Ausleger meinten[33], diese Farbe weise auf die Luft hin. Ob dies genau zutrifft, vermag ich nicht mit Sicherheit zu sagen; doch widerspricht es auch nicht dem Sinn der Tugend. Denn wer sich Gott weiht und wahrhaft Priester werden will, bringt seinen eigenen Leib als Opfer dar — nicht als totes Opfer, sondern als „lebendiges Opfer und vernünftigen Gottesdienst“ (Röm 12,1).
Er belastet seine Seele nicht durch ein schweres und fleischliches Leben, sondern verfeinert durch Reinheit alle Regungen seines Lebens wie einen zarten Spinnenfaden. So wird er leicht und geistig beweglich und erhebt sich über das Irdische. Denn wir sollen die grobe Schwere dieser sterblichen Natur überwinden, damit wir beim letzten Posaunenschall leicht und ungebunden dem Ruf des Herrn folgen und Ihm entgegen in die Höhe geführt werden (1 Thess 4,17), ohne durch irgendeine Last zur Erde niedergezogen zu werden.
Darum wird derjenige, der nach dem Wort des Psalmisten seine Seele „wie ein Spinngewebe dahinschmelzen“ ließ (Ps 38,13)[34], mit jenem luftigen Gewand bekleidet sein, das vom Haupt bis zu den Füßen reicht. Denn das Gesetz will keine unvollkommene Tugend. Die goldenen Glöckchen aber, die zwischen den Granatäpfeln hängen, bedeuten den Glanz guter Werke.
Denn die Vollkommenheit der Tugend ruht auf zwei Dingen: auf dem rechten Glauben an Gott und auf einem guten Gewissen im Leben. Dies sind jene Glöckchen und Granatäpfel, die der große Paulus auch dem Gewand des Timotheus hinzufügt, wenn er fordert, „Glauben und ein gutes Gewissen“ zu bewahren (1 Tim 1,19). So soll der Klang des Glaubens rein und klar in der Verkündigung der heiligen Dreifaltigkeit ertönen.
Das Leben aber soll der Natur des Granatapfels gleichen. Denn äußerlich erscheint diese Frucht hart und unerquicklich, da ihre Schale bitter und fest ist. Im Inneren aber zeigt sich eine wunderbare Ordnung und Schönheit; und noch angenehmer wird sie durch die Süße ihrer Frucht. Ebenso erscheint auch das strenge und weise Leben dem äußeren Menschen unerquicklich und schwer. Wenn aber zur rechten Zeit die Frucht reif geworden ist und der göttliche Gärtner den Granatapfel unseres Lebens öffnet, sodass die verborgene Schönheit sichtbar wird, dann wird die Teilhabe an den eigenen Früchten süßer sein als alles andere.
Darum sagt auch der göttliche Apostel: „Jede Züchtigung scheint für den Augenblick nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein“ (Hebr 12,11). Das ist die erste Berührung mit der bitteren Schale. „Später aber bringt sie denen, die durch sie geübt sind, die friedsame Frucht der Gerechtigkeit hervor.“ Das ist die Süße der verborgenen Frucht. Die Schrift gebietet ferner, dass der Chiton mit kugelförmigen Fransen geschmückt werde. Diese dienen nicht der Notwendigkeit, sondern allein der Schönheit. Dadurch lernen wir, dass die Tugend nicht nur im bloßen Halten der Gebote besteht. Vielmehr sollen wir auch aus freiem Eifer heraus das Gute vermehren und unserem geistlichen Gewand zusätzlichen Schmuck verleihen.
So tat es auch Paulus. Denn obwohl das Gesetz denen, die am Altar dienen, Anteil am Opfer gewährt und den Verkündern des Evangeliums erlaubt, vom Evangelium zu leben (1 Kor 9,13–14), predigte Paulus das Evangelium unentgeltlich und ertrug Hunger, Durst und Blöße (1 Kor 4,11).
Dies sind jene herrlichen Fransen, mit denen er den Chiton der Gebote schmückte.
Über dem langen Gewand wurde das Efod getragen. Es bestand aus zwei Bahnen, die von den Schultern herabfielen — eine über die Brust, die andere über den Rücken. An den Schultern wurden sie durch zwei kostbare Steine verbunden, auf denen die Namen der zwölf Patriarchen eingraviert waren, sechs auf jeder Seite.
Das Gewebe war vielfarbig: violette Fäden waren mit Purpur verflochten, Scharlach mit Weiß, und durch alles zog sich ein goldener Faden, sodass aus der Vielfalt eine einzige Schönheit entstand. Dies alles deutet auf die Vielgestaltigkeit der Tugenden hin. Das Blau verbindet sich mit dem Purpur, weil königliche Würde mit Reinheit des Lebens vereint ist. Der scharlachrote Faden wird mit dem weißen verflochten, weil ein lauteres Leben stets mit heiliger Scham verbunden bleibt. Das Gold, das durch alle Farben hindurchleuchtet, weist geheimnisvoll auf den verborgenen Schatz hin, der einem solchen Leben bereitet ist. Auch die Namen der Patriarchen auf den Steinen schmücken das Gewand. Denn das menschliche Leben wird besonders durch die Nachahmung jener geschmückt, die in der Tugend vorangegangen sind.
Zu diesem Schmuck kam noch eine weitere Zierde hinzu. An den Schulterstücken hingen goldene Schilde, und daran war ein viereckiges Brustschild befestigt, besetzt mit zwölf Edelsteinen in vier Reihen zu je drei Steinen. Keiner dieser Steine glich dem anderen; jeder strahlte in seinem eigenen Glanz. Die goldenen Schilde bedeuten die Waffen der Tugend, mit denen der Mensch den Angriffen des Feindes widersteht. Denn wie bereits gesagt wurde, gründet die Vollkommenheit auf Glauben und gutem Gewissen.
Wer durch diese beiden geschützt ist, bleibt unverwundet durch die Pfeile des Bösen und trägt — wie der Apostel sagt — „die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken“ (2 Kor 6,7).
Das viereckige Brustschild aber, das auf den Schilden ruht und die Namen der Patriarchen trägt, bedeutet den Schutz des Herzens. Denn die Seele dessen, der die Pfeile des Bösen abgewehrt hat, wird mit allen Tugenden der Väter geschmückt. Jeder Stein leuchtet dabei mit eigenem Glanz auf dem Gewand der Tugend. Die viereckige Form aber weist auf die Festigkeit im Guten hin. Denn was auf geraden Seiten und festen Winkeln ruht, lässt sich nur schwer verformen.
Die Bänder schließlich, mit denen dieses Schmuckstück befestigt war, lehren uns, dass das tätige Leben stets mit geistlicher Betrachtung verbunden sein muss. Denn das Herz deutet auf die Schau Gottes, die Schultern auf die Werke. Das Hauptband und das Diadem bedeuten die Krone, die demjenigen bereitet ist, der sein Leben würdig vollendet hat. Darauf war in geheimnisvollen Schriftzeichen ein Name auf einer goldenen Platte eingeprägt (Ex 28,36).
Wer aber solche Gewänder trägt, darf keine Sandalen anziehen. Denn nichts Totes soll den Schritt beschweren oder den Aufstieg hemmen. Dies stimmt mit dem überein, was schon am Berg gelehrt wurde. Denn wie könnte etwas, das beim ersten Eintritt in das Geheimnis als Hindernis des Aufstiegs abgelegt werden musste, später zum Schmuck der Füße werden?
DAS GOLDENE KALB UND DIE ZERBROCHENEN TAFELN
Wer zu jener Höhe des Aufstiegs gelangt ist, die wir Schritt für Schritt betrachtet haben, trägt in seinen Händen die von Gott geschaffenen Tafeln mit dem göttlichen Gesetz. Doch auch diese Tafeln zerbrechen — zerschmettert durch die Hartnäckigkeit der Sünder (Ex 32,19). Ihre Sünde bestand darin, dass sie ein Götzenbild in Gestalt eines Stieres anfertigten und es anbeteten.
Mose zermalmte das Götzenbild zu Staub, löste es im Wasser auf und gab es den Sündern zu trinken, damit die ganze Substanz, die der Gottlosigkeit gedient hatte, völlig vernichtet werde.
Diese Geschichte kündigte schon damals prophetisch an, was sich in unserer Zeit erfüllt hat. Denn der Irrtum des Götzendienstes ist aus dem Leben verschwunden und durch den Mund der Frommen vernichtet worden, die durch ihr rechtes Bekenntnis die Gottlosigkeit in sich selbst ausgelöscht haben.
Die alten Geheimnisse der Götzen sind zu fließendem und wertlosem Wasser geworden, verschlungen von eben jenen Menschen, die einst selbst dem Irrtum dienten. Wenn du nun siehst, dass diejenigen, die früher den Götzen vertrauten, jetzt selbst ihre früheren Hoffnungen zerstören und vernichten, erkennst du dann nicht, dass die Geschichte dies verkündet: Jeder Götze wird einst von den Mündern verschlungen werden, die sich vom Irrtum zur Frömmigkeit bekehrt haben.
Danach bewaffnete Mose die Leviten gegen ihre Stammesgenossen (Ex 32,27).
Sie durchzogen das ganze Lager von einem Ende zum anderen und erschlugen jeden, dem sie begegneten. Dabei unterschied das Schwert weder zwischen Freund und Feind noch zwischen Verwandtem und Fremdem. Die Hand traf alle in gleicher Weise.
Auch hierin liegt eine nützliche Unterweisung. Denn weil das ganze Volk gemeinsam an der Sünde teilgenommen hatte und das Lager gleichsam ein einziger Leib geworden war, traf auch die Strafe alle gemeinsam. So wie bei einem geschlagenen Leib der Schmerz eines einzigen Gliedes sich über den ganzen Körper ausbreitet, so wurde hier durch die Züchtigung eines Teiles das Ganze zur Besinnung gebracht.
Wenn daher manchmal viele dieselbe Schuld tragen, Gott aber nicht alle, sondern nur einige straft, dann geschieht dies aus Menschenliebe. Denn durch die Bestrafung weniger werden die übrigen zur Umkehr geführt und vom Bösen abgehalten. Dies ist zunächst der geschichtliche Sinn. Die geistliche Betrachtung lehrt uns dabei noch etwas anderes. Denn der Gesetzgeber ruft öffentlich aus: „Wer dem Herrn gehört, der komme zu mir!“ (Ex 32,26).
Das ist die Stimme des Gesetzes, die allen zuruft: Wer Freund Gottes sein will, der werde auch Freund des Gesetzes. Denn wer dem Gesetz verbunden ist, ist notwendig auch Gott verbunden. Dann befiehlt Mose denen, die sich auf diesen Ruf hin versammelt haben, das Schwert gegen Bruder, Freund und Nächsten zu erheben.
Geistlich verstanden bedeutet dies: Wer sich Gott und dem Gesetz zuwendet, muss in sich selbst alles töten, was er dem Bösen dienstbar gemacht hat. Denn nicht jeder Bruder, Freund oder Nächste wird in der Schrift im guten Sinn verstanden.
Ein und derselbe kann Bruder und Fremder, Freund und Feind, Nächster und Gegner sein. Damit sind jene inneren Gedanken gemeint, deren Leben unseren Tod bewirkt und deren Tod unser Leben hervorbringt. Dies stimmt mit dem überein, was wir früher über Aaron gesagt haben. Dort erschien er als Helfer des Mose und als Bild des Engels, der die Zeichen gegen Ägypten vollbrachte. Mit Recht konnte er „älterer Bruder“ genannt werden: älter wegen der vorzeitigen Schöpfung der geistigen Natur der Engel, Bruder wegen der Verwandtschaft ihrer vernünftigen Natur mit der unseren.
Nun aber entsteht ein Einwand: Wie kann derselbe Aaron gut genannt werden, wenn er später dem Volk beim Bau des Götzenbildes dient? Gerade hier zeigt die Schrift die Mehrdeutigkeit des Namens „Bruder“. Denn nicht alles, was denselben Namen trägt, besitzt auch denselben Sinn. Anders ist der Bruder, der den ägyptischen Tyrannen bekämpft, anders jener, der Israel ein Götzenbild macht — auch wenn beide denselben Namen tragen.
Gegen solche Brüder erhebt Mose das Schwert. Denn was er anderen befiehlt, erfüllt er selbst zuerst. Die Tötung eines solchen Bruders bedeutet die Vernichtung der Sünde. Wer das Böse tötet, das durch den Rat des Feindes in ihm Wohnung genommen hat, vernichtet in sich selbst den Menschen, der einst in der Sünde lebte.[35]
Diese Deutung wird durch ein weiteres Bild der Erzählung bestätigt. Aaron befahl dem Volk, die Ohrringe abzulegen, aus denen später das Götzenbild gefertigt wurde (Ex 32,2–4). Mose hingegen schmückte gleichsam das Gehör Israels mit dem Schmuck des Gesetzes; der falsche Bruder aber legte diesen Schmuck des Gehorsams ab, um daraus ein Götzenbild zu machen.[36]
Was bedeutet dies?
Mose hatte das Gehör Israels mit dem Schmuck des Gesetzes geziert. Der falsche Bruder nahm diesen Schmuck weg und machte daraus ein Götzenbild. Ebenso geschah es schon beim ersten Eindringen der Sünde in die Welt.
Denn der Rat, das Gebot Gottes zu übertreten, war gleichsam das Herausnehmen des geistlichen Ohrschmucks.
Die Schlange wurde den Erstgeschaffenen zum Freund und Nächsten, indem sie ihnen einredete, das Übertreten des göttlichen Gebotes sei gut und nützlich (Gen 3,1–5).
Das heißt: Sie nahmen den Schmuck des göttlichen Wortes vom Ohr. Wer aber solche Brüder, Freunde und Nächsten tötet, wird jene Worte des Gesetzes hören, die Mose zu den Vollstreckern des Gerichts sprach: „Weiht heute eure Hände dem Herrn, jeder an seinem Sohn und seinem Bruder, damit euch Segen zuteilwerde“ (Ex 32,29).
DIE NEUEN TAFELN
Es ist nun an der Zeit, nochmals an jene zu erinnern, die in die Sünde gefallen waren. Denn dadurch werden wir verstehen, wie Mose die Tafeln mit dem göttlichen Gesetz wiedererlangte. Die ersten Tafeln, die von Gott selbst bereitet worden waren und die göttlichen Worte trugen, wurden durch die Verstockung des Volkes zerschmettert und fielen aus den Händen des Mose auf die Erde (Ex 32,19).
Als Mose erneut auf den Berg stieg, empfing er nicht mehr dieselben Tafeln wie zuvor. Denn diesmal brachte er selbst die Tafeln dar, gefertigt aus irdischem Stoff, während Gott wiederum die Schriftzeichen darauf einschrieb (Ex 34,1). So empfing Mose erneut Gnade und trug wiederum das Gesetz auf steinernen Tafeln, deren Worte von Gottes eigener Hand eingeprägt waren.
Auch wir können aus diesem Geschehen die Vorsehung Gottes über unsere Natur erkennen. Denn wenn der göttliche Apostel unsere Herzen „Tafeln“ nennt (2 Kor 3,3), das heißt das innere Heiligtum der Seele, und wenn derselbe Apostel sagt, dass der Geist „die Tiefen Gottes erforscht“ (1 Kor 2,10), dann dürfen wir auch diese Geschichte geistlich verstehen.
Die menschliche Natur wurde ursprünglich von Gottes Hand geschaffen und mit den unausgesprochenen Zeichen des göttlichen Gesetzes geschmückt. Darum war sie am Anfang frei von Verwesung und Tod. Denn das natürliche Gesetz, das Gott in uns gelegt hatte, bestand darin, das Böse zu meiden und Gott zu erkennen. Als aber die Stimme der Sünde unser Gehör traf — jene Stimme, die das erste Buch der Schrift als Stimme der Schlange bezeichnet und die hier als die Stimme derer erscheint, die beginnen, sich mit Wein zu berauschen[37] —, da fiel unsere Natur wie die Tafeln zu Boden und wurde zerbrochen. Doch der wahre Gesetzgeber, dessen Vorbild Mose war, nahm wiederum den Stoff unserer irdischen Natur an und bereitete daraus neue Tafeln. Denn nicht die Ehe bildete das Fleisch, das Gott annahm. Vielmehr wurde Er selbst zum Bildner seines eigenen Fleisches. Und dieses Fleisch wurde durch den göttlichen Finger beschrieben. Denn der Heilige Geist kam über die Jungfrau, und die Kraft des Höchsten überschattete sie (Lk 1,35).
Dadurch wurde unsere Natur erneut zur Unvergänglichkeit geführt und durch die Schrift des göttlichen Fingers mit Unsterblichkeit geschmückt. Denn an vielen Stellen nennt die Schrift den Heiligen Geist den Finger Gottes.
Danach spricht die Geschichte von der Verklärung des Mose.
Sein Antlitz wurde von solcher Herrlichkeit erfüllt, dass sein Anblick für menschliche Augen unerträglich war (Ex 34,29–30). Wer tiefer in das Geheimnis unseres Glaubens eingedrungen ist, wird auch hierin den geistlichen Sinn erkennen. Denn nachdem Derjenige, der unsere zerbrochene Natur wiederhergestellt hat — und du erkennst gewiss aus allem Gesagten, wer es ist, der unsere Gebrechlichkeit heilte —, nachdem Er die zerbrochene Tafel wieder zu ihrer ursprünglichen Schönheit zurückgeführt und sie mit dem göttlichen Finger geschmückt hatte, wurde Er für unwürdige Augen unzugänglich.
Die Überfülle seiner Herrlichkeit machte Ihn für jene unfassbar, die Ihn anschauen wollten.
Denn wahrhaftig:
Wenn Er kommt, wie das Evangelium sagt, „in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm“ (Mt 25,31), dann wird selbst den Gerechten die Schau dieser Herrlichkeit kaum erträglich sein. Die Gottlosen aber und jene, die im Unglauben verharren, werden von dieser Schau ausgeschlossen bleiben. Darum spricht Jesaja: „Der Gottlose soll hinweggenommen werden, damit er die Herrlichkeit des Herrn nicht sehe“ (Jes 26,10).
DIE SCHAU GOTTES AUF DEM FELSEN
Dem roten Faden der Auslegung folgend, sind wir zu einem Verständnis dieser Stelle gelangt. Kehren wir nun zum Gegenstand unserer Erzählung zurück. Mose wurde einer großen Gottesoffenbarung würdig und sah Gott deutlich, was auch die Stimme Gottes selbst bezeugte: „Er redete von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freund redet“ (Ex 33,11). Doch wie kommt es, dass Mose nach all dem, als ob nichts von dem geschehen wäre, was wir nach dem Zeugnis der Schrift für geschehen halten, Gott bittet, sich ihm zu zeigen, als ob der Gott, der sich ihm ständig zeigte, von ihm nicht bemerkt worden wäre?
Und dann willigt die Stimme vom Himmel ein, den Wunsch des Bittenden zu erfüllen, und verweigert ihm diese neue Gnade nicht, nimmt ihm jedoch zugleich die Hoffnung, indem sie erklärt, dass das menschliche Leben das, worum er bittet, nicht fassen kann. Gott sagt, dass Er einen bestimmten Ort habe, an diesem Ort befinde sich ein Felsen, und in dem Felsen eine Felsspalte, in die Er Mose zu treten befiehlt. Gott wird den Eingang zu dieser Spalte mit seiner Hand verschließen und, wenn er daran vorbeigeht, Mose rufen; und wenn Mose den Ruf hört, wird er aus der Spalte treten und den Rufenden von hinten sehen (Ex 33,22–23). So wird er das sehen, was er zu sehen gebeten hat, und die göttliche Verheißung wird sich nicht als falsch erweisen.
Wer dies nur nach dem Buchstaben versteht, wird weder den Sinn erfassen noch frei bleiben von unwürdigen Vorstellungen über Gott. Denn Vorder- und Rückseite gehören nur zu dem, was eine Gestalt besitzt; jede Gestalt aber begrenzt einen Körper. Wer also Gott eine körperliche Form zuschreibt, muss notwendig auch annehmen, dass Er aus Teilen zusammengesetzt sei. Was zusammengesetzt ist, kann auch zerlegt werden; und was zerlegt werden kann, ist nicht unvergänglich. Denn Verwesung besteht gerade in der Auflösung des Zusammengesetzten.
Wenn man also das „Sehen des Rückens Gottes“ leiblich versteht, führt die Folgerichtigkeit der Begriffe zu einer gottlosen Absurdität: dass Gott der Vergänglichkeit unterworfen sei. Doch Gott ist unverweslich und unkörperlich. Darum muss auch diese Stelle geistlich verstanden werden. Nicht nur das Sehen des Rückens, sondern ebenso:
der Ort bei Gott, der Fels, die Spalte, das Hineintreten, die bedeckende Hand, das Vorübergehen und der Ruf — all dies verlangt nach höherer Betrachtung.
Was also wird uns dadurch gezeigt?
Wie ein schwerer Körper, der einmal den Hang hinabgleitet, durch seine eigene Bewegung immer schneller fortgerissen wird, solange ihm nichts entgegentritt, so wird auch die Seele, sobald sie sich von der irdischen Neigung gelöst hat, leicht und aufwärtsstrebend. Sie erhebt sich aus der Tiefe nach oben. Und weil ihr von oben nichts den Weg versperrt — denn das Gute zieht die Seele unwiderstehlich an —, wächst sie unaufhörlich über sich selbst hinaus. Immer weiter streckt sie sich nach vorne aus, wie der Apostel sagt (Phil 3,13), und richtet ihren Lauf ständig auf das Höhere. Denn das bereits Erreichte entzündet in ihr nur umso mehr das Verlangen nach dem, was noch darüber liegt.
Und nur bei der Tugend geschieht dies: dass die Anstrengung die Kraft nicht erschöpft, sondern vermehrt. Darum sagen wir, dass auch der große Mose in seinem Aufstieg niemals innehielt. Er setzte seiner Sehnsucht nach dem Höheren keine Grenze. Kaum hatte er die Leiter betreten, auf der nach dem Wort Jakobs Gott steht (Gen 28,12–13), stieg er unaufhörlich weiter hinauf.
Denn über jeder erreichten Höhe zeigte sich ihm wiederum eine noch höhere.
Er verleugnete die falsche Verwandtschaft mit der ägyptischen Königstochter. Er trat für den Hebräer ein. Er zog in die Wüste, fern vom Lärm des menschlichen Lebens. Er hütete in seinem Inneren die sanftmütige Herde. Er sah das Licht. Er zog die Schuhe aus und machte sich leicht zum Aufstieg. Er führte sein Volk in die Freiheit. Er sah den Feind in den Wassern untergehen. Er lagerte unter der Wolke. Er stillte den Durst am Felsen. Er empfing das Brot vom Himmel. Mit erhobenen Händen besiegte er die Fremden. Er hörte den Klang der Posaunen. Er trat in die Finsternis ein. Er drang in das Heiligtum der nicht von Menschenhand erbauten Stiftshütte. Er lernte die Geheimnisse des Priestertums kennen. Er zerstörte das Götzenbild. Er versöhnte das Volk mit Gott. Er stellte das zerbrochene Gesetz wieder her. Er wurde von Herrlichkeit umstrahlt.
Und nachdem er all dies erreicht hatte, brannte er noch immer vor Sehnsucht. Unersättlich dürstete er nach dem, was seine Seele bereits empfangen hatte.
Er begehrte danach, als hätte er noch nie daran teilgehabt.
Und er bittet Gott, sich ihm zu offenbaren — nicht nur soweit er selbst es fassen kann, sondern so, wie Gott in Wahrheit ist. Dies ist, wie mir scheint, die Erfahrung einer Seele, die wahrhaft von der Liebe zum Schönen ergriffen wurde. Denn jede Schönheit, die sie bereits geschaut hat, entzündet in ihr nur noch stärker das Verlangen nach der höheren Schönheit, die verborgen bleibt.
Was sie empfängt, entfacht in ihr neues Sehnen. Darum nimmt der Liebende alles Sichtbare nur als Bild des eigentlich Begehrten wahr und verlangt danach, sich an der Schau des Urbildes selbst zu sättigen. Darin bestand die kühne Bitte des Mose: die Schönheit nicht mehr nur in Spiegeln und Bildern zu schauen, sondern „von Angesicht zu Angesicht“ (1 Kor 13,12).
Die göttliche Stimme erfüllt diese Bitte — und verweigert sie zugleich. Sie zeigt in wenigen Worten einen unaussprechlichen Abgrund der Erkenntnis. Die Güte Gottes erfüllt das Verlangen, ohne ihm jemals Sättigung zu gewähren. Denn Gott hätte sich seinem Diener nicht gezeigt, wenn die Schau Gottes das Begehren des Schauenden stillen könnte.
Die wahre Schau Gottes besteht gerade darin: dass der, der Ihn sieht, niemals aufhört, nach Ihm zu verlangen. Darum spricht Gott: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und leben“ (Ex 33,20).
Dies bedeutet nicht, dass die Schau Gottes den Tod bringt. Wie könnte das Antlitz des Lebens denen zum Tod werden, die sich Ihm nähern? Vielmehr ist Gott von Natur aus Leben spendend. Doch die göttliche Natur übersteigt alles, was erkannt und begriffen werden kann. Wer daher meint, Gott gehöre zu den Dingen, die der Verstand erfassen kann, wendet sich vom wahrhaft Seienden ab und macht sich ein Bild von etwas, das nur scheinbar existiert.
Ein solcher besitzt das Leben nicht in sich.
Denn das wahrhaft Seiende ist das wahre Leben — und dieses bleibt jeder Erkenntnis unerreichbar. Wenn also die lebensspendende Natur über jedes Begreifen hinausgeht, dann ist alles, was begriffen werden kann, nicht das Leben selbst. Und was nicht Leben ist, vermag auch kein Leben zu schenken.
So wird die Bitte des Mose erfüllt — und zugleich bleibt sein Verlangen unstillbar.
DIE UNENDLICHKEIT DER GOTTHEIT
Aus dem bisher Gesagten lernen wir, dass die Gottheit ihrem Wesen nach grenzenlos ist und sich keiner Begrenzung unterwerfen lässt. Denn wenn man annimmt, das Göttliche habe Grenzen, dann muss man notwendig auch an das denken, was jenseits dieser Grenzen liegt. Alles nämlich, was begrenzt ist, endet an etwas anderem. Für die Geschöpfe des Wassers ist das Wasser die Grenze ihres Lebensraumes, für die Geschöpfe der Luft die Luft. Der Fisch ist ringsum vom Wasser umgeben, der Vogel von der Luft. Und dort, wo Wasser oder Luft endet, beginnt jeweils etwas anderes.
Ebenso müsste man, wenn man Gott Grenzen zuschriebe, auch annehmen, dass die Gottheit von etwas ihr Fremdem umgeben sei. Doch das Umgebende ist stets größer als das Umgrenzte. Nun haben wir erkannt, dass das Göttliche seinem Wesen nach das Gute selbst ist. Was dem Guten fremd ist, ist notwendig nicht gut. Und was außerhalb des Guten liegt, gehört zur Natur des Bösen.
Wenn also das Göttliche begrenzt wäre, müsste es vom Bösen umschlossen sein. Da aber das Umfassende stets größer ist als das Umfasste, würde daraus folgen, dass das Böse mächtiger wäre als das Gute. Doch das ist unmöglich. Darum bleibt die göttliche Natur jeder Umfassung entzogen. Und was sich nicht umfassen lässt, kann auch nicht begrenzt werden. Vielmehr wächst die Sehnsucht nach dem Guten umso mehr, je weiter der Mensch im Aufstieg voranschreitet. Denn darin besteht die wahre Schau Gottes: niemals ein Ende des Verlangens zu finden.
Wer Gott schaut, wird unaufhörlich von der Sehnsucht entflammt, noch mehr zu sehen. Darum gibt es keine Grenze, die den Aufstieg zu Gott abschließen könnte. Denn auch das Gute kennt keine Grenze, und keine Sättigung beendet die Sehnsucht nach ihm.
Was bedeutet nun jener Ort, von dem Gott spricht?
Was ist der Fels?
Was die Spalte im Felsen?
Was die Hand Gottes, die den Eingang verschließt?
Was das Vorübergehen?
Und was jener Rücken Gottes, dessen Schau Mose gewährt werden soll, obwohl er darum gebeten hatte, Gottes Angesicht zu sehen?
All dies muss gewiss etwas Großes und der göttlichen Gabe Würdiges bedeuten. Denn diese Offenbarung wird Mose als etwas Höheres verheißen als alles, was ihm zuvor zuteilgeworden war. Wie also könnte man die Höhe ermessen, zu der Mose — trotz aller bisherigen Aufstiege — noch weiter emporgeführt wird? Dorthin leitet ihn Derjenige, von dem geschrieben steht, dass Er „denen, die Gott lieben, alles zum Guten mitwirken lässt“ (Röm 8,28), wenn Er spricht: „Siehe, ein Ort ist bei mir“ (Ex 33,21).
Dies stimmt vollkommen mit unserer bisherigen Betrachtung überein. Denn wenn Gott von einem Ort spricht, dann bezeichnet Er damit nicht einen begrenzten Raum. Das Grenzenlose besitzt kein Maß. Vielmehr führt Er den Hörenden durch das Bild eines Ortes hin zur Erkenntnis des Unendlichen.
Der Sinn dieser Worte ist, wie ich meine, folgender: Weil du dich stets nach vorne ausstreckst, weil dein Verlangen niemals zur Ruhe kommt, weil das Gute keine Grenze hat und deine Sehnsucht immer auf das Größere gerichtet bleibt, darum gibt es bei Mir einen solchen Raum, in dem der Lauf niemals endet.
Doch dieser Lauf ist zugleich Ruhe. Denn Gott spricht: „Ich werde dich auf einen Felsen stellen“ (Ex 33,21). Und hierin liegt ein großes Geheimnis: dass ein und derselbe Zustand zugleich Bewegung und Ruhe ist. Wer aufsteigt, scheint nicht stillzustehen; wer stillsteht, steigt nicht weiter.
Hier aber wird gerade das Stehen selbst zum Aufstieg. Denn je fester und unbeweglicher jemand im Guten wird, desto sicherer vollzieht er den Lauf der Tugend.
Wer dagegen innerlich schwankt und nicht fest gegründet ist, wer nach dem Wort des Apostels „hin und her getrieben wird von jedem Wind der Lehre“ (Eph 4,14), wer voller Zweifel und wechselnder Gedanken bleibt, der wird niemals zur Höhe der Tugend gelangen.
Er gleicht einem Menschen, der auf lockerem Sand einen Hügel erklimmen will. Auch wenn er viele Schritte macht, kommt er doch nicht voran. Denn der Sand gleitet unter seinen Füßen immer wieder nach unten. So findet zwar Bewegung statt — doch kein Fortschritt. Wer aber — wie der Psalm sagt — seine Füße aus dem Schlamm gezogen und auf den Felsen gestellt hat (Ps 39,3), und dieser Fels ist Christus, die Vollkommenheit der Tugend, der wird umso leichter voranschreiten, je fester er im Guten gegründet ist. Die Festigkeit selbst wird ihm gleichsam zu Flügeln.
So erhebt sich sein Herz durch die Standhaftigkeit im Guten immer höher.
Darum zeigt Gott dem Mose zuerst den Ort — und weckt in ihm zugleich das Verlangen weiterzugehen. Indem Er ihn auf den Felsen stellt, offenbart Er ihm den Weg dieses göttlichen Laufes.
Die Spalte im Felsen hat der göttliche Apostel selbst geistlich ausgelegt, als er sagte, dass uns nach dem Vergehen der irdischen Hütte eine „nicht von Menschenhand erbaute ewige Wohnung im Himmel“ bereitet ist (2 Kor 5,1). Denn wer — wie der Apostel spricht — den Lauf vollendet[38] und den Glauben bewahrt hat (2 Tim 4,7), wer seine Füße auf dem Felsen gegründet hat, den schmückt die Hand des göttlichen Kampfrichters mit dem Kranz der Gerechtigkeit. Und dieselbe Wirklichkeit wird in der Schrift mit vielen Namen bezeichnet.
Was hier die Spalte des Felsens heißt, nennt die Schrift an anderer Stelle:
die Freude des Paradieses, die ewige Wohnung, das Haus des Vaters, den Schoß Abrahams, das Land der Lebenden, das Wasser der Ruhe, das himmlische Jerusalem, das Himmelreich, den Preis der Berufung, den Kranz der Herrlichkeit, den starken Turm, die Freude des Mahles, den Sitz bei Gott, den Richterthron, den Ort des Namens und die verborgene Stiftshütte.
All dies bezeichnet ein und dieselbe Wirklichkeit.
Denn wenn Paulus sagt, dass der Fels Christus ist (1 Kor 10,4), und wenn wir glauben, dass in Christus die Hoffnung aller Güter verborgen liegt, weil in Ihm „alle Schätze“ enthalten sind (Kol 2,3), dann befindet sich gewiss jeder, der im Guten bleibt, in Christus selbst — der die Fülle alles Guten ist.
DER RUF, GOTT NACHZUFOLGEN
Wer zu dieser Höhe gelangt ist und — wie die Schrift sagt — von der Hand Gottes bedeckt wird, der hört schließlich den Rufenden und folgt Ihm nach.
Denn die Hand Gottes ist jene schöpferische Kraft, durch die alles geworden ist. Sie ist der eingeborene Gott selbst, durch den alles ins Sein trat (Joh 1,3).
Für die Wandernden wird Er zum Weg,
für die Standhaften zum Felsen,
für die Ruhenden zur Wohnung.
Wer also in der Spalte des Felsens steht und von der göttlichen Hand bedeckt wird, der folgt Gott nach, wie das Gesetz gebietet. Dies verstand auch der große David, als er zu dem sprach, der „unter dem Schutz des Höchsten wohnt“: „Mit Seinen Flügeln[39] wird Er dich beschirmen“ (Ps 90,1.4).
Denn hinter den Flügeln zu stehen bedeutet, hinter Gott zu folgen. Und David sagt auch von sich selbst: „Meine Seele hängt an Dir[40]; Deine Rechte hält mich fest“ (Ps 62,9).
Siehst du, wie sehr die Psalmen mit der Geschichte übereinstimmen?
Denn wie dort Gott den an der rechten Hand hält, der sich an Ihn klammert, so streckt hier die göttliche Hand sich dem entgegen, der im Felsen auf den Ruf wartet und bittet, hinter Gott hergehen zu dürfen. Und als später derselbe Herr, der damals mit Mose sprach, selbst die Erfüllung des Gesetzes[41] offenbarte, erklärte Er seinen Jüngern offen den Sinn dessen, was dort noch bildhaft verborgen war.
Denn Er sagte: „Wer mir nachfolgen will“ (Lk 9,23). Er sagte nicht: Wer vor mir hergehen will. Dasselbe spricht Er auch zu dem, der nach dem ewigen Leben fragt: „Komm und folge mir nach“ (Mk 10,21).
Denn wer folgt, sieht den Rücken dessen, der vorangeht. So lernt Mose, der danach verlangt, Gott zu sehen, auf welche Weise Gott geschaut werden kann: Ihm nachzufolgen, wohin Er auch führt — das heißt, Gott zu sehen. Denn Gottes Vorübergehen bedeutet die Führung dessen, der Ihm folgt. Niemand kann den Weg sicher gehen, wenn er ihn nicht kennt, außer indem er einem Führenden folgt.
Darum geht der Führer voraus und zeigt dem Nachfolgenden den Weg. Und der Nachfolgende wird nicht vom rechten Pfad abweichen, solange er den Rücken des Führenden vor Augen hat. Wer aber zur Seite blickt oder sich dem Führenden von Angesicht zu Angesicht entgegenstellen will, der verlässt den Weg und geht einen anderen.
Deshalb spricht Gott: „Mein Angesicht sollst du nicht sehen“ (Ex 33,23).
Das heißt: Stelle dich dem Führenden nicht entgegen. Denn wer sich dem Guten entgegenstellt, bewegt sich notwendig in die entgegengesetzte Richtung. Das Gute widerspricht dem Guten nicht — es folgt ihm. Nur das dem Guten Entgegengesetzte tritt ihm entgegen.
So steht das Laster der Tugend gegenüber; die Tugend – widerspricht nicht der Tugend.
Darum sah Mose Gott nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern folgte seinem Rücken.
Denn wer Gott entgegenblicken will, kann nicht leben, wie die göttliche Stimme bezeugt: „Niemand kann mein Angesicht sehen und leben“ (Ex 33,20).
Siehst du nun, wie groß es ist, zu lernen, Gott nachzufolgen?
Erst nach all jenen hohen Aufstiegen, nach den furchtbaren und herrlichen Gotteserscheinungen, wurde Mose am Ende seines Weges dieser Gnade würdig: hinter Gott zu gehen. Wer aber so in den Spuren Gottes wandelt, der stößt nicht mehr auf das Laster. Denn wer Gott folgt, hat seinen Weg bereits vom Bösen abgewandt.
DER NEID DER STAMMESGENOSSEN
Danach erhob sich unter den Stammesgenossen Neid gegen Mose (Num 12,1–2).
Der Neid ist der Ursprung der bösen Leidenschaften, der Vater des Todes, die erste Pforte der Sünde, die Wurzel des Lasters, der Ursprung des Leidens, die Mutter des Unglücks, die Quelle des Ungehorsams und der Anfang der Schande. Durch den Neid verwandelte sich die Schlange gegen Eva und vertrieb uns aus dem Paradies. Der Neid verschloss den Zugang zum Baum des Lebens, raubte uns die heiligen Gewänder[42] und ließ uns in Scham unter den Feigenblättern zurück. Der Neid bewaffnete Kain gegen seinen Bruder und brachte den Mord hervor (Gen 4,8). Der Neid machte Josef zum Sklaven (Gen 37,28).
Neid — ein tödlicher Stachel, eine verborgene Waffe, eine Krankheit der Natur, galliges Gift, freiwillige Auszehrung, ein bitterer Pfeil, ein Nagel in der Seele, Feuer im Herzen, eine Flamme, die das Innere verzehrt.
Für den Neider besteht das Unglück nicht im eigenen Leid, sondern im Glück des anderen.
Und umgekehrt: Für ihn besteht das Glück nicht im eigenen Wohlergehen, sondern im Unglück des Nächsten. Der Neid quält sich am menschlichen Wohlergehen und nährt sich vom Leid anderer. Man sagt, dass Geier, die sich von Aas ernähren, am Duft wohlriechender Salbung zugrunde gehen[43], weil ihre Natur an Verwesung und Gestank gewöhnt ist.
Ebenso vergeht auch der vom Neid Befallene am Wohlergehen seines Nächsten wie an einer fremden Salbung.
Sobald er irgendwo ein Unglück bemerkt, stürzt er sich darauf, krallt sich mit seinem krummen Schnabel fest und zieht das Verborgene ans Licht. Viele hatte der Neid schon vor Mose bekämpft. Als er aber gegen diesen großen Mann anstürmte, zerbrach er wie ein Tongefäß, das gegen einen Felsen geschleudert wird. Gerade darin zeigte sich die Kraft jenes Wandels hinter Gott her, den Mose vollzogen hatte: Er stand auf dem Felsen, war in dessen Spalte verborgen, von Gottes Hand bedeckt, folgte seinem Führer und blickte nicht auf das Angesicht, sondern auf den Rücken Gottes.
Dass Mose zur inneren Seligkeit gelangt war, zeigte sich darin, dass er Gott nachfolgte und sich höher befand, als irgendein Pfeil ihn erreichen konnte. Denn der Neid schoss seinen Pfeil gegen ihn ab — doch der Flug der Leidenschaft reichte nicht bis zu jener Höhe, auf der Mose stand.
Die gespannte Sehne der Bosheit vermochte den Pfeil nicht so weit zu tragen, dass er den erreichen konnte, der sich bereits über dieses Übel erhoben hatte.
Aaron und Mirjam dagegen wurden von der Leidenschaft der Verleumdung getroffen und dienten dem Neid gleichsam als Bogen, der statt Pfeilen Worte gegen Mose schleuderte (Num 12,1–2).
Mose jedoch war von solcher Schwäche so weit entfernt, dass er sogar die heilte, die von dieser Krankheit befallen waren. Denn nicht nur blieb er selbst unerschüttert gegenüber den Schmähungen; er trat sogar vor Gott für jene ein, die ihn beleidigt hatten (Num 12,13).
Dadurch zeigte er, wie ich meine, dass derjenige, der durch den Schild der Tugend zuverlässig geschützt ist, von den Pfeilen der Bosheit nicht verwundet werden kann. Denn die Festigkeit der geistlichen Rüstung stumpft die Spitze des Pfeils ab und lässt ihn wirkungslos zurückfallen. Diese Rüstung aber ist Gott selbst, mit dem sich der Kämpfer der Tugend bekleidet, wie der Apostel sagt: „Zieht den Herrn Jesus Christus an“ (Röm 13,14).
Dies ist die unzerstörbare Waffenrüstung, die Mose trug und durch die er die Mühe des bösen Schützen zunichtemachte. Darum suchte er nicht, sich gegen seine Beleidiger zu verteidigen. Und selbst als diese durch ein gerechtes Urteil verurteilt wurden, dachte er nicht an menschliche Vergeltung, sondern flehte Gott um Vergebung für seine Brüder an. Dies hätte er nicht getan, wenn er nicht hinter Gott hergegangen wäre, dessen Rücken ihm den sicheren Weg der Tugend zeigte.
DIE KUNDSCHAFTER
Ebenso verhielt es sich auch mit dem, was darauffolgte. Als der angeborene Feind der Menschen erkannte, dass er Mose keinen Schaden zufügen konnte, wandte er seine Bosheit gegen jene, die leichter zu überwinden waren. Wie einen Pfeil schleuderte er die Leidenschaft der Völlerei unter das Volk und weckte in ihnen die Sehnsucht nach ägyptischen Speisen. Sie zogen die fleischliche Lust den himmlischen Gaben vor (Num 11,4–6).
Die hohe Seele des Mose aber stand über einer solchen Leidenschaft. Denn sie war ganz erfüllt von der Hoffnung auf das verheißene Erbe, das Gott denen bereitet hatte, die das geistige Ägypten verlassen und sich auf den Weg in das Land gemacht hatten, in dem Milch und Honig fließen (Num 14,8). Darum sandte Mose Kundschafter aus, die von den Gütern dieses Landes berichten sollten (Num 13,2).
Geistlich verstanden sind jene Kundschafter die Gedanken, die in uns aufsteigen. Die einen verkünden gute Hoffnung: das sind die Gedanken, die aus dem Glauben hervorgehen und die Hoffnung auf die verheißenen Güter stärken. Die anderen führen zur Mutlosigkeit: das sind jene Gedanken, die vom Widersacher eingegeben werden und den Glauben an die Verheißung schwächen.
Mose aber schenkte den gegnerischen Stimmen kein Gehör. Vielmehr hielt er die gute Botschaft über das verheißene Land für wahr. Der Anführer jener Kundschafter, die die Wahrheit verkündeten, war Jesus. Durch seine eigene Zuversicht bestärkte er auch die anderen. Und Mose richtete seinen Blick auf ihn und gewann dadurch feste Hoffnung auf die Zukunft. Das Zeichen der kommenden Güter aber war die Weintraube, die auf einer Stange getragen wurde (Num 13,24).
Wenn du also hörst, wie Jesus von jenem Land spricht, und zugleich die Traube siehst, die am Holz hängt, dann erkennst du gewiss, auf wen Mose blickte, um in seiner Hoffnung gefestigt zu werden. Denn welche andere Traube hängt am Holz als jene wahre Traube, die in den letzten Zeiten am Holz erhöht wurde und deren Blut den Gläubigen zum rettenden Trank geworden ist?
Dies kündigte Mose schon geheimnisvoll an, als er sprach: „Sie tranken das Blut der Traube“ [44](Dtn 32,14). Denn damit deutete er prophetisch auf das heilbringende Leiden hin.
DIE EHERNE SCHLANGE
Wieder führte der Weg durch die Wüste. Und das Volk, vom Durst gequält, verlor die Hoffnung auf die verheißene Gabe. Doch Mose ließ erneut Wasser aus dem Felsen hervorströmen und stillte den Durst des Volkes (Num 20,11).
Geistlich verstanden zeigt uns diese Geschichte das Geheimnis der Umkehr. Denn jene, die einst vom geistlichen Felsen gekostet haben, sich dann aber wieder dem Bauch, den fleischlichen Begierden und den ägyptischen Genüssen zuwandten, verlieren die Teilnahme an den göttlichen Gütern. Doch auch ihnen bleibt noch der Weg der Umkehr offen. Denn sie können den Felsen wiederfinden, den sie verlassen haben, aufs Neue die Quelle öffnen und wiederum von jener Feuchtigkeit trinken, die der Fels denen schenkt, die der Wahrheit der Verkündigung Jesu glauben und nicht den feindlichen Stimmen.
Sie schauen auf die für uns erhöhte und blutende Traube und schöpfen durch das Holz erneut Wasser aus dem Felsen. Doch das Volk hatte noch nicht gelernt, den Spuren der Größe des Mose zu folgen. Immer noch zog es die Begierde zur Knechtschaft und zu den Freuden Ägyptens hinab.
Dadurch zeigt uns die Geschichte, dass die menschliche Natur leicht zur Leidenschaft hinabsinkt und unzählige Wege in diese Krankheit führen. Mose aber ließ, wie ein erfahrener Arzt, nicht zu, dass die Krankheit bis zum Tod herrschte. Denn die ungeordneten Begierden brachten Schlangen hervor, deren Biss tödliches Gift verbreitete. Der große Gesetzgeber aber nahm den wirklichen Schlangen ihre Kraft durch das Bild der Schlange (Num 21,9).
Es ist nun Zeit, auch dieses Geheimnis zu erklären. Denn gegen die bösen Leidenschaften gibt es nur ein Heilmittel: die Reinigung der Seele, vollzogen im Mysterium der Frömmigkeit. Und das Wesentliche dieses Mysteriums besteht für die Glaubenden darin, auf das Leiden dessen zu schauen, der unsere Leidenschaften auf sich genommen hat.
Sein Leiden ist das Kreuz.
Wer darum auf Ihn blickt, wird — wie die Schrift sagt — keinen Schaden durch das Gift der Begierde erleiden (Num 21,9). Auf das Kreuz zu blicken bedeutet, das eigene Leben der Welt gegenüber gleichsam gekreuzigt und tot zu machen (Gal 6,14) und unbeweglich gegenüber der Sünde zu bleiben. Darum sagt auch der Prophet: „Durch deine Furcht habe ich mein Fleisch durchbohrt“ (Ps 118,120 LXX). Der Nagel aber, der das Fleisch festhält, ist die Enthaltsamkeit.
Da also die ungeordnete Begierde Schlangen aus der Erde hervorbringt — denn jede böse Leidenschaft ist gleichsam eine Schlange —, weist uns das Gesetz auf den hin, der am Holz erhöht wurde. Er erschien in der Gestalt der Schlange und war doch nicht selbst Schlange, sondern — wie der göttliche Apostel sagt — „in der Gestalt des sündigen Fleisches“ (Röm 8,3).
Denn die wahre Schlange ist die Sünde. Und wer sich der Sünde hingibt, nimmt gleichsam die Natur der Schlange an. Darum wird der Mensch von der Sünde befreit durch den, der das Bild der Sünde annahm, durch den, der uns gleich wurde, nachdem wir selbst unsere Gestalt in die der Schlange verwandelt hatten. Durch Ihn verlieren die Bisse ihre tödliche Macht, auch wenn die Schlangen selbst noch nicht völlig vernichtet sind.
Mit den Schlangen meine ich die Begierden.
Denn wer auf das Kreuz blickt, bleibt zwar vor dem tödlichen Gift bewahrt; doch die Begierde des Fleisches, die gegen den Geist streitet (Gal 5,17), ist noch nicht gänzlich ausgelöscht. Darum werden auch die Gläubigen oft von den Bissen der Leidenschaften verwundet. Wer aber auf den am Holz Erhöhten schaut, vertreibt die Macht der Leidenschaft durch die Furcht Gottes wie durch ein Heilmittel, das die Kraft des Giftes auflöst.
Dass die in der Wüste erhöhte Schlange geheimnisvoll auf das Kreuz hinweist, hat der Herr selbst deutlich offenbart, als Er sprach: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden“ (Joh 3,14).
DER HOCHMUT DER NEIDER
Doch die Sünde schreitet weiter voran. Wie eine Kette des Bösen setzt sich ein Laster aus dem anderen fort. Und während das Böse seine Saat ausbreitet, breitet der Gesetzgeber zugleich wie ein Arzt seine Heilung aus. Als nun die Bisse der Schlangen ihre Kraft gegenüber denen verloren hatten, die auf das Bild der Schlange blickten — und du verstehst gewiss den geistlichen Sinn dieser Worte —, ersann der Feind eine andere Art des Verderbens.
Dieselbe Krankheit kann man auch heute noch bei vielen beobachten. Manche haben durch ein strenges Leben die Leidenschaft der Wollust bezwungen und fallen dann in eine andere Krankheit: Sie drängen sich eigenmächtig zum Priestertum, wollen sich durch menschlichen Ehrgeiz den heiligen Dienst aneignen und verletzen dadurch die göttliche Ordnung (Num 16,1–3).
Zu dieser Folge des Bösen treibt jener Verderber der Menschheit, den die Schrift als Urheber der Bosheit entlarvt. Denn als die Erde aufgehört hatte, durch den Glauben an den am Holz Erhöhten Schlangen hervorzubringen, die den Leidenschaften dienen, da meinten manche, bereits über jedes Gift erhaben zu sein.
Und an die Stelle der Begierde trat nun die Krankheit des Hochmuts.
Da sie es für unwürdig hielten, in dem Stand zu bleiben, der ihnen gegeben war, drängten sie selbst zum Priestertum und versuchten jene zu verdrängen, die von Gott dazu bestimmt worden waren. Die einen wurden von der sich öffnenden Erde verschlungen, die anderen durch Feuer verzehrt (Num 16,31–35).
Dadurch lehrt uns die Schrift, wie ich meine, dass das Ende des Hochmuts der Sturz in die Unterwelt ist. Und vielleicht irrt darum auch jener nicht, der den Hochmut als Hinabsteigen in die Tiefe bezeichnet. Wundere dich nicht, wenn viele das Gegenteil meinen. Denn den meisten scheint Hochmut darin zu bestehen, sich über andere zu erheben. Die Wahrheit der Geschichte aber bestätigt unsere Deutung. Denn gerade jene, die sich über andere erhoben hatten, wurden in die Tiefe hinabgezogen. Darum ist Hochmut in Wahrheit der tiefste Fall.
Mose lehrt dadurch alle, die dies sehen, nüchtern und besonnen zu bleiben und sich nicht wegen eigener Fortschritte zu überheben. Denn selbst wenn du die Lust überwunden hast, bist du noch nicht frei von jeder anderen Leidenschaft. Jede Leidenschaft ist ein Fall, solange sie Leidenschaft bleibt. Und zwischen den verschiedenen Arten des Fallens besteht kein Unterschied. Gefallen ist sowohl derjenige, der auf dem glatten Weg der Wollust ausgerutscht ist, als auch jener, der über die Höhe des Hochmuts gestürzt ist.
Für den Verständigen gibt es keine gute Art zu fallen. Jeder Fall muss gemieden werden, solange er ein Fall bleibt. Wenn du also heute einen Menschen siehst, der sich zwar von der Krankheit der Wollust gereinigt hat, nun aber aus Stolz nach dem Priestertum greift und sich über andere erheben will, dann erkenne darin einen Menschen, der von der Höhe des Hochmuts in die Tiefe stürzt.
DIE GÖTTLICHE BERUFUNG ZUM PRIESTERTUM
Das Gesetz lehrt uns weiter, dass das Priestertum nicht menschlichen Ursprungs ist, sondern göttliche Berufung. Darum legte Mose die Stäbe aller Stämme vor den Altar, nachdem er jeden mit dem Namen seines Stammes bezeichnet hatte, damit jener Stab, den Gott selbst erwählen würde, zum Zeichen der Weihe von oben werde (Num 17,1–8).
Da blieben die übrigen Stäbe unverändert.
Der Stab des Priesters aber schlug Wurzeln aus sich selbst heraus und brachte Frucht hervor —
nicht durch fremde Feuchtigkeit, sondern durch die Kraft, die Gott ihm eingab. Er trieb Zweige, und seine Frucht reifte heran: es waren Mandeln. Dadurch wurde das ganze Volk zur rechten Ordnung belehrt. Denn die Frucht des priesterlichen Stabes zeigt geheimnisvoll, wie das Leben des Priestertums beschaffen sein soll.
Äußerlich: streng, enthaltsam und anspruchslos.
Innerlich: reich an verborgener Nährkraft.
Denn wie bei der Nuss unter der harten und holzigen Schale die verborgene Frucht liegt, die erst sichtbar wird, wenn die äußere Hülle aufbricht, so trägt auch das priesterliche Leben seine Frucht im Verborgenen.
Wenn du aber siehst, dass das Leben eines sogenannten Priesters eher einem wohlriechenden Apfel gleicht, dass er sich in Purpur und feine Gewänder kleidet, an kostbaren Speisen Gefallen findet, edlen Wein trinkt und sich mit wohlriechenden Salben umgibt — kurz: wenn er alles liebt, was Menschen suchen, die nach sinnlichen Genüssen verlangen —, dann darfst du mit Recht das Wort des Evangeliums sprechen: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt 7,16).
Denn eine solche Frucht stammt nicht vom Baum des Priestertums.
Die Frucht des Priestertums ist eine andere.
Jene Frucht ist Enthaltsamkeit; diese aber Genuss.
Jene wird nicht von irdischer Feuchtigkeit genährt; diese dagegen wird von den Strömen der Lust bewässert, die aus den Tiefen aufsteigen und ein solches Leben zur Reife bringen.
DER KÖNIGLICHE WEG
Als das Volk auch von dieser Leidenschaft befreit war, führte das Gesetz es weiter auf dem königlichen Weg und erlaubte ihm nicht, nach rechts oder links abzuweichen (Num 20,17).
Denn für den Wandernden ist das Abweichen gefährlich.
Wie auf einem schmalen Pfad zwischen zwei Abgründen schon ein kleiner Schritt zur Seite den Sturz bringen kann, so ist auch im geistlichen Leben jede Abweichung von der Mitte gefährlich. Darum gebietet das Gesetz dem, der ihm folgt, den Weg nicht zu verlassen — jenen engen und schmalen Weg, von dem der Herr spricht (Mt 7,14) — und weder nach rechts noch nach links abzuirren. Dadurch lehrt uns das Wort, dass die Tugend in der Mitte liegt.
Denn jedes Laster entsteht entweder aus Mangel oder aus Übermaß. So ist bei der Tapferkeit die Feigheit ein Mangel, die Überhebung aber ein Übermaß. Die Tugend liegt zwischen beiden. Ebenso verhält es sich mit allem anderen, was zum Guten gehört. Die Weisheit steht zwischen List und Einfalt. Denn weder die Klugheit der Schlange noch die Einfalt der Taube allein ist vollkommen (Mt 10,16).
Erst die rechte Verbindung beider wird zur Tugend. Wer an Keuschheit Mangel leidet, verfällt der Zügellosigkeit. Wer sie aber maßlos übersteigert, dessen Gewissen wird — wie der Apostel sagt — gleichsam verbrannt (1 Tim 4,2).
Der eine stürzt sich ungezügelt in die Lust; der andere verurteilt selbst die Ehe.
Die Tugend aber liegt zwischen beiden: das ist die wahre Enthaltsamkeit.
Denn „die ganze Welt liegt im Bösen“ (1 Joh 5,19), wie der Apostel sagt. Was aber der Tugend widerspricht, ist den Freunden des Gesetzes fremd. Wer daher seinen Weg durch dieses Leben vollendet, wird sicher ans Ziel gelangen, wenn er auf diesem wahrhaft königlichen Weg bleibt, der von der Tugend geebnet wurde,
und sich weder nach rechts noch nach links auf die Abwege des Lasters ziehen lässt.
DIE ZAUBEREI BILEAMS
Wie wir schon gesagt haben, wächst mit dem Fortschritt in der Tugend auch die Bosheit des Gegners. Denn je mehr der Mensch im Guten voranschreitet, desto mehr sucht der Feind nach neuen Wegen, ihn zu Fall zu bringen.
Als nun das Volk im Leben nach Gott gewachsen war, ersann der Gegner eine andere List — wie es auch Feldherren tun, die merken, dass sie einen starken Feind im offenen Kampf nicht überwinden können und deshalb zu Hinterhalten greifen. So führte auch der Urheber des Bösen keinen offenen Kampf mehr gegen jene, die durch Gesetz und Tugend gefestigt waren, sondern bereitete heimlich seine Fallen.
Darum zog er die Zauberei gegen Israel zu Hilfe. Die Geschichte berichtet von einem Wahrsager und Vogeldeuter, der durch dämonische Macht Schaden zufügen konnte und von den Midianitern angeworben wurde, um das Volk Gottes zu verfluchen (Num 22,7). Doch gerade er verwandelte den Fluch in einen Segen. Daraus erkennen wir: Gegen ein tugendhaftes Leben bleibt jede Zauberei machtlos. Wer von göttlicher Hilfe umgeben ist, überwindet jede List des Feindes. Dass jener Mann sich mit Vogeldeutung beschäftigte, zeigt die Schrift, wenn sie sagt, dass er mit den Vögeln Zeichen suchte[45] und schon zuvor durch den Ruf der Eselin belehrt wurde (Num 22,23–30).
Da er gewohnt war, aus den Lauten vernunftloser Tiere dämonische Eingebungen zu empfangen, stellt die Schrift den Ruf der Eselin gleichsam als verständliche Rede dar. Dadurch zeigt sie, wie weit jene Täuschung geht: Menschen halten die Stimmen der Unvernünftigen für Offenbarung. Gerade durch das, wodurch Balaam zuvor verführt worden war, wurde ihm nun offenbart, dass das Volk Gottes unbesiegbar sei.
So geschah es auch im Evangelium.
Die Legion der Dämonen stellte sich dem Herrn entgegen (Mk 5,7–9). Als aber der Herr aller Dinge erschien, bekannte sie selbst seine Macht und verbarg nicht die Wahrheit. Denn sie sprach: „Wir wissen, wer du bist, der Heilige Gottes“ (Mk 1,24), und: „Bist du gekommen, uns vor der Zeit zu quälen?“ (Mt 8,29). Ebenso erkannte auch Balaam durch die dämonische Macht, die ihn begleitete, die Unüberwindlichkeit des Volkes Gottes.
Und wir verstehen die Geschichte geistlich so: Wer die Tugendhaften verfluchen will, wird keine wahrhaft anklagenden Worte gegen sie finden. Der Fluch verwandelt sich notwendig in Segen. Denn wie könnte man den Nicht-Habgierigen der Habgier beschuldigen? Wie könnte man einem Zurückgezogenen Zügellosigkeit vorwerfen? Einem Sanftmütigen Zorn?
Einem Demütigen Hochmut?
Wer sein Leben vom Bösen fernhält und seinen Blick auf Gott richtet, macht sich dem Laster unzugänglich.
Darum sagt auch Balaam: „Wie soll ich verfluchen, wen Gott nicht verflucht?“ (Num 23,8). Das heißt: Wie soll ich den anklagen, der dem Bösen keinen Raum in sich gegeben hat?
DIE SIEGER, DIE DURCH DIE UNZUCHT BESIEGT WURDEN
Der Urheber des Bösen gab seine Nachstellungen gegen jene, denen er schaden wollte, auch nach seinem früheren Scheitern nicht auf. Vielmehr ersann er eine neue Kriegslist: Er lockte die menschliche Natur durch die Lust in die Falle des Lasters. Denn wie ein Köder die Fische an den Haken zieht, so zieht auch die Lust die begierige Seele in den Abgrund des Verderbens.
Besonders leicht wird unsere Natur durch die Wollust zum Bösen verführt.
So geschah es auch damals. Jene Männer, die mit Waffen gesiegt hatten, die gezeigt hatten, dass Eisen ihrer Kraft nicht standhalten konnte, die feindliche Heere in die Flucht geschlagen hatten — eben diese wurden nun durch die Pfeile der Lust besiegt, die von Frauen ausgingen. Und die Sieger über Männer unterlagen den Frauen. Denn kaum waren jene Frauen erschienen und hatten statt Waffen ihre Schönheit gezeigt, da vergaßen sie sofort ihre Tapferkeit, und ihr kämpferischer Mut verwandelte sich in das Verlangen, den Frauen zu gefallen (Num 25,1–2).
So gerieten sie in jenen Zustand, in dem die Seele durch die Leidenschaft zur verbotenen Vermischung mit dem Fremden fortgerissen wird. Die Verbindung mit dem Bösen aber bedeutete die Trennung vom Guten. Darum erhob sich die Gottheit selbst gegen sie. Phineas jedoch wartete nicht erst auf das Gericht von oben. Von Eifer ergriffen, wurde er selbst Richter und Vollstrecker des Gerichts (Num 25,6–8).
Wie ein Priester vollzog er die Reinigung der Sünde durch Blut — nicht durch das Blut eines unschuldigen Tieres, das an der Schändlichkeit der Leidenschaft keinen Anteil hatte, sondern durch das Blut jener Menschen, die sich gemeinsam der Sünde hingegeben hatten. Der Speer, der beide zugleich durchbohrte, vollzog das göttliche Urteil und verband ihre sündige Vereinigung mit dem gemeinsamen Tod.
Mir scheint aber, dass die Geschichte uns hier noch eine tiefere Unterweisung gibt. Sie lehrt uns, dass unter allen Leidenschaften, die gegen die menschliche Seele kämpfen, keine eine solche Macht besitzt wie die Wollust. Denn dieselben Israeliten, die der ägyptischen Reiterei standgehalten, die Amalek besiegt, andere Völker erschreckt und später auch die Midianiter überwunden hatten — gerade sie wurden beim bloßen Anblick fremder Frauen von dieser Leidenschaft unterjocht.
Dadurch zeigt uns das Wort, dass die Wollust ein besonders mächtiger und schwer zu besiegender Feind ist. Denn sie hat durch ihr bloßes Erscheinen jene überwunden, die im Kampf gegen Waffen unbesiegbar gewesen waren.
Sie errichtete gleichsam ein Denkmal ihrer Schande und machte die Erniedrigung der Besiegten vor aller Augen sichtbar.
Die Lust verwandelte Menschen in Tiere. Denn das tierische und vernunftlose Verlangen nach Unzucht ließ sie ihre menschliche Würde vergessen. Sie verbargen ihre Schande nicht einmal mehr, sondern rühmten sich ihrer Leidenschaft und wälzten sich offen wie Schweine im Schlamm der Unreinheit (Num 25,6).
Was lernen wir daraus?
Nachdem wir erkannt haben, welche Macht die Wollust besitzt, die Seele zum Bösen zu verführen, sollen wir unser Leben so weit wie möglich von jeder Nähe zu ihr fernhalten. Denn schon die bloße Annäherung an diese Leidenschaft entzündet das Feuer der Begierde. Darum lehrt auch Salomo: Man soll weder mit bloßen Füßen über glühende Kohlen gehen noch Feuer in den eigenen Schoß legen (Spr 6,27–28).
Solange wir fern bleiben von dem, was die Leidenschaft entzündet, bewahren wir die Ruhe der Seele. Wenn wir uns aber der Glut nähern und sie berühren, dringt das Feuer der Begierde in uns ein, und dann werden zugleich die Füße verbrannt und das Innere verwundet. Darum schneidet der Herr im Evangelium die Leidenschaft schon an ihrer Wurzel ab. Er befiehlt, selbst die Begierde zu meiden, die durch den Blick entsteht (Mt 5,28).
Denn wer die Leidenschaft durch das Sehen in sich aufnimmt, öffnet der Krankheit bereits den Eingang. Die bösen Leidenschaften gleichen einer ansteckenden Seuche: Sobald sie das Innere der Seele ergriffen haben, geben sie keine Ruhe mehr, bis sie den Menschen ganz zugrunde gerichtet haben.
DIE GRENZE DES LEBENS DES MOSE
Doch ich meine, dass es nicht nötig ist, die Erzählung noch weiter auszudehnen, um den Hörenden das ganze Leben des Mose als Vorbild der Tugend vor Augen zu stellen. Denn wer nach dem höheren Leben verlangt, wird bereits aus dem Gesagten reichen Gewinn ziehen auf dem Weg zur wahren Weisheit. Wer aber für die Mühen der Tugend träge geworden ist, dem würde auch eine noch größere Fülle von Worten keinen Nutzen bringen.
Nur eines dürfen wir nicht vergessen: jene Bestimmung der Vollkommenheit, die wir am Anfang gegeben haben. Denn dort sagten wir: Das vollkommene Leben besitzt keine Grenze im Fortschreiten zum Guten. Vielmehr besteht die Vollkommenheit der Seele gerade darin, unaufhörlich in der Vollkommenheit zu wachsen. Darum ist es gut, auch am Ende der Erzählung vom Leben des Mose die Wahrheit dieser Bestimmung sichtbar werden zu lassen. Denn wer während seines ganzen Lebens durch immer neue Aufstiege zu immer Höherem gelangt, der hört niemals auf, über sich selbst hinauszuwachsen. Wie ein Adler erhebt sich sein Leben in die Höhen und schwebt gleichsam über den Wolken im Äther des geistlichen Aufstiegs.
Mose wurde geboren zu einer Zeit, als es den Ägyptern als Verbrechen galt, einen Hebräer zur Welt zu bringen. Das Gesetz des Tyrannen bedrohte die Neugeborenen mit dem Tod. Doch Mose blieb von diesem mörderischen Urteil unberührt — zuerst durch die Fürsorge seiner Eltern, dann sogar durch jene, die selbst dieses Gesetz vollstrecken sollten. Und gerade diejenigen, die nach dem Gesetz seinen Tod hätten bewirken müssen, sorgten nicht nur für seine Rettung, sondern auch für seine Erziehung und Unterweisung in aller Weisheit.
Danach erhob er sich über menschliche Ehre und königliche Würde. Denn er erkannte, dass es königlicher und mächtiger sei, unter dem Schutz der Tugend zu stehen als unter dem Schutz königlicher Waffen, und sich mit ihrer Herrlichkeit zu schmücken statt mit königlichem Glanz.
Dann rettete er den Stammesgenossen und schlug den Ägypter nieder — in denen wir, wie unsere Betrachtung gezeigt hat, den Freund und den Feind der Seele erkennen.
Danach erwählte er die Stille zur Lehrerin der höheren Geheimnisse, und sein Geist wurde erleuchtet durch das Licht, das aus dem Dornbusch hervorstrahlte. Von da an bemühte er sich, auch seine Stammesgenossen an den Gütern teilhaben zu lassen, die ihm von oben geschenkt worden waren.
Er erwies seine Kraft zweifach: strafend gegenüber den Feinden und wohltätig gegenüber den Seinen.
Er führte das große Volk zu Fuß durch das Meer —
ohne Schiffe,
ohne Flotte,
allein durch den Glauben.
Für die Hebräer machte er die Tiefe zum trockenen Weg,
für die Ägypter aber das Trockene wieder zum Meer.
Er sang das Lied des Sieges. Er folgte der Wolke. Er wurde durch das himmlische Feuer erleuchtet. Er bereitete sein Mahl aus dem Brot, das von oben herabkam. Er stillte den Durst am Felsen. Er erhob seine Hände gegen Amalek. Er stieg auf den Berg. Er hörte den Klang der Posaunen. Er trat in die Finsternis ein. Er näherte sich der göttlichen Wirklichkeit. Er verweilte in der himmlischen Stiftshütte. Er ordnete das Priestertum. Er errichtete die Stiftshütte. Er gab dem Leben Ordnung durch die Gesetze.
Und wie wir gesagt haben, blieb er auch in den letzten Kämpfen siegreich.
Am Ende seiner Taten bestrafte er durch das Priestertum die Unzucht — wie der Eifer des Phineas gegen jene zeigte, die sich der Leidenschaft hingegeben hatten. Danach steigt er zum Berg der Ruhe empor.
Er steigt nicht hinab in das Land, auf das das untenstehende Volk gemäß der Verheißung blickte. Wer sich daran gewöhnt hatte, nur von der Speise von oben zu leben, kostete keine irdische Nahrung mehr.
Vielmehr verweilte er oben auf dem Gipfel des Berges — wie ein erfahrener Bildhauer, der die Statue seines Lebens vollendet hat und seinem Werk nicht ein Ende, sondern eine Krönung gibt.
Denn was sagt die Geschichte über ihn?
„Mose, der Knecht[46] des Herrn, starb nach dem Wort des Herrn“,
und:
„Niemand kennt sein Grab“;
ferner:
„Seine Augen wurden nicht trüb, und sein Angesicht verfiel nicht“ (Dtn 34,5–7).
Daraus lernen wir, dass Mose wegen so vieler Tugenden mit diesem hohen Namen geehrt wurde: Knecht Gottes.
Das bedeutet: Er hatte sich über alles Irdische erhoben.
Denn niemand kann Gott dienen, wenn er nicht höher geworden ist als alles Vergängliche. So vollendete sich auch das Ende seines tugendhaften Lebens nach dem Wort des Herrn. Und die Schrift nennt diesen Tod gleichsam einen lebendigen Heimgang. Denn ihm folgt kein Grab, kein aufgeschütteter Erdhügel, keine Verdunkelung der Augen und kein Verfall des Angesichts.
DAS ZIEL UNSERES LEBENS
Was lernen wir nun aus allem Gesagten? Dass wir während unseres ganzen Lebens nur ein Ziel vor Augen haben sollen: würdig zu werden, Diener Gottes genannt zu werden aufgrund dessen, was wir im Leben vollbracht haben.
Wenn du alle Feinde überwunden hast — den Ägypter, den Amalekiter, den Edomiter, den Midianiter; wenn du durch das Wasser gegangen bist, von der Wolke erleuchtet wurdest, am Holz Erquickung gefunden, aus dem Felsen getrunken und die himmlische Speise gekostet hast; wenn du durch Reinheit und Keuschheit den Aufstieg auf den Berg vollzogen und dort unter dem Klang der Posaunen in die göttlichen Geheimnisse eingeführt wurdest;
wenn du dich im Glauben der undurchdringlichen Finsternis genähert
und dort das Geheimnis der Stiftshütte und die Würde des Priestertums erkannt hast;
wenn du zum Bildner deines eigenen Herzens geworden bist,
damit die göttlichen Worte in seine Tafeln eingeschrieben werden;
wenn du das goldene Götzenbild zerstört hast —
das heißt die Begierde nach Besitz aus deinem Leben entfernt hast;
wenn du dich soweit erhoben hast, dass die Zauberei Bileams gegen dich machtlos geworden ist — und unter Zauberei verstehe die vielfältigen Täuschungen dieses Lebens, durch die Menschen, als hätten sie einen vergifteten Trank aus dem Kelch der Kirk [47] empfangen, ihrer eigenen Natur entfremdet werden und sich gleichsam in vernunftlose Wesen verwandeln;
wenn all dies in dir geschehen ist und in dir der priesterliche Stab aufgeblüht ist, der keine Feuchtigkeit aus der Erde empfängt,
sondern die Kraft zum Fruchttragen in sich selbst besitzt — jene Frucht der Mandel,
die äußerlich bitter und hart erscheint,
im Inneren aber süß und nahrhaft ist;
wenn du alles vernichtet hast, was sich gegen deine Würde erhebt — sodass es entweder wie Dathan von der Erde verschlungen
oder wie Korach durch Feuer verzehrt wird — dann bist du dem Ziel nahegekommen.
Und unter Ziel verstehe ich das, worauf alles ausgerichtet ist.
Denn wie in der Landwirtschaft die Frucht das Ziel ist, im Hausbau die Wohnung, im Handel der Gewinn, im Kampf der Siegeskranz, so ist im höheren Leben das Ziel dies: Diener Gottes genannt zu werden.
Und dazu gehört auch, kein Grabmal über sich zu haben —
das heißt: ein Leben zu führen, das nicht unter der Last des Bösen begraben liegt.
Die Schrift nennt noch ein weiteres Zeichen dieser Gottesknechtschaft: „Seine Augen wurden nicht trüb, und sein Angesicht verfiel nicht“ (Dtn 34,7).
Denn wie könnte das Auge dessen verdunkelt werden, der stets im Licht verweilt und sich von der Finsternis entfernt hat? Und wie sollte Verwesung den berühren, der sein ganzes Leben hindurch Werke der Unvergänglichkeit vollbracht hat?
Denn wer wahrhaft nach dem Bild Gottes geworden ist und nichts vom göttlichen Urbild in sich entstellt hat, der trägt die Zeichen dieses Urbildes in sich und gleicht Ihm in allem, indem er seine Seele mit Unvergänglichkeit, Beständigkeit und Freiheit von jeder Beimischung des Bösen schmückt.
SCHLUSS
Hier also, du Mann Gottes, Caesarius[48], endet unser kurzes Wort über die Vollkommenheit des tugendhaften Lebens.
Wir haben das Leben des großen Mose als ein Bild geistlicher Schönheit dargestellt, damit jeder, der ihm nachzufolgen sucht,
die Züge dieser geoffenbarten Schönheit in sich selbst nachbilde. Dass Mose die dem Menschen zugängliche Vollkommenheit erreicht hat — welchen glaubwürdigeren Zeugen könnten wir dafür haben als die Stimme Gottes selbst, die zu ihm sprach: „Ich kenne dich mehr als alle anderen“[49] (Ex 33,12).
Und Gott selbst nannte ihn seinen Freund (Ex 33,11).
Als Mose es vorzog, mit dem Volk unterzugehen, falls Gott ihnen ihre Sünden nicht vergeben würde (Ex 32,32),
da wandte sich der göttliche Zorn von Israel ab, denn Gott wollte seinen Freund nicht betrüben.
Dies alles und vieles Ähnliche bezeugt klar, dass das Leben des Mose die äußerste Höhe menschlicher Vollkommenheit erreicht hatte. Da nun unsere Untersuchung die Frage betraf, worin die Vollkommenheit des tugendhaften Lebens besteht, und sich diese Vollkommenheit in unserer Betrachtung gezeigt hat, bleibt dir, du Edler, nur noch eines: dieses Vorbild vor Augen zu tragen und alles, was wir im geistlichen Sinn aus der Geschichte erkannt haben, auf dein eigenes Leben anzuwenden.
Denn darin besteht die wahre Vollkommenheit: sich nicht aus knechtischer Furcht vor Strafe vom Bösen fernzuhalten; nicht um der Hoffnung auf Belohnung willen Gutes zu tun; nicht mit dem tugendhaften Leben wie mit einem Handel umzugehen; sondern alles — selbst das, was uns in den Verheißungen der Hoffnung zugesagt ist — gering zu achten gegenüber dem einen: die Freundschaft Gottes nicht zu verlieren. Und wiederum nur eines für wahrhaft kostbar zu halten: Freund Gottes zu werden.
Denn darin, wie ich meine, besteht die Vollkommenheit des Lebens.
Was aber dein Geist, der zu noch Größerem und Göttlicherem erhoben wird, darüber hinaus erkennen wird, das möge vielen zum gemeinsamen Nutzen werden — in Christus Jesus, unserem Herrn, dem Ehre und Macht gebühren von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.
Verzeichnis
[1] veraltete Bezeichnung für ein Längenmaß
[2] – Gemeint ist der alte Brauch, auf dem Schlachtfeld eine Trophäe zu errichten – ein Denkmal aus den aufgeschichteten Waffen des besiegten Feindes.
[3] – Als Eheschließung wird hier der Abschluss des Bundes bezeichnet.
[4] – Hier ist das dritte Gebot gemeint: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“
[5] – Gemeint sind in erster Linie die Gebote der „zweiten Tafel“ (vom fünften bis zum zehnten), aber hierher gehören auch die Vorschriften der Kapitel 20–23 des Buches Exodus sowie die zahlreichen Regeln, die in den Büchern Levitikus und Deuteronomium enthalten sind.
[6] – Die Ärzte jener Zeit gingen davon aus, dass die Gesundheit des Menschen vom Gleichgewicht der wichtigsten Lebens „Säfte“: Blut, Lymphe, gelbe Galle und schwarze Galle. Das Überwiegen eines dieser Säfte führte ihrer Meinung nach zu Krankheit.
[7] – Als „Königsweg“ wurde die Hauptstraße bezeichnet, die von Ägypten nach Palästina führte.
[8] – Das Wahrsagen anhand von Vögeln war in der Antike eine weit verbreitete Methode. Der Wahrsager beobachtete zu einer bestimmten Zeit den Himmel und zog seine Schlussfolgerungen daraus, von welcher Seite welche Vögel und in welcher Anzahl als erste erschienen.
[9] – Mit dem Wort „Verstand“ wird hier das griechische λόγος übersetzt, das viele verschiedene Bedeutungen hat, darunter auch „Gott als Wort“ (vgl. Joh 1,1). Offenbar spricht der heilige Gregor hier, wie auch an einigen anderen Stellen, bewusst so, dass sein Gedanke zweifach verstanden werden kann: „Die Regungen der Seele unterliegen dem Verstand“ oder „Die Seele folgt dem Wort“.
[10] – Hier, wie auch in einigen anderen seiner Werke, versteht der heilige Gregor die „Lederkleider“ aus dem Buch Genesis als die menschliche Natur in ihrem gegenwärtigen Zustand nach dem Sündenfall.
[11] – Das Wort „der Seiende“ ὁ ὤν, mit dem sich Gott im griechischen Text des Alten Testaments bezeichnet (Ex 3,14), ist eng mit einem der Grundbegriffe der griechischen Philosophie verbunden (siehe z. B. Platons Dialog „Parmenides“ und Aristoteles’ „Physik“): das Seiende, τὸ ὄν, steht im Gegensatz zum Nichtseienden, τὸ μὴ ὄν.
[12] – Wörtlich: „besitzt eine nicht-hypostatische (ἀνυπόστaτος) Natur“. Dies ist ein weiterer Begriff, der aus der griechischen Philosophie entlehnt wurde: Hypostase – eine untrennbare Eigenschaft des Seins.
Das Wort „Hypostase“, ὑπόστaσις (in seiner ursprünglichen Bedeutung –
„Verdichtung, Wesen, Grundlage“) war charakteristisch für die neuplatonische Philosophie (z. B. in Plotins „Enneaden“) und wurde in der christlichen Theologie weiterentwickelt.
[13] – Das heißt, in der Menschwerdung hat sich die göttliche Natur nicht verändert, wohl aber hat die menschliche Natur Anteil an der göttlichen erhalten.
[14] – Im griechischen Text des Alten Testaments heißt es, dass Mose dem „Engel des Herrn“ begegnete, während im hebräischen (und folglich auch in der Synodalen Übersetzung) steht, dass ihm der Herr selbst begegnete.
[15] – Hier spricht der heilige Gregor von der ihm zeitgenössischen heidnischen Philosophie – hauptsächlich der stoischen und der neuplatonischen – als von etwas Einheitlichem, obwohl unter den Philosophen zu praktisch allen hier erwähnten Fragen unterschiedliche Meinungen herrschten.
[16] – Die frühesten Erwähnungen des Schutzengels finden sich im „Hirten“ des Hermas (5,1–4) und in Origenes’ Traktat „Über die Prinzipien“ (2,10,7).
[17] – Hier und im Folgenden wird mit der wörtlichen Bedeutung des Wortes ἀμφίβιος („Amphibie“) – „einer, der zwei Leben führt“ – gespielt (vgl. das russische Abgeleitetes „Amphibie“).
[18] – Der biblische Text berichtet, dass Aaron seine Hände ausstreckte, um Plagen über Ägypten zu bringen (Ex 8,6 u. a.), und dass die Plagen auf das Gebet Moses hin wichen, doch über das Ausstrecken der Hände wird in diesem Fall nichts berichtet.
[19] – Hier spricht der heilige Gregor von der Apokatastasis, d. h. von der endgültigen Erlösung aller Sünder. Dieses Thema wurde später Gegenstand kirchlicher Auseinandersetzungen.
Zu Zeiten des heiligen Gregor gehörte diese Frage jedoch noch zum Bereich theologischer Untersuchungen, die keine endgültige Lösung gefunden hatten. In einigen Handschriften fehlt dieser Satz, doch offenbar stammt er dennoch vom heiligen Gregor und wurde später gerade wegen seiner Unvereinbarkeit mit den Beschlüssen der nachfolgenden Konzile gestrichen.
[20] Vgl. z. B. Platons „Der Staat“ (439d, 588b) oder seinen Dialog „Phaidros“ (246b). Nach platonischem Verständnis entspricht der „begehrende“ Teil der Seele den körperlichen Trieben, während der „sinnliche“ Teil den seelischen Regungen entspricht, die nicht mit den Bedürfnissen oder Launen des Körpers verbunden sind.
[21] Bei festlichen Mahlzeiten der Antike lagen die Gäste gewöhnlich auf Speiselagern. Dazu lockerten sie ihre Gewänder, zogen die Sandalen aus und nahmen eine entspannte Haltung ein.
[22] Chiton – das grundlegende Untergewand der antiken griechischen Kleidung, das unmittelbar am Körper getragen und gewöhnlich mit einem Gürtel zusammengehalten wurde.
[23] – In der Antike wurden die Säume langer Gewänder zum schnellen Gehen oder Laufen gewöhnlich hochgeschlagen und hinter den Gürtel gesteckt, um sich frei bewegen zu können.
[24] Eine solche Auslegung findet sich beispielsweise bei Philo von Alexandria („Das Leben des Mose“, 1.25.141), Clemens von Alexandria („Stromata“, 1.23.157) oder Irenäus von Lyon („Gegen die Häresien“, 4.46).
[25] – Moralphilosophie – Ethik: Naturphilosophie – Naturwissenschaften (heutige Physik, Biologie usw.)
[26] – Im griechischen Bibeltext steht hier das Wort τριστάται, was wörtlich „zu dritt stehend“ bedeutet.
[27] – Das Wort Ἐκκλησία „Versammlung“ wurde im Griechischen zum Namen für die Kirche.
[28] – Der Freitag heißt auf Griechisch παρασκευή, was wörtlich „Vorbereitung“ bedeutet. Dieser Name geht auf die alttestamentarische Tradition zurück, sich am Freitag auf die Feier des Sabbats vorzubereiten.
[29] – Das verborgene Heiligtum ἄδυτον – ein Begriff, der für die neuplatonische Philosophie charakteristisch ist (z. B. Plotin, „Enneaden“, 6.9.11), der die vor fremden Blicken verborgenen Heiligtümer der Diener der antiken Mysterien bezeichnet und symbolisch die verborgenen Tiefen der menschlichen Seele, in denen die Erfassung der Mysterien stattfindet.
[30] – Im Griechischen wurde der Deckel der Lade ἵλαστήριον genannt, d. h. „Ort der Versöhnung, der Sühne“. Der Name steht im Zusammenhang mit dem Ritual des Versöhnungstages, an dem der Hohepriester den Deckel der Lade mit dem Blut eines Opfertieres besprengte (vgl.: Lev. 16).
[31] Nach der antiken Naturlehre bestand die sichtbare Welt aus vier Elementen: Feuer, Luft, Wasser und Erde.
[32] – Es handelt sich um Gegenstände, die „Urim und Tummim“ genannt wurden und dazu dienten, den Herrn zu befragen. Die genaue Bedeutung dieser Worte sowie das Aussehen und die Art der Verwendung der Gegenstände selbst waren offenbar bereits zur Zeit der Abfassung des Buches unbekannt, weshalb der heilige Gregor ihnen eine rein symbolische Deutung gibt.
[33] – Zum Beispiel Philo von Alexandria („Über das Leben des Mose“, 2.118 u. a.)
[34] – Zum Beispiel Philo von Alexandria („Über das Leben des Mose“, 2.118 u. a.)
[35]– Satan wird hier gewöhnlich als „Widersacher“ bezeichnet, was der ursprünglichen Bedeutung des hebräischen Wortes
[36] Hier liegt ein unübersetzbares Wortspiel vor: das Gehör, d. h. der Gehorsam (ἀκοή), schmückte sich mit dem Ohrring des Gesetzes, und durch den Ungehorsam (παρακοή) wurde er abgenommen.
[37] – So im griechischen Text des Alten Testaments (vgl. slawisch „Stimme derer, die beginnen, sich mit Wein zu betrinken“). In der Synodalen Übersetzung, die aus dem hebräischen Text angefertigt wurde, heißt es: „Stimme der Singenden“.
[38] – In der Synodalen Übersetzung: „hat er vollbracht“.
[39] – Im griechischen Bibeltext (wie auch bei dem heiligen Gregor) wird das Wort μεταφρένον verwendet, das in seiner ursprünglichen Bedeutung mit „Schaufel“ übersetzt wird.
[40] – Wörtlich: „hinter Dir“.
[41] – Es geht um die Menschwerdung Christi.
[42] – Hier und in einigen anderen Schriften spricht der heilige Gregor von den „Gewändern der Herrlichkeit“, die Adam und Eva durch den Sündenfall verloren haben und die wir im zukünftigen Leben anlegen werden. Im biblischen Text werden diese Gewänder nicht erwähnt.
[43] – Eine damals verbreitete Vorstellung (vgl.:„Naturgeschichte“ von Plinius, 11.279, „Der Erzieher“ von Clemens von Alexandria, 2.8.66).
[44] – So im griechischen Text des Alten Testaments (vgl. slawisch: „und das Blut der Trauben tranken sie als Wein“). In der Synodalen Übersetzung, die aus dem hebräischen Text angefertigt wurde: „Du hast Wein getrunken, das Blut der Trauben.“
[45] – Im griechischen Text des Alten Testaments heißt es in Numeri 24,1, dass Bileam „nicht wie üblich den Vögeln entgegen ging“. In der russischen Synodalen Übersetzung, die aus dem hebräischen Text angefertigt wurde, werden die Vögel nicht erwähnt.
[46] – Das griechische Wort οἰκέτης bezeichnete einen Hausdiener.
[47] – Circe – eine Zauberin aus Homers „Odyssee“ (10. Gesang, Vers 212 ff.), die Odysseus’ Gefährten mit einem Zaubertrank abfüllte, woraufhin sie sich in Schweine verwandelten.
[48] Die Identität des hier genannten Cesarius ist nicht mit Sicherheit festzustellen. Einige Forscher vermuten eine Identifizierung mit Caesarius, dem Bruder Gregors von Nazianz. Da die Namensnennung nicht in allen Handschriften überliefert ist, bleibt die Frage offen.
[49] So lautet der griechische Text der Septuaginta (vgl. auch die kirchenslawische Bibel): „Ich liebe dich mehr als alle anderen“. Im hebräischen Text, dem viele moderne Bibelübersetzungen folgen, lautet die Stelle: „Ich kenne dich mit Namen“.
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Übersetzung: Alexei Iakovlev © 2026 – deutsch-orthodox.de Alle Rechte vorbehalten.
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