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Die Besucher der Optina-Einsiedelei, die den Starez Amwrosij selbst noch gesehen oder gesprochen hatten waren von seiner Herzlichkeit und seiner Einfalt überwältigt. In seinem Äußeren und in seiner Gestalt lag eine große Anziehungskraft und Gelassenheit; sein Gesiebt war das eines großrussiscben Bauern, mit etwas vorstehenden Backenknochen, mit weißem Bart und klugen Augen, deren Blick bis tief ins Herz der Menschen zu dringen schien; sein Wesen war mild und freundlich, und aus seinen Reden fühlten die Besucher die wunderbar reiche Erfahrung des Lebens und Menschenkenners; jede Frage und jede Bitte aber behandelte er mit gleichem Ernst und mit gleicher Aufmerksamkeit. Manche waren entrüstet, wenn die Menschen, wie so oft die einfachen alten Bäuerinnen, den Starez mit den Kleinigkeiten ihres Haushalts oder Familiensorgen belästigten und seine Zeit in Anspruch nahmen. “Mein lieber” -sagte der Starez Amwrosij einmal einem solchen Besucher -, “wie kannst du nicht verstehen, daß ihr ganzes Leben in diesen Kleinigkeiten versteckt liegt, ihre Seelenruhe hat den gleichen Wert wie die von Leuten’ mit oft sehr unnötigen Ansprüchen.”
Und wirklich fand der Starez immer Zeit für solche “einfachen” Belehrungen und die Erzählungen der Besucher über den alten weisen Starez drangen bis in die abgelegensten Dörfer Rußlands.
Später kamen auf diesem zuerst von dem einfachen Landvolk gewiesenen Weg auch die “Geistigen” in seine Zelle, die vielleicht erst hier lernen sollten, daß man ohne die Einfalt der Kinder sind nicht diese alten russischen Bauern in ihrer Glaubenswelt die wahren Kinder! -nicht als Christ leben kann.
Das tiefe Verstehen, das der Starez den vielfältigen Erscheinungen des Lebens entgegenbrachte, war eine reife Frucht der optinaschen Schule. Amwrosij fing seine geistliche Erziehung im Zellendienst bei dem Starez Leonid an. Aber ungeachtet dieser Schulung blieben doch viele Wesenszüge seiner ausgeprägten Persönlichkeit erhalten, wie auch sein Lebensweg anders verlief als der seines geistigen Führers.
Das Leben den Heiligen Amwrosij
Der Starez Amwrosij (geb. 1812) war der Sohn eines Psalmisten an einer kleinen armen Dorfkirche. Im Gegensatz zu den Starzen Leonid und Makarij hatte er die Stufenfolge des geistlichen Unterrichts durchgemacht. Zuerst lernte er unter der Leitung seines Vaters Stundenbuch und Psalter lesen, dann kam er in die Geistliche Schule und endlich in das Geistliche Seminar der Stadt Tambow. Überall erwies er sich als ein begabter und fleißiger Schüler. Nach der Vollendung des Studiums lebte er einige Jahre als Lehrer an der Geistlichen Schule in Lipetzk. Gerade zu dieser Zeit vollzog sich in ihm seine grundlegende Wandlung. Alexander Grenkow (so war sein weltlicher Name) fühlte von Tag zu Tag tiefer, daß ihn auf die Dauer seine bisherige Tätigkeit nicht befriedigen konnte. Seine Neigung zu Einsamkeit und Gebetsversenkung wurde immer stärke. Oft stand die Stille einer Mönchszelle vor seinen Augen und lockte ihn. Als er einmal erkrankte, gab er das Versprechen ab, nach der Genesung in ein Kloster zu gehen. Ein Starez und Klausner, namens I1arion, der nicht weit von dem Wohnort Grenkows lebte, erteilte bei einem Besuch dem jungen Lehrer den Segen für das Kloster. “Geh nach Optina, dort wirst du alles erfahren”, sagte der Srarez Ilarion.
Im Herbst 1839 kam er nach Optina, in den Skit zu Starez Leonid. Kurz vor seinem Tode sagte Leonid zu Makarij: “Ich übergebe ihn dir aus meiner Hand in die deine, denn er steht uns sehr nahe.” So trat Amwrosij in die Führung des Starez Makarij. Da Amwrosij die entsprechende Vorbildung besaß, hat er ihm bei der Übersetzung der patristischen Bücher, zuerst bei der Vorbereitung der Bearbeitung des Lebens und der Schriften Paisij Welitschkowskij und später auch bei den andern. Noch zur Zeit seines Zellendienstes erkrankte er sehr schwer; als Folge davon blieb er für den Rest seines Lebens schwach und kränklich. Die Krankheit hatte einen großen Einfluß auf sein Wesen und seine Anschauungen. Durch sie waren ihm besondere Erkenntnisse zugänglich gemacht worden. “Es ist gut für einen Mönch, krank zu sein” pflegte er später gern nebenbei zu bemerken, “bei der Erkrankung soll er sich nicht richtig wiederherstellen, sondern nur ein wenig ausbessern lassen.”
Wegen seiner Schwäche durfte er nicht die Liturgie verrichten und mußte den längeren klösterlichen Gottescliensten fernbleiben; die meiste Zeit verbrachte er halbliegend in seiner Zelle und betete in dieser Stellung, da das Stehen und Niederfallen auf die Knie seinem Körper allzu große Beschwerden verursachte.
Nach dem Tode des Starez Makarij erbte Amwrosij von ihm gewissermaßen die Leitung der Übersetzungs arbeiten der patristischen Literatur. Aber an dieser Tatigkeit fand Amwrosij kein sehr großes Gefallen. Die Seelen der Menschen erschienen ihm wichtiger als die Bücher. Die Gestalt seines ersten Lehrers, des Starzen Leonid, stand ihm immer vor Augen, so daß die Art und Weise seines Starzentums in vielen Zügen dem Leonids angeglichen war, nur daß seine Zelle eine noch buntere Menge von Besuchern gesehen hat.
Es ist ein Verdienst des Starez Makarij, daß die Optina die Aufmerksamkeit der russischen Gelehrten auf sich zog. Gerade in den 60er fahren bemerken wir gewisse Schwankungen in der Entwicklung der geistigen Kultur des Landes: die meisten ihrer Vertreter bemühten sich, sie in die Bahnen der materialistischen Anschauungen zu lenken und gleichzeitig Seele und Denken der gebildeten Schichten der Orthodoxie und dem kirchlichen Einfluß möglichst zu entziehen. Die Bedeutung des wiedererwachenden Starzentums als Abwehr gegen diese Bestrebungen und als Gegenbewegung ist bis heute nicht richtig eingeschätzt und anerkannt. Der Starez Amwrosij erweiterte die Arbeit Makarijs, festigte das Ansehen des kirchlichen Gedankens und schuf die religiösen Grundlagen des neuen Weltbildes. Wenn jetzt der Hauptvertreter der russischen Philosophie im Hinblick auf ihren Werdegang feststellt, daß “die Hauptaufgabe des russischen, religiös-philosophischen Schrifttums der Aufbau der orthodox-christlichen Weltanschauung ist, wie sie sich aus dem reichen Inhalt des christlichen Dogmas und seiner Auswirkung in der wahren Führung ergibt”,(F.M.Dostojewskij) so dürfen wir nicht vergessen, daß diese Feststellung uns in die Zeit der russischen Slavophilen zurückführt und zu ihrem Vertreter in der Religionsphilosophie, zu Iwan Kirejewskij. Von dort aus geht der Weg über Wladimir Solowjew, der die Lehrsätze der Slavophilen in ganzen Abhandlungen entwickelt hat, über Dostojewskij und andere zu den heute lebendigen religiösen Gedanken.
Im Starzentum hatten die Gebildeten nicht nur einige bedeutende Vertreter und Verwirklicher des christlichen Glaubens kennengelernt, sondern mehr noch: christliches Wissen und Gestalten, die vorgelebte Einheit von Wissen und Glauben und damit den Weg dazu.
So darf es nicht weiter wundernehmen, daß Dostojewskij, als er zusammen mit Wladimir Solowjew den Starez Amwrosij aufsuchte (1878), mit der Antwort auf seine persönlichen Fragen zugleich auch die nach der allgemeinen Aufgabe des Christen in der Welt entgegennahm, wie er sie dann als Ergebnis dieser Unterredung in den Brüdern Karamasoff, in der unvergeßlichen Gestalt des Starez Sosima, künstlerisch festzuhalten versucht hat. “Wie sehr aber werden Sie sich wundern”, spricht Dostojewskij zu seinen Lesern über die Starzen, “wenn ich sage, daß von den Gebeten dieser Demütigen und nach Einsamkeit und Stille sich Sehnenden die Rettung Rußlands ausgehen wird.”
Auch eine andere große Persönlichkeit der russischen Literatur, Leo Tolstoi geht nach Optina, um dort seine kritische Einstellung zur christlichen Frömmigkeit erschüttert zu sehen und sie offenherzig zu bereuen: „Ja, der Vater Amwrosij ist ein ganz und gar heiliger Mensch. Ich habe mit ihm gesprochen, und so leicht und erfreulich wurde mir in der Seele. Wenn du dich mit einem solchen Menschen unterhältst, dann fühlst du die Nähe Gottes.” Dreimal besuchte Tolstoi die Zelle Amwrosijs, das letztem mal mit seiner Familie. Als er sich im Jahre 1910 zum vierten Male nach Optina zum Starez losif, dem Schüler Amwrosijs, begeben wollte, um, wie die Legende berichtet, seine hoffärtige Seele endlich unter der Mönchskutte zur Ruhe zu bringen, starb er unterwegs, nicht weit von der Optina-Einsiedelei.
Und noch viele andere Vertreter der russischen Gebildeten holten sich bei dem frommen Starez Rat und Segen und die Befreiung von ihren Gewissensnöten.
Das Leben des Starez Amwrosij ist eine einzige Kette von Taten der Liebe und der Herzensgüte. Im Umgang mit den Menschen bewies er oft eine erstaunliche Seelenkenntnis und Anlagen der Vorausschau. Schon nach wenigen Minutenlag die Seele des Ankömmlings wie ein offenes Buch vor ihm.
Der 10. Oktober 1891 war der letzte Tag im Leben des Starez Amwrosij. Von seinen geistlichen Töchtern umgeben, entschlief er. Der Bischof erhielt unterwegs die Nachricht vom Tode des Starez und entschloß sich, persönlich für ihn das Totenamt abzuhalten. Es war Abend, der Sarg stand in der von Amwrosij gebauten Kirche, die Nonnen sangen die Pannychida, und in dem Augenblick, als sie anfingen zu singen: “Mit den Heiligen laß ruhen, O Christus, die Seele deines Knechtes!” -traf der Bischof in der Kirche ein. So ging auch die letzte Voraussage des Starez in Erfüllung. Optina sollte zur letzten Ruhestätte des Starez Amwrosij werden. Es war ein tief eindrucksvolles Bild, als sein Sarg durch die Wiesen und Wälder getragen wurde, begleitet von Tausenden von Menschen mit brennenden Kerzen, unter Gesang von Mönchen und Nonnen. Spät abends kam der Tote nach seiner Einsiedelei zurück. Sein einunddreißigjäriges Starzentum war zu Ende, aber sein Geist lebte in Optina und Scharnordino weiter. Seine Schüler setzten die segensreiche Arbeit fort. Noch dreißig Jahre währte die geistige Führung, bis dann die Pforten der Optina-Einsiedelei für das asketische Leben geschlossen wurden und die Glocken über dieser letzten und bedeutendsten Pflegestätte russisehen Starzentums verstummten.
Mit dem Tode des Starez Amwrosij endet eine große Zeit des russischen Starzentums. Außer Amwrosij wirkten auch noch andere zeitgenössische Starzen in den verschiedenen Einsiedeleien, doch gebührte Amwrosij; der erste Platz unter ihnen. Er hinterließ mehrere Schüler, die seine Arbeit in Optina weiterführten. Vor allem wäre da der Starez losif zu nennen, der die Führung der geistllchen Söhne und Töchter Arnwrosijs übernahm. Zwanzig Jahre war er als Starez in Optina tätig, erwarb sich die Liebe und Achtung aller Besucher und starb im Mai 1911 er wurde neben dem Grab seines Lehrers beigesetzt.
Einige kurze Erzälungen
Einmal kam zum Pater Amwrosij ein junger Priester, der eine kleine und arme Dorfgemeinde in einem abgelegenen Orte betreute und in großer Verzweiflung über sein einsames und armes Leben war. Sowie ihn der Starez über die Schwelle treten sah, rief er ihm zu: “Geh, geh zurück, Vater! Er ist allein, aber du bist zu zweien.“
Der Priester, der nicht begriff, fragte den Starez, was das bedeuten solle. Amwrosij antwortete: “Nun, der Teufel, der dich versucht, ist doch einer. Du aber hast noch einen Helfer -Gott. Geh nach Hause zurück und habe keine Angst und keinen Zweifel, und merke, es ist eine große Sünde, seine Gemeinde zu verlassen. Vollziehe jeden Tag die göttliche Liturgie, und alles wird gut.”
Beruhigt und erfreut kehrte der Priester nach seinem Dorf zurück und tat so, wie der Starez gesagt hatte. .. Einige Jahre vergingen, und immer lebendiger entwickelte sich die Gemeinde unter der Hand des Priesters, der die Weisung des Starez streng einhielt. Später, nach dem Tode Amwrosijs, wurde er selbst als ein erfahrener Starez weithin bekannt und vom Volke verehrt.
Der Bischof Makarij von Kaluga besuchte einmal zu der Zeit, als er noch nicht Mönch, sondern erst ein junger Priester war, den Starez Amwrosij und unterhielt sich lange mit ihm. Beim Abschied segnete ihn der Starez und schenkte ihm ein Buch über das Mönchsleben. “Ich überlegte (erzählte der Bischof): warum schenkt er mir das, ich bin doch kein Mönch. Der Starez sah mich an und sagte: ,Ach, wozu gebe ich Ihnen das, Sie brauchen etwas anderes.’ Dann blickte er mich noch einmal scharf an und fuhr fort: ,Doch, doch, es muß schon so sein.’ Einige Jahre später starb meine Prau, und ich trat in das Kloster ein. Jetzt bin ich schon Bischof, und ich bewahre das Buch wie einen Segen des Starez, denn es wurde mir zur Wahrsagung meines Lebens.”
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In Optina geschah einmal das Folgende: Dort lebte ein noch junger Mönch Palladij. An einem Sonntag vollzog er die Liturgie und ging, völlig gesund, nach seiner Zelle. Da kommt plötzlich der Zellendiener des Starez zu ihm und sagt, er sei von Vater Amwrosij beauftragt, ihm mitzuteilen, daß Palladij sich mit dem Schima bekleiden und den “Kanon für die Trennung der Seele vom Leibe”singen solle. Verwundert antwortete der Mönch, daß er doch ganz gesund sei. Nach einigen Tagen schickte der Stafez denselben Befehl und so dreimal. Beim vierten Mal bestätigte sich seine Ahnung: der Mönch hatte einen Schlaganfall erlitten, war gelähmt und starb nach Ablesung des Kanons.
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Der bekannte russische Schriftsteller und Philosoph Konstantin Leontjew bewohnte nach seinem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst ein Haus, das er sich in Optina erbaut hatte. Fünfzehn Jahre lebte er dort und blieb in ständiger Verbindung mit dem Starez Amwrosij. Im Herbst 1891, als Leontjew nach der Troize-Sergiewa-Lawra abreisen sollte, um sich dort einkleiden zu lassen, kam er zu Amwrosij, um sich zu verabschieden und dessen Segen für sein künftiges Mönchsleben zu erbitten. Da sagte plötzlich der Starez, während er ihn segnete: “Nun, über eine kurze Zeit werden wir uns wiedersehn.” Leontjew legte diesen Worten keine besondere Bedeutung bei, aber als er drei Monate später die Nachricht erhielt, der Starez Amwrosij sei gestorben, fühlte er, daß auch sein Tod bevorstehe, und erzählte, was der Starez zu ihm gesprochen batte. Tatsächlich erkrankte Leontjew nach einem Monat an Lungenentzündung und starb kurz darauf.
Eine Nonne war heftig an einem Halsübel erkrankt; der Arzt stellte eine weit fortgeschrittene Kehlkopftuberkulose fest und erklärte, es gebe keine Rettung mehr. Niedergeschlagen kam die Nonne zum Starez Starez und erzählte es ihm. Da schickte er sie nach einem Brunnen, der nicht weit von der Einsiedelei war. und gab ihr den Auftrag, ihm etwas Wasser von dort zu bringen. Die Nonne tat, wie er sagte. Der Starez holte unter seinen Kissen drei Eier hervor, mischte das Weiße in das Wasser und gab es der Nonne zu trinken; dann befahl er ihr, nach dem Kloster zurückzukehren und sich mit dem Wasser aus dem Brunnen zu waschen. Sie führte alles genau nach seinen Vorschriften aus. Nach der Waschung fiel sie in einen tiefen Schlaf und schlief den Tag und die Nacht durch. Am nächsten Morgen fühlte sie sich viel besser, und bald wurde sie ganz gesund. Der Arzt konnte gar nicht glauben, daß die Kranke wieder genesen war.
Seine Zeitgenossen und ihm Nahestehende erzählten noch vielerlei über derartige Heilungen und Voraussagen. So mancher war durch ihn geheilt und gerettet worden. Wie der Heilige Serafim von Sarow teilte er die Gaben, die er besaß, in reichem Maße und voller Selbstlosigkeit aus, insbesondere, wenn er merkte, dass der Betreffende ihn als Fürbitter vor dem Herrn ansah und voller Vertrauen und Glauben seine Hilfe erbat. Viele Seelen, die vor sich einen Abgrund sahen, rettete Amwrosij durch seine Liebe und führte sie auf den richtigen Weg zurück. Er lehrte die Menschen, das Echte vom Falschen zu unterscheiden, die Unaufrichtigkeit und Bedingtheit menschlicher Lebensbeziehungen zu durchschauen und die echten Werte des irdischen Daseins zu erkennen. Das ganze Jahr über pilgerten unzählige Menschen nach Optina und warteten stundenlang vor seiner Hütte, um die große Gestalt des greisen Starez sehen zu dürfen und von ihm Trost zu erlangen.
Bei dem Starez Amwrosij finden sich Züge, die an eine Verwandtschaft mit dem heiligen Serafim von Sarow erinnern. Beide Starzen widmeten sich mit besonderer Liebe der Sorge um die weibliche Seele. Beide gründeten nicht weit von ihrem Aufenthaltsort ein Nonnenkloster und nahmen die dortigen Insassen in ihre geistige Führung. Dies ist ein besonderes Kapitel in der Geschichte des russischen Starzentums, das hier nur erwähnt werden soll.
In einem Dorf Schamordino, 15 Kilometer von Optina entfernt, gründete Amwrosij mit Hilfe seiner Verehrer ein Nonnenkloster, und so entstand gegen Ende der 70er Jahre des 19 Jahrhunderts die Schamordino-Einsiedelei zur Ehre der Ikone der Gottesmutter von Kazan. Der Starez leitete selbst den Bau der Klosterkirche und die Umgestaltung der bereits vorhandenen Gebäude, die den Klosterverhältnissen angepaßt werden mußten. Unermüdlich brachte er viele Stunden des Tages mit der Beaufsichtigung der Arbeiten und den notwendigen Besprechungen zu. Es schien, als seien alle Schwächen des Alters und alle körperliche Gebrechlichkeit von ihm gewichen. Am 1. Oktober 1881 wurde die Kirche schließlich eingeweiht. Die Auswahl der Nonnen hatte der Starez selbst mit großer Sorgfalt vorgenommen. Von Jahr zu Jahr festigte sich die religiöse Gemeinschaft des neuen Klosters mehr und wurde zum Lieblingskind des Starez. Jeden Sommer kam Amwrosi nach Schamordlno und übernahm für mehrere Wochen den Unterricht und die Leitung seiner geistlichen Töchter.
Ikonographie des Heiligen Ambrosius von Optina.
Die Ikonografie des Heiligen Ambrosius von Optina basiert auf der Ikone, die anlässlich seiner Heiligsprechung gemalt wurde. Für diese Ikone wurden sowohl Porträts als auch Fotografien des Heiligen verwendet.
Bei seiner Mönchsweihe erhielt Alexander (Grenkov) den Namen Ambrosius zu Ehren des Heiligen Ambrosius von Mailand. Der Heilige hatte ursprünglich ebenso wenig wie der Älteste von Optina an ein Klosterleben gedacht: Er bereitete sich auf den Staatsdienst vor und wurde Rechtsanwalt. Doch beiden wurde durch die göttliche Vorsehung eine besondere Richtung in ihrem Leben gegeben, die ganz anders verlaufen war. Der zukünftige Heilige Ambrosius von Mailand wurde noch vor seiner Taufe zum Bischof gewählt. Danach studierte er Theologie, kämpfte gegen Häresien und wurde Lehrer der Kirche. Was Alexander betrifft, so gelobte er während einer Krankheit, die wenig Hoffnung auf Genesung ließ, in ein Kloster einzutreten. Danach wurde sein Leben von Eifer erfüllt: Einfache Leute suchten ihn auf, Mitglieder der Hauptstadt-Intelligenz kamen zu Besuch und hinterließen schriftliche Notizen über ihn.
Die Ikonografie des Heiligen Ambrosius von Optina basiert auf der Ikone, die anlässlich seiner Heiligsprechung gemalt wurde. Diese Ikone wiederum wurde anhand von Porträts und Fotografien des Heiligen angefertigt. Ambrosius von Optina gehört zu den ersten russischen Heiligen, die fotografiert wurden.
Die Zeit des Ältesten Ambrosius fiel mit den Anfängen der Fotografie zusammen. Sowohl die Fotografie als auch die zeitgenössische Lithografie zeichnen sich durch ihre Motivwahl aus. Bald sollten sowohl die Fotografie als auch die Lithografie alles umfassen, was einem orthodoxen Pilger am Herzen lag: von den Kathedralen des Kremls bis hin zu abgelegenen Klöstern und ihren heiligen Reliquien.
Die Optina-Einsiedelei selbst wurde ebenfalls in gedruckten Architekturplänen festgehalten. Die für diese Zeit ungewöhnlich farbenfrohen Ansichten basierten auf traditionelleren, schematischen und monochromen Plänen (im Wesentlichen schwarz-weiß), auf denen die Gebäude mit konventionellen Symbolen gekennzeichnet waren. Durch die Kombination von Geodäsie, Geometrie, künstlerischem Geschmack und frommer Inspiration entstand eine neue Art der farbigen Planimetrie in Vogelperspektive.
Auf diesen Plänen wurden die Klostergebäude präzise und realistisch dargestellt, ebenso wie Bäume verschiedener Arten, darunter die Kiefernwälder, die das Kloster umgeben. Sie wurden auf malerische Weise dargestellt. In Wirklichkeit konnte man das Kloster und seine Nadelwälder im 19. Jahrhundert nur aus der Vogelperspektive betrachten, beispielsweise aus einem Heißluftballon.
Der Älteste Ambrosius wurde 1988 heiliggesprochen. Er wird heute als einer der Ältesten von Optina verehrt, deren gemeinsames Gedenken im Jahr 2000 im Moskauer Patriarchat eingeführt wurde. Die Synaxis umfasst die ehrwürdigen Väter Leo (Nagolkin), Makarios (Iwanow), Moses (Putilow), Antonius (Putilow), Hilarion (Ponomarjow), Anatoli (Zertsálow), Isaak (Antimonow), Nektarios (Tichonow), Joseph (Litowkin), Barsanuphius (Plikhankov), Anatoly (Potapov), Nikon (Belyaev) und Isaac (Bobrakov). Zusammen mit diesen anderen Ältesten von Optina wird der Heilige Ambrosius auch in der Synaxis der Heiligen des Kaluga-Landes gedacht.
In der gesamten Diözese Kaluga gibt es viele Darstellungen von Pater Ambrosius, die sich nicht nur auf Ikonen, sondern auch in anderen Formen der Kirchenausstattung finden. Normalerweise sind Außenwandmalereien in Kirchen den bedeutendsten heiligen Gestalten und Ereignissen vorbehalten. An den Heiligen Toren des Vvedensky-Klosters (Präsentationskloster) von Optina befindet sich ein Wandgemälde, das Pater Ambrosius zusammen mit den Ältesten von Optina darstellt, die ihn beeinflusst haben: Joseph, Leo, Hilarion und Makarios. Im Hintergrund ist das Kloster selbst zu sehen.
Die Ikone der Synaxis der Ältesten von Optina befindet sich in der Nikolauskirche in Pyzhi bei Moskau. Über dem Eingang zur Ambrosiuskirche im Shamordino-Kloster, in dem er zu Lebzeiten besondere geistliche Fürsorge walten ließ, befindet sich ein Mosaikbild des Heiligen Ambrosius.
Im 19. Jahrhundert wurden in der Lithografie, ähnlich wie in der Ikonografie, oft nicht nur sakrale Motive dargestellt, sondern den Gläubigen auch heilige Stätten und Reliquien nähergebracht. Die Klöster selbst und ihre Innenräume galten als heilig. Lithografien lenkten die Aufmerksamkeit der Pilger auf das, was der Verehrung am würdigsten war. Dies unterscheidet sie von der modernen Fotografie, die eher momenthaft und oft willkürlich ist. Selbst ein „Kirchenfotograf” würde heute vielleicht einen Zaun oder eine Taube auf einer Kuppel fotografieren, ohne die heilige Bedeutung des Motivs zu erklären.
Zur Zeit von Pater Ambrosius begann die Fotografie gerade erst, Genre-Merkmale anzunehmen, und wurde verwendet, um konkrete Realitäten darzustellen. Ein bekanntes Foto zeigt Pater Ambrosius, wie er das Grab von Mutter Sophia, der ersten Äbtissin des Klosters Shamordino, segnet. Das Foto wurde vor der Revolution veröffentlicht und trägt den eindeutigen Titel „Der heilige Ambrosius segnet das Grab von Mutter Sophia”. Ein anderes Foto trägt die Bildunterschrift „Der heilige Ambrosius an der Schwelle seiner Zelle”. Allein die Existenz solcher Bildunterschriften zeigt, dass diese Fotos als direkte, dokumentarische Darstellungen gedacht waren – als visuelle Belege dessen, was man tatsächlich sah.
Dies ist vergleichbar mit einem Pilger aus dem 19. Jahrhundert, der nach dem Besuch eines weit entfernten Klosters Druckerzeugnisse oder Postkarten mit Bildunterschriften kaufte, die das Dargestellte beschrieben, beispielsweise eine Nahaufnahme der Vvedensky-Kathedrale. Während die Ikone die himmlische Wirklichkeit offenbaren will, vermittelt das Foto die irdische Wirklichkeit – aber direkt und präzise: ein Foto der Kirche, der Reliquien oder der persönlichen Gegenstände des Heiligen.
Dennoch beruht die Ikonografie des Heiligen letztlich auf seinen Porträts. Hieromonk Daniel (Bolotov) malte mehrere Porträts, von denen einige im Optina-Kloster aufbewahrt werden. Ein Porträt aus dem Jahr 1892, das heute in der Zentralen Akademischen Kirche der Moskauer Theologischen Akademie aufbewahrt wird, entstand ein Jahr nach dem Tod des Ältesten. Es zeigt ihn mit seinem Brustkreuz und dem Gedenkkreuz, das ihm in Erinnerung an den Krimkrieg verliehen wurde.
Auf diesem Gemälde liegt Pater Ambrosius auf einem Kissen und blickt geradeaus. Es gibt mehrere autorisierte Repliken des Werkes, darunter eine, die den Ältesten mit seiner geistlichen Tochter Olga Gontscharowa zeigt. Diese Porträts haben einen ausgeprägten ikonografischen Charakter: Der heilige Ambrosius erscheint in Mönchskutte und Skufia und verkörpert ruhige Würde und spirituelle Einsicht.
Spätere Ikonographen übernahmen diesen Bildtyp selbstverständlich für gemalte Ikonen. Über dem Reliquienschrein des Heiligen in der Eingangskathedrale des Optina-Klosters hängt eine hagiografische Ikone des Heiligen Ambrosius, die von Mönch Artemy (Nikolayev) geschaffen wurde.
Der Heilige wird ausnahmslos in der Synaxis aller Heiligen dargestellt, die im russischen Land leuchteten. Er selbst leistete einen bemerkenswerten Beitrag zur Entwicklung der modernen Marienikonografie: Durch seinen Segen wurde das Bild der Mutter Gottes aus der „Allerheiligen”-Ikone des Bolchow-Klosters zum Vorbild für die Ikone „Die Mehrerin des Weizens”.
Diese Ikone entstand im Jahr 1889 während einer schweren Dürre. Ihre Verehrung dauert bis heute an, obwohl Dürren für den modernen Menschen vielleicht kein so dringendes Problem mehr darstellen. Das Fest der Ikone wurde 1995 in den liturgischen Kalender der russisch-orthodoxen Kirche aufgenommen. In der Region Moskau wurde auf dem Gelände der Shchyolkovo-Brotfabrik eine Kirche zu Ehren dieser Ikone gebaut, in der besonders das Andenken an den heiligen Ambrosius gefeiert wird.
Pater Ambrosius beeinflusste seine Zeitgenossen nachhaltig durch seine spirituelle Einsicht, die er mit Einfachheit und Herzlichkeit im Umgang mit den Menschen, die zu ihm kamen, verband. Seine Sprüche, die sich durch Präzision und pastorale Tiefe auszeichnen, sind noch heute weit verbreitet und in gesammelter Form veröffentlicht.
Bemerkenswert ist, dass Zitate weltlicher Denker oft aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst erscheinen, während die Worte von Pater Ambrosius nie ihre Integrität verlieren. Er sprach so, wie er lebte: natürlich und direkt. Seine Ratschläge waren oft kurz, keine langen Abhandlungen, aber immer erbaulich. In einem Brief an eine geistliche Tochter drückte er sich sogar ausschließlich durch Volksweisheiten aus, die offensichtlich auf ihre besondere Situation zugeschnitten waren.

Die Ikone der Mutter Gottes „Спорительница хлебов” (ist ein ein veralteter Ausdruck, der als
„sporit’sja” bedeutet „erfolgreich sein”, in diesem Fall beim Wachstum von Getreide. also- “Brotverbesserin” oder “Brotvermehrerin”. übers.) ist eng mit dem Heiligen Ambrosius und seiner mitfühlenden Fürsprache für Menschen in Not verbunden. Das Bild des Heiligen Ambrosius von Optina ist vor allem durch die zahlreichen Ikonen bekannt. Er wird typischerweise als ehrwürdiger Mönch dargestellt, der eine Gebetskette oder eine Schriftrolle hält. Ist die Schriftrolle ausgerollt, trägt sie oft eines seiner bekannten Sprichwörter.
Die Idee, diese Ikone zu malen, kam dem ehrwürdigen Ambrosius von Optina in seinen letzten Lebensjahren. Besorgt um das Schicksal des Frauenklosters von Schamordino betete er zur Mutter Gottes um Schutz und Fürsprache. Die Grundlage für den von ihm persönlich angefertigten Entwurf bildete eine Landschaft aus der Umgebung des Klosters, über der die Mutter Gottes schwebt. Im Jahr 1890 beauftragte er den Hieromonch Daniel, den leiblichen Bruder der Äbtissin Sophia von Schamordino und bekannten akademischen Maler, mit der Anfertigung der Ikone.
Pater Daniel stellte die Muttergottes in seinem gewohnten akademischen Malstil dar: Sie sitzt mit ausgebreiteten Armen auf Wolken. Das Bildnis der Gottesmutter stammt von der Ikone „Alle Heiligen” aus dem Mariä-Allheiligen-Kloster im Orel-Gouvernement. Den unteren Teil der Ikone nahm eine naturalistische Landschaft mit einem sich in die Ferne erstreckenden Getreidefeld und Roggenähren ein.
In der Kirche der Donskaja-Gottesmutter in Mytischtschi wird eine halbfigurige Ikone auf blauem Hintergrund aufbewahrt, die den Heiligen mit einem Stab in der rechten und einem Gebetskranz in der linken Hand zeigt. In der Kirche St. Elias (Ilyinsky) in Schuja in der Region Iwanowo erscheint der Heilige in einem Medaillon-Fresko gegenüber dem Heiligen Johannes von Svyatogorsk und neben dem Heiligen Seraphim von Vyritsa.
In der Iveron-Kapelle in Moskau zeigt die Wanddekoration eine mehrstufige Komposition besonders verehrter Heiliger. Über dem Bild des Heiligen Ambrosius befindet sich das des Heiligen Theophan des Einsiedlers.
In der alten Ikonostase der Kirche Hl. Nikolaus in Zhegalovo, Schtscholkowo, sind einige der vorrevolutionären Ikonen der lokalen Reihe nicht erhalten geblieben. Sie wurden durch Ikonen neuerer Heiliger ersetzt, darunter der Heilige Ambrosius von Optina. So lebt das Bild des heiligen Ambrosius weiter und inspiriert von den Porträts und Fotografien des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Mosaiken und Fresken der Gegenwart. Es verbindet das Irdische mit dem Himmlischen durch Demut, Weisheit und pastorale Liebe.
Die Heiligsprechung des Vaters Ambrosius erfolgte 1988 durch das Moskauer Patriarchat. Zuvor waren er und die anderen Ältesten von Optina von der Russisch-Orthodoxen Kirche außerhalb Russlands (ROCOR) heiliggesprochen worden. – OC.
(S. Chetverikof; I. Smolich, Z. Kurbatova Übersetzt aus dem Russischen von Deutsch-Orthodox.de )
P.S.: Ambrosius, Ambrosios und Ambrosij sind der gleiche Name, nur in verschiedenen Aussprachen. Die Griechen sagen „Ambrosios” und die Russen „Ambrosij”.