Heiliger Nil Sorskij

Wenn die vorstehende Lehrschrift in der Hauptsache ein formelhaftes und mehr äußeres Verstehen der Führung vermittelt, wenn sie ihrem Geiste nach den überall in jener Zeit verbreiteten Vorstellungen von einem vollkommenen Klosterwesen sehr nahe kommt, so weist der heilige Nil Sorskij mit seinem eigenen Leben und seinen Anschauungen auf ganz neue Wege hin, auf denen die altrussische christliche Askese nun fortzuschreiten sucht. Für das kirchliche Leben, das damals vor zwei Entscheidungen stand: sich entweder den bereits „byzantinisch” erstarrten Formen des Kirchenlebens unterzuordnen oder aus dem Geist der alten Ostkirche wieder frische Kräfte zu gewinnen, ersteht in Nil Sorskij der Hauptvertreter der letzteren Richtung.

Aus der Vorrede: Von den Schriften der heiligen Väter über die Tat des Denkens, über die Bewahrimg des Herzens und des Geistes, wozu es nützlich ist und wie man sich mit Sorgfalt darum bemühen soll Viele heilige Väter weisen darauf hin, indem sie mancherlei Beispiele für die Tat des Herzens, die Bewahrung des Denkens und des Geistes anführen, wie ein jeglicher von ihnen durch die Gnade Gottes in gleichem Sinne belehrt worden sei. Erstlich ist es ein Wort des Herrn selber, welcher sprach: „Aus dem Herzen kommen böse Gedanken, und sie verunreinigen den Menschen” (vgl. Mt 15, 18), und lehrte „das Inwendige des Gefäßes vor allem zu reinigen”, und daß es sich zieme, „im Geist und in der Wahrheit anzubeten” (vgl. Joh 4, 23 f.). Dahin führen mich auch (die Worte) des Apostels, welcher sprach: „So ich mit der Zunge bete, das heißt mit den Lippen, so betet wohl mein Geist mit; aber mein Verstand bringt keine Frucht; so ich mit dem Geist bete, so bete ich auch mit dem Verstand” (vgl. 1 Kor 14, 14). Solches hat der Apostel über das Geistige Gebet hinterlassen und es noch mehr bekräftigt, als er sagte: „Ich will lieber fünf Worte mit dem Verstand reden, denn zehntausend Worte mit der Zunge” (1 Kor 14, 19). Der heilige Agathon sprach: „Die leibliche Tat gleicht dem Blatte, die innere, das heißt die des Geistes, aber ist eine Frucht.” Sodann führt dieser Heilige den furchtbaren Spruch an: „Jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.” Und dies sagten noch die Väter: „So man nur mit den Lippen betet, den Geist aber vergißt, so betet man in die Luft; da doch Gott auf den Geist merkt.” Die heiligen Väter, ich meine nicht nur die Eremiten, die ehedem in den weiten Wüsten gelebt, die in Einsamkeit den Geist bewahrt und die Gnade empfangen haben und zu Leidenschaftslosigkeit und Seelenreinheit gelangt sind, sondem auch die in Klöstern weilten, welche der Welt am nächsten in Städten lagen: wie einst Symeon der Neue Theologe und ein Starez Symeon von Studion im heiligen und großen Studion-Kloster, inmitten einer von Menschen angefüllten Hauptstadt, mit ihren geistigen Gaben wie Gestirne leuchteten. Und so auch Niketas Stethatos und viele andere. Und der heilige Gregor der Sinait hat nicht nur den Eremiten und den in der Abgeschiedenheit Lebenden das Nüchternsein und das Schweigen befohlen, also die Bewahrung des Geistes zu üben, sondern auch denen, die in Koinobien sind, darauf achtzuhaben und darum besorgt zu sein. Dies Wenige habe ich, wie ein Hund die Brotkrumen, aus vielem aufgelesen, was vom Wortgastmahl der göttlichen Väter, meiner Gebieter, abgefallen ist; möchte ich sie doch nur ein geringes nachahmen können!

Das Leben des heiligen Nil Sorskij

Nil ist der Sproß einer adligen Familie (geb. 1433) aus der Gegend von Moskau. Sein Asketenleben begann er in den Beloozero-Urwäldern im Kyrillo-Belozerskij-Kloster, das der heilige Kyrill Belozerskij (11427) gegründet hatte, ein Mönch aus dem Kloster des heiligen Sergij von Radonesch. Dort empfing Nil die Mönchsweihe und teilte sein Leben zwischen Gebet, Fasten und Klosterarbeit, die, wie die Zeitgenossen berichten, besonders schwer war. Hier konnte aber seine reich befähigte und mystisch veranlagte Natur keine volle Befriedigung finden. So pilgerte er mit einem andern unermüdlichen Streiter, namens Innokentij, nach dem Athos, um dort nach neuen Möglichkeiten und Anregungen zu suchen.
Nil besuchte viele Klöster auf dem Heiligen Berg. In den Zellen und Höhlen der Starzen-Hagioriten verbrachte er mehrere Jahre. Unter ihrer Führung erhielt er die notwendigen Aufschlüsse über das Wesen des asketischen Lebens, über die „Praxis” und „Theoria”, über das „Geistige Gebet”, die „Bewahrung des Herzens” und „das Nüchternsein des Verstandes”. Er studierte den ganzen Reichtum asketischer Überlieferung, „den blumenreichen Garten christlichen Lebens und christlicher Weisheit”, wie „eine Biene von einer schönen Blume zur schöneren fliegend”, um „seine erstarrte Seele zu beleben und zur Rettung bereit zu machen”, und erweiterte und vertiefte seine mystischen Neigungen und Anschauungen. Hier erlebte er zum erstenmal die Schönheit des Versunkenseins in Gott, die geistliche Freude am „paradiesischen Festmahl”, deren die Streiter der Abgeschiedenheit durch die göttliche Gnade gewürdigt werden.
Nil schöpfte sein Wissen, wie wir aus seinen Schriften feststellen können, hauptsächlich aus den Werken der großen christlichen Väter. Der heilige Antonius der Große, Basilius der Große, Ephram der Syrer, Makarius der Ägypter, Isaak der Syrer, Johannes Climacus, Abt Dorotheus, Maxi-mos Confessor, Symeon der Neue Theologe, Nil von Sinai, Gregor der Sinait u. a. waren seine Lehrer. Es sind die Väter, die immer bestrebt waren, die ganze klösterliche Askese auf eine mystische Grundlage zu stellen. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn Nil seine Gedanken sehr oft durch Stellen aus Gregor dem Sinaiten bekräftigt. Auf dem Athos war die Erinnerung an dessen Wirksamkeit noch sehr lebendig, und gar mancher Starez, den Nil aufsuchte, mag ein treuer Hüter von Gregors asketisch mystischen Anschauungen gewesen sein. In der geistigen Führung konnte Nil Hand und Willen des großen Lehrers überall noch feststellen.
In hohem Maße erfüllt und getragen von den starken Eindrücken seines Aufenthaltes, kehrte Nil in die Heimat zurück. Jetzt suchte er, zusammen mit Innokentij, ein neues Leben in der Abgeschiedenheit zu beginnen und sich von der Welt völlig loszulösen. Im Dickicht der Urwälder an dem kleinen Flüßchen Sora, in einiger Entfernung vom Kyrillo-Belozerskij-Kloster, siedelten sich die beiden an.
Nils geistige Widersacher, der heilige Josif von Woloko-lamsk [t 1515J57 und der Metropolit Daniii [t 1547]58, die ihre religiös-asketischen und kirchlichen Anschauungen auf den Begriff von „Moskau, dem Dritten Rom” gründeten und das Siegel von Byzanz der Kirche des Moskauer Reichs aufdrückten, brachten es zuwege, daß seine Auffassung längere Zeit in Vergessenheit geriet. Erst im 18. Jahrhundert griff der Starez Paisij Welitschkowskij wieder auf sie zurück, indem er die Schriften Nils ans Tageslicht hob und sie zum Ausgangspunkt für sein eigenes Schaffen zum Zwecke der Erneuerung des Starzentums nahm.
Nil und seine Schüler waren bestrebt, ein streng geregel¬tes Leben in den Klöstern und Einsiedeleien einzuführen und die Klostergüter an den Staat zurückzugeben. Man nannte sie deswegen „die Uneigennützigen”. Sie kündigten eine Klosterreform an, die von weittragender Bedeutung für das gesamte kirchliche Leben hätte werden können, wenn ihr nicht der Erfolg versagt geblieben wäre.
Nach dem Misslingen seiner Pläne zog sich Nil wieder in seinen Skit zurück, um fortan nur noch sich und seinen Schülern zu leben und über das Heil ihrer Seele zu wachen. Die Vita des „großen Starez und Gründers des Skitiebens in Rußland” – diesen Namen hat nur er in der Geschichte des alten Klosterwesens erhalten – ist uns leider verlorengegangen. Nur auf Grund seiner und seiner Schüler Schriften können wir seinen Lebenslauf ungefähr verfolgen. Dass uns über seine äußeren Lebensumstände so wenig überkommen ist, das ist vielleicht das schönste Lob für den christlichen Asketen, der dem irdischen Dasein erstorben ist und nur im Schauen der Überwelt lebt.
Merkwürdig bleibt, dass sich nicht feststellen lässt, wann der Starez heiliggesprochen wurde. Die alten Aufzeichnungen der russischen Kirche widersprechen hierin einander. Man kann aber als Zeitpunkt etwa das Ende des 18. oder den Anfang des 19. Jahrhunderts annehmen, obwohl das russische Volk ihn schon längst als einen Heiligen verehrte.
Auf dem Sterbebett, „keine Ehre der irdischen Welt wün-schend”, befahl der Starez seinen Schülern, seinen Leib in die Einöde zu werfen, damit die Tiere und Raubvögel ihn zerreißen sollten, weil er vor Gott viel gesündigt habe und nicht würdig sei, begraben zu werden. Er starb am 7. Mai 1508. Ein halbes Jahrhundert später befahl Zar Iwan der Schreckliche, der die Verdienste Nils um das Klosterleben zu schätzen wußte, daß man eine Kapelle aus Stein über seinem Grab errichte. Aber ein Sturm zerstörte sie bald darauf bis auf den Grund. So hatten die himmlischen Mächte dem Wunsch des Heiligen Gehör geschenkt.
In vollständiger Abgeschiedenheit lebten Nil und sein Mitstreiter Innokentij in ihren Hütten am Ufer der Sora. Im Laufe mehrerer Jahre hatte sich eine kleine Schar von Brüdern angesammelt, denn im alten Rußland gab es überall und zu allen Zeiten Leute, die den Wunsch hatten, in den „engelgleichen Stand” der Mönche einzutreten. Innokentij zog sich bald weiter nach Osten in die Waldgebiete von Wologda zurück. Nil behielt die Führung seiner immer zahlreicher werdenden Schüler, der „Uneigennützigen”, die seine asketischen Anschauungen in die Klöster und Einsiedeleien Nordrußlands weitertrugen.
In seiner Einsiedelei ordnete Nil an, daß die strenge asketische Regel durchgeführt wurde. Die Brüder lebten allein oder zu zweien in kleinen Zellen, die im Wald verstreut in geringer Entfernung voneinander standen,- nur zum Gottesdienst kamen sie zusammen. Es war der erste Versuch, in den einsamen Tannenwäldern des Nordens ein Leben nach dem Muster der ägyptischen oder sketischen Einsiedler zu führen. Darum nannte man diese kleinen Einsiedeleien in Rußland „die Skity”, von „Skit” = Sket.
Nil Sorskij hat einige sehr wertvolle Schriften und eine Anzahl von Briefen hinterlassen, die uns erhalten geblieben sind. Sie geben uns die Möglichkeit, in die Eigenart seiner Auffassung, die für die altrussische Askese immer merkwürdig und bedeutsam bleiben wird, wichtige Einblicke zu gewinnen.” In einem Brief an Innokentij schreibt der Starez über seine Tätigkeit im Skit:
„Ich schreibe Dir, um Dir Bescheid über mich zu geben, da Deine Liebe im Namen Gottes mich bewegt und mich eilen lässt, Dir von mir zu berichten.
Du weißt selbst aus der Zeit, da wir noch zusammen im Kloster lebten, wie sehr ich mich vom Getriebe der Welt fernhalte und nach besten Kräften den göttlichen Schriften gemäß handle, die ich aber aus Trägheit und Unachtsamkeit nicht erfüllen kann.
So baute ich mir auch, als ich von meiner Wanderschaft ins Kloster zurückkehrte, eine Zelle außerhalb des Klosters, und so lebe ich nun hier so gut, wie ich es nach meinen Kräften vermag. Jetzt habe ich mich also nicht weit vom Kloster niedergelassen, weil mit Gottes Gnade dieser Ort mir wohl gefällt, den Weltmenschen aber nicht gar bequem liegt für ihre Besuche, wie du selbst weißt.
In der Hauptsache erforsche ich die göttlichen Schriften, an erster Stelle die Gebote des Herrn und ihre Auslegungen, sodann die Überlieferungen der Apostel. Dazu noch die Vitae und Lehren der heiligen Väter – und dieses alles mit großer Aufmerksamkeit; und so ich es verstehe, schreibe ich es dem Herrn zu Gefallen und zum Nutzen der Seele nach und erlerne es; hierinnen ist mein Leben und mein Atem.
Und wo fern es mir begegnet, dass ich etwas zu tun habe, was ich in den heiligen Schriften etwa nicht finde, lasse ich es beiseite, solange ich nichts gefunden habe: da ich doch nach meinem Willen und meiner Vernunft nichts tun darf. Und so jemand mit geistiger Liebe mir anhangt, so rate ich ihm in gleicher Weise zu tun, und im besonderen Dir, da Du doch von Anfang an von geistiger Liebe zu mir erfüllt warst. Also, wenn Du das nämliche willst, handle nach den heiligen Schriften und sei besorgt, in dem Maße, wie Du es verstehst, die Gebote Gottes und die Überlieferungen der heiligen Väter zu erfüllen.”

8 Wörter

Wort 1.

Von den Unterschieden im Streit der Gedanken, von dem Siegen und Besiegt werden, und wie wir den Leidenschaften kraftvoll widerstehen können.

Verschiedenartig ist der Kampf mit den Gedanken, das Siegen und Besiegtwerden, sagten die Väter. Zum ersten kommt das „Erscheinen”, als dann das „Bereitsein”, danach das „Hinneigen”, danach das „Gefangensein” und schließlich das „Gieren”.
     Das „Erscheinen” ist eine einfache Versuchung, ein Bild, das entsteht, ins Herz eindringt und dem Verstand sich ankündigt. Das „Bereitsein”, so sagt man, ist ein Annehmen, sei es mit Leidenschaft oder leidenschaftslos, die Versuchung durch den Feind, der heimlich dagewesen, und auch die Zwiesprache mit ihm und das Belehrtwerden mit unserem Willen: das ist, sich mit mancherlei Gedanken, so in den Verstand eingebracht wurden, auseinandersetzen. Und solches, spricht man, ist schon vielfach Sünde.
      Das „Hinneigen”, sagen sie, ist eine sinnliche Neigung der Seele zu der in Erscheinung tretenden Versuchung oder ihrem Bilde hin; also, wer die vom Feinde kommenden Versuchungen oder Bilder annimmt, der beschäftigt sich in seinem Denken mit ihnen und beginnt sich mehr und mehr danach zu richten, was die feindliche Versuchung ihm einredet. Das „Gefangensein” ist entweder ein Weggeführtwerden in Drangsal und Sklaverei oder ein dauerndes Verknüpftsein mit der immer wiederkehrenden Versuchung … In den meisten Fällen kommt dies vom Schwatzen, von vielen und unnützen Redereien, und bedeutet ein Nicht-mehr-Loskommen von den Erscheinungen.
     Das „Gieren”, wird uns gesagt, wenn es sich in der Seele längere Zeit eingenistet hat, wird zur Gewohnheit und zum Lebensbrauch der Seele. Meist hängt es damit zusammen, daß man sich nachlässig mit vielen Menschen zusammen tut und redet, das heißt über ein Ding, seinem Eigenwillen folgend, in schlechter Weise denkt. Diese verfallen, ihrer Schuld entsprechend, der Buße oder den ewigen Qualen. Es geziemt sich aber, Buße zu tun oder zu beten, auf daß man sich frei mache von solchem Gieren; denn man unterliegt den ewigen Qualen nicht um des Streites, sondern um der Unbußfertigkeit willen.

Wort 2.

   Von unserm Streiten mit dem Vorgesagten, wie dies durch das Andenken an Gott und die Bewahrung des Herzens, das heißt mit Gebet und Stillschweigen des Geistes, zu besiegen sei, und wie man dabei handeln solle, auch über mancherlei Fähigkeiten hierzu.
     Für das Streiten mit Vorgesagtem bestimmen die Väter: den Gegner mit gleicher Kraft überwinden, indem man den Sieg durch den Willen oder im Sinne durchführt, oder einfach gesagt: den arglistigen Versuchungen widerstehen, soweit es nach unseren Kräften möglich ist. Den Siegern wird die Krone zuteil, aber die Qualen den Unbußfertigen und denen, die sich in diesem Leben versündigen …
     Es ist ein vernünftiges und gutes Streiten, sagen die Väter, gleich dem Anfang der herankommenden Versuchungen, das heißt sobald sie in Erscheinung treten, den Kopf abzuschlagen und unaufhörlich zu beten, denn, sagen sie, welcher der Erscheinung einer Versuchung widersteht, wird damit auch allen nachfolgenden den Kopf abschlagen.
Weil man gesagt hat, daß erst nach den guten Gedanken die arglistigen in uns eingehen, so gebührt es sich, seine Gedanken zum Schweigen zu zwingen und immer in die Tiefe des Herzens zu schauen und zu sprechen: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner”, das ganze Gebet; zuweilen auch nur die Hälfte: „Herr Jesus Christus, erbarme dich über mich”, was für den Anfänger nützlicher ist, wie Gregor der Sinait sagt. Die Väter fügten, so jemand spricht: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich”, noch ein Wort hinzu: „Sünder”. Welches Gott angenehm ist, auch besonders uns Sündern gebührt.
      Solcherart soll man mit Fleiß sprechen, sowohl stehend als auch sitzend oder liegend, den Geist im Herzen gesammelt und den Atem angehalten, soweit es möglich ist; nicht oft atmen, wie Symeon der Neue Theologe belehrt. Und Gregor der Sinait weist uns noch an: „Rufe immer wieder den Herrn Jesus an in Hoffnung, Geduld und Erwartung, dich von allen Versuchungen abwendend.” – Wenn aber der Geist durch dieses Gebet vor den Versuchungen bewahrt ist, horche noch mehr in dein Herz und verrichte das Gebet im Herzen und im Geiste. – „Es gibt viele tugendhafte Werke, aber sie sind nur ein Teil des Nüchternseins; das Gebet im Herzen ist eine Quelle alles Guten und tränkt die Seele wie einen Garten”, sagt Gregor der Sinait.

Wort 3.

Von den Versuchungen unseres Streitens und Siegens und den acht hauptsächlichen Versuchungen der Leidenschaft.
     Mannigfacher Art ist das Streiten, womit wir die Siege über die arglistigen Versuchungen erringen, sagen die Väter, entsprechend den Kräften eines jeden Streitenden; entweder wider eine Versuchung beten und ihr standhalten oder sie in sich bändigen und sie vertreiben. Dieses nun, das Bändigen und Vertreiben, ist der vollkommenste Weg. Aber das Beten wider sie ist auch ein Fortschreiten und führt den Anfänger und Schwachen zum Guten hin. Darum der heilige Isaak (der Syrer) darauf hinweist, daß die Tugenden aus uns die Leidenschaften stehlen. Es sind aber acht hauptsächliche Versuchungen, sagen die Väter, aus denen alle anderen geboren werden: die Unmäßigkeit, die Unzucht, die Habgier, der Zorn, die Traurigkeit, die Trägheit, die Eitelkeit und die Hoffart.

Wort 4.

     Von den Gedanken über den Tod und das letzte Gericht, wie uns dieses belehren soll, die Versuchungen in unserem Herzen zu bändigen.
     Die Väter sagen, daß es für unser Tun sehr nötig und nützlich sei, sich auf jede nur mögliche Weise in Gedanken den Tod und das letzte Gericht vor Augen zu halten.
     Philotheus der Sinait setzt als Regel für dieses Tun folgendes fest: von früh, sagt er, bis zum Essen im Gedenken an Gott bleiben, also im Gebet und in der Bewahrung des Herzens; nachdem man Gott gedankt hat, gebührt es sich, über den Tod und das letzte Gericht sich zu sorgen.
     Denen, die darüber Sorge tragen, ziemt es, am ersten die Worte des Herrn in sich zu bewahren: „Die Engel werden diese Nacht deine Seele von dir verlangen” (vgl. Lk 12, 20). Denkt an die Aussprüche der heiligen Apostel: „Das Ende ist nahegekommen” (1 Petr 4, 7) und „der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht” (1 Thess 5, 2).
     Wie von allen Speisen das Brot am nötigsten ist, so auch von allen Tugenden der Gedanke an den Tod; und wie der Heißhungrige des Brotes nicht vergessen kann, so auch der nicht des Todes, der sich erretten will – sagen die Väter. Nützlich ist es, so glaube ich, sich der mancherlei Tode zu erinnern, die wir gesehen oder vernommen haben. Gar viele Laien wie Mönche, die in einem glücklichen Leben standen und das irdische Dasein liebten und auf eine lange Dauer hofften, sind nicht mehr ins Alter gekommen, weil sie des Todes Messer abschnitt.
      Wahrhaftig, eine Nichtigkeit ist dieses Leben! Wissen wir aber um die Nichtigkeit dieses Lebens, warum werfen wir uns hin und her, und es ist doch vergebens? Der Weg ist kurz. Das Leben ist ein Rauch und Dampf, ist Staub und Asche; es ist ohne Bedeutung und vergeht schnell und ist noch überdies eine gar schlechte Wanderung … Vergebens werfen sich die auf der Erde Geborenen hin und her, wie die Schrift sagt. Und wenn sie die ganze Welt erwerben würden und gehen dann in den Sarg ein, so nehmen sie doch nichts mit von dieser Welt: keine Schönheit, keinen Ruhm, keine Macht, keine Ehre und keine Lebensfreude. In den Sarg kann man hineinschauen und sehen, wie häßlich und ruhmlos unsere erschaffene Schönheit ist, die nun kein Wesen mehr hat. Und so auf ihre entblößten Gebeine schauend, sprechen sie: Wer ist nun König und wer ein Bettler? Wer ist voll Ruhmes und wer ruhmlos? Wo ist Freude und Schönheit dieser Welt? Ist nicht alles Abbild des Bösen und nur ein Gestank? Und alles Gute und Wünschenswerte dieser Welt war nur unnütz, wie eine verwelkte Blume fiel es ab, und als ein Schatten geht es vorüber – so wird alles Menschliche zunichte …
     Aber unser Gebieter, der in den Tiefen seiner unaussprechlichen Weisheit unserem Leben eine Grenze gesetzt hat und unseren Tod voraussah, kam, um die Schlange zu besiegen, und schenkte uns die Auferstehung, auf daß seine Knechte in ein anderes Leben übersiedelten. Der Jünger, der dem Herrn am liebsten war, Johannes der Theologe, schrieb seine Worte also nieder: „Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in Gräbern sind, seine Stimme hören werden. Und es werden hervorgehen, die das Gute getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übles getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes” (Joh 5, 29).

Wort 5.

     Von den Tränen, und was denen zu tun ziemt, die sie bekommen wollen.
    Indem sie nun über Tod und Gericht nachdenken, geziemt es ihnen zu weinen, in dem Maße, wie sie Möglichkeit und Kraft dafür haben. Insofern sie, so sagen die Väter, durch das Weinen dem ewigen Feuer und den übrigen künftigen Qualen entgehen.
    Etliche nun, welche die Gabe der Tränen noch nicht vollkommen erlangt haben, erwerben sie entweder vom Anschauen der Geheimnisse des Herrn und seiner Menschenliebe oder vom Lesen der Heiligenleben und Erzählungen über ihr Streiten und ihre Lehren; teils auch vom Hersagen des Jesusgebetes oder einiger Gebete, die die Heiligen verfaßt haben; auch mancher Kirchengesänge, Kanonlieder und Troparien, und gehen somit in den Zustand der „Rührung” ein.
     Die andern, die sich immer ihrer Sünde erinnern, erhalten die Gabe der Tränen durch das Nachdenken über Tod und Gericht oder durch den Willen künftiger Glückseligkeit und durch manche andern Vorstellungen. Wenn jemand solchermaßen die Gabe der Tränen erwirbt, dem ziemt es, sich dem Weinen zu überlassen und darin zu verbleiben, solange es anhält. Weil nämlich die Väter sagen: „Wer der Sünde entgehen will, entgeht ihr durch das Weinen; wer sich vor ihr bewahren will, bewahrt sich durch das Weinen.”
     Es gibt aber einen Weg der Buße, der Früchte trägt: so wir uns eines jeden Unheils, das uns bedrängt, und jeden feindlichen Gedankens vor der Gnade Gottes unter Tränen schuldig bekennen, und die Tränenbuße wird uns helfen, die Gnade steigt auf uns herab, wenn wir im Geiste beten. Symeon der Neue Theologe sagt: die Tugenden sind die Krieger, Rührung und Tränen aber König und Feldherr. Denn dieser, sagt er, rüstet zum Kampf, bildet jene aus und macht sie stark, den Feind überall anzugehen, und bewahrt sie vor dem Ungestüm des Widersachers. Es gibt für uns Anfänger und Ungeschickte keine andere Tröstung als die Tränen.
     Mehrt sich in uns durch die Gnade Gottes diese Gabe, dann tritt eine Erleichterung im Streiten ein, und die Versuchungen verstummen; der Geist, der sich am Gebet nährt und erfreut, wird gesättigt; aus dem Herzen quillt eine unaussprechliche Süßigkeit und strömt über den ganzen Leib herab, und in allen Körpergliedern wandelt sich das Leiden in Süßigkeit. Das ist eine Tröstung, die aus den Tränen geboren wird, sagt der heilige Isaak (der Syrer) nach dem Worte des Herrn: jedem nach der Gnade, die ihm gegeben ist.
     Damit befindet sich der Mensch in einer Freude, wie er sie in diesem irdischen Leben nicht erhalten kann; und niemand kennt sie, außer denen, die mit ganzer Seele sich einem solchen Tun hingeben.

Wort 6.

     Von der eigenen Bewahrung hernach.
     So wir durch die Gnade Gottes gewürdigt sind, die Gabe der Tränen zu erwerben und zu weinen und in Reinheit zu beten, gebührt es uns auf jede nur mögliche Weise, uns vor dem Zorngeist und andern Übeln Versuchungen zu bewahren. Und in dieser Bereitschaft sollen wir uns auch fernerhin erhalten.

Wort 7.

    Von der wahren Entsagung und Abgeschiedenheit, das heißt, vom Absterben für alle Dinge.
    Dieses herrliche Tun fordert ein Abtrennen der Sorgen, das ist ein Absterben für alles, ausgenommen die Aufmerksamkeit und Übung des einen Tuns für Gott.

     Makarius der Große sagt: „Wer sich Gott nähern will und des ewigen Lebens würdig werden und eine Wohnung für Christus sein will, wer mit dem Heiligen Geiste erfüllt werden will, damit er die Gaben des Heiligen Geistes nach den Geboten des Herrn vollbringen kann, der soll anfangen: zuerst fest an den Herrn zu glauben, sich ganz den Lehren seiner Gebote hinzugeben und in allen Dingen der Welt zu entsagen, auf daß sein Geist sich vom Irdischen befreie; auch stets den Herrn, den Einen, und seine Gebote vor Augen zu haben; und sich zu bemühen, ihm, dem Einen wohlgefällig zu sein. Immer im Gebet verweilen und das Kommen Gottes und seine Hilfe erwarten; und seinen Verstand immer auf die Ausführung jeglichen guten Tuns gerichtet halten.”

Wort 8.

     Wie es sich gebührt, dieses Tun mit geeigneten Mitteln und nicht vorzeitig auszuführen.
    Und dieses große und reine Tun geziemt uns mit Überlegung, zu rechter Zeit und mit geeigneten Mitteln auszuführen. Zum ersten geziemt uns, daß wir uns mit dem Gebet befassen, wofern wir eine Wohnung des Schweigens uns schaffen wollen, auf daß uns Gott die Mittel zur Vollkommenheit erteile.
    Mögen wir an den guten Werken festhalten durch die Gnade des Herrn und Gottes, unseres Erlösers Jesus Christus, und dank den Fürbitten unserer Gebieterin, der Gottesmutter, und aller Heiligen, die in ihren Tugenden glänzen.
Und indem wir die Handlungen verrichten, die Gott wohlgefällig sind, wie Gesang und Gebet, Lesen und Belehrung über die geistigen Dinge, Werke und Klosterdienst, und uns mit allen Kräften an Gott anklammern, schicken wir aus unserem Innersten empor Lob und Preis dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geiste, dem Einen Gott in der Dreieinigkeit, in unseren guten Taten jetzt und immerdar und in die Ewigkeit der Ewigkeiten. Amen.
     Ich unwürdiger Nil bitte meine mir nahestehenden Herren und Brüder, die meine Anschauungen teilen: nach meinem Hinscheiden meinen Leib in die Einöde zu werfen, den Raubtieren und Vögeln zum Fraß, da er viel vor Gott gesündigt hat und eines Begräbnisses ganz unwürdig ist.
    So ihr dies nicht ausführen wollt, so grabt hier an dem Ort, an dem ich lebe, eine Grube aus und legt mich mit allen Unehren hinein.
Euch alle bitte ich aber, stets für meine sündige Seele zu beten, ich erbitte von euch Verzeihung, und auch ich verzeihe euch: wie Gott uns allen verzeihen möge. Amen.

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