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Wenn Gott sich dem Herzen offenbart

– nach dem englischen Vortrag „God’s Revelation to the Human Heart“ – Hieromonch Seraphim (Rose)

Die Einsiedlerklause von Pater Seraphim Rose

Vorwort

Etwas mehr als ein Jahr vor seinem Tod, im Mai 1981, wurde Pater Seraphim eingeladen, einen Vortrag an der University of California in Santa Cruz vor den Teilnehmern eines Kurses zur vergleichenden Religionsgeschichte mit dem Titel „Religionen der Welt in den USA“ zu halten.

Santa Cruz war seit langem ein Zentrum der gesamtamerikanischen Bewegung spiritueller Suche, die ihren Höhepunkt Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre erreichte und bis in die 80er-Jahre andauerte; so dass die jungen Zuhörer von Pater Seraphim Erfahrungen im Überfluss hatten. In jenen Jahren waren in Santa Cruz verschiedene Gurus berühmt, die jedem Erleuchtung versprachen und durch ihre Wunder beeindruckten: Rajneesh, Muktananda, Sri Chinmoy und viele andere. Doch nicht wenige Suchende ließen die Gurus und ihre Lehren links liegen und näherten sich religiösen Erfahrungen direkt durch halluzinogene Drogen. Andere wiederum, enttäuscht von der spirituellen Armut der westlichen Kultur, suchten das höhere Sein im tibetischen Buddhismus, im Zen-Buddhismus oder in modernen Formen des Schamanismus der amerikanischen Ureinwohner. Es gab jedoch auch solche, die danach strebten, die Wahrheit in ihrem eigenen christlichen Erbe zu finden. Das moderne westliche Christentum jedoch, das die lebendige Verbindung zu seinen geistlichen Wurzeln verloren hatte, hinterließ ein gewisses Gefühl der Unzulänglichkeit im Vergleich zu den an den Massenkonsumenten angepassten östlichen Religionen, bei denen man, wie man so sagt, für die Metaphysik nicht tief in die Tasche greifen muss.

An diesem Schnittpunkt spiritueller Wege trat Pater Seraphim auf und brachte etwas völlig Neues mit, das den meisten Zuhörern zuvor unbekannt war. Er sprach vom Christentum, das bis heute (wenn auch unmerklich) die gesamte westliche Kultur prägt; doch wie sehr unterschied es sich doch von jenem leblosen, oberflächlichen amerikanischen Christentum, das viele auf ihrer Suche hinter sich gelassen hatten. Pater Seraphim schöpfte aus der vollständigen, unverfälschten Offenbarung der christlichen Wahrheit, die von gottinspirierten Lehrern über zwanzig Jahrhunderten für uns bewahrt wurde. Wie viele von denen, die sich wegen seines „schlechten Rufs“ vom Christentum abgewandt haben, würden sich ihm bedingungslos zuwenden, würden sie doch die ganze Wahrheit erfahren!

   Einst war Pater Seraphim selbst, ähnlich wie seine heutigen Zuhörer, ein junger amerikanischer Idealist und Wahrheitssuchender. Im Protestantismus erzogen, wandte er sich von der Religion seiner Jugend ab und vertiefte sich in das Studium des kulturellen Erbes des Orients, insbesondere der altchinesischen Sprache, mit dem Ziel, heilige Texte zu übersetzen. Doch die menschliche Seele, wie er später erkannte, sehnt sich zutiefst nach dem lebendigen Gott; so zog es ihn, fast gegen seinen eigenen Willen, wieder zur alles verwandelnden Wahrheit Christi. Wahrscheinlich wäre die Bekehrung jedoch nicht geschehen, hätte er nicht von der orthodoxen Kirche erfahren, die dem Westen damals praktisch unbekannt war. Er gelangte zu der Überzeugung, dass dies genau jene Kirche war, die Christus und seine Apostel gegründet hatten und die die alte christliche Lehre in ihrer Vollständigkeit und Unversehrtheit bewahrt hatte. Doch nicht in diesem historischen Zeugnis lag der Schlüssel zur Bekehrung des späteren Pater Seraphim: Denn auch andere Religionen bleiben ihren historischen Wurzeln treu. Vor allem stillte die Orthodoxie seinen Durst nach Wahrheit: Hier erlebte er die belebende Wirkung der göttlichen Gnade, hier eröffnete sich ihm ein unermesslicher Raum für geistliches Wachstum, und hier entdeckte er jene tieferen Zusammenhänge, dank derer sich die Welt seinem forschenden Verstand als zusammenhängendes und harmonisches Ganzes darstellte.

   Hatte Pater Seraphim zuvor sein Leben der Suche nach der Wahrheit gewidmet, so widmete er sich nun, da er sie gefunden hatte, ebenso selbstlos ihrem Dienst. Zusammen mit einem weiteren orthodoxen Gleichgesinnten gründeten sie in San Francisco eine Missionsgemeinschaft, eine Buchhandlung und die Zeitschrift „Orthodoxes Wort“. Einige Jahre später, in dem Wunsch, der weltlichen Hektik zu entfliehen und den Herrn in der Einsamkeit zu suchen, ließ sich die Bruderschaft in den Bergen Nordkaliforniens nieder, wo sie ihre missionarische und verlegerische Tätigkeit fortsetzte. Hier, in der Abgeschiedenheit der Berge, im Mönchsleben, verbrachte Pater Seraphim die verbleibenden 13 Jahre seines kurzen Lebens – ein Leben, das man getrost als Wunder unserer Zeit bezeichnen kann. Eine tiefgreifende innere Wandlung bewirkte in ihm die unablässige Teilnahme am Kreis der kirchlichen Gottesdienste, das sorgfältige Studium der unsterblichen Werke der Kirchenväter und das Befolgen ihrer Lehren. Er erlangte die Fähigkeit, so zu denken, zu fühlen und zu glauben, wie die Heiligen Väter dachten, fühlten und glaubten, und wurde ihnen im Geist verwandt, indem er zu einem geistlichen Lehrer unserer Zeit wurde, zu einem der wenigen, die das wahre Wort Gottes bewahren und es der heutigen Welt verkünden.

   So war der Mann, der vor einer Gruppe von Studenten in Santa Cruz saß. Durchdringender Blick, langer Bart, schwarze Kutte – er sah ebenso ungewöhnlich aus wie jeder Guru, jedes Idol der Jugend. Doch es war keineswegs sein Ziel, einen äußerlichen Eindruck zu hinterlassen: Der Weg der Wahrheit zu seinen Zuhörern führte durch die Tiefen ihrer Seelen.

   Pater Seraphim wusste genau, wie sehr seine Zeitgenossen geistig verarmt waren; er wusste, dass sie leichter auf irgendein übernatürliches „Phänomen“ ansprachen, auf eine im Grunde sinnliche, aber dem Anschein nach spirituelle Erfahrung. Deshalb gründete sich der Ruf von Lehrern und religiösen Gruppen unter jungen Suchenden auf Wundern und wundersamen „Ergebnissen“; dies erklärt auch die Verbreitung von halluzinogenen Substanzen, okkulten Experimenten und „charismatischen“ Versammlungen in ihrem Umfeld. Pater Seraphim möchte ihnen vermitteln, dass ein solches wahlloses pseudo-geistliches Interesse an allem Möglichen, was auch immer über den Alltag hinausgeht, noch keine ausreichende Grundlage für eine spirituelle Suche darstellt. Ein aufrichtiger Mensch wird die Wahrheit in ihrer ganzen Fülle suchen (wie einst auch er selbst) und nicht auf halbem Weg in trügerischer Selbstzufriedenheit stehen bleiben.

   Es ist bekannt, dass Pater Seraphim in seinem Leben Zeuge vieler Wunder war. Einer seiner Lehrer, der seligen Angedenkens Erzbischof Ioann (Maximowitsch), war ein Wundertäter wie die ersten Apostel. Doch die Erzählung über ihn konnte nur als Mittel dienen, um weiter in die Tiefe vorzudringen. Seine Aufgabe bestand zweifellos darin, die Menschen zu Christus zu rufen, zum wahren Ziel ihres Strebens. Und trotz aller geistigen Verkrustung in der heutigen westlichen Welt vollzieht sich die Bekehrung im Wesentlichen genauso wie vor Hunderten von Jahren.

   Die Bekehrung geschieht, wenn etwas im menschlichen Herzen bewegt wird und es durch die Berührung mit der von Gott offenbarten Wahrheit entflammt. Doch dazu muss der Mensch erst ihre Abwesenheit erkennen und das Leiden unter dem Durst nach Wahrheit erfahren. Dieser geistige Durst wird im materiell übersättigten Westen gewöhnlich durch körperliche Genüsse und Vergnügungen unterdrückt und übertönt. Im Gegensatz dazu ist der geistige Durst in den armen und unterdrückten Ländern besonders groß und akut, und solche Länder sind in der Lage, der freien Welt eine Lektion in der Wiederbelebung des Glaubens zu erteilen. Aber können die Bewohner dieser Welt, die an ihr „Paradies für Narren“, verstehen und nachempfinden, was jenseits seiner Grenzen, hinter dem Eisernen Vorhang, geschieht? Pater Seraphim hoffte, dass sie es können, da er fest davon überzeugt war, dass es keinen anderen Weg zu Christus gibt als über Golgatha, wo Er gekreuzigt wurde.

   In seiner Ansprache an die Zuhörer wollte Pater Seraphim ihnen zeigen, dass man sich für das geistliche Leben nicht nur „interessieren“ und „sich dafür begeistern“ lässt: Es ist ein Schlachtfeld, auf dem die Seele geläutert wird. Für viele war das neu: Wem käme es heutzutage in den Sinn, Anhänger durch unaufhörlichen Kampf und Leiden für sich zu gewinnen? So war jedoch der Weg Christi selbst, den Er der ganzen Menschheit geboten hat. Und einige der Zuhörer von Pater Seraphims Vortrag nahmen ihr Kreuz auf sich und folgten diesem schmalen Weg.

    Leider hat, den nach dem Vortrag gestellten Fragen nach zu urteilen, die Mehrheit der Studenten dessen Kern verpasst. Pater Seraphim sprach über die Grundlagen des christlichen Lebens, darüber, was es bedeutet, sich im Herzen zu bekehren und in Christus wiedergeboren zu werden. Die Suche nach der Wahrheit bezeichnete er als „eine Angelegenheit von Leben und Tod“. Die Fragen der Zuhörer hingegen schienen oft eher von neugieriger Distanz als von wirklichem innerem Suchen geprägt zu sein. Sie fragten nach den verschiedenen christlichen Konfessionen, danach, wo der Heilige Geist gegenwärtig sei und wo nicht, nach den „tausenden kleinen Unterschieden“ zwischen Orthodoxie und dem lateinischen Christentum und vielem anderen — als wollten sie das Gehörte beurteilen, statt wirklich darauf zu hören.

    Bemerkenswert allerdings war, dass Pater Seraphim auf alle ihre Fragen in Liebe zur Wahrheit antwortete und ihren Blick behutsam auf ein geistliches Verständnis der Welt hinlenkte.

Mönch Damaskin

                                      1. Die Suche                                            

Gebetsecke in der Klosterzelle von Pater Seraphim

Warum beschäftigen wir uns mit Religion? Aus einer ganzen Reihe von Gründen, doch nur einer davon ist wirklich ernst zu nehmen: Wir wollen etwas Tieferes finden als den uns umgebenden Alltag, der so unbeständig und flüchtig ist, der spurlos verschwindet und in unserer Seele kein Glück hinterlässt – kurz gesagt, wir wollen die wahre Wirklichkeit finden. Sie zu berühren – das ist das Streben jeder echten Religion. Ich möchte Ihnen erzählen, wie das Orthodoxe Christentum dies erreicht, wie sich hier die geistige Realität offenbart.

Die Suche nach der Realität ist ein gefährliches Unterfangen. Sie hören sicherlich immer wieder von jungen Menschen, die buchstäblich in ihrem Streben danach verbrennen und am Ende entweder zugrunde gehen oder ein erbärmliches Dasein fristen, nachdem sie ihre intellektuellen und seelischen Fähigkeiten begraben haben. Ich erinnere mich an einen alten Freund aus der Zeit meiner eigenen Suche: Damals, vor 25 Jahren, entdeckte Aldous Huxley gerade eine gewisse „Spiritualität“ in der Droge LSD und zog viele mit sich. Mein Freund, ein typischer Suchender nach religiöser Wahrheit – man hätte ihn in einem Auditorium wie dem Ihren antreffen können –, sagte einmal zu mir: „Was auch immer man über Drogen sagen mag, gib zu: Lieber sie, lieber alles Mögliche, nur nicht unser gewohntes amerikanisches Leben, das heißt den geistigen Tod.“ Ich stimmte ihm nicht zu; schon damals begann ich, zwei Richtungen des spirituellen Lebens zu erkennen. Die eine führt nach oben und erhebt uns über die Vergänglichkeit des Alltags, die andere hingegen nach unten, hin zum wahrhaftigen spirituellen wie auch physischen Tod. Mein Freund ging seinen Weg und war mit dreißig Jahren zu einem regelrechten Wrack geworden: Sein Verstand war getrübt, von der Suche nach der Realität konnte keine Rede mehr sein.

  Ähnliche Beispiele lassen sich leicht unter jenen finden, die sich für übersinnliche oder „außerkörperliche“ Experimente begeistern, die eine Begegnung mit einem UFO erlebt haben usw.; der Massenselbstmord von 1980 in Jonestown ist eine weitere Mahnung vor den Gefahren religiöser Suche. In unserer orthodoxen Literatur sind im Laufe von 2000 Jahren zahlreiche lehrreiche Fälle dieser Art. Ich möchte Ihnen ein Beispiel aus dem Leben des Ehrwürdigen Nikita von Kiew-Petscher anführen, der vor fast tausend Jahren in Russland lebte: „Von geistlichem Eifer erfüllt, bat der Ehrwürdige Nikita den Abt, ihn zum Leben in der Einsamkeit zu segnen.          Der Abt – der damalige Vorsteher des Klosters, der Ehrwürdige Nikon – verbot es ihm und sprach: ‚Mein Sohn! Es ist nicht gut für dich, einen jungen Mann, in Müßiggang zu verharren. Es ist besser, mit den Brüdern zu leben; wenn du ihnen dienst, wirst du deinen Lohn nicht verlieren. Du weißt selbst, wie Isaak der Höhlenbewohner in der Einsiedelei von den Dämonen verführt wurde; er wäre umgekommen, hätte ihn nicht die besondere Gnade Gottes durch die Gebete unserer ehrwürdigen Väter Antonius und Theodosius gerettet. Nikita antwortete: „Ich lasse mich keineswegs von so etwas verführen, sondern möchte den teuflischen Machenschaften standhaft widerstehen und den menschenliebenden Gott bitten, dass Er auch mir die Gabe der Wundertätigkeit schenke, wie Isaak, dem Einsiedler, der bis heute viele Wunder vollbringt.“ Der Abt sagte erneut: „Dein Wunsch übersteigt deine Kraft; achte darauf, dass du, wenn du emporgestiegen bist, nicht wieder hinabstürzt. Ich hingegen befehle dir, der Bruderschaft zu dienen, und du wirst von Gott eine Krone für deinen Gehorsam erhalten.“ Nikita, getrieben von einem starken Eifer für das Leben als Einsiedler, wollte den Worten des Abtes kein Gehör schenken. Er setzte seinen Plan in die Tat um: Er schloss sich in seiner Einsiedelei ein und blieb dort, betete und verließ sie nicht.

   Nach einiger Zeit, zur Stunde des Gebets, hörte er eine Stimme, die mit ihm betete, und nahm einen ungewöhnlichen Wohlgeruch wahr. Von diesem Gedanken verführt, sagte er sich: Wäre es kein Engel, würde er nicht mit mir beten, und der und ein solcher geistlicher Wohlgeruch wäre sonst nicht möglich. Da begann Nikita eifrig zu beten und sprach: „Herr, offenbare Dich mir selbst wahrhaftig, damit ich Dich sehe.“

   Da erging eine Stimme an ihn: „Du bist jung! Ich werde mir dir nicht offenbaren, damit du, wenn du emporgestiegen bist, nicht wieder herabfällst.“

   Der Einsiedler antwortete unter Tränen: „Herr! Ich werde mich keineswegs verführen lassen, denn der Abt hat mich gelehrt, den Verführungen der Dämonen nicht zu gehorchen, und ich werde alles tun, was Du mir befiehlst.“

   Da sprach die seelenverderbende Schlange, die Macht über ihn erlangt hatte: „Es ist einem Menschen, der im Fleisch ist, unmöglich, mich zu sehen, aber siehe! Ich sende meinen Engel, damit er bei dir bleibe: Du sollst seinen Willen erfüllen.“

   Mit diesen Worten erschien dem Einsiedler der Dämon in Gestalt eines Engels. Nikita fiel ihm zu Füßen und betete ihn an wie einen Engel. Der Dämon sprach: „Von nun an bete nicht mehr, sondern lies Bücher, wodurch du in einen unaufhörlichen Dialog mit Gott treten wirst und die Möglichkeit erhältst, den zu dir Kommenden das seelenheilbringende Wort zu verkünden, und ich werde unaufhörlich den Schöpfer aller um deine Erlösung bitten.“

   Der Einsiedler glaubte diesen Worten und ließ sich noch mehr täuschen: Er hörte auf zu beten, widmete sich dem Lesen, sah den Dämon unaufhörlich beten und freute sich, dass der Engel für ihn betete. Dann begann er, viel aus der Heiligen Schrift mit den Besuchern zu sprechen und wie der palästinensische Einsiedler zu prophezeien.

   Sein Ruhm verbreitete sich unter den weltlichen Menschen und am Fürstenhof. Eigentlich prophezeite er nicht, sondern erzählte den Besuchern, nachdem ihm der Dämon dies eingegeben hatte, wo das Gestohlene versteckt war und was an einem weit entfernten Ort geschehen war. So teilte er dem Großfürsten Izyaslav die Ermordung des Nowgoroder Fürsten Gleb mit und riet ihm, den Sohn des Großfürsten nach Nowgorod zu entsenden, um dort zu regieren. Das reichte den Laien aus, um den Einsiedler zum Propheten zu erklären. Es ist zu beobachten, dass die Laien und sogar die Mönche, die kein geistliches Urteilsvermögen besitzen, sich fast immer von Betrügern, Heuchlern und denen, die sich in dämonischer Täuschung befinden, mitreißen lassen und diese als Heilige und geistliche Menschen anerkennen.

   Niemand konnte Nikita in der Kenntnis des Alten Testaments das Wasser reichen; doch er duldete das Neue Testament nicht, bezog sich in seinen Gesprächen niemals auf das Evangelium und die Apostelbriefe und ließ nicht zu, dass einer seiner Besucher ihn an irgendetwas aus dem Neuen Testament erinnerte. Aufgrund dieser seltsamen Ausrichtung seiner Lehre erkannten die Äbte des Kiewer Höhlenklosters, dass er vom Teufel verführt war. Damals gab es im Kloster viele heilige Mönche, die mit gnadenreichen Gaben geschmückt waren. Sie vertrieben den Teufel durch ihre Gebete von Nikita; Nikita sah ihn nicht mehr. Die Äbte führten Nikita aus seiner Zelle und baten ihn, ihnen etwas aus dem Alten Testament zu sagen; doch er schwor, dass er diese Bücher, die er zuvor auswendig gekannt hatte, nie gelesen habe. Es stellte sich heraus, dass er durch die dämonische Täuschung sogar das Lesen verlernt hatte, und man brachte ihm das Lesen nur mit großer Mühe wieder bei. Durch die Gebete der heiligen Väter wieder zur Besinnung gebracht, erkannte und bekannte er seine Sünde, beweinte sie mit bitteren Tränen und erlangte durch ein demütiges Leben inmitten der Bruderschaft erlangte ein heiliges Lebenund die Gabe der Wundertätigkeit. Später wurde der heilige Nikita zum Bischof von Nowgorod geweiht“[1].

    Diese Geschichte wirft die Frage auf: Wie lassen sich Irrwege und Fallstricke auf dem Weg der religiösen Suche vermeiden? Die Antwort ist eindeutig: Man sollte sich nicht um der einen oder anderen Empfindung willen auf den Weg begeben, die uns täuschen kann, sondern allein um der Wahrheit willen. Diese Frage stellt sich jedem, der sich ernsthaft mit Religion auseinandersetzt, und die Antwort darauf ist eine Frage von Leben und Tod.

   Im Gegensatz zu den westlichen Konfessionen wird unser orthodoxer Glaube oft als „mystisch“ bezeichnet; die in ihm erreichbare spirituelle Realität ist geprägt von übernatürlichen Phänomenen, die jegliche Grenzen irdischer Logik und Erfahrung überschreiten. Es ist nicht nötig, in alten Quellen nach Beispielen zu suchen: Vor unseren Augen spielte sich das von Mystik erfüllte Leben des modernen Wundertäters Johannes (Maximowitsch) ab, der ganz in der Nähe von hier den Lehrstuhl in San Francisco innehatte und erst vor 15 Jahren verstorben ist. Bischof Ioann wurde in überirdischem Glanz gesehen, man sah ihn während des Gebets in der Luft schweben; er besaß die Gaben der Hellsichtigkeit und der Heilung… Doch das allein bedeutet noch wenig: Meister der falschen Wunder vollbringen leicht dasselbe. Woher wissen wir, dass ihm die Wahrheit offenbart wurde?

                                        2. Offenbarung                                       

   In jedem Lehrbuch der orthodoxen Theologie werden Sie lesen, dass die Anstrengungen des Menschen allein nicht ausreichen, um zur Wahrheit zu gelangen. Man kann die Heilige Schrift oder jede andere geistliche Literatur lesen, ohne dabei etwas zu verstehen. Hier ist die Geschichte des heiligen Apostels Philippus und des äthiopischen Kämmerers aus der Apostelgeschichte:

„Der Engel des Herrn sprach zu Philippus: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza führt, auf die, die öde ist. Er stand auf und ging. Und siehe, da kam ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer, ein hoher Beamter der Kandake, der Königin von Äthiopien, der Verwalter all ihrer Schätze, der zur Anbetung nach Jerusalem gekommen war und nun zurückkehrte; und er saß in seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Da sprach der Geist zu Philippus: Geh hin und halte dich an diesen Wagen! Philippus ging hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und sprach: Verstehst du auch, was du liest?

    Er antwortete: Wie könnte ich es verstehen, wenn mich niemand den Weg weist? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. Und die Stelle aus der Schrift, die er las, lautete: „Wie ein Schaf wurde er zur Schlachtung geführt, und wie ein Lamm vor seinem Scherer ist er stumm; so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil vollzogen, doch wer kann seine Nachkommenschaft erklären? Denn sein Leben wird von der Erde genommen.“ Da sprach der Kämmerer zu Philippus: Ich bitte dich, sag mir, von wem der Prophet dies sagt: von sich selbst oder von einem anderen? Philippus öffnete seinen Mund und verkündete ihm, ausgehend von dieser Schriftstelle, das Evangelium von Jesus. Während sie weiterfuhren, kamen sie an eine Wasserstelle, und der Kämmerer sprach: Siehe, hier ist Wasser; was hindert mich daran, getauft zu werden? Philippus aber sprach zu ihm: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so ist es möglich. Er antwortete: Ich glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist. Und er befahl, den Wagen anzuhalten; und beide stiegen ins Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser stiegen, kam der Heilige Geist auf den Kämmerer herab; Philippus aber wurde von einem Engel des Herrn entrückt, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr und setzte seine Reise fort, voller Freude“ (Apg 8,26–39).

    Hier sehen wir einige übernatürliche, mystische Elemente: Ein Engel weist Philippus den Weg (obwohl es für den Kämmerer nur eine zufällige Begegnung auf einer einsamen Straße war), und dann, nach der Taufe, entrückt der Geist Gottes Philippus. Doch keineswegs waren es diese Ereignisse, die den Äthiopier zu der Entscheidung bewegten, sich taufen zu lassen und Christ zu werden. Nicht Wunder haben auf ihn gewirkt, sondern etwas in seinem eigenen Herzen. Auch wenn Wunder manchmal helfen, zum Glauben zu finden, können sie nicht dessen Grundlage sein. Im selben Buch der Apostelgeschichte lesen wir die Geschichte von Simon dem Zauberer, der gegen Bezahlung in die Kirche aufgenommen werden und die beeindruckenden und wundersamen Gaben des Heiligen Geistes erhalten wollte.  Denn Simon war ein Zauberer, ein  hochbezahlter „Spezialist“; die übernatürlichen Phänomene, von denen sein Ansehen und sein Gewinn abhingen, ereigneten sich jedoch zunehmend im christlichen und nicht im heidnischen Umfeld. Wie aus der Apostelgeschichte bekannt ist, lehnte der Apostel Petrus Simon ab; uns ist das Wort „Simonie“ in Erinnerung geblieben – der vergebliche Versuch, Gottes Gnade für Geld zu erwerben.

   Ganz anders erging es dem Äthiopier, als er Philippus zuhörte: Etwas veränderte sich in seinem Herzen. Wir lesen, dass er zum Glauben kam, das heißt, sein Herz taute auf durch die Wahrheit, die er hörte. Die Worte der Schrift haben große Kraft: Begleitet von einer treuen Auslegung sind sie fähig, im Menschen etwas bisher Verborgenes zu offenbaren, wenn sein Herz bereit ist. Wie man sieht, nahm der äthiopische Fürst Christus mit ganzer Seele auf; nicht Wunder haben ihn verwandelt, sondern die Wahrheit Christi selbst, um derentwillen der Herr auf die Erde herabgestiegen ist.

    Dasselbe finden wir auch an einer anderen Stelle des Neuen Testaments, als zwei von Jesu Jüngern auf dem Weg nach Emmaus waren. Es war am Tag seiner Auferstehung, und Christus ging mit ihnen und fragte sie nach dem Grund ihrer Bestürzung. Sie waren äußerst überrascht, auf den wohl einzigen zu treffen, der nichts von den jüngsten Ereignissen in Jerusalem wusste. Sie erzählten Ihm von dem berühmten Propheten, der am Vortag hingerichtet worden war und nun scheinbar auferstanden sei – doch sie selbst wussten nicht, was sie glauben sollten. Da sprach der Herr zu ihren Herzen und begann, ihnen die Bedeutung der alttestamentlichen Prophezeiungen über das Schicksal des Messias zu erklären. Dabei geschahen keine Wunderzeichen, und niemand erkannte Ihn. Als sie aber nach Emmaus kamen, wollte Er weitergehen und wäre auch unerkannt gegangen, hätten die Jünger – einfach um dem Wanderer auf seinem Weg zu helfen – Ihm nicht angeboten hätten, über Nacht zu bleiben. Und erst als Er sich mit ihnen zum Abendessen hinsetzte und, wie beim Letzten Abendmahl, das Brot brach, gingen ihnen die Augen auf, sie erkannten, dass es Christus selbst war – und in diesem Moment verschwand Er. Da erinnerten sie sich: Die ganze Zeit, während Er neben ihnen ging, brannte etwas in ihren Herzen (Lk 24,13– 31). Deshalb erkannten die Jünger den menschgewordenen Gott; denn auch ein Zauberer kann sich in Luft auflösen. Es sind also keineswegs nur und nicht so sehr die Wunder, die dem Menschen Gott offenbaren, sondern vielmehr das Brennen des Herzens, das bereit ist für die Begegnung, wie bei den beiden Wanderern auf dem Weg nach Emmaus.

  Das nennen wir Offenbarung, wenn Gott selbst oder jemand, der von Seinem Geist erfüllt ist, oder auch das Wort Seiner Wahrheit das menschliche Herz erreicht und es berührt. Das war die Kraft, die den Aposteln nach der Auferstehung Christi gegeben wurde; sie durchstreiften praktisch die ganze Welt innerhalb der damaligen Grenzen – im Osten bis nach Indien und vielleicht sogar bis nach China, im Norden bis nach Russland, das damals von den Skythen bewohnt war, im Westen bis nach Britannien, im Süden bis nach Abessinien – und verkündeten allen Völkern das Evangelium.

   Das gilt auch heute noch, auch wenn wir die frühere Sensibilität, die Unbeschwertheit und die Einfachheit des Herzens sowie die frühere Empfänglichkeit für die Wahrheit verloren haben. Wenn man an Seine Exzellenz Johannes zurückdenkt, so führte er die Menschen nicht so sehr durch Wunder zum Glauben, sondern vielmehr durch die Berührung ihrer Herzen. Hier ist eine Begebenheit noch aus Kriegszeiten, als der Bischof Bischof von Shanghai war; davon erzählte uns unsere langjährige Bekannte, die inzwischen verstorbene Logopädin Anna. Ihren Worten zufolge fastete Bischof Johannes sehr streng, was dazu führte, dass sein Unterkiefer während der Fastenzeiten an Beweglichkeit verlor und seine Sprache äußerst undeutlich wurde. Vor dem Krieg unterrichtete Anna den Bischof, um ihm beizubringen, deutlicher zu sprechen. Er kam zur vereinbarten Zeit und hinterließ ihr nach dem Unterricht stets einen amerikanischen Zwanzig-Dollar-Schein. Während des Krieges, nachdem sie schwer verwundet worden war, lag Anna im Sterben in einem französischen Krankenhaus in Shanghai. Es war spät in der Nacht; draußen tobte ein Gewitter, und es gab keine Verbindung zur Stadt. Doch sie dachte beharrlich an eines. Die Ärzte hatten ihr gesagt, dass alles vorbei sei, und nun gab es nur noch eine Hoffnung: Vladyka (Bischof) würde kommen, ihr die die Heiligen Sakramente und sie retten würde… Sie flehte darum, ihn zu suchen, aber das war völlig unmöglich. Die Telefone funktionierten wegen des Gewitters nicht, und das Krankenhaus war gemäß den Vorschriften der Kriegszeit für die Nacht verschlossen; ihr blieb nichts anderes übrig, als vergeblich zu rufen:

„Helft mir! Bischof Ioann, bitte helfen Sie mir!“ Allen war klar, dass dies reines Delirium war. Doch plötzlich, mitten im Gewitter, schwangen die Türen auf und Bischof Ioann trat mit den Heiligen Gaben ein. Ihre Freude muss man nicht extra erwähnen; der Bischof beruhigte sie, nahm ihr die Beichte ab, reichte ihr die Heiligen Sakramente und ging.

    Nachdem sie danach achtzehn Stunden geschlafen hatte, wachte Anna auf und fühlte sich gesund. „Danke, Bischof Johannes hat mich besucht“, sagte sie zu den Schwestern. „Welcher Bischof Johannes?“, staunten diese, „gestern Nacht war das Krankenhaus doch verschlossen.“ Ihr Bettnachbar sagte, dass tatsächlich jemand gekommen sei, aber sie glaubten ihr trotzdem nicht. Anna begann zu zweifeln: ob es vielleicht doch nur ein Traum gewesen war? Doch als man ihr Bett neu bezog, fand man unter dem Kopfkissen einen amerikanischen Zwanzig-Dollar-Schein. „Na also“, triumphierte Anna, „ich habe euch doch gesagt, dass er da war!“

    Wie hat er davon erfahren? Wie ist er zu ihr gelangt, ohne auch nur die geringste Möglichkeit gehabt zu haben, von ihr zu hören? Wir irren uns wohl nicht, wenn wir sagen, dass ihm dies offenbart wurde; es gab nicht wenige Fälle, in denen solche Dinge dem Herrn Johannes offenbart wurden. Aber auf welche Weise? Und warum gerade ihm? Es scheint, als würde sich die Wahrheit den einen offenbaren, den anderen aber nicht: Warum ist das so? Gibt es denn bei uns ein spezielles Organ, um Offenbarungen von Gott wahrzunehmen? Wahrscheinlich gibt es das; nur unterdrücken und übertönen wir es gewöhnlich. Dieses Organ ist das liebende Herz. In der Heiligen Schrift habt ihr gelesen, dass Gott Liebe ist, und ihr wisst, dass das Christentum eine Religion der Liebe ist (vielleicht werdet ihr dem nicht zustimmen, wenn ihr das Pseudochristentum und die Pseudochristen betrachtet; dennoch ist es so, was das echte und unverfälschte Christentum betrifft). Christus selbst sagte zu seinen Jüngern, dass die Menschen sie an ihrer Liebe erkennen würden.

    Fragt jeden, der den Herrn Johannes kannte: Was zog die Menschen in seiner Umgebung an? Was zieht auch heute noch diejenigen an, die noch nie zuvor von ihm gehört haben? Man wird euch eines sagen: eine grenzenlose Liebe, selbstloser, aufopferungsvoller Liebe zu Gott und zu den Menschen. Deshalb wurde ihm das offenbart, was dem bloß menschlichen Verstand verborgen bleibt. Der Bischof selbst lehrte, dass, wie geistlich tief die Hagiographien der Heiligen oder die Schriften der Kirchenväter auch sein mögen, die Orthodoxie verlangt von uns ständige Besonnenheit und Nüchternheit, die Bereitschaft, auf jede Lebenssituation zu reagieren. Indem der Mensch darauf eingeht und sein Herz öffnet, erkennt er Gott.

   Die Wahrheit offenbart sich dem liebenden Herzen, auch wenn der Herr es erst demütigen und zermalmen muss, um ihm Empfindsamkeit zu schenken. So war es zum Beispiel beim Apostel Paulus, dem einstigen Verfolger und Unterdrücker der Kirche. Doch Gott sind Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft unserer Herzen gleichermaßen bekannt, und Er findet Zeit für eine unerwartete Begegnung.

    Am anderen Pol liegt die kalte Berechnung: Was interessiert mich an diesem Menschen? Was kann ich aus ihm herausholen? In der Religion führt dies zu Betrug und Scharlatanerie aller Art, die heute fast schon zur Norm des religiösen Lebens geworden sind: Eine Begeisterung löst die nächste ab, und alle eilen der Mode hinterher und überlegen dabei, wie sie sich am besten an ihre Launen anpassen können. Die Wahrheit liegt viel tiefer.

  3. Leiden                                        

    Letztes Jahr führte ich ein langes Gespräch mit einem zufälligen Mitreisenden im Zug (tatsächlich gibt es nichts rein Zufälliges), der mir erzählte, dass er Russisch lerne. Dieser amerikanische junge Mann hatte auf seiner religiösen Suche eine ganze Reihe von Gruppierungen und Sekten durchlaufen, die sich christlich nannten, und nichts als Fälschung und Heuchelei entdeckt. Als er schon fast völlig von der Religion enttäuscht war, erfuhr er plötzlich, dass Menschen in Russland für ihren Glauben leiden. „Wo Leid ist“, beschloss er, „dort gibt es wahrscheinlich die wahre Religion und keine Fälschung, wie hier bei uns in Amerika.“ Und so begann er, Russisch zu lernen, um nach Russland zu reisen und echte Christen zu finden.

   Können Sie sich vorstellen, wie sehr mich, einen Priester der Russischen Auslandskirche, seine Worte beeindruckten! Denn er hatte keine Ahnung vom Orthodoxie, hatte noch nie einen orthodoxen Gottesdienst gesehen, noch nie eine orthodoxe Predigt gehört. Wir sprachen lange mit ihm über Religion, und ich kam zu der Überzeugung, dass er Recht hatte: Nichts anderes als das Leiden ist fähig, einen echten Glauben zu begründen, während unser Wohlstand Falschheit hervorbringt.

   Einer der großen orthodoxen Theologen des 4. Jahrhunderts, der heilige Gregor von Nazianz (auch bekannt als Gregor der Theologe), nannte unseren Glauben „das leidende Orthodoxie“. Und tatsächlich war es so von Anfang an bis zum heutigen Tag. Die ersten Anhänger des gekreuzigten Gottes wurden verfolgt und gefoltert. Fast alle Apostel starben den Märtyrertod: Petrus wurde kopfüber gekreuzigt, Andreas an einem schrägen Kreuz. Die Christen der ersten drei Jahrhunderte versteckten sich in den Katakomben und ertrugen unvorstellbare Leiden. Die orthodoxen Gottesdienste, die wir auch heute noch fast genauso feiern, entstanden genau damals, in den Katakomben, in einer Atmosphäre ständiger Todeserwartung. Dann kam die Zeit des Kampfes um die Reinheit des Glaubens, als viele versuchten, die von oben geoffenbarte Lehre des Herrn Jesus Christus durch ihre eigene autoritative Meinung zu ersetzen. Daraufhin wurden die orthodoxen Länder von Arabern, Türken und anderen nichtchristlichen Völkern und schließlich in unserer Zeit – dem Kommunismus. Der Kommunismus, der eine beispiellos grausame Verfolgung der Religion entfesselte, traf in erster Linie gerade die orthodoxen Völker Osteuropas. Wie Sie sehen, ist unser Glaube wahrhaftig ein leidender Glaube; und gerade in diesem Leiden liegt etwas, das die Herzen der Menschen für Gott öffnet.

    Was sagt uns heute das leidende russische Rechtgläubige, jener leidende Glaube, den mein junger Reisegefährte suchte? Gibt es dort liebende Herzen, denen sich die Wahrheit offenbart? Nach der Logik der Dinge – nein. Denn der Kommunismus hält Russland seit nunmehr 60 Jahren in seinem eisernen Griff und hat sich von Anfang an zum Ziel gesetzt, die Religion „auszurotten“. Und gegen Ende der 30er Jahre, als fast alle Kirchen im Land geschlossen waren, schien die Sache so gut wie erledigt. Hätte man vom russischen Volk wegen Hitlers Einmarsch nicht statt kommunistischer Ideologie Patriotismus und Kampfgeist verlangt, wäre die Kirche vollständig in die Katakomben getrieben worden. Und auch wenn die Lage heute etwas besser ist, ist das Leben der Gläubigen nach wie vor äußerst schwer. Die Verfolgungen nahmen in den 60er Jahren unter Chruschtschow wieder zu, als erneut drei von vier aktiven Kirchen geschlossen wurden. Derzeit gibt es, abgesehen von den Zentren des internationalen Tourismus (in Moskau oder Leningrad sind beispielsweise einige Dutzend Kirchen geöffnet), in den großen regionalen Zentren fast keine Kirchen. Um ein Kind taufen zu lassen, muss man manchmal Hunderte von Kilometern fahren.

    Ich möchte Ihnen erzählen, wie sich der Herr heute den leidenden Christen Russlands offenbart. Sie alle haben sicherlich schon von Alexander Solschenizyn gehört, dem bedeutendsten russischen Schriftsteller und Denker: 1975 wurde er aus seinem Land verbannt, weil er die Wahrheit über es gesagt hatte.

    Seine Biografie ist an sich nichts Besonderes. Als Zeitgenosse der Revolution trug er keine „Überbleibsel der Vergangenheit“ aus seiner Kindheit mit sich. Er wuchs ohne Vater auf, der bereits im Ersten Weltkrieg gefallen war; er studierte Mathematik an der Universität; er diente im Zweiten Weltkrieg in der Armee und geriet mit den sowjetischen Truppen nach Deutschland. 1945 wurde er wegen respektloser Bemerkungen über den „Mann mit dem Schnurrbart“ (also über Stalin) in privaten Briefen verhaftet und zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Nach Ablauf seiner Haftstrafe wurde er 1953 in die Verbannung geschickt (nicht mehr in Haft, aber auch noch nicht in Freiheit) nach Südkasachstan, wo die Wüste beginnt. Dort wurde bei ihm Krebs festgestellt; er lag im Krankenhaus und hatte fast keine Überlebenschancen, erholte sich jedoch (später beschrieb er dies in seinem Roman „Der Krebskorpus“). Im Exil unterrichtete Solschenizyn Mathematik und Physik und schrieb heimlich Romane und Erzählungen.

    Als  Stalin  starb  und  die  kurzzeitige „Tauwetter“ einsetzte, wurde Solženizyn freigelassen, und 1961 erschien sein erstes Buch. Die Kommunisten erkannten schnell, dass sein Dissidententum die zulässigen Grenzen überschritt, und veröffentlichten seine Werke nicht mehr. Doch er begann, im Ausland zu veröffentlichen, was den Behörden große Unannehmlichkeiten bereitete, insbesondere nachdem ihm 1970 der Nobelpreis verliehen worden war, zu dessen Entgegennahme er nicht reisen durfte. Schließlich wurde er, nachdem man ihm ein paar Tage Zeit zum Packen gegeben hatte, gewaltsam nach Westdeutschland gebracht.

    Heute lebt Solženizyn in Vermont und schreibt weiter. Immer wieder wendet er sich an den Westen mit einer sehr wichtigen Frage: nach dem Sinn des atheistischen Experiments in Russland. Dieses Experiment betrachtet er weniger aus politischer als vielmehr aus praktischer und sogar aus geistlicher Sicht. Man kann sagen, dass Solženizyn die Wiedergeburt des russischen orthodoxen Bewusstseins unserer Tage verkörpert: 60 Jahre lang hat er, wie ganz Russland, Leiden ertragen und standhaft durchgehalten, woraus er einen festen Glauben und eine für die ganze Welt unschätzbare Erfahrung gewonnen hat. Sein monumentales Werk „Der Archipel Gulag“ muss jeder lesen, der verstehen will, wie der Atheismus in Russland aufgezwungen wurde und wie er die Seele des Menschen zerstört.

    Ohne Verbitterung schreibt Solschenizyn über seine Lagervergangenheit und die übrigen Prüfungen: Er ging als Sieger daraus hervor, weil in ihm der Glaube erwacht war. Er gelangt zu der Überzeugung, dass der Atheismus keineswegs eine ausschließlich russische Eigenschaft ist; im Gegenteil, es handelt sich um einen allgemeinen Zustand der Seele als solcher. Kaum kommt der Gedanke auf, dass der Atheismus Recht hat und dass es keinen Gott gibt, da wird – nach Dostojewski – sofort alles erlaubt: jedes Experiment mit was auch immer, jede neue Leidenschaft, jede neue Sichtweise, jedes neue Gesellschaftssystem.

   Solschenizyn zeigt uns, dass, sobald sich der Atheismus durchgesetzt hat und die Idee der Ausrottung jeglicher Religion aufkommt (worauf die Ideologie des Kommunismus beruht), man nicht mehr ohne Konzentrationslager auskommt. Wenn der Glaube verboten ist und die Menschen dennoch weiter nach ihm suchen, muss man sich doch irgendwie der Übertreter entledigen. Da der Atheismus auf einem bösen Anfang in der menschlichen Natur beruht, nimmt das atheistische Experiment ganz natürlich die Form des Gulag an.

     Doch das ist nicht das Wesentliche. Das Wichtigste ist, dass ich Ihnen erzählen muss, was mit Solschenizyn in der Haft geschah: Denn genau dort offenbarte sich ihm Gott. Der Gulag, der das Böse in den Menschen aufdeckt, gibt zugleich den Anstoß zu einer geistigen Erneuerung des Menschen. Deshalb ist die gegenwärtige geistige Erneuerung Russlands in ihrem Wesen unvergleichlich tiefer als alle möglichen religiösen „Erneuerungen“ im Westen. Solženizyn selbst beschreibt seine Hinwendung zum Glauben wie folgt: „Mit meinem gekrümmten, fast gebrochenen Rücken war es mir vergönnt, aus den Jahren im Gefängnis diese Erfahrung mitzunehmen: wie ein Mensch böse wird und wie er gütig wird. Im Rausch meiner frühen Erfolge fühlte ich mich unfehlbar und war deshalb grausam (er diente im Offiziersrang. – i. S.). Im Überfluss an Macht war ich ein Mörder und Vergewaltiger. In den bösesten Momenten war ich überzeugt, dass ich das Richtige tat, und hatte die stichhaltigsten Argumente parat. Auf dem verrottenden Stroh im Gefängnis spürte ich in mir die ersten Anzeichen des Guten.“

    So wird sein Herz weicher, wird es empfänglich, fähig, die Offenbarung der Wahrheit aufzunehmen: „Allmählich wurde mir klar, dass die Grenze zwischen Gut und Böse nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen, nicht zwischen Parteien verläuft – sie verläuft durch jedes menschliche Herz – und durch alle menschlichen Herzen… Selbst in einem vom Bösen ergriffenen Herzen bewahrt sie einen kleinen Stützpunkt des Guten. Selbst im gütigsten Herzen – eine unausrottbare Ecke des Bösen“[2].

   Wie viel tiefer ist diese Beobachtung doch als alles, was wir aus unserer eigenen Lebenserfahrung in der westlichen Welt gewinnen können! Tiefer, weil ihr das Leiden zugrunde liegt, ein untrennbarer Bestandteil des irdischen Lebens und der Beginn des geistlichen Lebens: Denn Christus selbst ist zum Leiden und zum Kreuzestod gekommen. Dies ernsthaft zu begreifen, ist demjenigen gegeben, der mit Russland gelitten und ausgeharrt hat. Genau hier liegt die Wurzel der russischen christlichen Erneuerung.

 4. Wiederbelebung 

   Nun möchte ich Ihnen von einem weniger bekannten Russen namens Juri Maschkow erzählen, der ebenfalls über seine Hinwendung zu Gott, zum Glauben schreibt, darüber, wie Gott sich ihm durch das Leiden offenbart hat.

   Vor drei Jahren wurde er aus Russland ausgewiesen, gelangte nach Amerika und starb letztes Jahr, etwas über vierzig Jahre alt, an Krebs. Nur drei Monate nach seiner Ankunft, im Jahr 1978, wurde er eingeladen, auf einer russischen Konferenz in New Jersey zu sprechen. Als er sich an die Zuhörer wandte, gestand er, dass er bis zum letzten Moment nicht gewusst habe, worüber er sprechen würde: „Ich war ratlos; mir schien, ich hätte Ihnen nichts zu sagen. Die erste Hälfte meines Lebens habe ich studiert, die zweite habe ich in Gefängnissen und politischen Konzentrationslagern des Gulag verbracht. Was kann ich tatsächlich Menschen sagen, die gebildeter, sachkundiger und sogar besser über die Ereignisse in der Sowjetunion informiert sind als ich?“

   Schon hier sehen wir den Unterschied zwischen zwei Welten. Auch wenn sich viele im Westen dem orthodoxen Glauben zuwenden und über ein fundiertes theoretisches Wissen verfügen: Sie haben keine Leiden erfahren, sie haben die Wirklichkeit des Leidens nicht erfahren. Aber Juri weiß es, und zwar keineswegs aus Büchern oder vom Hörensagen.

    „Deshalb habe ich beschlossen, keine Reden im Voraus vorzubereiten, sondern einfach zu erzählen, was Gott mir aufs Herz legt. Und so, während unser hervorragendes Auto von Bridgeport aus über die herrliche Autobahn inmitten der Pracht der Natur raste, wurde mir klar: Mein geistig qualvolles Leben im kommunistischen ‚Paradies‘, mein Weg vom Atheismus und Marxismus zum orthodoxen Glauben … das ist die einzig wertvolle Information, die für Sie von Interesse sein könnte. Mein Leben ist nur insofern interessant, als es ein Tropfen im Meer der russischen religiösen und nationalen Wiedergeburt ist.

    Ich wurde im blutigen Jahr 1937 im Dorf Klishchewa, 45 km von Moskau entfernt, geboren… Mein Vater, von Beruf Schmied, fiel im Krieg, und ich kann mich nicht an ihn erinnern; meine Mutter, eine Gelegenheitsarbeiterin, stand der Religion meiner Erinnerung nach gleichgültig. Meine Großmutter war zwar gläubig (die meisten Russen haben eine solche gläubige Mutter oder Großmutter, die manchmal die ganze Familie zu Gott zurückführt – I. S.), aber sie hatte in meinen Augen keinerlei Autorität, da sie völlig Analphabetin war. Ich wurde natürlich als Kind getauft, aber in meiner Schulzeit legte ich das Kreuz ab und war bis zum Alter von 25 Jahren überzeugter Atheist. Nach Abschluss der siebenjährigen Schule hatte ich das Glück, an der Moskauer Hochschule für Kunst und Industrie aufgenommen zu werden, und ich studierte dort fünf von sieben Jahren. So begann mein Leben äußerlich gesehen recht vielversprechend… Mit der Zeit sollte ich mein Künstlerdiplom erhalten und in meinem Lieblingsbereich arbeiten.“

   Das ist eine typische sowjetische Schulbiografie. In der Sowjetunion wurde das Studium sehr ernst genommen: Wer aufgenommen wurde und die Prüfungen bestand, erhielt eine „Eintrittskarte ins Leben“ und Zugang zu vielen materiellen Gütern; wer durchfiel, musste auf die Straße.

   „Doch das langweilige sowjetische Leben und die geistige Unzufriedenheit ließen mir keine Ruhe, und Ende 1955, als ich 19 Jahre alt war, ereignete sich etwas, das äußerlich kaum auffiel, mein Leben jedoch auf den Kopf stellte und mich hierher führte. Dieses Ereignis fand in meiner Seele statt: Ich begriff, in welcher Gesellschaft ich lebte. Entgegen der ganzen rasenden sowjetischen Propaganda begriff ich, dass ich in einem Regime absoluter Rechtlosigkeit und absoluter Grausamkeit lebe. Zu dieser Erkenntnis gelangten damals sehr viele Studenten, und mit der Zeit fand ich Gleichgesinnte, die es ebenso wie ich als ihre Pflicht ansahen, das Volk über ihre Erkenntnis zu informieren und dem triumphierenden Bösen irgendwie entgegenzuwirken. (Darin zeigte sich natürlich eine Welle jugendlichen Idealismus, die später auch den Westen erfasste. – I. S.) Doch der KGB überwacht alle Bürger der UdSSR sehr genau, und als wir uns am 7. November 1958 zu einer Organisationssitzung versammelten, um die Frage des unterirdischen Samizdat zu klären, wurden sechs von uns verhaftet, und alle, die nicht bereuten, erhielten die höchste Strafe für antisowjetische Propaganda – jeweils sieben Jahre Konzentrationslager. So begann ein neuer Weg in meinem Leben.“

   Es sei angemerkt, dass es bis hierhin noch um keinerlei religiöse Bekehrung geht. Jurij war einfach ein junger Idealist, als er plötzlich festgenommen und in den Gulag geworfen wurde.

   „Wir alle waren damals Atheisten und Marxisten „eurokommunistischer“ Prägung, das heißt, wir glaubten, dass der Marxismus an sich eine richtige Lehre sei, die das Volk in eine strahlende Zukunft führe, in ein Reich der Freiheit und Gerechtigkeit, und dass die Moskauer Schurken diese Lehre aus irgendeinem Grund nicht in die Tat umsetzen wollten. Und nun, im Konzentrationslager starb diese Vorstellung bei uns allen vollständig und für immer.“

   Ich werde nicht näher auf die kommunistische Philosophie eingehen; ich möchte nur anmerken, dass Jurij, nachdem er seine früheren Überzeugungen verloren hatte, in Verzweiflung geriet. Wurde ihm einst eingeflößt, der Kommunismus sei eine altruistische Lehre, die allen Glück und Frieden bringe, so hatte er sich nun in der Praxis davon überzeugt, dass dies eine Lüge war. Und da vollzog sich in seiner Seele eine gewisse Wende.

   „Ich möchte den Prozess der geistigen Wiedergeburt ein wenig beleuchten, damit Sie sehen, wie sich dieser geistige Wandel bei vielen russischen Menschen vollzogen hat. Denn nicht nur ich und meine Gleichgesinnten haben den geistigen Weg vom Marxismus zum religiösen Glauben zurückgelegt … Das ist ein typisches Phänomen für sowjetische Politlager.

    Was geschieht also mit den Russen? Der Prozess der geistigen Erneuerung verläuft in zwei Phasen. Zunächst erkennen wir das Wesen des Marxismus und befreien uns von jeglichen Illusionen darüber. Bei einer tiefgründigen und nachdenklichen Analyse erkennen wir, dass der Marxismus seinem Wesen nach eine vollendete Lehre des Totalitarismus ist, das heißt der absoluten kommunistischen Knechtschaft, und jede kommunistische Partei in jedem Land, die sich vorgenommen hat, das marxistische Programm umzusetzen, wird gezwungen sein, all das zu wiederholen, was die Moskauer Kommunisten getan haben und tun, oder sie muss den Marxismus ablehnen und sich selbst auflösen. Wenn wir diese im Grunde einfache Wahrheit begreifen, verlieren wir den ideologischen Boden, auf dem wir der marxistischen Knechtschaft entgegenstehen. Wir geraten in ein geistiges Vakuum, das eine noch tiefere Krise nach sich zieht… Und nach der Entlassung aus dem Lager (d. h. nach Ablauf der siebenjährigen Haftstrafe – Anm. d. Verf.) ist die Perspektive für uns so, dass sie selbst dem Feind nicht zu wünschen wäre: entweder wieder ins Lager zu gehen und dort bis ans Lebensende zu sitzen, oder in der Irrenanstalt zu verenden, oder von den Chekisten ohne Gerichtsverfahren und Ermittlung getötet zu werden.

    Und in dieser Situation der geistigen Krise und Ausweglosigkeit stellt sich dem russischen Menschen unweigerlich die zentrale Frage der Weltanschauung: Wozu eigentlich leben, wenn es keine Erlösung gibt? Und wenn dieser schreckliche Moment kommt, spürt jeder von uns, dass der Tod ihn wahrhaftig an der Kehle gepackt hat: Wenn nicht irgendein geistiger Aufschwung eintritt, ist das Leben zu Ende, denn ohne Gott ist nicht nur „alles erlaubt“, sondern das Leben als solches hat keinerlei Wert und keinerlei Sinn.

    Ich habe im Lager beobachtet, wie Menschen den Verstand verloren und Selbstmord begingen. Ich selbst spürte deutlich, dass ich, sollte ich schließlich zu der festen und endgültigen Überzeugung gelangen, dass es keinen Gott gibt, einfach verpflichtet sein würde, Selbstmord zu begehen, da es für ein vernünftiges Wesen beschämend und erniedrigend ist, ein sinnloses und qualvolles Dasein zu fristen. So erkennen wir in der zweiten Phase der geistigen Wiedergeburt, dass der Atheismus, bis zu seinem logischen Ende durchdacht, den Menschen unweigerlich ins Verderben führt, denn er ist eine philosophische Vollendung der Unmoral, des Bösen und des Todes.

    Und auch mir stand ein tragisches Ende bevor (Selbstmord oder Wahnsinn), wäre nicht zu meinem Glück am 1. September 1962 das größte Wunder in meinem Leben geschehen. An diesem Tag geschah nichts Besonderes, es gab keine äußeren Einflüsse – ich grübelte allein über mein Problem nach: „Sein oder Nichtsein?“ Zu diesem Zeitpunkt war mir die rettende Kraft des Glaubens an Gott bereits voll bewusst, ich wollte sehr gerne an Ihn glauben – aber ich konnte mir nichts vormachen: Der Glaube war nicht da.

   Und plötzlich kam der Augenblick, in dem ich sozusagen zum ersten Mal erblickte (als hätte sich eine Tür aus einem dunklen Raum auf eine sonnige Straße geöffnet) – und im nächsten Augenblick wusste ich bereits ganz genau, dass Gott existiert und dass Gott der Jesus Christus der orthodoxen Kirche ist und nicht irgendein hinduistischer, buddhistischer oder sonstiger Gott. Ich nenne diesen Moment das größte Wunder, weil dieses sichere Wissen nicht über den Verstand zu mir kam (das weiß ich ganz genau), sondern auf irgendeinem anderen Weg, und ich kann diesen Moment nicht rational erklären… Mit einem solchen Wunder begann mein neues spirituelles Leben, das mir half, weitere 13 Jahre Lager- und Gefängnisleben sowie die erzwungene Emigration zu überstehen, und das mir hoffentlich helfen wird, alle Schwierigkeiten des Emigrantendaseins zu bewältigen.

   Und diesen „Moment des Glaubens“, dieses größte Wunder, erleben derzeit in Russland Tausende von Menschen, und zwar nicht nur in Konzentrationslagern und Gefängnissen. Denn Igor Ogurtsov, der Gründer der Sozialchristlichen Union, kam nicht im Lager, sondern an der Universität zum Glauben. Die religiöse Wiederbelebung ist ein typisches Phänomen des heutigen Russlands. Alles, was geistig lebendig ist, kehrt unweigerlich zu Gott zurück. Und es ist völlig offensichtlich, dass ein solches rettendes Wunder, entgegen aller mächtigen kommunistischen Politik, nur der allmächtige Gott vollbringen kann, der unser Volk nicht in schrecklichem Leid und in scheinbarer völliger Schutzlosigkeit gegenüber zahlreichen Feinden zurückgelassen hat“ 3.

  5. Schlussfolgerung 

   Das Beispiel von Juri Maschkow zeigt uns auf anschaulichste Weise, wie Gott sich dem Menschen offenbart. Dazu muss sich etwas im Herzen verändern, und obwohl Leiden zu einer solchen Veränderung beiträgt, doch gibt es dafür keine allgemeine Regel. Erinnern wir uns nur an jene, die Leiden ertrugen, sich aber dennoch nicht dem Glauben zuwandten: Zahlreiche solcher Fälle wurden in Russland in den letzten 60 Jahren beschrieben. Auf Englisch ist das bemerkenswerte Büchlein „Meine Aussagen“ erschienen. Sein Autor – ein einfacher russischer Mann namens Marchenko – hielt die Atmosphäre der sowjetischen Lüge nicht aus, dieses unheimliche Gefühl, dass dich jeder betrügt. Infolgedessen begann er, die Wahrheit zu sagen, und landete in den Lagern. Er wurde, wie üblich, verhört und überredet:

„Wissen Sie was? Mit Ihren Ideen werden Sie nicht lange auf freiem Fuß bleiben, selbst wenn man Sie freilässt. Warum werden Sie nicht wie alle anderen?“ „Das kann ich nicht“, antwortete er, „ich bin ein ehrlicher Mensch!“ Er kam zu dem Schluss, dass nur Gläubige im Lager glücklich sein können: „Wir leiden um Christi willen“, sagen sie und nehmen alles, was geschieht, aus Gottes Hand an. „Aber ich kann nicht so sein wie sie“, erklärt Marchenko, „denn ich glaube ja nicht an Christus.“ Ihm blieb nichts anderes übrig, als seine Bitterkeit gegen die Gefängniswärter in sich zu tragen. Er kam verbittert frei und überlegte, wie er sich an all seinen Unterdrückern rächen könnte. Er rechnete damit, jeden Moment wieder verhaftet zu werden, und tatsächlich wurde er, nachdem er bereits ein Buch geschrieben hatte, erneut verhaftet.

     In diesem Fall hat sich sein Herz offenbar nicht beugen lassen, es blieb standhaft. Natürlich ist das Herz nicht einfach gestrickt, und irgendwann wird sich wohl auch er ändern. Aber aus Marchenkos Aussage geht hervor, dass man einen Menschen nicht mit der Absicht ins Lager schicken darf, ihn zum Christen zu machen. Manche werden Christen, andere nicht. Wenn sich einem Menschen jedoch die Wahrheit offenbart, geht dies mit nichts äußerlich Auffälligem einher: Inmitten von Not und Leid öffnet sich plötzlich ein Fenster in eine andere Welt. Je größer die Not und je schärfer das Leid, je verzweifelter die Seele nach Gott verlangt, desto eher wird Er sich zu erkennen geben, uns zu Hilfe kommen und uns retten.

    Wir sollten also nicht nach spektakulären Erscheinungen oder Wundern suchen. Die Erzählung über den heiligen Nikita, die ich euch vorgelesen habe, warnt davor, dass dies der gefährlichste und trügerischste Weg ist. Auf dem richtigen Weg ist derjenige, der sein Herz demütigt und das Leiden erträgt, im Wissen: Es gibt irgendwo eine höhere Wahrheit, die nicht nur den Schmerz des Herzens stillen, sondern ihn ganz in eine andere Dimension versetzen kann.

   Dieser Weg vom Leiden zur höheren Wirklichkeit erinnert uns an das irdische Leben Christi: Er stieg auf den Golgatha, in einen schrecklichen und schändlichen Tod, und dann, völlig unerwartet selbst für seine engsten Jünger, auferstand er von den Toten, fuhr in den Himmel auf, sandte ihnen den Heiligen Geist und gründete seine Heilige Kirche. Das ist im Grunde genommen alles, was ich Ihnen über die Offenbarung der Wahrheit im Orthodoxismus erzählen wollte. Ich bin bereit, Ihre Fragen und Anmerkungen zu beantworten.

 6. Fragen und Antworten

   Frage: Wenn Dämonen wie Engel aussehen und sprechen, wie kann man dann erkennen, wo die Wahrheit liegt?

  Antwort: Eine sehr gute Frage. Zuallererst ist Demut erforderlich; man muss Gott um die Wahrheit bitten und nicht nach außergewöhnlichen geistlichen Erfahrungen suchen. Darüber hinaus muss man orthodox werden und sich die Lehre vom christlichen Leben aneignen. Doch auch das ist keine Garantie: Auch Orthodoxe lassen sich täuschen. Bei den Kirchenvätern findet man zahlreiche Ratschläge. Wenn Sie zum Beispiel die Erscheinung eines leuchtenden Engels sehen, wird empfohlen, ihm nicht zu vertrauen. Der Herr wird Sie nicht verurteilen, wenn Er Ihnen tatsächlich erscheinen wollte und Sie Ihn nicht erkannt haben: Wenn es nötig ist, wird Er immer einen Weg finden, Sie zu benachrichtigen. Im Gegenteil, Er wird sich über Ihre Vorsicht und Wachsamkeit freuen, falls es sich um eine Täuschung handelt.

   Diejenigen hingegen, die im geistlichen Leben fortgeschritten sind und Erfahrung in dieser Sache haben, können sich anders verhalten. Hier ein Beispiel aus dem Leben des heiligen Antonius des Großen, der unablässig von Dämonen bedrängt wurde. Als man ihn fragte, wie er Dämonen von Engeln unterscheide, sagte er: „Wenn mir ein Engel erscheint, spüre ich Frieden in meiner Seele; wenn ich jedoch einen Dämon sehe, auch wenn er wie ein Engel aussieht, verspüre ich Unruhe.“ Für Anfänger ist dies jedoch natürlich äußerst gefährlich: Ohne Erfahrung kann man auch mit Dämonen vollkommenen Frieden empfinden. Kurz gesagt lautet die Antwort auf Ihre Frage: Man muss sich die Lehre der orthodoxen Kirche aneignen. Indem man über Ereignisse wie die des heiligen Nikita und viele andere liest und sich Wissen über die Täuschungen und Angriffe der Dämonen aneignet, kann man lernen, sie auf den ersten Blick zu erkennen.

Frage: Bitte erzählen Sie uns, was die Orthodoxie über den Heiligen Geist sagt und wie sie die nicht-orthodoxen christlichen Sakramente betrachtet: Ist der Heilige Geist in ihnen gegenwärtig?

Antwort: Der Heilige Geist wurde vom Herrn Jesus Christus am Pfingsttag gesandt, am 50. Tag nach der Auferstehung und am 10. Tag nach der Himmelfahrt, und Er wirkt in der Kirche bis zum Ende der Zeiten. Diese von Christus selbst gegründete Kirche ist die einzige. In unserer Zeit gibt es Fälle, in denen man versucht, diese Kirche anhand historischer Daten zu finden. Hier ein Beispiel, wie die Kirche in Uganda entstand. In den 1920er Jahren stellten zwei Studenten aus Uganda in einem anglikanischen Seminar fest, dass sie nicht ganz so unterrichtet wurden, wie es bei den alten Kirchenvätern geschrieben steht. Da kamen sie zu dem Schluss, dass der römische Katholizismus wohl die alte Kirche sei. Auf der Suche nach der „wahren alten Kirche“ (wie sie sie nannten) wechselten die Studenten in ein römisch- katholisches Seminar; doch auch dort wurde ihnen nicht das gelehrt, was die Heiligen Väter gelehrt hatten. Sie begannen zu zweifeln: „Wenn sich die Wahrheit so leicht ändern lässt, gibt es dann wohl keine christliche Wahrheit mehr?“ Damals hörten sie zum ersten Mal vom Orthodoxismus, doch bevor sie ihn fanden, mussten sie noch einiges überwinden.

   Zunächst stießen sie auf einen Betrüger, der sich als orthodox bezeichnete. Sie erhielten von ihm etwas, das er „Sakramente“ nannte, bis ein Grieche bemerkte, dass dieser „ein wenig seltsam“ sei. Da erkannten sie, worum es ging, bereuten es und begannen von Neuem zu suchen. Auch der erste orthodoxe Bischof, dem sie auf ihrem Weg begegneten, erwies sich als unzulänglich: „Ach was“, sagte er, „macht euch keine Sorgen, alle Kirchen sind gleich. Kehrt lieber zu eurer eigenen, der anglikanischen, zurück.“ Aber selbst das hielt sie nicht auf, und schließlich fanden sie einen orthodoxen Bischof, der das Richtige lehrte, und nahmen die Orthodoxie an. Heute breitet sich die Kirche in Uganda, Kenia, Zaire, Tansania und anderen Ländern Afrikas aus. Wir haben sogar wunderbare Tonaufnahmen ihrer Gottesdienste: Sie haben den griechischen byzantinischen Gesang übernommen, ihn in keiner Weise verändert, sondern ihn einfach auf die Worte ihrer Sprache übertragen. Es klingt sehr streng, erhaben und mit lokalem afrikanischem Kolorit. Den byzantinischen Gesang haben sie genauso übernommen, wie es einst die Griechen mit den althebräischen Gesängen taten. So ermöglichten es historische Zeugnisse den afrikanischen Seminaristen zu erkennen, dass es eine einzige Kirche gibt, die unmittelbar auf Christus zurückgeht und die alte christliche Lehre bewahrt hat – und dass diese Kirche die orthodoxe Kirche ist.

    Die Geschichte hat auch Zeugnis davon bewahrt, wie andere Kirchen – vor allem der römische Katholizismus – von dieser Einheit abwichen, als im 11. Jahrhundert die Frage nach der Stellung des Papstes in der Kirche aufkam. Der Papst wies die orthodoxe Auffassung über die Kirche zurück und trennte dadurch den ganzen Westen von der orthodoxen Kirche. Der Heilige Geist lebt heute in der orthodoxen Kirche. Die meisten westlichen protestantischen Konfessionen hingegen haben sogar den Begriff der Sakramente verloren: Lohnt es sich, die Gnade des Heiligen Geistes dort zu suchen, wo niemand sie erwartet? Natürlich ist der Begriff der Sakramente in der römisch-katholischen und einigen anderen Kirchen erhalten geblieben. Ich bin der Meinung, dass die wahren Sakramente, die von Christus selbst eingesetzt wurden, nur in der orthodoxen Kirche zu finden sind. Über diejenigen, die außerhalb dieser Kirche stehen und aufrichtig auf etwas hoffen, das unter dem Namen der Sakramente steht, wage ich kein Urteil: Der Herr hat die Macht über sie, Er selbst wird entscheiden, was und wann Er jeder einzelnen Seele geben wird. Vielleicht erleben sie lediglich einen psychologischen Effekt, vielleicht aber auch mehr – wer weiß das schon? Gottes Wille.

    Aber die Orthodoxie hat bis zum heutigen Tag alles bewahrt, was Gott für die Kirche festgelegt hat. Anhand historischer Quellen lässt sich feststellen, dass wir genau der Praxis der alten Kirche folgen. Zum Beispiel taufte der Apostel Philippus den Äthiopier zweifellos genau so, wie wir es tun: durch dreimaliges Untertauchen im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Deshalb hat sich die orthodoxe Kirche den Ruf erworben, „unmodern“ zu sein: Unsere Aufgabe ist es nicht, moderne Gepflogenheiten zu übernehmen, sondern die alten zu bewahren, die uns von Christus, den Aposteln und den Heiligen Vätern überliefert wurden.

   Frage: Könnten Sie uns bitte erzählen, wie das Orthodoxe Christentum zu nichtchristlichen Glaubensrichtungen steht?

  Antwort: Natürlich gibt es auch andere Religionen, die nicht bloß dämonische Kulte sind und in denen die menschliche Seele ernsthaft nach Gott sucht. Solange die Menschen Christus nicht kennen, kann man dieses Suchen verstehen; doch zum Ziel führen diese Religionen nicht. Denn das Ziel, das ewige Leben und das Reich Gottes, wurde uns durch das Kommen Gottes im Fleisch eröffnet. Die Fülle der Wahrheit liegt also im Christentum; Elemente der Wahrheit finden sich auch in anderen Religionen, doch wie viel Weisheit in ihnen auch sein mag, den Himmel. Der Himmel öffnete sich den Menschen erst, als der auf die Erde herabgestiegene Christus zu dem Räuber sagte: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

   Frage: Bedeutet das, dass denen, die Christus nicht kennen, die Wahrheit unzugänglich ist?

 Antwort: Denjenigen, die noch nie von Ihm gehört haben? – Sie sind in Gottes Willen. Denn auch die Menschen der alttestamentlichen Zeit konnten nichts von Christus wissen, und Er stieg in die Unterwelt hinab, um zu ihnen zu rufen. Auch Johannes der Täufer ist der Überlieferung nach schon zuvor in die Unterwelt hinabgestiegen und hat verkündet, dass Christus kommen und alle befreien werde, die nach Freiheit und Glauben streben. Der Herr ist also in der Lage, den Unwissenden die Wahrheit zu offenbaren – also denen, die das Evangelium nicht abgelehnt, sondern einfach noch nie davon gehört haben.

   Nun, auf diejenigen, die die Offenbarung gehört und angenommen haben, lastet eine besondere Verantwortung. Wenn jemand, der das Wort Gottes angenommen hat, es in seinem Leben nicht befolgt, sind seine Taten schlecht, viel schlechter als die eines Schamanen.

   Frage: Was mich interessiert, und wahrscheinlich auch viele andere: Worin bestehen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede, zum Beispiel zwischen der russisch-orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche? Es gibt ja Meinungsverschiedenheiten in vielen Fragen, etwa über die Dreifaltigkeit oder darüber, ob Priester heiraten dürfen – kurz gesagt, zahlreiche Unterschiede im Verständnis der Kirche und des Glaubens.

   Antwort: Tatsächlich gibt es viele kleine Unterschiede. Aber ein Unterschied ist, glaube ich, der wichtigste; ich werde darüber sprechen und dabei das begonnene Gespräch über den Heiligen Geist fortsetzen. Die Kirche besteht ja darin, den Menschen Gnade zu schenken; im Westen hingegen, als Rom sich von der Kirche abgespalten hat, ist diese Gnade im Wesentlichen verloren gegangen. Den Menschen gelingt es vielleicht, sie hier und da zu finden, aber insgesamt hat die westliche Kirche den Zufluss der Gnade verloren. Der heutige römische Katholizismus erscheint mir als ein Versuch, die verlorene Gnade durch die Anstrengungen des menschlichen Verstandes zu ersetzen. Deshalb musste man den Papst für „unfehlbar“ erklären: Andernfalls lässt sich die Frage nicht beantworten, wo die Wahrheit liegt.

   Manchmal hört man solche Urteile über die orthodoxe Kirche: „Bei euch ist es unmöglich, die Wahrheit zu finden. Ihr sagt, dass die Meinung des Papstes oder eines Bischofs, wer auch immer er sein mag, für „Ihr seid nicht an das Gesetz gebunden; ihr habt auch keinen bedingungslosen Glauben an die Heilige Schrift, wie die Protestanten, die darin die absolute Wahrheit suchen. Wenn eine Frage oder ein Streitfall aufkommt, wer hat dann das letzte Wort?“ „Beim Heiligen Geist“, antworten wir, „Er wird immer die Wahrheit zeigen.“ Gewöhnlich geschieht dies, wenn sich die Bischöfe zu einem Konzil versammeln; es gab jedoch auch schon ketzerische Konzile. Meinen Sie, die Sache sei hoffnungslos? Nein, der Heilige Geist leitet die Kirche und wird sie niemals ohne Hilfe lassen.

   Wenn daran Zweifel aufkommen, muss man sich etwas ausdenken wie die Unfehlbarkeit der Bibel oder die Unfehlbarkeit des Papstes. Oder, wie bei den römischen Katholiken, die orthodoxe Lehre in eine Art Regelwerk zu verwandeln, in dem alles vorgesehen ist: Wer diesen oder jenen Paragrafen verletzt hat – geh zur Beichte, erhalte diese oder jene Strafe, und schon ist wieder alles in Ordnung. Daraus entstand die Idee der Ablässe, einer formellen und pervertierten Buße; das hat nichts mit der Orthodoxie zu tun. Eine Buße von solcher Kraft, wie sie der Räuber am Kreuz zeigte, kann im selben Augenblick retten.

   Die Orthodoxie bewahrt vor allem die lebendige geistliche Gemeinschaft der menschlichen Seele mit Gott. Alle Sakramente und die gesamte Lehre der Kirche dienen der Heilung und Erneuerung des Menschen vor Gott; darin liegt das Wesen unseres Glaubens.

   Die römische Kirche hingegen legte – zumindest bis in die letzten Jahrzehnte, als dort eine tiefe geistliche Krise offen zutage trat – den Schwerpunkt zunehmend auf äußere Regeln und auf eine formale „Korrektheit“ anstelle der Gnade des Heiligen Geistes.

  Frage: Könnten Sie etwas ausführlicher über die anglikanische Kirche sprechen? Denn alles, was Sie über den römisch-katholischen Glauben an die Unfehlbarkeit des Papstes und über den protestantischen Glauben an die Unfehlbarkeit der Bibel gesagt haben, trifft auch auf sie zu. Meiner Meinung nach versucht sie, ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Überzeugungen zu finden; aber Sie werden wahrscheinlich sagen, dass sie aus historischer Sicht von der alten Kirche abgewichen ist.

  Antwort: Ja, viele Anglikaner versuchen tatsächlich, etwas zu finden, aber es sind Versuche mit unzureichenden Mitteln. Wenn man zu Gott geht, ist es unmöglich, „ein Konzept zu erarbeiten“ oder „ein System zu entwickeln“: Man braucht die lebendige Quelle Seiner Gnade. Daher kommen sie ohne die Kirche nicht aus.

   Frage: Bewahrt die orthodoxe Kirche die Fastenzeiten und alten Bräuche im Zusammenhang mit der Fastenzeit?

   Antwort: Ja, natürlich gibt es eine Lehre über das Fasten, wie schon in der Antike. Sie wird seit sehr langer Zeit bewahrt. Aus der „Lehre der zwölf Apostel“ wissen wir, dass es bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. üblich war, mittwochs und freitags zu fasten.

   Frage: Bitte erzählen Sie kurz, worum es in Ihrem gestrigen Vortrag über die Apokalypse ging.

   Antwort: Ich habe darüber gesprochen, wie man unter den umgebenden Ereignissen die Zeichen des nahenden Endes erkennen kann und wie Christen dazu stehen sollten. Anstatt Jahre zu zählen und zu rätseln, wer der „König des Nordens“ und wer der „König des Südens“ ist, muss man tiefer blicken. In allen Briefen der ersten Apostel lesen wir von der Notwendigkeit, daran zu denken, dass Christus vor der Tür steht, und von der geistlichen Bereitschaft, Ihm zu begegnen. Wenn wir unablässig auf Christus warten, wenn wir uns auf Sein geistliches Erscheinen vorbereiten – sowohl in unserem irdischen Leben durch die Gnade als auch nach dem Tod –, dann wird uns die Frage nach dem Zeitpunkt Seines physischen Kommens in diese Welt am Ende der Zeiten nicht mehr dazu treiben, zusammen mit irgendeiner modischen Sekte auf einen Berggipfel zu steigen, um dort auf Ihn zu warten. Tag und Stunde sind uns unbekannt; unsere Aufgabe ist die geistige Bereitschaft.

   Doch  sehen  wir  derzeit  um uns herum  so viele „apokalyptische“ Erscheinungen, dass es Sinn macht, sie zu verstehen. Auch wenn uns Tag und Stunde unbekannt sind, erinnert uns der Herr an das Beispiel des Feigenbaums: Wenn Blätter an ihm erscheinen, bedeutet das, dass der Sommer nahe ist. Und wenn wir beobachten, wie die Grundlage für eine Weltregierung geschaffen wird, wie das Evangelium allen Völkern der Erde verkündet wird, wie in großer Zahl trügerische spirituelle Strömungen entstehen und sich verbreiten, werden wir davon überzeugt, dass Zeiten grandioser Ereignisse anbrechen, an deren Ende wahrscheinlich das Ende kommen wird.

   Und wenn wir auf diese Ereignisse vorbereitet sein wollen, müssen wir viel von den Häftlingen des Gulag lernen. Was auch immer uns widerfahren mag – selbst wenn der Antichrist uns hinter Stacheldraht wirft –, wir werden nicht zugrunde gehen, wenn Christus mit uns ist. Das Martyrium war für die Menschen schon immer ein Vorbild und eine geistliche Quelle; und auch in unserer Zeit gibt es Märtyrer, an denen wir uns ein Beispiel nehmen können.

Nachwort

   So endete das Gespräch mit Pater Seraphim. Anderthalb Jahre später lag er im Sterben in einem Krankenhaus. Die schweren Leiden seiner tödlichen Krankheit führten ihn näher zu jenem himmlischen Leben, auf das er sich lange vorbereitet und nach dem er sein ganzes Leben gestrebt hatte. Der Herr, der einst seinen Durst nach Wahrheit gestillt hatte, tröstete ihn nun auch in seinen letzten Stunden auf unsichtbare Weise.

   Da Pater Seraphim nicht mehr sprechen konnte, richtete er seinen Blick nach oben, und Tränen liefen über sein Gesicht. Einmal versuchte er seinem Mitbruder etwas mitzuteilen, was ihm in jener Stunde offenbart worden war, doch seine Kräfte verließen ihn bereits. Als seine Seele schied, wurde sein Gesicht still und licht, und auf seinen Lippen erschien ein sanftes Lächeln. Diejenigen, die an seinem Sterbebett standen, bezeugten jene friedvolle Freude, die Gott einem demütigen und gläubigen Herzen schenkt. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh 12,24).

   Mit dem Tod von Pater Seraphim wurde ein Same gesät, der bis heute Frucht unter den nach Wahrheit suchenden Menschen des Westens bringt. Durch die Veröffentlichung seiner Werke wurde sein Name vielen bekannt. Doch er war nicht einfach ein orthodoxer Theologe oder einer von vielen christlichen Autoren. Er war für viele Menschen unserer Zeit ein lebendiger Zeuge der Wahrheit Christi.

   Pater Seraphim sagte, dass man zur Erkenntnis der Wahrheit keine außergewöhnlichen geistlichen Erfahrungen brauche, sondern ein liebendes, durch Leiden geläutertes und demütiges Herz. Seine Worte tragen bis heute etwas von dieser Liebe in sich — jene Sehnsucht nach Wahrheit und nach Christus, die auch andere Herzen entzünden kann.

Anmerkungen 

1) – Hl. Ignatius Bryanchaninov. Ein Beitrag zum modernen Mönchtum. Herausgegeben vom Dreifaltigkeitskloster, 1983, S. 45–48.

2) – A. Solschenizyn. Der Archipel Gulag. IMKA-Press, Bd. 2, S. 602 – 603.

3) – „Russische Wiedergeburt“, 1978, Nr. 4, S. 12–17.

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