Bischof Ignatij Brjantschaninow

Dimitrij Brjantschaninow (geb- 1807) ist aus dem Wologda Gouvernement gebürtig, wo sein Vater, ein Adliger, als Gutsbesitzer lebte. In alter Zeit nannte man dieses Waldgebiet eine Einöde, eine „russische Thebais“. Die ganze Gegend von Beloozero nach Süden hin bis Wologda war mit vielen Klöstern und Einsiedeleien übersät, die im Laufe der Zeiten schnell entstanden waren und auch zum Teil wieder bald verschwanden. Seit dem 13. Jahrhundert etwa kamen
hier in die undurchdringlichen Wälder Asketen, deren Holzhütten, die Skiten, sich in der Tiefe des Urwaldes vor der Welt verbargen. Ganze Geschlechterfolgen der Bevölkerung wuchsen auf in dem frommen Umkreis dieser Wälder des Transwolga-Gebietes. In späteren Zeiten wurden viele dieser kleinen und armen Klöster an den Ufern der Seen und Flüsse zu örtlich begrenzten Pilgerstätten. Schon von Jugend auf waren Dimitrij derartige Stätten vertraut. Das Familienleben war für ihn wenig erquicklich.“Meine Jugendjahre waren übervoll von Trübsal“ – schrieb er später. „Hier sehe ich deine Hand, mein Gott! Ich hatte niemand, dem ich mein Herz öffnen konnte. Und icb fing an, es vor meinem Gott auszugießen und begann das Evangelium und das Leben der Heiligen zu lesen.“ In jungen Jahren spürte Dimitrij bereits in sich eine Neigung zum Mönchsleben. Es war daher kein froher Tag für ihn, als er im Jahre 1822 von seinem Vater nach Petersburg in die Pionier-Militär-Schule geschickt wurde, um sich, wie seine adligen Vorfahren, im Militärdienst auszubilden. Ergeben in sein Geschick nahm er gehorsam den seinem Herzen so fernliegenden Dienst auf sich. Aber er konnte es nicht verhindern, dass sein Fleiß und seine Begabung der Schulobrigkeit auffielen, und selbst Großfürst Nikolaj Pawlowitsch dessen Lieblingswerk die Pionierschule war, wurde auf den
jungen Brjantschaninow aufmerksam, als er drei Jahre später den Thron Russlands (1825-1 855) bestieg.
Es war eine ganz besondere Art von Askese, die der demütige Brjantschaninow auf sich zu nehmen hatte. Einmal versuchte er, Abschied zu nehmen, aber der Kaiser wollte einen derart begabten Soldaten nicht verlieren, und so musste er die Militärschule beenden und wurde 1827 zum Offizier befördert.
Diese Schuljahre bedeuteten für ihn eine schwere und schmerzliche Zeit. „Es war in meiner Seele eine gewisse schreckliche Leere“ – schreibt Dimitrij – , „ein Hunger, eine unbeschreibliche Sehnsucht nach Gott zeigte sich. Ich fing an, meine Lässigkeit zu beweinen, zu beweinen die Stunden, da ich meines Gottes vergaß und dadurch den Glauben verriet; ich beweinte die süße Ruhe, die ich verloren, beweinte die Leere, die ich nun eingetauscht hatte, die mich bedrückte und in mir das Gefühl hervorrief, eine Waise zu sein oder das Leben verloren zu haben! Und wirklich – es waren Seelenqualen, die mich vom wahrhaftigen Leben,
von Gott entfernten. Ich erinnere mich noch: ich gehe durch die Straßen von Petersburg im Waffenrock des Junkers, und die Tränen rinnen mir aus den Augen . . . Mit großem Ernst zog ich den Rock des Junkers aus und legte die Uniform des Offiziers an. Schon jetzt dachte ich mit Bedauern an meinen Junkerrock: konnte man doch, wenn man in der Kirche war, mitten unter den Soldaten, in der Menge des einfachen Volkes beten und weinen, soviel die Seele
nur wollte… “
Zu jener Zeit bildete sich ein kleiner Kreis von religiösveranlagten Junkern um Dimitrij und seinen Freund Michail! (Tschichatschew), die abends nach dem Dienst und den Vorlesungen in einer dunklen Ecke des Schlafsaals lebhafte Gespräche über religiöse Fragen führten oder auch asketische Bücher lasen. „Wie oft legtest du dich ins Bett und begannst dann, den Kopf von den Kissen erhoben, ein Gebet zu sprechen, und ohne die Lage zu wechseln, betetest du
ohne Unterbrechung bis zum Morgen, bis du aufstandst, um in die Klasse zu gehen.. . “
Es war eine Fügung, dass er Ende des Jahres 1827 sehr schwer erkrankte. Nun reichte er sein Abschiedsgesuch ein und erhielt endlich die langersehnte Freiheit.

Jetzt konnte er sich ganz der Erreichul1g seines Lebenszieles widmen; er begab sich nach dem Aleksandro SwirskijKloster, wo sich gerade der Starez Leonid aufhielt. Dimitrij hatte von diesem Starez gehört und beeilte sich, ihn kennenzulernen. Sein Noviziat, das vier Jahre dauerte, verbrachte er im Kyrillo-Novojezerskij-Kloster bei dem Starez  Feofan, darauf einige Zeit in der Plotschanskaja -Einsiedelei, ging dann wieder zurück zum Starez Leonid nach Optina und schließlich in das Dionisij-Gluschizkij-Kloster inmitten der Wologda-Wälder. Überall, wo er war, nahm er die schwerste Arbeit auf sich und übte den strengsten Gehorsam,
sein Herz fühlte sich von der Enge des Waffenrocks befreit, aber er dachte immer nur an die Mönchskutte, die zum wirklichen „engen Weg“ führte. Im Jahre 1831 wurde Dimitri; geschoren und eingekleidet und erhielt den Namen Ignatij, einen Monat später wurde er zum Hieromonach geweiht und bekam das kleine alte Pelschemskij-Kloster in Verwaltung, das ebenfalls im Wologda-Gebiet lag. Es schien, dass er nun am Ziel seiner Wünsche war. Aber das
Schicksal hatte anderes mit ihm vor. Gerade zu dieser Zeit besuchte Kaiser Nikolaj die Pionier-Schule und fragte den Direktor, ob er wisse, wo Brjantschaninow sei. Der Direktor
konnte dem Kaiser nur melden, daß Brjantschaninow, wie er gehört hatte, irgendwo sich zum Mönch einkleiden lasse. Als dann der Zar den Metropoliten von Petersburg sah, fragte er wieder:
„Wo ist Briantschaninow?“
Der Metropolit antwortete, dass Brjantschaninow schon geweihter Mönch sei und ein kleines Kloster in der Diözese Wologda verwalte.
„Schickt ihn nach Petersburg“, befahl Zar Nikolaj Pawlowitsch barsch.
So musste Ignatij seine Einsamkeit verlassen und nach der Hauptstadt zurückkehren, die er ein paar Jahre zuvor mit solcher Freude verlassen hatte.
Der Zar Nikolaj Pawlowitsch hatte so seine besonderen Anschauungen und meinte, ein guter Pionier-Offizier könne auch kein schlechter Mönch sein. Er befahl also, den jungen sechsundzwanzigjährigen Hieromonachen gleich zum Archimandriten zu „befördern“ und ihm ein Kloster „nicht weit von der Hauptstadt zur Verwaltung zu übergeben“. So bekam der Archimandrit Ignatij im Jahre 183 1 die Sergiewskaja-Einsiedelei, die sich in einem armseligen Zustand befand. Der Zar befahl, die Einsiedelei auf seine eigenen Kosten wiederherzustellen, und später, im Laufe der vierundzwanzigjährigen Verwaltung Ignatijs, besuchte der Zar viele Male die Einsiedelei – die darum bei der Petersburger Gesellschaft sehr beliebt war -, um den Segen seines früheren Offiziers zu empfangen.
Die Nähe der großen Stadt und die vielen Besuche von dort hinderten jedoch Ignatij nicht, seine Einsiedelei in strenger Ordnung zu führen. Seine Vertrautheit mit den Starzen gab ihm die Möglichkeit, das asketische Leben immer genauer kennenzulernen. Schon bald sehen wir bei Ignatij die besonderen Züge des Starzentums sich entwikkeln.
In regem Briefwechsel lenkt er viele Menschen ganz auf seine strenge Weise. Ende 1857 wurde er Bischof von Stawropol und Kaukasus. Aber nur drei Jahre bekleidete er diesen hohen Rang. Im Jahre 1861  legte er sein Bischofsamt nieder und übersiedelte nach dem Nikolo-Babaew-Kloster im Gouvernement Kostroma.
Sechs Jahre dauerte der letzte Abschnitt seines Lebens, das er seit der Militärschule in strengem Gehorsam und in Fasten, in Demut und im Gebet verbracht hatte.
ln diesen Jahren schrieb er seine bedeutenden „Asketischen Versuche“, die aufschlussreichste Lebensgeschichte eines russischen Asketen und religiösen Denkers, der in der tiefen Überzeugung lebte, dass jeden gläubigen Menschen in dem Grade, wie er glaubt, die Hand des Herrn führe.

Drei Brife.

Brief an einen Mönch. der in Trübsal litt.

Brief an eine Novizin die in ein anderes Kloster übergehen wollte.

An einen Mönch, seinen geistigen Sohn.

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