Jesusgebet

Ein Erläuterungs- und Verteidigungsschreiben des Starez Paisij.
Ich, Staub und Asche, niedergesunken im Geiste auf die Knie meines Herzens vor der unzugänglichen Herrlichkeit deiner göttlichen Glorie, bitte dich, o allersüßester Jesus, Eingeborener Sohn und Wort Gottes, Glanz der Ehre und Gestalt der Hypostase des Vaters, der du den Blindgeborenen sehend gemacht hast, erhelle meinen verdunkelten Geist, und die getrübten Gedanken kläre auf und schenke meiner verworfenen Seele deine Gnade. Möge dieses mein Werk zur Ehre deines allheiligen Namens werden und denen von Nutzen sein, die durch ihre geistige und heilige Gebetshandlung sich mit dir, unserem Gott, verbinden, und dich, du unschätzbare Perle, immerzu in ihrem Herzen tragen; und möge es auch die zur Umkehr bringen, die in ihrer ganzen Sittenlosigkeit diese göttliche Handlung zu verleumden wagen.
Welche rechtlichen Gründe habt ihr, dieses Gebet zu lästern? Findet ihr es etwa unnütz, den Namen Jesus anzurufen? Oder verdient das Herz eine Kränkung – das Herz, auf dem, wie auf einem Opfertisch, der Geist vor Gott zelebriert und das Mysterium seines Gebetsopfers darbringt?
Der Geist und das Herz sind aber Schöpfungen Gottes und, wie auch der ganze menschliche Leib, an sich gut. Was für eine Schlechtigkeit ist das nun, wenn ein Mensch aus der Tiefe seines Herzens mit dem Geist zu dem allersüßesten Jesus ein Gebet empor schickt und von ihm sich die Gnade erbittet? Oder vielleicht schmäht und leugnet ihr das Geistige Gebet, weil ihr meint, Gott werde das heimlich im Herzen verrichtete Gebet nicht hören, sondern nur das, welches der Mund ausspricht?
Das ist jedoch eine Lästerung Gottes.
Ich frage euch aber noch: Lästert ihr das Gebet aus dem Grunde, weil es euch vielleicht vorgekommen sein mag, dass ihr selbst saht oder hörtet von jemand, der, als er dies tat, entweder Schaden nahm an seinem Geist oder etwa einen Trug für die Wahrheit hielt oder dem irgendein seelischer Nachteil daraus erwuchs, und ihr überlegtet, daß die Ursache von dem allem das Geistige Gebet war?
Dem ist nun nicht so. Das heilige Geistige Gebet, das durch die Gnade Gottes wirkt, reinigt den Menschen von allen Leidenschaften, hält ihn zur inbrünstigen Befolgung der göttlichen Gebote an und bewahrt ihn unversehrt vor allen Pfeilen und Versuchungen des Verführers. Wenn aber jemand betet aus Eigenwille, nicht laut, wie es die heiligen Väter lehren, und ohne den Rat der Erfahrenen einzuholen, der wird wahrhaftig – auch ich bestätige das – in die Netze und Fallstricke des Teufels geraten. Wie nun? Ist hierbei wirklich das Gebet die Ursache des Truges? Das sei ferne! Der Eigensinn und Hochmut der eigenmächtig Handelnden sind schuld daran, wenn sie den teuflischen Lockungen verfallen und den Wahnbildern ihrer Seele unterliegen. Das göttliche Geistige Gebet hat seine unerschütterliche Grundlage in den Worten unseres Herrn Jesus Christus: „Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen, und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich“ (vgl. Mt 6,6). Diese Worte des Herrn bezieht der heilige Johannes Chrysostomos, der Mund Christi, das Weltgestirn, der ökumenische Lehrer, in seiner ihm vom Heiligen Geist erteilten Weisheit nicht auf ein Gebet, das mit dem Mund und mit der Zunge ausgesprochen wird, sondern auf eines, das aus den Tiefen des Herzens aufsteigt.
Der heilige Basilius der Große, der Feuerpfeiler und Feuermund des Heiligen Geistes, sagt, daß der Mensch in seinem tiefsten Innern einen geistigen Mund habe, durch den er zum Genießer des göttlichen Wortes werde. Und der heilige Gregor der Theologe spricht über das Geistige Gebet: „Halte immerzu den Geist als einen Tempel Gottes, auf daß du innen in deinem Herzen das unstoffliche Verweilen des Königs habest.“
Man muss wissen, dass es nach den Schriften der heiligen Väter zwei Geistige Gebete gibt: das eine für die Anfänger, das dem Tun („Praxis“) gleichzusetzen ist, und das andere für die Vollkommeneren, das dem Schauen („Theoria“) ent¬spricht. Das erste ist der Anfang, das zweite das Ende, denn das Tun ist ein Aufsteigen zum Schauen. Darin liegt nun das ganze asketische Streiten, wenn jemand mit Gottes Hilfe streitet: für die Liebe zu Gott und zu seinem Nächsten; für Sanftmut, Geduld und Demut und für alle anderen Gebote Gottes und der Väter; für den vollkommenen Gehorsam der Seele und des Leibes; für Fasten, Wachen, Zerknirschung, Kniefall und die übrigen Ermüdungen des Leibes,- für die ernstliche Einhaltung der Gottesdienst- und Zellengebetsregel; für die geheime geistige Übung des Gebets,- für Weinen und das Nachdenken über den Tod  dies alles ist ein Streiten, solange noch der menschliche Verstand durch Eigenmächtigkeit und Eigenwille geleitet wird, und heißt, wie bekannt ist, das Tun („Praxis“). Ein Schauen ist dies noch keinesfalls.
Wenn nun der Mensch, mit Gottes Hilfe, durch das ebenerwähnte Streiten, besonders aber in tiefster Demut, seine Seele und sein Herz von Seelenunzucht und leiblichen Lüsten gereinigt hat, dann nimmt die Gnade Gottes, unser aller gemeinsame Mutter, den von ihr geläuterten Verstand wie ein Kind an der Hand, führt ihn von Stufe zu Stufe empor und offenbart ihm, dem Grad seiner Reinheit gemäß, die unaussprechlichen und unbegreiflichen Gottesgeheimnisse – und das nennt man richtig nun das wahre geistige Schauen („Theoria“).
Dies ist schauendes Beten – oder das „reine Gebet“, wie der heilige Isaak der Syrer von ihm sagt – ehrfürchtiges Gottschauen. In dieses Schauen vermag niemand aus eigener Macht und eigenem Willen einzugehen, wenn Gott ihn nicht aufsucht und ihn durch seine Gnade führt. So aber jemand sich erkühnte, zu solchem Schauen ohne das Licht der göttlichen Gnade emporsteigen zu wollen, der möge wissen, spricht der heilige Gregor der Sinait, dass es nicht Schauungen, sondern Wahnvorstellungen sind, die ihm der Irrbildgeist des Erzlügners vortäuscht.
Man muss wissen, dass Gregor der Sinait acht Arten des Schauens unterscheidet. Er sagt: „Wir zählen acht grundlegende Arten des Schauens: erstens – Gott, also die unsichtbare, anfanglose und ungeschaffene Ursache aller Dinge, Einheit der Dreieinigkeit und überwesentliche Gottheit; zweitens – Ordnung und Stufenfolge der geistigen Mächte; drittens – Aufbau der Schöpfung; viertens – das sichtbare Herabsteigen des Wortes,- fünftens – die Auferstehung des Weltalls; sechstens – das zweite und Furcht erweckende Herabsteigen Christi; siebentens – die ewigen Qualen; achtens – das Himmelreich in seiner Unendlichkeit.“
Es möge auch bekannt sein, dass dieses göttliche Tun des heiligen Geistigen Gebets die beständige Handlung unserer alten gotterfüllten Väter war und wie eine Sonne leuchtete bei den Mönchen, die überall in den Einöden und Klöstern lebten: auf dem Sinai, im ägyptischen Skit, auf dem Berg Nitria, in Jerusalem und den umliegenden Klöstern – mit einem Wort: im ganzen Morgenland; und weiter in Konstantinopel, auf dem heiligen Berge Athos, auf vielen Inseln und in der letzten Zeit, durch die Gnade Christi, auch in Großrußland. Viele unserer gotterfüllten Väter, glühend vom seraphischen Feuer der Liebe zu Gott und zum Nächsten, wurden gewürdigt, durch diese geistige Sammlung die strengsten Hüter der göttlichen Gebote und die auserwählten Gefäße des Heiligen Geistes zu werden, nachdem sie Herz und Seele von allen Fehlern des alttestamentlichen Menschen gereinigt hatten. Viele von ihnen, die von geheimer göttlicher Begeisterung entflammt und von der Weisheit des Heiligen Geistes erfüllt wurden, schrieben über dieses Geistige Gebet in Übereinstimmung mit den Heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments. Und sie taten also nach der besonderen Vorsehung Gottes, auf daß in künftigen Zeiten dieses göttliche Tun nicht in Vergessenheit gerate. Niemand aus den Reihen der Rechtgläubigen hat sich jemals erkühnt, dieses Tun, diese Bewahrung des Paradieses des Herzens zu schmähen, vielmehr begegneten ihm alle mit großer Achtung und höchster Ehrfurcht, wie einem Ding, das einen großen geistigen Gewinn in sich schließt.
Aber der Satan, der Anstifter aller Bosheit und der Feind jeglicher guten Tat, sah, wie der Mönchsstand durch dieses geistige Tun in unentwegter Liebe zu den Füßen Christi verweilte und in der Befolgung seiner göttlichen Gebote immer weiter voranschritt. Da wandte er alle seine Ränke an, um dieses seelenrettende Tun herabzusetzen und zu verleumden und, wenn es ihm gelinge, auf der ganzen Erde vollständig zu vertilgen. Er, der Erzlügner, suchte auf den Fluren Italiens die kalabrische Schlange, den Ketzer Barlaam auf, und indem er sich mit seiner ganzen Gewalt in ihn einnistete, flüsterte er ihm ein, unsern orthodoxen Glauben zu verlästern. Ähnlich wie unser Herr Jesus Christus selber seit den Anfängen des orthodoxen Glaubens bis auf den heutigen Tag für die Ungläubigen ein Stein des Anstoßes und für die Gläubigen die Rettung der Seele ist, so auch das Jesusgebet: wenngleich es für einige Ungläubige und Zweifler ein Stein des Anstoßes wurde und ein Grund der Verführung, so wagte doch bis auf die Tage dieses Ketzers niemand öffentlich, sei es in Worten oder in Schriften, das geistige Tun dieses Gebets und die, welche es ausführten, zu verleumden.
Barlaam war der erste, der als ein Verleumder auftrat. Wie eine Schlange, die aus der Hölle auskriecht, kam er aus dem italischen Land Kalabrien nach Griechenland und nahm seinen Aufenthalt zunächst in Thessaloniki, unweit vom heiligen Berge Athos. Dort vernahm er von den hagioritischen Mönchen und von dem heiligen Gebet, das sie darbringen. Und im Hochmut seiner philosophischen Weisheit und Sterndeuterei begann er nun, das tödliche Gift der Verleumdung auszuspritzen, zuerst auf die Mönche und auf das Gebet selbst, später sogar auf die ganze Kirche Gottes und ihre Lehre. Das Licht der Gottheit Christi, unerschaffen und von ewigem Dasein, nannte er erschaffen – das Licht, das auf dem Berge Tabor von seiner allerreinsten Gestalt auf die heiligen Schüler und Apostel hernieder glänzte!
Dieser Ketzer samt seinem Schüler Akindin, gleichwie alle übrigen Anhänger, hielten noch vieles andere für kreatürlich und erschaffen, das nach Wesen und Natur aus dem gleichen Wesen und Natur der Heiligen Dreieinigkeit ausgeht (so wie von der Sonne ausgehen Strahlen, Licht und Glanz), nämlich: Wirken, Macht, Gnade, Licht und Glanz, Gaben und Begabung und alles übrige, das aufzuzählen nicht möglich ist. Alle orthodoxen Christen, welche bekannten, dass es in Gott nichts Erschaffenes gibt und dass alles in ihm unerschaffen und vor allen Zeiten gewesen ist, bezeichneten sie als Anhänger der Zwei- und Vielgötterei -und waren doch selber Gottlose! So kam es, dass sich die hagioritischen Väter auf dem heiligen Berge Athos zu einem Lokalkonzil versammelten und das Anathema aussprachen zunächst über die Verleumdungen des Barlaam selbst, nachdem dieser auf die wiederholten mündlichen und schriftlichen Ermahnungen nicht gehört hatte. Späterhin erweiterten die vier großen Konzilien, die in der Kirche der Weisheit Gottes (Hagia Sophia) zu Konstantinopel abgehalten wurden, den Bann auf alle Ketzer und ihre Anhänger. Auf den beiden ersten Konzilien war auch der heilige Gregor Palamas anwesend, damals noch in der Würde eines Priestermönches, auf dem dritten bereits als Erzbischof von
Thessaloniki. Das vierte Konzil fand erst nach seinem Tode statt. Auf allen diesen Versammlungen sprach die Kirche das Anathema über sämtliche Ketzer aus, die nicht Buße tun und sich von ihren Ketzereien lossagen wollten. Die Athosmönche aber erkannte sie als rein und ohne Schuld an allen Verleumdungen und Lügen an. Und so blieb das heilige Jesusgebet, das mit dem Verstand im Herzen und nicht nur mit den Lippen gesprochen wird, ungetrübt von den ketzerischen Anwürfen, leuchtend wie eine Sonne, und wurde von der ganzen heiligen Kirche als ein göttliches Tun verherrlicht.
Und nun bitte ich euch, und ich bete darum: Habt göttlichen Eifer und unerschütterlichen Glauben an die Schriften der Väter und die Lehre, die in ihnen dargelegt ist: stimmt sie doch überein mit der Heiligen Schrift, mit den Bekenntnissen der ökumenischen Kirchenlehrer und mit der heiligen Kirche, denn in ihnen allen wirkt der eine gleiche Heilige Geist. Dieser hat, wie in den ökumenischen Lehrern, so auch in den heiligen Vätern und Führern des Mönchslebens seine Wirkung kundgetan. Und ihnen offenbarte er wegen ihres gottgefälligen Wesens die Geheimnisse des Gottesreiches, also die Tiefen der Heiligen Schrift, und darum ist die in den Schriften der Väter enthaltene Lehre die wahre Belehrung für die Mönche, die sich erretten wollen. Haltet fest an dieser Lehre, lauft aber davon und bleibt fern allem Gerede, wenn die Verleumder zu euch kommen wollen. Denn weder sie noch andere können auch nur ei¬nen einzigen heiligen Zeugen für ihre schlimme Weisheit anführen, vielmehr gründen sie diese allein auf dem Sande der eigenen ausschweifenden und gottlosen Vernunft.
Ihr aber, die ihr als treue und wahre Söhne der orthodoxen Kirche Gottes der Wahrheit anhangt, baut auf dem festen Stein des Glaubens: ihr habt für die wahrhafte Befolgung der Gebote Gottes und für das heilige Jesusgebet eine Menge Zeugen – unsere heiligen und gotterfüllten Väter, welche ich hier aufzähle (…). Folgt ihrer heiligen Lehre nach, bemüht euch mit Leib und Seele um jedes gute und gottgefällige Werk nach besten Kräften und mit Hilfe der Gnade Gottes. Amen.

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