Heute feiern wir den Tag des Sieges der Orthodoxie. Von welchem Triumph soll da die Rede sein?
Wenn wir uns umschauen und tief in die uns so vertraute Orthodoxie hineinblicken, sehen wir vor allem Schlaffheit und Bedrücktheit, aber wenig, was wie ein Triumph aussieht. Tatsächlich triumphieren wir nicht so sehr über den sichtbaren Ruhm der Orthodoxie. Ihren Sieg sehen wir vielmehr in zwei Bereichen.
Einerseits darin, dass orthodoxe Menschen, ob nun über die Erde zerstreut oder in Volksgemeinden dicht beieinander, trotz Verfolgungen und unbeschreiblicher Schwierigkeiten ihren Glauben klar und rein bewahrt, ihren Gottesdienst andächtig gefeiert und den geistlichen Weg gegangen sind, der uns von Christus im Evangelium und von den Kirchenvätern im Laufe unserer Kirchengeschichte vermittelt worden ist.
Darüber können wir uns freuen! Wir empfinden Bewunderung und Ehrfurcht gegenüber den Menschen, die über zwei Jahrtausende hinweg im Glauben des reinen Bekenntnisses gestanden und eine dem Evangelium entsprechende Spiritualität gelebt haben. Sie haben uns einen kostbaren, tief verinnerlichten und erbauenden Gottesdienst weitergegeben. Allerdings wissen wir: Wie sehr ein Mensch auch gläubig sein mag und wie sehr er sich auch anstrengen mag, er wird dennoch leicht besiegt, wenn nicht der Herr Selbst ihm Kraft verleiht, wenn nicht die Gnade Gottes für ihn streitet. Letztlich ist der Sieg der Orthodoxie, über den unser Herz angesichts der künftigen Hoffnung jubelt, doch ein Sieg Gottes in der menschlichen Schwachheit über uns, in uns und mitten unter uns.
Der Sieg der Orthodoxie ist ein Tag, an dem wir uns freuen, weil Gott sich als unbesiegbar gegenüber der menschlichen Sünde, der Sünde des Geistes, der Kaltherzigkeit und Unbeständigkeit, den Willensschwankungen und den Fleischessünden erwiesen hat. Gott blieb unbesiegbar in der Kirche Christi. Er blieb unbesiegbar in einzelnen konkreten Persönlichkeiten.
Das Fest der Orthodoxie wurde hingegen aufgrund eines besonderen Vorfalls gestiftet. Es reicht zurück in die Zeit nach dem Siebten Ökumenischen Konzil, als die Orthodoxie endgültig über den Ikonoklasmus gesiegt hatte. Worum handelt es sich dabei? Die Kirche hat das Recht und die Pflicht verteidigt, den Ikonen Christi, der Gottesmutter und der vielen Heiligen Verehrung zu erweisen. Damit hat sie die Wahrheit der Inkarnation verteidigt, die besagt, dass Gott sich selbst offenbart und sichtbar darstellt, wenn auch nicht vollständig. Er zeigt sich uns in den Bildern, die wir von ihm geschaffen haben.
Solche Bilder sind nicht allein Ikonen. Es gibt auch Ikonen aus Worten. Andreas von Kreta sieht sie etwa in den Dogmen der Kirche, in den Lehrmeinungen der Väter und in der Unterweisung, die wir empfangen. Und letzten Endes offenbart sich uns Gott bildlich in den Menschen, denn jeder von uns trägt ein Abbild des lebendigen Gottes in sich.
In der Liturgie des heiligen Basilius des Großen wird Christus als das Bild der Ebenbildlichkeit bezeichnet, das uns den Vater offenbart. Er ist ein vollkommenes Bild. Er ist die Wahrheit. Er ist vollkommener Gott und vollkommener Mensch. Ja, selbst in uns ist ein Abglanz dieses Bildes geblieben.
Wenn wir heute den Triumph der Orthodoxie begehen, dann wissen wir, dass Gott sich uns in Christus durch die Menschwerdung Seines Sohnes leibhaftig offenbart hat. Es weitet Herz und Seele, wenn wir erkennen, dass unsere geschöpfliche Welt so beschaffen ist, dass die Fülle der Gottheit unter uns körperlich wohnen kann.
Dadurch lässt sich Gott bildhaft darstellen, wie wir es an den Ikonen sehen, insbesondere an den lebendigen Gnadenbildern, den Menschen. Sobald wir ihre menschlichen Schwächen beiseiteschieben, die unseren Gesichtskreis verdunkeln wollen, können wir das bleibende Bild Gottes in ihnen erkennen. Mit sehenden Augen können wir durch die menschliche Schwäche hindurch das bleibende Bild Gottes erkennen und somit den lebendigen Gott in den Menschen verehren.
Nicht ohne Grund haben die Kirchenväter gelehrt: „Wer seinen Bruder sieht, der sieht Gott.”
Lasst uns deshalb mit Andacht in einem ehrfürchtigen Verhältnis zueinander stehen, denn wir sind Erscheinung, Bild, Ikone. Lasst uns andächtig unseren Glauben an das Dogma der Verehrung heiliger Ikonen bewahren, welches unmittelbar bekundet, dass Gott Mensch wurde.
Lasst uns frohlocken darüber, dass Gott in uns über unsere Schwachheit siegt und triumphiert, von Generation zu Generation. Wir wollen uns ganz und gar Gott hingeben, damit dieser Sieg vollkommen sei.
Er soll bis zum Ende siegen, nicht nur in den vergangenen Jahrhunderten, sondern auch heute und in uns. Möge der Widerschein seiner Herrlichkeit über der Welt aufgehen, die in Schmerzen und Heimsuchung liegt. Amin.
Metropolit Anthony von Sourozh (mit bürgerlichem Namen Andrej Borisowitsch Blum oder Blüm) (1914–2003) – bedeutender „orthodoxer” Modernist, populärer Prediger. Aktiver Teilnehmer der ökumenischen Bewegung.