Der heilige Serafim von Sarow

     Zu Ende des 18. Jahrhunderts ließ sich in den undurch-dringlichen Urwäldern, die die Sarow-Einsiedelei umgaben, in einer kleinen Hütte ein Einsiedler nieder. Er war etwa vierzig Jahre alt und von hohem, kräftigem Wuchs. Obwohl er zuvor lange Jahre hindurch in strenger Askese gelebt hatte, war sein Gesicht voll und frisch. Schöne, blaue, tiefblickende Augen lagen unter dichten Brauen. Lange, hellblonde Haare fielen ihm bis auf die Schultern herab, und ein großer, breiter Bart rahmte sein Gesicht ein. Die ganze Erscheinung war die einer innerlich wie äußerlich kraftvoller Persönlichkeit. Die Hütte lag tief im dichten Tannenwald, nahe bei einem Hügel, am Ufer des kleinen Flusses Sarowka. Sie war aus einfachen, festen Stämmen zusammengefügt und bestand nur aus einem einzigen Raum, der sein Licht durch zwei kleine Fensterluken bekam und nichts weiter enthielt als einen Ofen. Mehr als zwei Stunden brauchte der Einsiedler, um auf schmalem Pfade, der sich durch das Tannendickicht hindurch Wand, das Kloster zu erreichen. Im Winter, wenn die Stürme über die Wälder hin brausten und der Schnee sich hoch auftürmte, war jeder Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten. Dann breitete sich rings um die Hütte endloses, weißes Schweigen… Langsam und stetig reifte in dem Einsiedler die Kraft, die ihn in der christlichen Askese von Stufe zu Stufe immer höher aufwärts führte. Wie ein zweiter Symeon der Stylit verbrachte er drei Jahre, über tausend Tage und Nächte, im Gebet kniend auf einem großen Stein. Die Hände zum Himmel emporgehoben, sprach er mit Herz und Mund immerzu: „Herr, sei mir Sünder gnädig!”
Es war der Hieromonach Vater Serafim, der neue Gottesstreiter, „der mit den Engeln Zwiesprache hielt”, „die Kraft der Kirche und Freude der Gläubigen”, wie ihn die Kirche preist. Und bis heute bleibt Serafim die vollkommenste Gestalt in der Reihe der russischen Heiligen und die schönste Perle im reichgeschmückten Gewand der Ostkirche.

Das Leben des Hl.Serafim von Sarow

Der heilige Vater Serafim ist am 19. Juli 1759 in der Stadt Kursk geboren. Sein weltlicher Name war Prochor. Von seinen Kinder jähren an stand er unter dem Schutze der göttlichen Vorsehung. Im Alter von sieben Jahren stürzte er von einem hohen Kirchturm herab, blieb aber heil und unverletzt. Drei Jahre später wurde er von einer schweren Krankheit befallen. In dieser Zeit erschien dem Knaben die Mutter Gottes im Traum und versprach ihm Genesung. Er liebte es nicht, wie andere Knaben seines Alters, sich an Spielen zu beteiligen, blieb vielmehr für sich allein und las eifrig in der Heiligen Schrift und in den Heiligenleben. Besonders zog ihn der Gottesdienst an. Da er aus einer Kaufmannsfamilie stammte, sollte auch er diesen Beruf ausüben, aber er wehrte sich heftig dagegen. Später, als er schon Starez war, führte er oft in seinen Gesprächen Beispiele aus dem kaufmännischen Leben an, um seinen Schülern schwierige Stellen verständlicher zu machen. Das ist auf die Eindrücke aus dieser ersten kurzen Berufszeit zurückzuführen. Im tiefsten Innern verlangte ihn nach ganz andern Welten. Mit achtzehn Jahren verließ Prochor seine Mutter und begab sich auf die Pilgerschaft nach Kiew, wo alljährlich Tausende von Gläubigen die berühmten Höhlenklöster aufsuchten. Hier lebte in einer engen Höhle der Starez Dosifej, der die Sehergabe besaß. Auf den Knien bat ihn Prochor um den Segen für sein Mönchtum.
„Geh, mein Gotteskind” – sagte der Starez -, „in die Sarow-Einsiedelei und bleibe daselbst. Dieser Ort wird dir zur Rettung werden. Dort wirst du mit Gottes Hilfe deine irdische Wanderung beenden. Bemühe dich nur, das immer währende Gedenken Gottes zu erlangen, indem du unaufhörlich das Gebet wiederholst: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich Sünder!’ Halte fest an dieser Übung und sei wachsam: im Gehen und im Sitzen, beim Arbeiten und in der Kirche, auf jeder Stelle halte diesen Gedanken lebendig auf deinen Lippen und in deinem Herzen. In diesem Gebet findest du Ruhe, hier erwirbst du dir die Reinheit von Körper und Seele. Und der Heilige Geist, die Quelle alles Heils, wird auf dir ruhen und dein Leben in Heiligkeit bewahren!”
Nachdem der junge Prochor noch einmal vor den Gebeinen der Heiligen im Höhlenkloster zu Kiew gebetet hatte, begab er sich alsbald nach Sarow, um der Welt das „wunderbare Wunder” eines christlichen Lebens vorzuführen. In der noch jungen Sarow-Einsiedelei lebten die Mönche in strenger asketischer Zucht. Hier wirkten, wie bereits gesagt, der „einfältige” Starez Nazarij, der Starez Iosif und noch andere.
Als die ersten acht fahre vorüber waren, in denen Prochor in unterwürfigem Gehorsam unter der Führung des Starez Iosif heranreifte, wurde er in den Mönchsstand eingekleidet und bald danach zum Hierodiakon geweiht. Der Abt Pachomij, der um seinen flammenden („seraphischen”) Glauben wusste, gab ihm bei der Mönchsweihe den Namen Serafim. Aber noch kurz vor der Weihe erkrankte Serafim schwer an der Wassersucht und lag in hoffnungslosem Zustand danieder. Der Abt wollte nach einem Arzt schicken, aber der Kranke wehrte ihm und sagte: „Ich habe mich dem wahren Arzt der Seele und des Fleisches übergeben, dem Herrn und seiner Allerheiligsten Mutter. Wenn es Euch beliebt, so heilt mich Armen im Namen des Herrn mit der himmlischen Heilung.” Dann beichtete er und nahm das heilige Abendmahl. Viele Jahre später, kurz vor seinem Tode, erzählte Serafim einmal einem Mönch, dass er nach diesem Abendmahl eine Vision hatte: Die Allerheiligste Jungfrau Maria erschien ihm in einem überirdischen Licht; links und rechts neben ihr standen die Apostel Johannes und Petrus. Die Gottesmutter wendete sich zum Apostel Johannes und sagte: „Dieser ist aus unserm Stamm.” Darauf legte sie ihre rechte Hand auf den Kopf des Leidenden, und alsbald begann das Wasser, das seinen Leib füllte, durch eine Wunde in seiner rechten Seite abzufließen. Die Narbe dieser Wunde aber blieb für sein ganzes Leben als sichtbares Zeichen an seinem Leib.
Nach seiner Genesung versank Serafim lange Nächte hin-durch in tiefes Beten zur Mutter Gottes, die der Starez ganz besonders verehrte.
Als Hierodiakon verrichtete er fast täglich die Liturgie. Die übrige Zeit verbrachte er stehend in seiner Zelle mit dem Lesen der Heiligen Schrift und der Kirchenväter.
Zu dieser Zeit hatte er abermals eine Vision. Es war in der Karwoche, am Gründonnerstag bei der Frühliturgie. Wie immer zelebrierte der Abt Pachomij gemeinsam mit Serafim. In seiner Eigenschaft als Diakon trat Serafim vor das Königstor und rief aus: „Herr, errette die Frommen und erhöre uns!” Dabei sollte er, nach der Gottesdienstregel, auf die Anwesenden mit dem Orarion hinzeigen. Aber Serafim konnte seine Hand nicht mehr heben, der Ausdruck seines Gesichtes veränderte sich, er blieb stehen und brachte kein Wort über die Lippen. Alle verstanden, dass er eine Vision hatte. Zwei andere Hierodiakone nahmen ihn und führten ihn in den Altarraum.
Drei Stunden vermochte Serafim keinen Laut hervorzubringen. Als ihm die Sprache wiederkam, berichtete er demütig dem Abt: „Als ich Armer die Worte: „Herr, errette die Frommen und erhöre uns“ sprach und gerade das Orarion heben wollte, wurde ich plötzlich von einem Strahl beleuchtet, wie von einer Sonne. In diesem Licht schaute ich unsern Herrn Jesus Christus in menschlicher Gestalt, ganz in Licht und Glorie, von Engeln, Erzengeln, Cherubim und Seraphim umringt, wie von einem glänzenden Bienenschwarm. Der Herr schritt durch die Luft, von den westlichen Kirchentüren zur Empore, mit erhobenen Händen, und segnete die Priester und die Betenden. Dann ging er in seine Ikone ein, die rechts vom Königstor des Altars hängt, und verklärte sich. Ich, Staub und Erde, durfte den Herrn Jesus Christus schauen, ich bekam von ihm noch einen besonderen Segen, und mein Herz war ganz erfüllt von Süßigkeit und Liebe zu Gott!”
    Der Bischof der Diözese, Feofil, der selbst ein strenger Asket und Förderer des Mönchtums war, hatte von dem frommen Leben des jungen Mönches gehört, und den Nutzen der Kirche bedenkend, ließ er Serafim am 2. September 1793 zum Hieromonach weihen. Auch in der Gnade des Priesterstandes führte Serafim sein Asketenleben in der bisherigen Weise fort. Erst mit dem Tode des alten Abtes Pachomij entschloss er sich, das Leben im Kloster aufzugeben und sich ganz in die Einsamkeit zurückzuziehen. An einem kalten Wintertag gegen Ende des Jahres 1794 verließ Serafim die Einsiedelei und wanderte mühsam durch den hohen Schnee in den Wald nach einer kleinen Hütte. Er nahm nichts mit sich als das Evangelium und die heiligen Gefäße für die Liturgie.
Es dauerte aber nicht lange, da stellten sich Leute ein, die, teils aus Neugierde, teils aus innerer Not getrieben, seine Einsamkeit störten. Auch Frauen waren darunter, die ihn öfters mit ihren Anliegen behelligten. Für Serafim kamen diese Besuche sehr unerwünscht, denn sie lenkten ihn von seinem Ziel ab, und so betete er mit aller Kraft um den Segen Gottes, die stille Abgeschiedenheit möge ihm erhalten bleiben, und erbat sich als Zeichen, dass er dieses Segens für würdig befunden sei, die Zweige der Tannen möchten sich zu seinem Schutze herunterbiegen. Am ersten Tag des Weihnachtsfestes begab er sich in die Klosterkirche, nahm das heilige Abendmahl und machte sich nach der Vesper wieder auf den Weg zurück. Da sah er, daß sich die Tannenzweige vor seiner Hütte tief herabgebogen hatten und den Durchgang des kleinen Pfades versperrten. Nun wusste er, dass ihm der Herr den Segen für sein neu begonnenes Leben erteilte, und dankte ihm auf den Knien für den wiederholten Beweis seiner Gnade. Am nächsten Morgen, dem zweiten Weihnachtstag, an dem die orthodoxe Kirche die Allerheiligste Gottesmutter feiert und preist, kam der Vater Serafim wieder zum Gottesdienst. Als das Cherubimlied beendet war, ging er demütig zu dem zelebrierenden Abt und sagte: „Vater Abt, gib den Segen, dass zu der Hütte, in der ich lebe, keine Frauen mehr kommen können.”
Der Abt antwortete streng: „Zu welcher Stunde und mit welcher Frage kommst du zu mir, Vater Serafim!”
„Gerade jetzt gib den Segen, Väterchen”, – bat Serafim beharrlich, aber demütig.
„Wie kann ich denn vom Kloster aus beobachten, ob Frauen deine Einsiedelei betreten?”
„Sprecht den Segen, Vater Abt, und keine wird sich meiner Hütte nähern!”
Der Abt nahm die Ikone der Allerheiligsten Gottesmutter „Seliger Leib”, die Ikone des Feiertags, und segnete damit Serafim: „So gebe ich den Segen, dass keine Frau zu deinem Hügel Zugang findet, du selbst aber wache!”
Serafim küßte die heilige Ikone und empfing wiederum die göttliche Speisung.
     Nunmehr nahm sein Eremitenleben seinen eigentlichen Anfang. Der Einsiedler trug statt eines schwarzen Mönchskleides ein weißes Gewand, an den Füßen Bastschuhe und eine alte Kappe auf dem Kopf. Auf der Brust hing ihm ein von seiner Mutter gesegnetes Kreuz und auf dem Rücken ein Sack mit Steinen und dem Evangelium. Unter dem Hemd trug er auf der Brust einige Kreuze von Eisen, die wohl zusammen zwanzig Pfund wiegen mochten, und auf dem Rücken ebensolche von etwa acht Pfund, dazu um die Hüften noch einen eisernen Gürtel. Im Winter schlug er Holz im Walde für seinen Ofen, der aber bei der strengen Kälte seine Zelle nur notdürftig wärmte, im Sommer arbeitete er in dem kleinen Gemüsegarten, von dessen Ertrag er sich ernährte… „O einsames Leben! Heim der Lehren, Schule des himmlischen und göttlichen Verstehens, wo Gott alles ist, was wir lernen können. Einöde – Paradies der Süßigkeit, wo duftende Blumen der Liebe bald in feurigem Licht erglühen, bald in Schneereinheit glänzen; von euch kommt Friede und Ruhe. Tief drinnen verborgen, sind sie unbewegt von allen Winden.
     Dort steigt der Weihrauch der Abtötung nicht nur des Fleisches auf, sondern, ruhmreicher noch, des Willens selbst, und das Rauchgefäß des immerwährenden Gebets, süß glühend, brennt unaufhörlich vom Feuer göttlicher Liebe!”
Mit diesen Worten des heiligen Basilius des Großen pries Serafim seine Einsamkeit. Bei allen seinen Verrichtungen sang er die Gebete, Psalmen und Troparien, von denen er viele auswendig wusste. Und besonders liebte er die Hymnen zur Ehre der Mutter Gottes. Täglich las er einige Kapitel aus dem Evangelium und den Apostelbriefen oder in den asketischen Schriften der heiligen Väter, die das einsame Leben verherrlichen. Von grundlegender Bedeutung für seine Askese blieb aber doch das Gebet. Seine Morgen- und Abendregel waren lang und vereinigten in sich Demut, Buße vor dem Herrn und den Preis seiner Herrlichkeit. Immer las er das Bußgebet des heiligen Ephräm des Syrers, das für die Fastenwochen vorgeschrieben ist:-„Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist des Müßiggangs, des Kleinmuts, der Herrschsucht und Schwatzhaftigkeit gib mir nicht. Gib mir, deinem Knecht, hingegen den Geist der Keuschheit, Demut, Geduld und Liebe. Ja, Herr, mein König, lass mich sehen meine Sünde, und laß mich nicht richten meinen Bruder, denn du bist hochgelobt in die Ewigkeit der Ewigkeiten. Amen.”
   Während der ersten Fastenwoche nahm Serafim keinerlei Speise zu sich, nur am Sonnabend nach dem heiligen Abendmahl aß er das geweihte Brot, die Prosphora. In seiner Stylitenzeit nährte er sich zwei Jahre hindurch nur von einer Art Feldzwiebel, im Sommer frisch, im Winter getrocknet und in Wasser gekocht.
    Manchmal erzählte er anderen Starzen auch von den Versuchungen des Satans, wie er oft mitten in der Nacht, wenn er betete, sah, dass die Wände der Hütte verschwanden und wilde Tiere sich unter Brüllen auf ihn stürzten.
Ein Mönch fragte ihn einmal: „Väterchen Serafim, hast du die bösen Geister gesehen?”
„Schauerlich sind sie…” – sagte der Starez lächelnd. „Wie es dem Sünder nicht möglich ist, das Licht der Engel zu ertragen, so ist es auch furchtbar, die bösen Geister anzusehen.”
In diesen Jahren trug sich eine Begebenheit zu, mit der Gott ihm gab, die ganze Größe seiner Menschenliebe kundzutun. An einem Herbsttag des Jahres 1801 schlug Vater Serafim wie so oft Holz im Walde. Da traten drei Männer in der Kleidung von Bauern auf ihn zu und verlangten frech, er solle sein Geld herausgeben. Sie dachten nämlich, er habe solches von frommen Gläubigen genug. Die Antwort Serafims, dass er nichts besitze, machte die Männer nur böse, und einer von ihnen schlug ihm mit einer Axt mehrmals auf Kopf und Leib. Dem Starez drang das Blut aus Mund und Ohren, und er stürzte zu Boden. Obwohl er selbst ein Beil in den Händen hielt und kräftig genug war, um sich der Räuber zu wehren, wollte er ihnen doch nicht mit Gewalt Widerstand leisten. Die Männer durchsuchten seine Hütte und machten sich dann davon, ohne etwas gefunden zu haben.
Bis tief in die Nacht hinein lag der Starez bewusstlos auf der Erde. Früh am Morgen erschien er plötzlich, ganz mit Blut bedeckt, im Kloster beim Gottesdienst. Dem Verlangen des bestürzten Abtes, sich von einem Arzt behandeln zu lassen, fügte er sich aus Gehorsam. Aber vor Ermüdung und Schwäche infolge des starken Blutverlustes schlief Serafim ein, noch ehe die Ärzte kamen. Im Traum hatte er eine Erscheinung: Von der rechten Seite kam zu ihm die Mutter Gottes mit der Königskrone auf dem Haupt, links und rechts von ihr standen die Apostel Petrus und Johannes, wie damals in der ersten Vision. Die Himmelskönigin wandte sich seitwärts nach der Stelle hin, wo nachher die Ärzte standen, und sagte, auf den leidenden Serafim zeigend: „Was sorgt ihr?” Darauf sagte sie zu den Aposteln: „Dieser ist aus unserm Stamm!” – und in diesen Augenblick erwachte der Kranke. Niemand hatte bemerkt, dass er eine Vision gehabt hatte, wovon er erst viel später erzählte.
    Der Abt bat ihn, sich den Ärzten zu zeigen. Doch Serafim weigerte sich und antwortete zur Verwunderung der Anwesenden, er wolle sich in die Hände Gottes und der Allerheiligsten Mutter Gottes geben… Vier Stunden lag der Starez in tiefer Schwäche, aber mit einer stillen Freude im Herzen, dann erhob er sich, aß zur Vesper ein wenig Brot und versank darauf im Gebet. Ein paar Wochen musste er noch in der Zelle bleiben, dann hatte seine kräftige Natur sich wieder erholt, aber von den schweren Verletzungen blieb seine hohe Gestalt für immer gekrümmt, und er konnte nur noch mit Hilfe eines Stockes gehen.
Nach fünf Monaten kehrte der Starez in seine einsame Hütte zurück. Bei seinem Abschied bat er den Abt, man möge die Verbrecher nicht bestrafen, indem er auf die Worte hinwies: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht können töten. Fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.” (Mt. 10,28)
    Als ein Jahr später der Abt des Klosters starb und Serafim von den Mönchen von Sarow zu seinem Nachfolger gewählt wurde, lehnte er die Würde ab. Gleichzeitig aber nahm er eine neue asketische Übung auf sich: das Schweigen. „Am besten schmückt man sich mit Schweigen” -pflegte er zu den Besuchern zu sagen -, „denn der heilige Ambrosius von Mailand sagte, dass er wohl viele gesehen habe, die sich durch Schweigen, aber noch keinen, der sich durch seine Schwatzhaftigkeit gerettet hätte.”
Drei Jahre lebte der Starez in völligem Schweigen. Er sprach mit keinem, auch nicht mit den Mönchen, die ihm Brot brachten. Selbst sein Gesicht versuchte er zu verbergen und bedeckte es, wenn ihm jemand nahte.
„Wenn wir im Schweigen verbleiben” – erklärte er -, „kann der Feind, der Satan, dem Schweigenden nichts anhaben. Das Schweigen soll in Herz und Verstand sein. Es erzeugt in der Seele die verschiedenen Gaben des Geistes. Von Abgeschiedenheit und Schweigen kommen Rührung und Milde; diese letzte wirkt im menschlichen Herzen wie das „Wasser zu Siloa“ das stille gehet (Jes 8,6)’. Das Verbleiben in der Zelle, schweigend und übend, mit Gebet und Lesen der Heiligen Schrift Tag und Nacht macht den Menschen gottesfürchtig. Die Zelle des Mönches gleicht, wie die heiligen Väter sagen, dem Feuerofen von Babylon, worin drei Jünglinge den Sohn Gottes sahen. Das Schweigen bringt den Menschen Gott nahe und macht ihn einem irdischen Engel gleich. Du musst nur still in deiner Zelle wachsam und schweigend ausharren und mit allen Kräften zum Herrn hinstreben, und der Herr ist bereit, aus einem Menschen, der du bist, einen Engel zu bilden.”
Doch das Schweigen war nur eine Vorstufe zur hohen Askese. Am Abend des 8. Mai 1810 betrat Serafim zum ersten mal wieder das Kloster und begab sich sofort zum Abendgottesdienst; darauf ging er schweigend in seine Zelle. Am andern Morgen – es war der Tag des heiligen Nikolaus des Wundertäters – kam der Starez zur Frühliturgie, empfing nach dem Abendmahl den Segen des Abtes und kehrte in seine Zelle zurück, in der er sich einschloss.
      So begann Serafim seine neue Übung: die Klausur. Jahraus, jahrein lebte er in einer ungeheizten Zelle, die nur durch ein ewiges Licht vor der Ikone der Gottesmutter schwach erhellt war. Anfangs schlief er nur in sitzender Stellung auf einem Scheit Holz, später in einem selbstgezimmerten Sarg, der ihm ständig den Tod vor Augen halten sollte. Sein Körper war wie in der Waldhütte mit Eisen beschwert; um noch mehr zu ermüden, schleppte er das Holz in der Zelle abwechselnd von einer Seite auf die andere.
Stehend oder auf den Knien betete er still in Gedanken und im Herzen; oft las er laut die Heilige Schrift, jeden Tag einen Evangelisten, die Apostelbriefe und die Apostelgeschichte. Die Nächte verbrachte er in tiefer Abgeschiedenheit von der Welt im Geistigen Gebet, im Nüchternsein und in der Bewahrung des Herzens. Damals hatte er viele Visionen, von denen wir nur einzelne kennen. Alle Gottesdienste hielt er genau nach der vorgeschriebenen Regel selbst ab. An Sonn- und Festtagen nahm er das heilige Abendmahl, das ihm mit dem Segen des Abtes nach der Frühliturgie durch das Fensterchen in der Tür gereicht wurde. Er empfing niemand. Als der Diözesanbischof bei einer Besichtigung der Sarow-Einsiedelei an seine Zelle kam, blieb sie auch ihm verschlossen. Erst nach zehn Jahren erlaubte Serafim, dass seine Zelle betreten wurde und erteilte schweigend seinen Segen dazu. Nach weiteren fünf Jahren öffnete sich die Zelle wieder ganz. Fünfzehn und ein halb Jahre hatte die Klausur gedauert, die am 25. November 1825 endete. Jetzt begann sein Starzentum.
     Die Außenwelt kam mit ihm wieder in Berührung; von nun an empfing der Starez alle seine Besucher mit gleich großer Liebe und Aufmerksamkeit. Ob arm oder reich, Bauer oder Adliger, Mann oder Frau  wer zu ihm kam, wurde mit der gleichen Ehrerbietung aufgenommen. Beim Empfang trug Serafim einen weißen Mantel mit dem Epitrachelion und den Epimanikien zum Zeichen seiner Priesterwürde. Bei den Unterredungen und Belehrungen empfahl der Starez seinen Besuchern das regelmäßige Beten und besonders das immerwährende Gedenken Gottes und das Tun des Geistigen Gebets.
    „Darin muss deine ganze Wachsamkeit bestehen”, belehrte er, „im Gehen und Sitzen, bei der Arbeit, in der Kirche vor dem Anfang des Gottesdienstes bewahre dieses Gebet in der Seele und im Herzen. Im Anrufen des Namens Gottes findest du Ruhe, Reinigung von Seele und Leib, und der Heilige Geist, die Quelle alles Heils, wird auf dir ruhen und dich in Gottesfurcht und Reinheit erhalten.”
Und oft legte der Starez nach der Unterredung sein Epitrachelion auf den Kopf des Beichtenden, sprach das Entlassungsgebet aus, salbte ihm kreuzförmig die Stirn mit dem Öl aus dem ewigen Licht, gab ihm geweihtes Wasser zu trinken und küsste ihn zum Abschied mit den Worten des Ostergrußes: „Christus ist auferstanden, du meine Freude!”
Die letzten acht Jahre seines gesegneten Lebens, in denen der Vater Serafim als Starez wirkte, waren ein einziges großes frommes Liebeswerk.
     Bereits am frühen Vormittag, nach der Frühliturgie, bei der Serafim mit den heiligen Gaben die lebenspendenden Geistkräfte in sich aufgenommen hatte, drängten sich die Scharen der Besucher vor seiner Tür. Viele erzählten, wenn sie von ihren Gesprächen mit dem Starez berichteten, dass seine Worte in ihrer Seele einen völligen Umschwung hervorgerufen hätten, daß sie Herz und Verstand, die gewöhnlich im Streite lagen, miteinander versöhnt und ihr ganzes Leben überhaupt in ein neues Licht getaucht hätten. Zahlreiche Freunde und Anhänger aus allen Teilen des Landes, denen es nicht vergönnt war, seine Hütte zu betreten, baten schriftlich um seinen Rat, und Serafim erteilte seine Unterweisungen oftmals, ohne überhaupt die Briefe erbrochen zu haben, wie man später feststellte: denn nach seinem Tode fand man eine Menge ungeöffneter Briefe in seiner Zelle, die alle lange beantwortet waren. „Du nimmst viel zu viel Leute an, ohne einen Unterschied zu machen” – sagten etliche alte Mönche etwas missgünstig.
„Wie könnte ich es vor dem Herrn verantworten, wenn die nach Unterweisung Dürstenden ungestillt von meiner Zelle fortgehen müssten?” antwortete ihnen der Heilige.
„Einige ärgern sich aber über dich”, sagten die Neider.
„Nun, ich ärgere mich darüber nicht, dass viele Nutzen ziehen und einige wenige sich ärgern.”

     Das Wirken des Vaters Serafim während der letzten acht Jahre bis zu seinem Tode kann man schon nicht mehr nur das eines Starez nennen. Er hatte die Grenzen dieser Welt selbstlosester Liebestätigkeit, der er sein Leben geweiht hatte, längst überschritten. Er war ein Gerechter, der Hüter eines unsagbaren Geheimnisses, der eine Brücke schlug vom Irdischen zum Jenseitigen.
     Für die Gläubigen war er schon kein Mensch mehr, sondern ein Heiliger, der nur aus Liebe zu den sündigen Menschen noch im körperlichen Dasein verblieb. Und als sie sahen, daß sich der heilige Starez zur ewigen Glückseligkeit vorbereitete, empfanden sie keine Trauer darüber, sondern eine Freude über aller irdischen Freude, und ein zuversichtlicher Glaube war in ihnen, nun einen neuen Fürbitter vor dem Thron Gottes zu haben. Denn für sie bedeutete sein Tod keinen Abschluß, kein Ende, war doch die heilige Kraft, die zu seinen Lebenszeiten sich in überreichem Maße kundtat, in gleicher Weise auch jetzt noch sichtbarlich am Werk, indem sie den Bekümmerten und Kranken, die sich im Gebet hilfesuchend an den Gerechten wandten, sich in zahlreichen Wundertaten offenbarte. Mehr als ein halbes Jahrhundert hatte der Heilige zur Ehre Gottes gewirkt. Er war nun 72 Jahre alt. Seine irdischen Kräfte, die er verschwenderisch hingegeben hatte, fingen an, langsam zu erlöschen. Er selbst fühlte ein Jahr vor seinem Tode bereits ihr starkes Schwinden. Nur sein Geist erglühte noch in gleicher inbrünstiger Liebe zu Gott. Der Starez blieb von nun an öfters im Kloster, ging kaum noch nach seiner Waldhütte und hielt sich sehr zurück, da er sich durch die vielen Besuche äußerst beschwert fühlte. Nur den Kranken half er gern und heilte auch noch viele von ihnen. Mehrmals kündete er sein nahe bevorstehendes Ende an.
     „Ich bin schwach geworden; jetzt müsst ihr ohne mich leben.” Er brauchte notwendig diese kurze Zeit, die ihm noch zur Verfügung stand, um allein vor dem Angesicht Gottes zu verweilen. Die meisten Stunden verbrachte er im Gebet. Mit leuchtendem Antlitz und erhobenen Händen war er in stilles wortloses Beten versunken. Seine Augen waren in eine andere Welt gerichtet.
„Welche Freude, welches Entzücken ergreift die Seele, wenn nach der Trennung vom Leibe die Engel ihr entgegengehen und sie dem Angesicht Gottes darbringen … Wenn ich gestorben bin, kommt zu meinem kleinen Grab! Kommt nur, wenn ihr Zeit habt, und je öfters, desto besser. Alles, was euch auf der Seele lastet, wenn es euch nicht gut geht oder ihr etwas habt, das euch betrübt – kommt zu mir und bringt euren Kummer mit an mein kleines Grab. Fallt zur Erde nieder und erzählt mir alles wie einem Lebenden, und ich werde euch hören, und dann wird euer Kummer schnell verflogen und ganz vorüber sein! Für euch lebe ich noch und werde ewiglich leben”, sprach der heilige Starez.
     Am ersten Tag des Jahres 1833, einem Sonntag, wohnte er zum letztenmal der Liturgie bei. In der Zelle sang er den ganzen Tag über die Osterhymnen; dreimal ging er an den Platz, den er für sein Grab bestimmt hatte. Am nächsten Morgen, zur Zeit der Frühliturgie, fand man ihn in seiner Zelle vor der Ikone der Mutter Gottes „Rührung” auf den Knien liegend, die Arme über der Brust gekreuzt, mit leuchtendem Angesicht. Die Augen waren geschlossen, als sei er tief im Gebet versunken. .Der heilige Serafim war in das ewige Leben eingegangen.
    Mit der Kirche beten wir: „Der du von Jugend auf in Christo lebtest, o Seliger, und von dem einzigen Wunsche beseelt warst, ihm, dem Einigen, zu dienen, in Mühen und unablässigem Gebet, der du in Einsamkeiten wirktest und gerührten Herzens die Liebe Christi erworben hast, du wurdest zum geliebten Auserwählten der Mutter Gottes. Darum, so flehen wir zu dir: errette uns durch deine Gebete, heiliger Vater Serafim!

Das Betreten seiner Zelle

Es war kurz vor dem Ende seiner Klausur, dass der Starez das Betreten seiner Zelle wieder erlaubte. Eines Tages kam nach Sarow auch ein Gutsbesitzer mit Namen Michail Manturow. Bereits seit mehreren Jahren litt er an einer schweren und sehr schmerzhaften Fußlähmung, die ihm das Gehen unmöglich machte. Die Ärzte gaben ihm keine Hoffnung auf Genesung und lehnten es ab, ihn weiter zu behandeln. Auf den Rat seiner Verwandten entschloss sich Maturow, zu Vater Serafim nach Sarow zu fahren. Als er von seinem Diener in die Zelle gebracht wurde, fragte der
Starez voll Teilnahme: „Warum suchst du den armen Serafim auf?”
Manturow ließ sich zu Boden gleiten und bat unter Tränen um Heilung von seinem schweren Leiden.
„Glaubst du an Gott?” – fragte der Starez.
Der Kranke bejahte mit Nachdruck, dass er glaube.
„Du meine Freude, wenn du so glaubst, dann glaubst du doch auch, dass der Gläubige alles von Gott zu erhalten vermag. Glaube daran, dass der Herr dich heilen wird, und ich armer Serafim werde für dich beten.”
     Damit trat der Starez in einen nebenanliegenden Raum. Nach einer Weile kehrte er wieder zurück, forderte Manturow auf, seine kranken Füße zu entblößen und salbte sie mit einem Öl, das er mitgebracht hatte. „Durch die mir vom Herrn erteilte Gnade heile ich dich als ersten!” Dann zog er über die gesalbten Füße Strümpfe aus weißer, ungewaschener Leinwand und gebot Manturow, zu gehen. Dieser versuchte es, und mit Staunen und unbeschreiblicher Freude merkte er, dass er fest und sicher auf dem Boden stand und sich wieder bewegen konnte. Dankbar und überglücklich fiel er vor dem Starez nieder und wollte seine Füße küssen. Doch der hob ihn auf und sagte streng:-„Hat denn Serafim die Macht, tot oder lebendig zu machen, in die Hölle hinab zubringen oder wieder aus ihr zu führen? Was denkst du, Väterchen? Das ist allein das Werk des Herrn, der den Willen derer, die ihn fürchten, ausführt und ihr Gebet erhört. Bringe deinen Dank dem allmächtigen Herrgott und seiner Allerreinsten Mutter dar!” Die Zeit ging dahin, und Manturow wusste nicht, wie er seinen Dank darbringen sollte. Voll Furcht ging er wieder zum Starez. „Du meine Freude” – sagte Serafim zu dem Eintretenden -, „wir haben doch dem Herrn zu danken versprochen dafür, daß er uns das Leben zurückgab!”
Manturow erwiderte: „Was befehlt Ihr mir?” und wunderte sich im stillen, woher der Starez das alles wusste.
„Also, meine Freude, gib alles, was du hast, dem Herrn und nimm die freiwillige Armut auf dich!”
     Der Gutsbesitzer kam in Verwirrung, denn er hatte eine solche Weisung nicht erwartet. Da fiel ihm der Jüngling aus dem Evangelium ein, zu dem der Heiland sprach: „Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen”… Aber er dachte auch daran, daß er zu Hause eine junge Frau hatte und wovon er leben sollte, wenn er sein Gut als Geschenk dahingehe. „Lass alles und sorge dich nicht um das, woran du jetzt denkst”, – sagte der Starez. „Der Herr wird dich weder in diesem noch im zukünftigen Leben verlassen; du wirst nicht reich sein, aber das tägliche Brot wirst du haben.”
      Nach dem Segen des Heiligen verkaufte Manturow sein Gut, befreite seine Bauern und erwarb ein kleines Stück Land in der Nähe von Sarow. Das Geld für den Verkauf bewahrte er fürs erste bei sich und gab es später für das von Serafim gestiftete Jungfrauenkloster. Auch das kleine Stück fiel nach seinem Tode, wie er bestimmt hatte, an das Kloster.
     Einmal – es war am 14. September 1824 – besuchte die Fürstin Kolontschakow den heiligen Starez, um seinen Segen zu empfangen. Sie hatte aber einen Bruder, der um diese Zeit an einem Feldzug weit unten im Kaukasus teilnahm, und da sie schon seit längerer Zeit ohne jede Nachricht von ihm war, kam sie zugleich in der Absicht, den Starez über ihn zu fragen. Noch ehe sie ihr Anliegen vorbringen konnte, begegnete ihr Serafim mit den Worten: „Du darfst nicht traurig sein, in jeder Familie gibt es Trauer!” Drei Monate später erhielt die Fürstin von dem Regimentschef die Mitteilung, dass ihr Bruder in einem Gefecht gefallen sei.
Zwei Schwestern kamen nach Sarow. Während die eine ein paar kleine Geschenke mitbrachte, hatte die andere darauf vergessen. Sie bat ihre Schwester, ihr etwas davon abzugeben, und so gingen sie beide mit ihren Gaben zum Starez. Als die zweite ihm ein Fläschchen mit Öl für das ewige Licht überreichte, sagte Serafim: „Wenn du mir später wieder einmal etwas bringen willst, dann bringe mir von deinem eigenen”, und als er die Verwirrung der Frau bemerkte, fuhr er fort: „Du hast doch auf deinem Gut viele Bienenstöcke, vielleicht lässt du mir aus dem Wachs eine Kerze machen und bringst sie mir dann als Gabe!”
    Auf dem Hofe des Bauern Worotilow erkrankte die Frau schwer. Worotilow war schon öfters in Sarow gewesen, und der Vater Serafim kannte ihn als einen gläubigen Menschen. Eines Abends verschlimmerte sich der Zustand der Frau zusehends. In seiner Not machte der Mann sich auf den Weg nach Sarow und kam gegen Mitternacht zur Hütte des Starez. Zu seiner Verwunderung sah er den Vater Serafim auf der Schwelle sitzen, als ob er jemand erwarte. „Nun, du meine Freude, was kommst du zu so später Stunde zum armen Serafim?” Der Bauer erzählte ihm, dass seine Frau im Sterben liege, und bat um Hilfe für die Kranke. Der Starez erwiderte ihm aber, dass sie sterben müsse. Da brach Worotilow in Tränen aus und flehte ihn an, er möge doch seine Frau gesund machen. Serafim schloss die Augen und versank im Gebet. Nach einer Weile öffnete er sie wieder, hob den zu seinen Füßen Liegenden auf und sagte: „Sieh, du meine Freude, der Herr wird deiner Frau das Leben schenken. Geh nun in Frieden nach Hause!” Bei seiner Ankunft auf dem Hof erfuhr Worotilow, dass gerade um Mitternacht seine Frau eine plötzliche Erleichterung verspürt hatte, die eine Wendung in der Krankheit brachte, und kurze Zeit darauf war sie wieder genesen.
     Im Diweew-Jungfrauenkloster wurde am 8. September 1830 die neue Kirche, die von dem Gelde des Gutsbesitzers Manturow erbaut worden war, im Namen der Geburt der Mutter Gottes geweiht.
    „ Nach der Weihe” – erzählte der Priester dieser Kirche, Vater Wasilij Sadowskij -, „gingen wir, der Archimandrit Ioakim, der die Weihehandlung vollzogen hatte, Herr Manturow und ich zum Väterchen Serafim nach Sarow. Er war in seiner kleinen Hütte auf der Waldlichtung. Voll Freude begrüßte uns der heilige Starez und sagte dann zu dem Vater Archimandrit: „Väterchen, womit kann ich euch bewirten? Es geht doch nicht, dass ich euch nicht etwas vorsetze. Nun, ich habe für euch, weil doch heute ein so festlicher Tag ist, eine ganz besondere Labung bereit!“ Damit führte er mich zu einem Himbeerstrauch, wie ich zuvor nie einen gesehen hatte – denn noch war früher kein Strauch dieser Art auf der Lichtung gewachsen -, zeigte mir drei große und ganz reife Beeren und sagte: ,Nimm und gib sie unsern Gästen!’ Betroffen stand ich da, und ohne es fassen zu können, nahm ich die Früchte ab. Lächelnd sagte der Heilige: „Kostet doch, kostet doch nur, damit der arme Serafim sich freut, weil er euch bewirten kann… Es war doch die Himmelskönigin, die euch bewirtet hat, mein Väterchen!“
Noch niemals habe ich Himbeeren von solcher Süßigkeit und zumal im September gegessen” – schließt der Priester Sadowskij seine Erzählung.
     Zur Zeit des polnischen Aufstandes (1831) marschierte einmal eine Kompanie am Sarow-Kloster vorbei. Der Kompaniechef, der ein sehr gläubiger Mann war, ließ seine Soldaten halten, um den Segen entgegenzunehmen. Der Starez erfüllte die Bitte, und plötzlich verkündete er, dass keiner von der Mannschaft sterben werde. Die Kompanie machte den ganzen polnischen Feldzug mit, nahm auch an dem Sturm auf Warschau teil, und wirklich kehrten alle Soldaten gesund in ihre Garnison zurück.
Eine Frau erzählte folgendes: „Ich war noch ein junges Mädchen von ungefähr zwölf Jahren, als ich einmal mit meiner Mutter den Vater Serafim besuchen ging. Unterwegs begegneten wir einem armen Mann, der sehr arm und bedürftig aussah. Und in großem Mitleid gab ich ihm einen halben Rubel – alles, was ich bei mir hatte. Als wir in die Zelle eintraten, segnete mich der Starez und sagte: „Das ist gut, Exzellenz, dass du dem Armen einen halben Rubel gabst.“ Meine Mutter war damals höchst verwundert über diese Worte und ganz besonders über die Anrede, deren Bedeutung ihr erst viele Jahre später klar wurde, als ich einen General heiratete.”
     Manturows Frau war eine Deutsche aus Estland, die er dort zur Zeit seines Militärdienstes geheiratet hatte. Sie konnte nicht russisch lesen und es sehr wenig sprechen. Sie besuchte auch den Starez, den sie sehr tief verehrte. Dieser sagte ihr oft: „Mütterchen, du musst die Lebensbeschreibung der heiligen Matrona lesen und ihr nachfolgen” „Väterchen Serafim, aber ich kann doch nicht kirchenslawisch lesen!” (Die Vita war kirchenslawisch gedruckt.)
     „Du musst sie lesen, du mußt sie lesen”, wiederholte er immer wieder.

     „Merkwürdig” – erzählte später Frau Manturow -, „dass ich, eine Deutsche, die nicht russisch lesen konnte, das Buch zur Hand nahm und ganz leicht die kirchenslawische Schrift aufnahm.”
Einmal brachte man dem Starez einen Kranken in seine Zelle. Serafim wandte sich zu ihm und sagte:
„Du meine Freude, bete, und ich werde auch für dich beten, aber sieh zu, dass du still liegst und dich nicht umwendest.”
Nach einer Weile, da die Ungeduld und die Neugierde des Kranken immer stärker werden, dreht sich dieser um und sieht: der Heilige steht in der Luft! Bei dem unerwarteten Anblick stößt er einen Laut der Überraschung aus. Nachdem er sein Gebet beendet hatte, trat der Starez zu ihm.
„Nun wirst du wohl allen erzählen, dass Serafim ein Heiliger ist: betet in der Luft!… Gott behüte dich … Und du, halte Schweigen und sprich von dem, was du eben gesehen hast, zu niemand, bis zu meinem Tod; sonst kehrt dein Leiden wieder.”
Nach dem Tode Serafims erzählte der Geheilte, was er gesehen hatte.
Ebenso beobachteten drei Nonnen aus dem Diweew-Kloster, als sie an einem Tage durch den Wald gingen, wie Vater Serafim durch die Luft schritt, in geringer Höhe über eine Blumenwiese hinweg nicht weit von seiner Hütte. Das war ein Jahr vor seinem Tod.
Im September 1831 kam nach Sarow der Richter Nikolaj Motowilow. Dieser fromme Mann besaß die ganz besondere Liebe des Starez. Drei Jahre lag er schwerkrank mit gelähmten Gliedern und vielen Wunden am Körper. In seinen nachgelassenen Aufzeichnungen schreibt er:
     Am 5. September 1831 wurde ich nach Sarow gebracht. Am 7. und 8. September, dem Tag der Geburt der Mutter Gottes, würdigte mich der Starez Serafim zweimal, sich mit mir zu unterhalten, vor- und nachmittags in seiner Klosterzelle. Am 9. September wurde ich von fünf Menschen nach der Waldlichtung zur Hütte getragen. Der Starez unterhielt sich gerade mit vielen Leuten. Ich wurde unter einer großen Fichte, die heute noch steht, auf den Boden gelegt. Auf meine Bitte, mir zu helfen, sagte der Vater Serafim:- „Ich bin kein Arzt; wer sich von irgendeiner Krankheit heilen lassen will, muss sich an einen Arzt wenden.“
Ich erzählte ihm ausführlich, dass ich bei den besten Ärzten von Kazan in Behandlung gewesen sei, dann bei dem Schüler des bekannten Homöopathen Hahnemann, dass mir aber keiner habe helfen können. Und ich fühle, dass mir Sünder nur Gott helfen könne.
„Glaubet Ihr an den Herrn Jesus Christus, dass er ein Gottmensch ist und an seine Allerheiligste Mutter, dass sie eine Allerreinste Jungfrau ist?
Ich antwortete: Ja, ich glaube.’
“Und glaubet Ihr, dass der Herr, wie er früher in einem Augenblick und mit einem einzigen Wort oder durch eine Berührung alle Leiden heilte, auch heute genau so leicht und in einem Augenblick den, der seine Hilfe erbittet, heilen kann, und dass durch sein Wort und den Beistand der Mutter Gottes es uns möglich ist, auch jetzt in einem Augenblick und mit einem Wort zu heilen?”
Ich antwortete: „Ich glaube wahrhaftig aus ganzem Herzen und ganzer Seele, und wenn ich nicht glaubte, hätte ich doch nicht befohlen, mich zu Euch zu bringen.“
„Wenn ihr so glaubt, dann seid Ihr schon gesund.“
„Wie denn gesund” – sagte ich -, wenn Ihr und die Leute mich mit den Armen stützen müssen!“
„Nein, Ihr seid am ganzen Körper genesen, und Ihr seid vollkommen gesund.“
Und der Starez gebot den Leuten, die mich hielten, beiseite zu gehen, er selbst aber nahm mich bei den Schultern, hob mich vom Boden auf, stellte mich auf die Füße und sagte:
„Nun steht fest! Stellt die Füße nur fest auf den Boden … So, so, habt keine Angst, Ihr seid jetzt vollkommen gesund“, und dann sagte er: „Also, seht Ihr, wie gut Ihr schon stehen könnt!“
Ich antwortete: Ja, darum, weil Ihr mich so gut führt.’
„Nein, Ihr könnt jetzt schon ohne mich gehen, und Ihr werdet immer gehen. Die Mutter Gottes selbst hat den Herrn gebeten, und er hat Euch vollkommen geheilt. Geht doch nur!’
Und als ob ich eine ganz besondere Kraft in den Füßen fühlte, ging ich einige Schritte hin und her; aber der heilige Starez hielt mich an und sagte:
“Genug für heute! Die drei Leidensjahre haben Euch sehr geschwächt, fangt ganz langsam zu gehen an und schont Eure Gesundheit, die jetzt eine kostbare Gabe des Herrn geworden ist. Der Herr hat die Schlechtigkeiten von Euch weggenommen und Euch von Sünde gereinigt. Seht doch, welches Wunder der Herr an Euch vollbracht hat und glaubt nun alle Zeit ohne Zweifel an seine Gewogenheit.”
Nach dem Segen des Starez ging ich vorsichtig mit Hilfe eines Dieners in Gegenwart vieler Leute zu meinem Wagen zurück …
Ich habe dann später oft den heiligen Starez besucht und lange und ernste Gespräche mit ihm geführt. Der letzten Unterweisung des heiligen Vaters Serafim wurde ich im November 1831 gewürdigt, als ich das Glück hatte, ihn im gnadenvollen Zustand zu schauen und seinen Worten auf der Waldlichtung zu lauschen. Er hat mir auch noch viele Geheimnisse über das künftige Schicksal Rußlands vorausgesagt.”

Des heiligen Serafim Lehre über die Erlangung des Heiligen Geistes

Nikolaj Motowilow schreibt in seinen Aufzeichnungen: Es war an einem Donnerstag. Der Tag war trüb. Die Erde lag unter einer fußhohen Schneedecke, und ununterbrochen fielen von oben dichte Flocken, als Vater Serafim seine Unterhaltung mit mir begann. Es war mitten im Wald auf einer kleinen Lichtung, die neben seiner Hütte am Ufer des Flüßchens Sarowka liegt, am Fuße eines Hügels.
Er ließ mich auf einen von ihm soeben gefällten Baumstamm niedersitzen und kauerte sich dann selber neben mich.
„Der Herr hat mir offenbart”, begann der große Starez, „dass Ihr in Eurer Jugend eifrig zu wissen begehrtet, worin der Sinn unseres christlichen Lebens liege, und dass Ihr viele geistliche Persönlichkeiten oftmals darum befragt habt.”
Ich muss nun sagen, seit meinem zwölften Jahre beunruhigte mich dieser Gedanke ständig, und ich hatte mich wirklich an viele Geistliche mit meinen Fragen gewandt, aber ihre Antworten befriedigten mich nicht. Der Starez konnte das aber nicht wissen.
    „Niemand aber” (fuhr Vater Serafim fort) „hat Euch etwas Bestimmtes darüber mitteilen können. Man sagte nur: Gehe in die Kirche, bete zu Gott, handle nach den göttlichen Geboten, tue Gutes – das ist der Sinn unseres christlichen Lebens. Andere wieder, denen Eure Neugierde nicht gefiel, sagten unwillig: Du sollst nicht nach höheren Dingen suchen. Aber so, wie es notwendig gewesen wäre, antworteten sie nicht. Also will ich, der arme Serafim, Euch jetzt erklären, welches der wahre Sinn des christlichen Lebens ist.
     Gebet, Fasten, Wachsein und alle die andern Werke sind wohl an sich gut, doch liegt die Bedeutung unseres christlichen Lebens nicht etwa nur darin, dass wir sie ausführen, obwohl sie sicher notwendige Mittel sind. Der wahre Sinn unseres christlichen Lebens besteht in dem Erlangen des Heiligen Geistes. Merkt Euch wohl, Väterchen: nur die für Christus allein verrichteten guten Werke verschaffen uns die Gaben des Heiligen Geistes. Alles, was nicht um Christi willen getan wird, mag es auch gut sein, bringt uns keine Vergeltung im künftigen Leben ein und lässt uns auch schon im irdischen Leben der Gnade Gottes nicht teilhaftig werden. Darum sagte doch unser Herr Jesus Christus: Jeder, der nicht mit mir sammelt, vergeudet. Die guten Werke kann man nicht anders nennen als ein Sammeln. Und wenn sie auch nicht für Christus allein getan werden, so können sie doch wohl gut sein.
     Der Herr wendet alle seine göttlichen Mittel an, damit der Mensch im ewigen Leben nicht der Vergeltung für seine guten Werke verlustig gehe. Darum muss man schon hier anfangen, in wahrhafter Weise an unsern Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, zu glauben, der in die sündige Welt gekommen ist, sie zu erretten, und sich um die Gnade des Heiligen Geistes bemühen, der in unsere Herzen das Gottesreich einführt und uns den Weg weist, auf dem wir die Glückseligkeit künftigen ewigen Lebens uns erwerben können. Aber damit hat Gott die Anerkennung der nicht um Christi willen geschehenen guten Taten begrenzt. Der Schöpfer gibt uns die Mittel zu ihrer Verwirklichung. Dem Menschen aber steht es frei, die guten Werke zu tun oder nicht, und er hat kein Recht zu klagen, wenn er mit seinen wohlgefälligen Handlungen nicht die Tat der Rettung vollbringt. Doch kann ihm das niemals widerfahren, wenn das gute Werk für Christus getan ist, denn alles Gute, das allein um Christi willen geschieht, erbittet ihm nicht nur die Krone des ewigen Lebens, sondern es erfüllt den Menschen schon in diesem irdischen Leben mit der Gnade des Heiligen Geistes, und wie es heißt: ,Ohne alles Maß gibt Gott seinen Geist. Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben.'(Joh. 3, 34-35) So ist das, mein Gottesfreund. Also, im Erlangen dieses Heiligen Geistes besteht das wahre Ziel unseres christlichen Lebens, und Beten, Wachsein, Almosengeben und andere für Christus verrichteten guten Werke sind eben nur Mittel zum Erlangen des Heiligen Geistes.”
„Was heißt das, ein Erlangen?”, fragte ich den Vater Serafim, „Ich verstehe das nicht.”
     „Das Erlangen ist genauso wie ein Erwerben”, antwortete er mir. „Ihr versteht doch, was zum Beispiel Erwerben von Geld bedeutet. Ganz ähnlich ist auch das Erlangen des Heiligen Geistes. Ihr wisst auch, mein Gottesfreund, was Erwerben im weltlichen Sinne ist. Das Lebensziel der gewöhnlichen Menschen ist der Gelderwerb, bei den Adligen kommt wohl noch der Wunsch nach Ehrenzeichen oder andern Würden und Auszeichnungen für staatliche Dienste hinzu.
     Das Erlangen des Heiligen Geistes ist auch ein Kapital, aber ein gnadenvolles und ewiges, und es wird auf ähnliche Weise erworben wie das zeitliche Kapital von Geld und Würden. Das Wort Gottes, unser Herr Jesus Christus, Mensch und Gott, vergleicht unser Leben mit einem Handel und nennt das Tun unseres Lebens auf der Erde einen Kauf, indem er zu allen spricht: Kaufet, bis dass ich komme, seid sparsam mit der Zeit, da die Tage voller List sind, das heißt, nutzet die Zeit aus, um das himmlische Heil für die irdischen Werte einzutauschen. Die irdischen Werte sind die Tugenden, die um Christi willen verwirklicht sind. Sie bringen uns die Gnade des Allheiligen Geistes, ohne den keinem Rettung wird und niemals werden kann, denn ,durch den Heiligen Geist wird jede Seele erquickt und durch Reinheit erhöht und erleuchtet durch die dreifaltige Einheit im Heiligen Geheimnis. Der Heilige Geist geht in unsere Seelen ein. Und dass er, der Allerhalter, in uns eingeht, und das Verharren seiner dreifaltigen Einheit in und mit unserm Geiste wird uns zuteil nur durch das von uns in brünstig ersehnte Empfangen des Heiligen Geistes, das in unserer Seele und unserm Fleisch den Thron vorbereitet für das Einwohnen Gottes, des Allschöpfers.
      Jede Tugend also, die für Christus geübt wird, schenkt uns die Gnade des Heiligen Geistes. Aber am meisten vermag doch das Gebet, das immer in unsern Händen liegt wie ein Werkzeug zum Erlangen der Geistesgnade. Zum Beispiel, Ihr wollt in eine Kirche gehen, aber es ist keine Kirche in der Nähe, oder der Gottesdienst ist schon zu Ende; Ihr wollt einem Armen ein Almosen geben, aber es ist kein Armer zugegen, oder Ihr selber habt nichts; Ihr möchtet Euch die Keuschheit bewahren, aber Eure Natur lässt es nicht zu, und Ihr habt keine Kraft, den Versuchungen zu widerstehen; Ihr wollt irgendein anderes gutes Werk um Christi willen vollbringen, aber auch hierzu fehlen Euch die Kräfte, oder Ihr findet keine Gelegenheit, die dafür passend wäre.
     Beim Gebet ist das nicht so. Zu jeder Zeit und für jeden Menschen gibt es eine Möglichkeit: für den Reichen und für den Armen, für den Vornehmen und für den Niedrigen, für den Starken und für den Schwachen, für den Gesunden und für den Kranken, für den Frommen und für den Sünder. Gewaltig ist die Kraft des Gebets, denn stärker als alles zieht es den Heiligen Geist herab, und wie einfach ist es doch für jeden, es darzubringen. Im Gebet werden wir gewürdigt, uns mit unserm Allgütigen, unserm Heilbringenden Gott und Erlöser unterhalten zu dürfen. Aber nur so lange sollen wir beten, bis der Heilige Geist auf uns herabgekommen ist in dem Maß seiner himmlischen Gnade, wie er für uns für gut befindet; dann gebührt es sich, dass wir das Beten beenden.”
„Väterchen, wie soll man es nun mit den andern Tugenden halten, um die wir uns in Christi Namen bemühen, damit wir die Gnade des Heiligen Geistes empfangen? Ihr spracht bis jetzt nur vom Gebet.”
      „Ihr könnt Euch die Gnade des Heiligen Geistes auch mit allen andern Tugenden erwerben, die Ihr um Christi willen übt. Handelt aber mit denen, die Euch den größten Gewinn verschaffen. Sammelt Euch ein Kapital aus Gottes Gnadenüberfluß, versetzt es in seinem ewigen Leihhaus, aber nicht zu vier oder sechs Rubel auf hundert, sondern zu hundert auf einen geistigen Rubel, und noch vielmal mehr.
      Wenn Euch zum Beispiel Gebet und Wachsein mehr von der Gnade Gottes einbringt -, so betet und wachet. Gibt Euch Fasten viel vom Heiligen Geist -, so fastet. Hilft Almosen geben noch mehr -, nun, dann kommt mit Euern Gaben. Und so überlegt denn, welches wohlgefällige Tun Ihr um Christi willen auf Euch nehmen wollt.
      Sorgt also um den rechten geistigen Handel mit den Tugenden! Reicht die Gaben der Gnade des Heiligen Geistes allen Suchenden weiter, wie eine brennende Kerze, die hell leuchtend mit der Flamme ihres irdischen Feuers, ohne dabei selbst zu erlöschen, noch andere Kerzen entzündet, auf dass auch diese alle Dinge rings um sich erleuchten. Und wenn es sich so mit dem irdischen Feuer verhält, was werden wir erst über das Gnadenfeuer des Allheiligen Geistes Gottes sagen?”
     „Väterchen”, sagte ich, „Ihr sprecht von dem Erlangen der Gnade des Heiligen Geistes als dem Sinn unseres christlichen Lebens, aber wie und wo kann man die Gnade sehen? Die guten Werke sind sichtbar, aber kann denn der Heilige Geist auch sichtbar sein? Wie kann ich denn wissen, ob er mit mir ist oder nicht?”
     „Wir Menschen von heute”, antwortete der Starez, „sind fast alle innerlich in Kälte erstorben gegenüber dem heiligen Glauben an unsern Herrn Jesus Christus, und wir haben nicht mehr acht auf die Wirkung seiner göttlichen Erscheinung und auf unsere Gemeinschaft mit Gott. So ist es denn so weit gekommen, daß wir uns eigentlich, kann man schon sagen, vom wahren christlichen Leben fast ganz entfernt haben. Deshalb scheinen uns jetzt die Worte der Heiligen Schrift sonderbar, wenn der Heilige Geist durch Moses spricht: „Adam sah den Herrn, der im Paradiesgarten ging“, oder wenn wir bei dem Apostel Paulus lesen: „Wir kommen nach Achaja, und der Geist Gottes war nicht mit uns, wir wenden uns nach Mazedonien, und der Geist Gottes war mit uns.“ Und auch an andern Stellen der Heiligen Schrift ist mehrmals davon die Rede, dass Gott den Menschen erschienen ist.
Nun sagen einige: „Diese Stellen sind unverständlich. Wie ist es möglich, dass die Menschen mit ihren Augen Gott sehen konnten?’ Aber hier ist nichts Unverständliches. Die Unverständlichkeit kommt daher, dass wir uns von der ganzen Weite des urchristlichen Schauens entfernt haben und durch unsere angebliche Aufklärung in ein solches Dunkel der Unwissenheit geraten sind, dass uns heute unbegreiflich ist, was die Alten noch so klar verstanden hatten, dass für sie selbst in der einfachen Unterhaltung der Begriff der Erscheinung Gottes nichts Seltsames war.
     Gott und die Gnade des Heiligen Geistes haben die Menschen nicht im Traum oder in einem Trugbild gesehen und nicht im Wahne krankhafter Verzückung, sondern wahrhaftig und wirklich.
So sind wir also durch unsere eigene Nachlässigkeit in dem, was das Werk unserer Rettung angeht, schuld daran, dass wir viele Worte der Heiligen Schrift nicht in dem Sinne nehmen, wie wir es tun müssten. Und das alles nur darum, weil wir nicht die Gnade Gottes suchen, weil wir im Hochmut unseres Verstandes es nicht zulassen, dass sie in unsere Seele eingehe, und darum erhalten wir keine wahre Aufklärung von Gott, der sie allen Menschen ins Herz eingibt, die sehnsüchtig auf sie warten und mit ganzer Seele nach seiner Wahrheit dürsten. Als unser Herr Jesus Christus nach seiner Auferstehung geruhte, das Werk unserer Rettung zu vollenden, hauchte er den Aposteln den Atem des Lebens ein, den Adam verloren hatte, ihn also erneuernd, und brachte ihnen damit die Gnade des Allerheiligsten Geistes Gottes zurück. Am Tage der Pfingsten sandte er ihnen geheimnisvoll in einem Gewitterwind den Heiligen Geist in Feuerzungen, die sich auf einen jeden von ihnen setzten und in sie eingingen, und erfüllte die Apostel mit der feurigen Kraft seiner göttlichen Gnade, die die vereinten Seelen mit neuer Freude belebt. Und diese feuervolle Gnade des Heiligen Geistes wird allen getreuen Anhängern Christi im Sakrament der Heiligen Taufe gegeben, indem man sie, wie es die Heilige Kirche vorschreibt, den wichtigsten Stellen unseres Körpers aufprägt als eines ewigen Gefäßes der Gnade. Darum werden bei der Salbung die Worte gesprochen: „Das Siegel der Gnadengabe des Heiligen Geistes.“ Auf was nun, Väterchen, mein Gottesfreund, drücken wir Armen unser Siegel, wenn nicht auf Gefäße, die irgendwelche für uns besonders wertvollen Schätze bewahren. Was kann aber höher als alles in der Welt und was kostbarer sein als die uns in der Taufe von oben gegebenen Gaben des Heiligen Geistes. Die Gnade der Taufe ist so erhaben, so unentbehrlich, so erquickend für den Menschen, dass sie selbst einem Ketzer bis zu seinem Tode nicht genommen wird, wenn also die Frist, die dem Menschen auf der Erde nach Gottes Vorsehung gestellt wurde, abgelaufen ist und darüber befunden wird, wofür er gebraucht werden kann und was er innerhalb dieser ihm von Gott geschenkten Frist mit Hilfe der ihm von oben verliehenen Gnadenkraft vollbracht hat.
    Und wenn wir nach unserer Taufe niemals sündigen würden, könnten wir als Heilige in der Ewigkeit verbleiben – als keusche und von allen Unreinheiten des Fleisches und des Geistes befreite Gerechte Gottes. Doch hierin liegt das Unglück, daß wir wohl mit der Zeit reifer werden, nicht aber in der Gnade und Vernunft Gottes fortschreiten, wie unser Herr Jesus Christus. Im Gegenteil verlieren wir noch durch unsere mit der Zeit immer größer werdende Verderbnis die Gnade des Allheiligen Geistes Gottes und werden schließlich große Sünder. Aber wer einmal von der göttlichen Allweisheit, die doch nur unsere Rettung will, angerührt wurde, ist entschlossen, alles zu tun, um sich das ewige Heil zu gewinnen. Erwacht und wachsam geworden, folgt er dem Ruf der Allweisheit und wendet sich in aufrichtigster Reue seiner Sünden dem Vollbringen der guten Werke zu. Die Gnade des Heiligen Geistes, die in der Taufe im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes erteilt wird, ungeachtet aller menschlichen Verfehlungen, ungeachtet auch der Finsternis rings um unsere Seele -diese Gnade leuchtet trotz allem in unser Herz mit dem von Ewigkeit her göttlichen Licht der unschätzbaren Verdienste Christi. Dieses Licht Christi tilgt – bei der Bekehrung des Sünders auf dem Pfade der Buße – auch die Spuren der begangenen Missetaten vollständig aus und bekleidet den früheren Übeltäter von neuem mit dem Gewände der Unverweslichkeit, das gewebt ist aus der Gnade des Heiligen Geistes. Und eben über das Erlangen dieser Gnade als Ziel des christlichen Lebens spreche ich zu Euch, mein Gottesfreund, nun schon so lange.
      Damit Ihr aber noch klarer begreift, will ich Euch noch sagen, was unter der Gnade Gottes zu verstehen ist, wie wir sie erkennen, und wodurch besonders ihre Wirkung auf die Menschen sichtbar wird. Die Gnade des Heiligen Geistes ist ein Licht, das den Menschen erleuchtet. Gott offenbarte oftmals vor vielen Zeugen die Wirkung der Gnade des Heiligen Geistes jenen, die er durch sein Herabkommen segnete und erleuchtete. Erinnert Euch nur an Moses nach dem Erscheinen Gottes auf dem Berge Sinai. Die Menschen vermochten nicht auf ihn hinzublicken: so strahlte er in einem überirdischen Licht, das ihn umgab, und er konnte sich dem Volk nur verhüllt zeigen.
      Erinnert Euch auch an die Verklärung Christi auf dem Berge Tabor: Seine Gewänder glänzten wie Schnee, und die Jünger fielen auf ihr Angesicht. Und als Moses und Elias erschienen, da „überschattete sie”, wie es heißt, „eine Wolke”, um den Glanz des Lichtes der göttlichen Gnade zu verdecken. Auf solche Weise erscheint die Gnade des Allheiligen Geistes in unbeschreiblichem Lichte allen, denen Gott ihr Wirken offenbart.”
     Ich fragte nun den Vater Serafim: „Wie kann ich aber wissen, ob ich schon in der Gnade des Heiligen Geistes stehe?”
„Das ist ganz einfach, mein Gottesfreund”, antwortete der Starez. „Darum sagt auch der Herr: „Denen die Vernunft gegeben wird, ist alles einfach.“ Die Apostel, die sich in dieser Vernunft befanden, sahen es immer, ob der Geist Gottes auf ihnen ruhte oder nicht, und von ihm durchdrungen und seine Gegenwart in sich gewahrend, sagten sie in tiefster Gewissheit, dass ihr Tun heilig und Gott wohlgefällig sei. Das erklärt, warum sie in ihren Briefen schreiben: „Fügt euch dem Heiligen Geist in uns!“ Und nur aus diesem Grunde lassen sie ihre Briefe zum Nutzen aller Gläubigen hinausgehen, als eine ewige Wahrheit, weil die heiligen Apostel sich voll des Geistes Gottes fühlten. Seht Ihr nun, mein Gottesfreund, wie einfach das ist?”
„Aber ich verstehe noch nicht, wie ich davon überzeugt sein soll, dass ich im Heiligen Geist bin. Wie kann ich denn sein wirkliches Erscheinen erkennen?”
    Der Vater Serafim antwortete: „Ich habe Euch doch schon gesagt, mein Gottesfreund, dass das sehr einfach ist, und ich erzählte Euch ausführlich, wie die Menschen vom Heiligen Geiste erfüllt sind und wie sie sein Erscheinen in sich gewahr werden. – Was wünscht Ihr denn noch, Väterchen?”
„Ich möchte es ganz genau verstehen”, sagte ich.
Da fasste mich der Vater Serafim fest an den Schultern und sagte eindringlich: „Wir beide, Väterchen, sind jetzt im Heiligen Geiste! – Warum siehst du mich nicht an?”
Ich antwortete: „Ich kann Euch nicht anblicken, Vater, aus Euern Augen leuchten Blitze, Euer Gesicht ist heller als die Sonne geworden, und meine Augen brennen vor Schmerz!”
„Habt keine Furcht!”, sagte der Vater Serafim, „Ihr selbst seid jetzt leuchtend geworden wie ich. Nun seid Ihr selber in der Fülle des Heiligen Geistes, sonst könntet Ihr mich so nicht schauen!”
Und indem er seinen Kopf zu mir hinneigte, flüsterte mir der Starez leise ins Ohr: „Danket Gott für seine unaussprechliche Gnade! Ihr habt gesehen, dass ich mich nicht einmal bekreuzte, vielmehr nur in meinen Gedanken betete ich leise zu Gott und sprach in meinem Herzen drinnen: “Herr gib ihm Klarheit und lass ihn mit seinen Fleischesaugen die Ausgießung des Heiligen Geistes schauen, durch die du deine Knechte würdigst, wenn du geruhst, uns im Licht deiner herrlichen Glorie zu erscheinen.”
–    Und im selben Augenblick, Väterchen, hat der Herr die demütige Bitte des armen Serafim erfüllt. Wie müssen wir ihm danken für die unbeschreibliche Gabe, die er uns beiden schenkte! Seht Ihr, Väterchen, nicht immer zeigt der Herrgott selbst den großen Einsiedlern so sichtbar seine Gnade. Diese Gnade Gottes will Euer betrübtes Herz mit Freude erfüllen, wie eine liebende Mutter das ihrer Kinder.
–    Väterchen, aber warum seht Ihr mir nicht in die Augen? Schauet doch nur und fürchtet Euch nicht! Der Herr ist mit uns!”
Auf diese Worte hin blickte ich in sein Gesicht, und ein großer ehrfürchtiger Schauer überkam mich. Stellen Sie sich vor: Mitten in einer Sonne, wie im hellsten Glänze der Mittagsstrahlen, das Antlitz des mit Ihnen sprechenden Menschen. Sie gewahren die Bewegungen seiner Lippen, den wechselnden Ausdruck seiner Augen, Sie hören seine Stimme, Sie fühlen, daß jemand mit seinen Händen Ihre Schultern hält – Sie sehen aber nicht diese Hände, Sie sehen nicht sich selbst, auch nicht seine Gestalt – einzig nur den blendenden Schein, der von ihm ausgeht, sich rings um ihn verbreitet und mit seinem hellen Glanz den Schnee auf der kleinen Lichtung beleuchtet und die herabfallenden Schneeflocken, die den großen Starez und mich überschütten …
Unmöglich lässt sich der Zustand beschreiben, in dem ich mich in diesem Augenblick befand.
„Wie fühlt Ihr Euch jetzt?” hörte ich den Vater Serafim fragen.
„Ungewöhnlich gut!” antwortete ich.
„Wie denn gut? Was meint Ihr damit?”
   Ich erwiderte: „Ich fühle eine solche Stille und einen Frieden in meiner Seele, wie ich es mit keinem Wort ausdrücken kann!”
„Das, mein Gottesfreund, ist der Friede, von dem der Herr zu seinen Jüngern sprach: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“ Der Friede Gottes, der nach dem Wort des Apostels „höher ist denn alle Vernunft’. – Was fühlt Ihr noch?” fragte mich der Vater Serafim.
„Eine ungewöhnliche Süßigkeit!” antwortete ich. „Das ist Süßigkeit, von der die Heilige Schrift sagt:
„Sie werden trunken von den reichen Gütern deines Hauses; und du tränkest sie mit Wollust als mit einem Strom.” Eben diese Wollust durchdringt uns jetzt und strömt in unsern Adern als ein unsagbares Labsal. Durch diese Wollust schmelzen unsere Herzen, und wir beide werden von einer Süßigkeit erfüllt, die keine Sprache wiedergeben kann. Was fühlt Ihr noch?”
„Eine ungewöhnliche Freude in meinem ganzen Herzen!”
Der Vater Serafim fuhr fort: „Wenn der Heilige Geist auf den Menschen herabkommt und ihn mit der ganzen Fülle seiner Ausgießung segnet, dann wird die menschliche Seele von unaussprechlicher Freude erfüllt. Denn der Heilige Geist erweckt Freude in allem, was er berührt.
    Aber wie tröstlich diese Freude auch sein mag, die Ihr in Euerm Herzen jetzt fühlt, so ist sie doch gering im Vergleich zu der, von der Gott selbst durch seinen Apostel verkündet hat: dass ,kein Auge sie gesehen und kein Ohr gehört hat und sie in keines Menschen Herz gekommen ist’. Jetzt werden uns Vorahnungen dieser Freude gegeben. Ist es aber schon durch sie in unserer Seele so süß, so lieblich und heiter, was ist dann erst von der Freude zu sagen, die im Himmel denen bereitet ist, die hier unten weinen? Auch Ihr, Väterchen, habt in Euerm Leben genug geweint, und seht doch nur, mit welcher Freude Gott Euch in diesem Leben tröstet. – Fühlt Ihr noch etwas, mein Gottesfreund?”
Ich antwortete: „Eine ungewöhnliche Wärme!”
„Was für eine Wärme? Wir sind doch im Wald! Es ist jetzt Winter, unter unseren Füßen liegt Schnee, wir selbst sind beschneit, und von oben fällt Schnee!…Was kann denn hier für eine Wärme sein?”
Ich entgegnete: „Eine Wärme ähnlich wie in einer Badestube, wenn man auf die heißen Steine des Ofens Wasser gießt und der Dampf aufsteigt.”
„Und ist der Geruch auch ähnlich wie in der Badestube?” fragte er.
„Nein”, antwortete ich, „ich wüsste nichts auf der Erde, das diesem Wohlgeruch gleicht.”
Da sagte der Vater Serafim mit einem schönen Lächeln: „Väterchen, ich selbst kenne das alles genau wie Ihr, und ich fragte Euch absichtlich, nur um zu hören, ob Ihr ebenso fühlt. Es ist lauterste Wahrheit, mein Gottesfreund! Kein irdischer Wohlgeruch läßt sich an Süße mit dem vergleichen, den wir nun empfinden, da uns der Wohlgeruch des Heiligen Geistes umweht! Gebt acht, Väterchen, Ihr habt mir gesagt, daß es rings um uns so warm ist wie in einer Badestube. Seht doch einmal: der Schnee taut weder auf mir noch auf Euch, auch über uns taut er nicht. Also ist die Wärme nicht in der Luft, sondern in uns selbst. Es ist die Wärme, von der der Heilige Geist uns mit den Worten des Gebets zum Herrn rufen lässt: ,Durch die Wärme deines Heiligen Geistes erwärme mich!’ Die durch sie erwärmten Einsiedler fürchteten keine Winterkälte, weil sie mit dem Gnadengewand, das der Heilige Geist gewebt hat, wie mit einem Pelz bekleidet waren. So muss es schon sein, weil die Gnade Gottes inwendig in uns, in unserm Herzen wohnen muss. Denn der Herr sagte: “Das Reich Gottes ist inwendig in euch.” ,Unter dem Reich Gottes verstand der Herr aber die Gnade des Heiligen Geistes. Dieses Gottesreich befindet sich jetzt inwendig in Euch, und die Gnade des Heiligen Geistes erleuchtet und erwärmt uns aber auch von außen und erquickt uns, indem sie die Luft mit einem mannigfaltigen Wohlgeruch erfüllt. Sie labt unsere Herzen mit einer unaussprechlichen Freude. Unsere Lage ist keine andere als die, von der der Apostel sagt: „Das Reich Gottes ist kein Essen und Trinken, sondern Wahrheit und Friede des Heiligen Geistes.“ Oder wie der große Makarius von Ägypten schreibt: „Ich war selbst in der Fülle des Heiligen Geistes.“ In dieser Lage befinden wir uns jetzt.
     Nun, mir scheint, Ihr braucht nicht mehr danach zu fragen, wie die Menschen in der Gnade des Heiligen Geistes sind. Werdet Ihr auch immer an die heutige Offenbarung der unergründbaren Gewogenheit Gottes, die uns heimgesucht hat, denken?” „Ich weiß nicht, Väterchen”, sagte ich, „ob der Herr mich würdigen wird, mich an diese Gewogenheit Gottes immer so gut zu erinnern, wie ich es jetzt fühle.”
     „Ich glaube fest“, antwortete der Vater Serafim, „Gott wird Euch helfen, dies immer in Erinnerung zu behalten; sonst hätte sich seine Güte nicht so schnell meinem demütigen Gebet geneigt und im Augenblick den armen Serafim erhört. Und umso mehr, als es Euch nicht nur für Euch selbst gegeben wurde, sondern durch Euch zugleich für die gesamte Welt, damit Ihr Euch selbst im göttlichen Tun festigt und andern nützlich sein könnt.
    Was aber das betrifft, dass ich Mönch bin und Ihr ein Laie seid, so hat das nichts zu sagen. Vor Gott gilt nur allein der rechte Glaube an ihn und seinen eingeborenen Sohn. Dafür wird die Gnade des Heiligen Geistes von oben in reichem Maße gegeben. Der Herr sucht das Herz, das übervoll ist von der Liebe zu Gott und dem Nächsten. Dies ist der Thron, wo er zu thronen beliebt und sich in der Fülle seiner himmlischen Glorie offenbart. Mein Sohn, gib mir dein Herz, sagte er, und ich will dir alles andere zufallen lassen -denn im Herzen des Menschen liegt das Reich Gottes.
    Der Herr erhört den Mönch und den Laien, den einfachen Christen, gleichermaßen, wenn beide nur rechtgläubig sind und Gott aus der Tiefe ihrer Seele lieben. Wenn sie den Glauben an Gott haben, und sei er auch klein wie ein Senfkorn, dann werden alle beide Berge versetzen. Wie es heißt:
Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Ihr werdet also alles bekommen, sei es nun zum Ruhme Gottes oder zum Nutzen des Nächsten; denn Gott bezieht auf sich auch den Nutzen des Nächsten. Habt doch keinen Zweifel daran, dass Gott, der Herr, Eure Gebete erfüllen wird. Und wenn Ihr etwas braucht, und sei es sogar für Eure eigene Notdurft, oder für Euern Nutzen oder Gewinn – Gott wird es Euch schnell herabschicken, wenn es nur äußerste Not und Notwendigkeit ist.
Denn Gott liebt, die ihn lieben; in allem ist der Herr gütig, und den Willen derer, die ihn fürchten, wird er erfüllen und ihr Gebet erhören.”
     Im Leben und Wirken des heiligen Serafim von Sarow steht an hervorragender Stelle seine Betreuung der Diweew-Jung-frauen-Gemeinde, die später in ein Kloster umgewandelt wurde.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts stiftete eine fromme Frau in dem kleinen Ort Diweewo, einige Kilometer abseits der Sarow-Einsiedelei, eine Jungfrauen-Gemeinde. Der Abt von Sarow, Pachomij, war zugleich der Beichtvater der Schwestern. Kurz ehe er starb, sagte er einmal zu der Vorsteherin der Gemeinde: „Nach meinem Tode wird der Vater Serafim euch behüten und führen.”
Es kam so, wie der Abt vorausgesagt hatte. Der Starez, der nach Beendigung der Klausur sich wieder in seiner Waldhütte niederließ, sorgte in jeder Weise für die Diweewschen Schwestern. Im Jahre 182,5 teilte er die Gemeinde in zwei Teile: in die Witwen und in die Jungfrauen, die er seine „Serafimischen Waisen” nannte. Mit Hilfe des Geldes von Herrn Manturow konnte dann der Starez für die Gemeinde auch eine Kirche bauen. Später, im Jahre 1861, wurde die Gemeinde als Kloster anerkannt, und zu Anfang des 20. Jahrhunderts stand das Serafimo-Diweew-Jungfrauen-Kloster in voller Blüte, hatte bis zu tausend Nonnen und Schwestern und war durch sein strenges Leben in ganz Russland bekannt. Der Vater Serafim wurde der geistige Führer der Gemeinde, das Vorbild eines Starez, der mit größter Liebe und Achtsamkeit den Nutzen der Schwestern im Auge hatte, sie zu Gehorsam und Weltentsagung erzog und besonders die Liebe zum Gottesdienst bei ihnen pflegte. Das Schwergewicht der Askese legte er in den Dienst der Mutter Gottes, der „Allerreinsten Herrscherin”. Oft sagte er zu den Schwestern: „Nicht ich habe euch gewählt, sondern die Himmelskönigin selbst hat euch gewählt und mir übergeben.”
Nikolaj Motowilow, der „Diener Serafims”, erzählt in seinen Aufzeichnungen: – Es war im Jahre 1825, am Tag des heiligen Klemens, Papstes von Rom, und des heiligen Petrus von Alexandria (am 25. November), als dem heiligen Starez, der sich nach der langjährigen Klausur wieder zu seiner Hütte auf der Wald-lichtung hingeschleppt hatte, die Mutter Gottes erschien. Die Allerreinste Jungfrau stand zwischen den Aposteln Petrus und Johannes. Sie befahl dem Vater Serafim, die Diweewo-Gemeinde zu teilen und zeigte ihm den neuen Ort für die Kirche. Kurze Zeit darauf hat ein Gutsbesitzer das dort angrenzende Stück Land dem Vater Serafim, ohne dass ihn dieser darum gebeten hatte, aus freien Stücken für wohltätige Zwecke geschenkt. Das Geld, das Herr Manturow bei sich aufbewahrte, hat der Vater Serafim für den Bau der Kirche verwendet.”
An der Stelle der Erscheinung der Mutter Gottes entstand schon damals eine Quelle, deren Wasser hundert Jahre hindurch vielen Kranken Erleichterung und Heilung von ihren Leiden brachte.
    Bei der geistigen Führung der Schwestern zeigte der heilige Serafim mehr als einmal Proben seiner Sehergaben und Heilkräfte.
Besonders bemerkenswert ist die Geschichte des „Gehorsams” der Elena Manturow. Sie war die Schwester des geheilten Gutsbesitzers, eine voll erblühte Schönheit, wie sie oft im tiefsten Winkel des Landes verborgen bleibt. Elena Manturow hatte die ganz besondere Aufmerksamkeit des Starez erweckt und war auf seine Bitte hin in das Kloster eingetreten. Im fahre 1832 erkrankte Manturow abermals; er schrieb dem heiligen Starez einen Brief, worin er ihn bat, ihm zu helfen. Der Vater Serafim verordnete ihm, er solle ein Stück frischgebackenes Roggenbrot essen, worauf er gesund wurde. Kurze Zeit darauf wurde Elena zum Starez gerufen.
„Du meine Freude, du warst mir immer gehorsam; nun will ich dir noch einen Gehorsamsdienst übertragen.”
„Ich habe Euch immer gehorcht, Väterchen, und ich bin bereit, Euch weiter zu gehorchen.”
„So, so, du meine Freude, siehst du, Mütterchen, ich weiß, dein Bruder ist sehr krank, und es ist für ihn die Zeit gekommen, daß er sterben soll, aber ich brauche ihn noch für unsere Gemeinde. Also ich gebe dir den Auftrag: stirb du, Mütterchen, an Stelle deines Bruders!”
„Segnet mich, Väterchen, fürs Sterben”, sagte sie. Dann erzählte der Starez ihr vom ewigen Leben, aber plötzlich sagte Elena: „Väterchen, ich fürchte mich vor dem Tod!”
„Du meine Freude, wir dürfen keine Angst vor dem Tod haben, für uns ist dort nur ewige Freude.”
    Als sie im Begriff war, fortzugehen, fiel sie an der Schwelle ohnmächtig nieder. Der Starez gab ihr geweihtes Wasser zu trinken, und sie kam wieder zum Bewusstsein. Als sie nach Hause zurückgekehrt war, erkrankte sie schwer. Während der Krankheit erzählte sie der Äbtissin von ihrem Gespräch mit dem Starez und seinem Auftrag. Am 28. Mai 1832 starb Elena Manturow im Alter von 34 Jahren. Eine Schwester kam zum Starez und brachte ihm weinend die Nachricht von ihrem Tode. „Warum weinst du?” – sagte der Heilige. „Man muss sich freuen! Wie wenig versteht ihr doch! Ihr weint! Wenn ihr es nur gesehen hättet! Ihre Seele flog, flog wie ein Vogel auf. Cherubim und Seraphim machten ihr Platz. Sie ist als Jungfrau gewürdigt worden, nicht weit von der Heiligen Dreieinigkeit zu sitzen. Sie ist eine treue Dienerin der Gottesmutter … Ein Hoffräulein der Himmelskönigin ist sie, Mütterchen!”
Der Priester der Diweew-Gemeinde, Wasilij Sadowskij, erzählte: – „Drei Tage nach Maria Himmelfahrt (1830) besuchte ich den heiligen Starez Serafim. Wir hatten lange über das Leben der Heiligen gesprochen, als mich der Starez plötzlich fragte: „Väterchen, hast du ein reines Tüchlein? Gib es mir doch.’ Ich reichte es ihm. Der Starez nahm aus einem Gefäß winzigen Zwieback, der ganz besonders weiß war.
    „Nun, Väterchen, die „Zarin“ hat mich besucht und hat mir diesen Zwieback für meine Gäste geschenkt. Geh nach dem Kloster und gib allen einen Zwieback.“
    Ich dachte nun, irgendeine hohe Persönlichkeit habe den Vater Serafim besucht. Aber der Starez sagte mir:
„Die Himmelskönigin, Väterchen, die Himmelskönigin selbst besuchte den armen Serafim! Welch eine Freude, Väterchen …“
„Mein getreuer Knecht”, sprach sie, “erbitte von mir, was du willst!”,… Hörst du, Väterchen, was für eine Gnade mir die Himmelskönigin offenbarte!“ Und der Gerechte strahlte voll Entzücken und fuhr fort:
„Und der arme Serafim, Väterchen, der arme Serafim hat also die Mutter Gottes gebeten! … Und er erbat, dass alle, die im Serafimo-Diweew-Kloster sind, errettet werden möchten … Und die Mutter Gottes hat dem armen Serafim diese unbeschreibliche Freude versprochen! … Dreien wurde es nicht erteilt, – „drei nur müssen untergehen“, so sprach die Mutter Gottes, – und dabei verdunkelte sich das strahlende Gesicht des Starez.”
Am Vorabend der Verkündigung der Allerreinsten Jungfrau Maria (1831) hatte der Vater Serafim in Anwesenheit einer Schwester Eupraxia aus der Diweew-Gemeinde die letzte uns bekannte Vision.
„Ich kam zum Väterchen Serafim” – steht in den Auf-zeichnungen der Nonne Eupraxia -, „am Vorabend der Verkündigung.”
„Ach, du meine Freude, ich habe schon auf dich gewartet! … Welche Gewogenheit und Gnade der Mutter Gottes ist uns an diesem Festtag bereitet! Wie bedeutungsvoll wird dieser Tag!”
„Bin ich Sündige denn würdig, Väterchen?“ – fragte ich nicht ohne Angst.
„Falls du unwürdig bist, werde ich den Herrn und seine Mutter für dich bitten, damit auch du diese Freude schauen wirst … Jetzt wollen wir beten!
Der Vater Serafim fing an, den Akathistos zu lesen: zur Ehre des Herrn Jesus Christus, der Mutter Gottes, des heiligen Nikolaus, des Johannes des Täufers und dann die Hymnen für den Schutzengel und alle Heiligen. Als er zu Ende gesungen hatte, sagte er zu mir:
„Fürchte dich nicht, die Gnade Gottes offenbart sich uns! Halte dich fest an mir! …”
Plötzlich geschah ein Geräusch, wie von einem starken Wind, ein flammendes Licht erschien, und ein Gesang war zu hören … Der Vater Serafim fiel auf die Knie und rief, die Hände emporhebend aus: – O, Urseligste, Allerreinste Mutter Gottes, du Herrscherin und Gottesgebärerin!
     Und ich sehe: Zwei Engel erscheinen, die mit Zweigen vorausgehen, hinter ihnen unsere Herrscherin selbst; dann folgen zwölf Jungfrauen und zuletzt der heilige Johannes der Täufer und der heilige Johannes der Evangelist … Vor Angst fiel ich ohnmächtig nieder und weiß nicht, was die Himmelskönigin mit dem Vater Serafim sprach und was er sie gebeten hat … Plötzlich höre ich, auf dem Boden liegend, dass die Mutter Gottes zum Vater Serafim sagt: ,Wer ist es, der da bei dir auf der Erde liegt?’ Der Vater Serafim antwortet: „Es ist jene Nonne, derentwegen ich dich, Herrscherin, bat, dass sie deiner Erscheinung beiwohnen dürfe.’ Die Allerreinste würdigte mich ganz Unwürdige, daß sie meine rechte Hand nahm … das Väterchen nahm meine linke, und sie gebot mir durch ihn, mich den Jungfrauen zu nähern und sie um ihre Namen zu fragen … Und ich gehe die Reihe entlang. Zuerst kam ich zu den Engeln und fragte sie: ,Wer seid ihr?’ Sie antworteten. „Wir sind die Engel Gottes.“ Dann wende ich mich zu dem heiligen Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten und fragte sie, und sie nannten mir ihre Namen. Darauf ging ich zu den Jungfrauen, und auch sie fragte ich nach ihren Namen. Die heiligen Jungfrauen aber waren: die heiligen Großmartyrerinnen Barbara und Katharina, die erste heilige Märtyrerin Thekla, die heilige Großmartyrerin Marina, die heilige Großmartyrerin Kaiserin Irene, die heilige Eupraxia, die heiligen Großmartyrerinnen Pelaga und Dorothea, die heilige Makrina, die heilige Märtyrerin Justina, die heilige Großmartyrerin Juliana und die heilige Märtyrerin Anisia. Als ich sie nun alle gefragt hatte, dachte ich, ich sollte nun der Himmelskönigin zu Füßen fallen und sie bitten, mir meine Sünden zu verzeihen … aber plötzlich wurde alles unsichtbar … Das Väterchen sagte mir später, daß die Erscheinung vier Stunden gedauert habe …
     ,Ach, Väterchen, vor Angst habe ich doch vergessen, die Himmelskönigin um Vergebung meiner Sünden zu bitten.’ ,Ich armer Serafim habe die Mutter Gottes für alle gebeten, alle, die mich geliebt, die mir gedient und sich um mich bemüht haben -, für jeden, der mein Kloster liebt.’ Ich fiel ihm zu Füßen nieder; milde sagte er zu mir: „Geh nun, mein Kind, in Frieden in dein Kloster.“

Aus den hintergelassenen Belehrungen des heiligen Serafim

Gott ist ein Feuer, das Herz und Leib erwärmt und entflammt. Wenn wir in unserem Herzen eine Kälte, die vom Satan herrührt, da der Satan selber die Kälte ist, verspüren, so rufen wir den Herrn. Und Er kommt und erwärmt unsere Herzen durch die vollkommene Liebe, nicht nur zu ihm, sondern zu allen unsern Nächsten. Und vor dem Angesicht der Wärme schwindet die Kälte dessen, der das Gute hassen muss, dahin.
Wo Gott ist, dort hat das Böse keinen Raum. Heilsam und seiner Seele dienlich ist dem Menschen alles, was von Gott kommt, und führt ihn zum strengen Urteil gegen sich selbst und damit zur Demut.
Gott offenbart uns Menschen seine Liebe nicht nur, wenn wir das Gute tun, sondern auch dann, wenn wir Ihn mit unsern Sünden beleidigen und erzürnen. Wie geduldig erträgt Er unsere Verfehlungen! Und wenn Er straft – wie straft Er barmherzig!
Zum ersten soll man an Gott glauben „dass Er sei und denen, die Ihn suchen, ein Vergelter sein werde” (Hebr. 11,6). Der Glaube ist der Anfang unserer Vereinigung mit Gott. Wer wahrhaft glaubt, ist ein Eckstein am Tempel Gottes, vorherbestimmt im Himmel für das Schaffen Gottes des Vaters durch die Macht Jesu Christi, nämlich durch sein Leiden am Kreuz, und erhoben durch die Hilfe der Gnade des Heiligen Geistes.
„Der Glaube ohne Werke ist tot” (Jak 2,26), die Werke des Glaubens aber sind Liebe, Friede, Geduld, Barmherzigkeit, Demut, Tragen des Kreuzes und Leben im Geist. Nur solcher Glaube wird als der rechte gewertet. Der wahre Glaube kann nicht ohne gute Werke sein; wer wahrhaft glaubt, der muss auch Gutes wirken.
     Alle, die in der sichern Hoffnung auf Gott leben, sind zu Ihm emporgehoben, und der Glanz des ewigen Lichtes durchleuchtet sie. Die wahre Hoffnung sucht nur das Reich Gottes und glaubt, daß alles, was das zeitliche Leben an irdischen Dingen braucht, ihm auch gewisslich gegeben wird. Das Herz wird keine Ruhe finden, wenn es nicht in dieser Hoffnung leben kann.
Wer die vollkommene Liebe zu Gott erlangt hat, lebt dieses irdische Leben so, als ob er nicht sei. Fremd sich fühlend vor allem Sichtbaren, erwartet er geduldig das Unsichtbare. Er verwandelt sich in der Liebe zu Gott und läßt alle Dinge, die ihm anhängen, weit hinter sich.
     Wer sich liebt, kann Gott nicht lieben. Und wer sich selbst nicht liebt aus Liebe zu Gott, der allein liebt Gott. Wer in Wahrheit Gott liebt, betrachtet sich als einen Wanderer und Fremdling auf dieser Erde, denn bei seinem Hineilen zu Gott schaut er in der Seele und im Geist nur ihn allein. Erfüllt von der Liebe zu Gott fürchtet die Seele nicht den Fürsten der Luft (Satan), wenn sie scheidend den Leib verlässt, sondern fliegt mit den Engeln empor, wie aus einem fremden Land nach der Heimat.
Der Mensch, der gewillt ist, den Weg des heiligen Nüchternseins zu gehen, soll als erstes Gottesfurcht in sich haben, denn sie ist der Anfang der Allweisheit. Seinem Geiste mögen aber allzeit die prophetischen Worte eingeprägt sein: „Dienet dem Herrn mit Furcht und freuet euch mit Zittern!” (vgl. Ps 2,11) Er soll seinen Weg schreiten mit höchster Vorsicht und Ehrfurcht vor allem, was heilig ist, und ohne nachzulassen in seinem Tun. Sonst muss er befürchten, dass an ihm in Erfüllung gehe, was gesagt ist: „Verflucht sei, der des Herrn Werk lässig tut!” (Jer. 48,10)
    Es gibt zwei Arten der Furcht: Wenn du das Böse nicht tun willst, so fürchte den Herrn und tue es nicht. Wenn du aber das Gute tun willst, so fürchte den Herrn und tue es. Niemand kann die Gottesfurcht erlangen, wenn er sich nicht zuvor von allen zeitlichen Sorgen freigemacht hat. Wenn der Verstand ganz ohne Sorgen ist, dann rührt ihn die Furcht Gottes an und bringt ihn zur Liebe der Gnade des Herrn. Die Gottesfurcht erlangt der Mensch, der allem, was in der Welt ist, entsagt, alle seine Gedanken und Gefühle sammelt und im Gottschauen und in der Wonne der den Heiligen versprochenen Glückseligkeit versinkt. Man kann nicht ganz der Welt entsagen und den Zustand der geistigen Schau erreichen, indem man in der Welt bleibt. Denn solange die Leidenschaften nicht beruhigt sind, kann die Seele keinen Frieden finden. Aber die Leidenschaften werden sich nicht legen, solange wir noch rings von Dingen umgeben sind, die die Leidenschaften hervorrufen. Um zur vollkommenen Leidenschaftslosigkeit und Abgeschiedenheit der Seele zu kommen, muß man sich ständig im geistigen Versenken und im Gebet üben.
    Die vollkommene Abgeschiedenheit ist ein Kreuz, auf das sich der Mensch mit seinen Leidenschaften und Lüsten ausstrecken soll. Um das Licht Christi im Herzen zu empfangen und zu fühlen, muß man sich so weit wie möglich von allen sichtbaren Dingen entfernen. Wenn man die Seele, im innigen Glauben an den Gekreuzigten, durch Buße und gute Werke gereinigt hat, muss man die leiblichen Augen schließen, den Verstand ins Herz versenken und unablässig den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.” Dann findet nach dem Maß seines Eifers und des Erglühens des Geistes zum Geliebten der Mensch im Anrufen des Namens ein Entzükken, das in ihm den Willen erweckt, die höchste Erleuchtung zu suchen.
    Wenn der Verstand in solchen Übungen lange genug verbleibt und das Herz stille wird, dann strahlt das Licht Christi auf und erleuchtet den Tempel der Seele mit dem Göttlichen Licht, wie der heilige Prophet Malachias im Namen Gottes sagt: „Euch, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit.” (Mal 3,20)
Dieses Licht ist das Leben: „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.” (Joh 1, 4)
Sobald der Mensch das ewige Licht in sich schaut, wird sein Verstand rein und ledig aller irdischen Vorstellungen; vollkommen im Schauen der unerschaffenen Güte versunken, vergißt er die ganze Sinnenwelt, möchte auch sich selbst nicht sehen, sondern sich tief im Herzen der Erde verbergen, um nur das wahre Heil, Gott, nicht zu verlieren.

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